{"id":15132,"date":"2012-11-16T14:08:30","date_gmt":"2012-11-16T13:08:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15132"},"modified":"2015-05-07T10:10:17","modified_gmt":"2015-05-07T08:10:17","slug":"das-schneeballsystem-der-privaten-krankenversicherung-droht-zu-kollabieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15132","title":{"rendered":"Das Schneeballsystem der privaten Krankenversicherung droht zu kollabieren"},"content":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise hat dazu gef&uuml;hrt, dass Risiken neu bewertet werden und das Zinsniveau f&uuml;r als sicher geltende Finanzprodukte, wie beispielsweise deutsche Staatsanleihen, massiv gesunken ist. Was f&uuml;r das Finanzministerium ein Grund zur Freude ist, stellt f&uuml;r die Versicherungsunternehmen ein gro&szlig;es Problem dar. Nicht nur Lebensversicherungen, sondern vor allem die privaten Krankenversicherungen haben ein Gesch&auml;ftsmodell, das nicht auf eine l&auml;ngere Niedrigzinsphase eingestellt ist. F&uuml;r das private Krankenversicherungssystem, das ohnehin bereits mit dem R&uuml;cken zur Wand steht, k&ouml;nnten die niedrigen Zinsen der Z&uuml;ndfunke sein, der die schon l&auml;nger tickende Zeitbombe explodieren l&auml;sst. Die Leidtragenden sind dabei vor allem die Versicherten selbst. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWer das Gesch&auml;ftsmodell der privaten Krankenversicherungen (PKV) verstehen will, muss zun&auml;chst wissen, was ein Kopfschadenprofil ist. Mit diesem Begriff werden die durchschnittlichen Kosten bezeichnet, die ein Versicherter pro Jahr von seiner Versicherung in Anspruch nimmt. Bei Krankenversicherungen steigt das Kopfschadenprofil mit dem Alter des Versicherten. W&auml;hrend ein j&uuml;ngerer Versicherter relativ selten Leistungen der Krankenversicherung in Anspruch nehmen muss, steigen die zu erbringenden Leistungen mit dem Alter. Vor allem die letzten <a href=\"http:\/\/www.forum.mpg.de\/archiv\/veranstaltung20\/hintergrund\/sz_gesundheit2.pdf\">vier Monate vor dem Tod [PDF &ndash; 115 KB]<\/a> machen (fast unabh&auml;ngig vom Lebensalter) einen Gro&szlig;teil der insgesamt anfallenden Leistungen aus der Krankenversicherung aus. Vereinfacht kann man daher sagen, dass junge Beitragszahler im Krankenversicherungssystem im Schnitt mehr einzahlen als sie im gleichen Zeitraum als Leistung beanspruchen, w&auml;hrend &auml;ltere Beitragszahler weniger einzahlen, als sie die Kassen kosten. Anders als bei der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gibt es bei PKV keinen systemischen Ausgleich, bei dem die &Uuml;bersch&uuml;sse der J&uuml;ngeren die Defizite der &Auml;lteren decken. Bei der PKV versichert sich jeder Beitragszahler selbst &ndash; zumindest in der Theorie.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/121116_kopfschadenprofil.jpg\" alt=\"Kopfschadensprofile der PKV\" title=\"Kopfschadensprofile der PKV\"><\/p><p><strong>Beitragsexplosion unabwendbar<\/strong><\/p><p>In seinen j&uuml;ngeren Jahren zahlt der Versicherte mehr Geld ein als er an Leistungen bezieht und diese &Uuml;bersch&uuml;sse werden am Kapitalmarkt angelegt. Wenn alles gut geht, hat die Versicherungsgesellschaft dann, wenn der Versicherte &auml;lter ist und mehr Leistungen beziehen muss, einen Kapitalstock aufgebaut, aus dem die kalkulierten Defizite gedeckt werden. Im Grunde ist eine private Krankenversicherung also eine Kombination aus Krankenversicherung und Lebensversicherung. Mit den &Uuml;bersch&uuml;ssen aus dem Lebensversicherungsanteil werden die h&ouml;heren Kopfschadenprofile im Alter ausgeglichen. Was in der Theorie gut klingen mag, ist in der Praxis jedoch auch vollkommen ohne Finanzkrise problematisch.