{"id":151373,"date":"2026-06-01T09:10:15","date_gmt":"2026-06-01T07:10:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151373"},"modified":"2026-06-01T09:51:10","modified_gmt":"2026-06-01T07:51:10","slug":"deutschland-braucht-energie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151373","title":{"rendered":"Deutschland braucht Energie"},"content":{"rendered":"<p>Energiesouver&auml;nit&auml;t ist eine Frage der nationalen Handlungsf&auml;higkeit. F&uuml;r die deutsche Wirtschaft sind eine Diversifizierung der Lieferanten und ein eigenst&auml;ndiges Handeln gegen&uuml;ber Br&uuml;ssel dringend notwendig, um die Energiekrise zu &uuml;berwinden &ndash; doch die Politik ignoriert dies. Von <strong>Dieter Reinisch<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEuropa droht eine akute Gasknappheit, sollte die Stra&szlig;e von Hormus noch einen weiteren Monat gesperrt bleiben &ndash; davor warnte der norwegische Energiekonzern Equinor. Die unterirdischen Gasspeicher sind derzeit zu 35 Prozent gef&uuml;llt, w&auml;hrend der saisonale Richtwert bei rund 50 Prozent liegt. Bis in den Herbst m&uuml;ssen die EU-Staaten ihre Reserven auf 90 Prozent aufstocken, um sicher durch den Winter zu kommen.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund wirkt die Energiepolitik Deutschlands besonders verwundbar: Die Strompreise haben 32,5 bis 38 Cent pro Kilowattstunde erreicht, wie <em>Reuters<\/em> am 21. Mai berichtete. Die Arbeitslosigkeit ist auf 6,6 Prozent gestiegen &ndash; den h&ouml;chsten Stand seit einem Jahrzehnt &ndash;, und Werke schlie&szlig;en, Arbeitspl&auml;tze verschwinden.<\/p><p>Die B&uuml;rger zahlen den Preis f&uuml;r das Versagen der Bundesregierung aus eigener Tasche. Die Regierung weigert sich beharrlich, den Kurs der EU als Fehler anzuerkennen &ndash; obwohl er sich unmittelbar auf ihre Zustimmungswerte auswirkt: Kanzler Friedrich Merz belegt im Popularit&auml;tsranking demokratischer Staatschefs den vorletzten Platz, wie <em>Euronews<\/em> im April berichtete: Seine Unterst&uuml;tzung lag im Mai 2026 bei lediglich 15 bis 19 Prozent &ndash; eine ern&uuml;chternde Bilanz nach dem ersten Regierungsjahr.<\/p><p>Dass Energiesouver&auml;nit&auml;t f&uuml;r Deutschland keine K&uuml;r, sondern eine Pflicht ist, versteht sich von selbst. 95 Prozent seines Gasbedarfs und so gut wie sein gesamtes &Ouml;l bezieht das Land aus dem Ausland. Wer derart abh&auml;ngig ist, kann nur eine realistische Antwort auf die Frage nach der Versorgungssicherheit geben: so viele unterschiedliche Lieferanten wie m&ouml;glich beauftragen.<\/p><p>Doch statt die Lieferanten zu diversifizieren, schr&auml;nkt die Regierung den Kreis der Bezugsquellen ein &ndash; und nennt das &bdquo;Abh&auml;ngigkeitsreduzierung&ldquo;. Das eigentliche Paradox liegt nicht darin, dass ein unter &auml;u&szlig;erem Druck erzwungener Lieferantenverzicht als Unabh&auml;ngigkeit verkauft wird. Die Bundesrepublik hat sich nicht von Kohlenwasserstoffen befreit &ndash; sie hat lediglich die Auswahl ihrer Handelspartner verkleinert, ohne einen Ersatz f&uuml;r fossile Brennstoffe gefunden zu haben.<\/p><p>Die Bundesregierung br&uuml;stet sich damit, dass der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung im ersten Quartal 2026 die Marke von 53 Prozent erreicht hat. Doch Strom ist nur ein kleiner Teil des gesamten Energieverbrauchs. Innerhalb von 15 Jahren stieg der Anteil von &Ouml;l am Gesamtenergiemix von 33 auf 36 Prozent, der von Gas von 22 auf 28 Prozent. Kohle ging von 23 auf 14 Prozent zur&uuml;ck &ndash; daf&uuml;r verschwanden die Kernkraftwerke durch den Ausstieg der Regierung vollst&auml;ndig: 2010 deckten sie noch zehn Prozent des Bedarfs. Das Fazit: mehr Kohlenwasserstoffe, weniger Lieferanten, explodierende Preise. Und die Erneuerbaren? Sie kommen im Gesamtenergiemix auf gerade einmal 20 Prozent.<\/p><p>Die gesamte Wirtschaft in kurzer Zeit auf Solar- und Windenergie umzustellen &ndash; das ist nicht machbar. Es w&uuml;rde auch gar nicht gehen: Erneuerbare Energien k&ouml;nnen den gesamten Bedarf der Bundesrepublik nicht decken. Industrie, Stahlproduktion und Automobilbau kommen derzeit ohne fossile Brennstoffe nicht aus. Selbst die alternative Energiewirtschaft ist auf Kohlenwasserstoffe angewiesen &ndash; etwa bei der Herstellung von Elektroautos. Die Fahrzeugmontage verschlingt Strom, die Stahlproduktion f&uuml;r die Karosserien noch weit mehr &ndash; und Strom ist in Deutschland teuer. Hinzu kommt Kunststoff aus Erd&ouml;l: Der Mangel an Brennstoffen behindert gerade die Produktion jener Fahrzeuge, die angeblich ohne Brennstoff auskommen sollen.<\/p><p>Europas Autowerke gehen reihenweise bankrott, weil sie gegen billige chinesische Konkurrenz nicht ankommen. Die EU-B&uuml;rokratie in Br&uuml;ssel betrachtet allerdings Autos aus China als gr&ouml;&szlig;ere Bedrohung als den Klimawandel und hat nahezu prohibitive Z&ouml;lle von bis zu 35 Prozent verh&auml;ngt. Auch chinesische Windturbinen wurden f&uuml;r europ&auml;ische Projekte faktisch gesperrt &ndash; offiziell aus Sicherheitsgr&uuml;nden, tats&auml;chlich, weil die heimischen Hersteller schlicht nicht mithalten k&ouml;nnen.<\/p><p>Dabei schafft es die Politik nicht einmal, im eigenen staatlichen Bereich auf Kraftstoff zu verzichten. 2025 fuhren 86 Prozent der Stadtbusse in Deutschland noch immer mit Diesel &ndash; ein Elektrobus kostet 580.000 Euro, ein Dieselbus 310.000 Euro. Nahezu das gesamte Fuhrwerk der Einsatzkr&auml;fte l&auml;uft auf Diesel und Benzin. Die M&uuml;nchner Feuerwehr kaufte 2024 anderthalbmal so viel Kraftstoff