<\/p><p>Die Berechnung der Beitragss&auml;tze der PKV war in den letzten Jahren und Jahrzehnten realit&auml;tsfern. Man rechnete hier ceteris paribus, also unter der Annahme, dass au&szlig;er den Kopfschadenprofilen alle anderen Bedingungen gleich bleiben. Dies schlie&szlig;t die steigende Lebenserwartung, den medizinischen Fortschritt, Entwicklungen auf den Finanzm&auml;rkten und die Inflation mit ein. Um diese Faktoren abzufedern, bildet die PKV sogenannte Altersr&uuml;ckstellungen. Ob diese R&uuml;ckstellungen ausreichen, h&auml;ngt vor allem von der H&ouml;he des Beitragssatzes ab. Kalkulationsgrundlage f&uuml;r das Kopfschadenprofil ist hier eine langfristige Verzinsung von 3,5% p.a. Nur wenn die PKV h&ouml;here Zinsen an den Kapitalm&auml;rkten realisiert, flie&szlig;t Geld in die Altersr&uuml;ckstellungen. Bei einer Inflation von 2,0%, die der EZB-Zielmarke entspricht, m&uuml;sste die PKV also schon mehr als 5,7% [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] Rendite mit dem Kapitalstock ihrer Versicherten erzielen &ndash; und alle Faktoren, die man gemeinhin als &bdquo;demographischen Wandel&ldquo; bezeichnet, sind da noch nicht einmal mit eingerechnet. <\/p><p>Bereits in den Jahren vor der Finanzkrise, als Renditen von mehr als 5,7% zumindest theoretisch m&ouml;glich schienen, konnte die PKV keine derartigen Ergebnisse erzielen. In der Folge mussten die Beitragss&auml;tze Jahr f&uuml;r Jahr angepasst werden &ndash; und dies nicht zu knapp. In den letzten acht Jahren vor der Finanzkrise stiegen die Beitragss&auml;tze der PKV nach einer Berechnung der BaFin um durchschnittlich 5,35%. Um diese Zahl einordnen zu k&ouml;nnen, lohnt sich eine Hochrechnung. Wenn ein 40j&auml;hriger heute pro Monat 500 Euro Beitrag einbezahlt, m&uuml;sste er bei einer Beitragssteigerung von 5,35% p.a. im Renteneintrittsalter von 67 Jahren stolze 2.148 Euro Beitrag pro Monat zahlen &ndash; selbst inflationsbereinigt kommt man noch auf 1.256 Euro pro Monat. &Uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen, dass sich nur die allerwenigsten Rentner solche Beitragss&auml;tze leisten k&ouml;nnen.<\/p><p>Da es im PKV-System keinen echten Wettbewerb gibt, bei dem auch &auml;ltere Versicherte den Anbieter ohne gro&szlig;e Verluste wechseln k&ouml;nnen, bleibt den Versicherten in diesem Falle nur ein Tarifwechsel beim gleichen Anbieter als Ausweg vor existenzbedrohenden Beitr&auml;gen. Der Versicherte, der sich von der PKV eigentlich eine gute medizinische Versorgung im Alter verspricht, wird dann wohl oder &uuml;bel in einen Spartarif mit Leistungen unterhalb der GKV und einer hohen Selbstbeteiligung wechseln m&uuml;ssen. F&uuml;r PKV-Versicherte ist das Verarmungsrisiko im Alter ungleich h&ouml;her als f&uuml;r GKV-Versicherte.<\/p><p><strong>Alterspyramide und Schneeballsystem<\/strong><\/p><p>F&uuml;r das gesamte PKV-System stellt die &bdquo;normale&ldquo; Anpassung der Tarife jedoch ein vergleichsweise geringes Risiko dar. Streng betrachtet ist die PKV ein Schneeballsystem, das in der Vergangenheit vor allem j&uuml;ngere Menschen mit vergleichsweise g&uuml;nstigen Einsteigertarifen gek&ouml;dert hat. Bereits heute k&ouml;nnen die Anbieter auch in dieser Altersgruppe keine Tarife mehr anbieten, die gegen&uuml;ber der GKV konkurrenzf&auml;hig sind. Folge dieser Entwicklung ist eine sehr ung&uuml;nstige Alterspyramide im PKV-System, die zu einem gro&szlig;en &Uuml;berhang bei den 40- bis 60j&auml;hrigen gef&uuml;hrt hat. Noch ist diese Gruppe nach dem Kopfschadenprofil in dem Alter, in dem sie mehr Geld in die Versicherung einzahlt, als sie an Leistungen bezieht. Doch bereits in 10 Jahren wird ein Teil des &Uuml;berhangs in ein Kopfschadenprofil gealtert sein, in dem aus den &Uuml;bersch&uuml;ssen Defizite werden. In sp&auml;testens drei&szlig;ig Jahren ist der gesamte &bdquo;Bauch&ldquo; der Alterspyramide in ein Kopfschadenprofil gealtert, in dem die laufenden Kosten nicht mehr als den laufenden Beitr&auml;gen gedeckt werden k&ouml;nnen. Wenn das PKV-System es bis dahin nicht schafft, Millionen j&uuml;ngere Beitragszahler zu gewinnen, die diesen &Uuml;berhang der heute 40- bis 60j&auml;hrigen ausgleichen, droht dem System auch ohne Niedrigzins der Kollaps.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/121116_bauch.jpg\" alt=\"Altersstruktur in der privaten Pflegeversicherung\" title=\"Altersstruktur in der privaten Pflegeversicherung\"><\/p><p><strong>Niedrigzins f&uuml;hrt zum Kollaps<\/strong><\/p><p>Gingen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/iges-bmwi-pkv-summary.pdf\">Studien [PDF &ndash; 225 KB]<\/a> bereits vor der Finanzkrise von einer massiven Beitragserh&ouml;hung im PKV-System aus, so versch&auml;rft die andauernde Niedrigzinsphase diese Problematik erneut. Bereits die H&ouml;he des Rechnungszinses von 3,5% erscheint in der momentanen Situation illusorisch. Nachdem bereits die Lebensversicherungen den Garantiezins auf 1,75% gesenkt haben, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die privaten Krankenversicherer nachziehen. Ein sinkender Rechnungszins f&uuml;hrt jedoch zu ganz erheblich h&ouml;heren Beitr&auml;gen &ndash; nicht nur f&uuml;r die Bestandskunden, sondern auch bei den Lockangeboten f&uuml;r Neueinsteiger. Bereits heute ist die PKV auch f&uuml;r j&uuml;ngere Menschen oft nicht mehr konkurrenzf&auml;hig gegen&uuml;ber der GKV. Wenn die Einstiegstarife abermals erh&ouml;ht werden m&uuml;ssen, droht das PKV-System auszutrocknen. Wie bei jedem anderen Schneeballsystem auch w&uuml;rde ein Versiegen der Neukunden zum Kollabieren des gesamten Systems f&uuml;hren.<\/p><p>Um es klar zu sagen &ndash; es w&auml;re nicht schade um das PKV-System. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die neoliberale Politik ihr Lieblingskind wirklich vor die Hunde gehen l&auml;sst. Dieses Thema wird uns in Zukunft noch oft besch&auml;ftigen. Es ist zu erwarten, dass die Politik dem dahinsiechenden PKV-System k&uuml;nftig noch st&auml;rker unter die Arme greifen d&uuml;tfte. In welcher Form dies geschieht, wird die Zukunft zeigen. <\/p><p>Dabei w&auml;re eine geordnete Abwicklung des PKV-Systems durchaus m&ouml;glich. W&uuml;rde man das System liquidieren und alle Versicherten in die GKV &uuml;berf&uuml;hren, w&uuml;rden wohl bei den meisten Privatversicherten die Sektkorken knallen, da ihre &ouml;konomische Zukunft endlich wieder kalkulierbar w&auml;re. Die vorhandene Altersreserve m&uuml;sste in einem solchen Fall freilich auch in das GKV-System &uuml;berf&uuml;hrt werden. Die Leidtragenden w&auml;ren in diesem Falle die Versicherungskonzerne. Wer die Macht der Versicherungslobby kennt, ahnt jedoch, dass es zu keiner geordneten Abwicklung dieses gescheiterten neoliberalen Experiments kommen wird. Bleibt zu hoffen, dass die kommende &bdquo;Rettung&ldquo; des PKV-Systems f&uuml;r den Steuerzahler nicht allzu teuer wird.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] 90% der &Uuml;bersch&uuml;sse flie&szlig;en in die Altersr&uuml;ckstellungen, 10% verbleiben bei der Versicherungsgesellschaft<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/274f55ba9ade461c9fb346e3ac55031b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise hat dazu gef&uuml;hrt, dass Risiken neu bewertet werden und das Zinsniveau f&uuml;r als sicher geltende Finanzprodukte, wie beispielsweise deutsche Staatsanleihen, massiv gesunken ist. Was f&uuml;r das Finanzministerium ein Grund zur Freude ist, stellt f&uuml;r die Versicherungsunternehmen ein gro&szlig;es Problem dar. 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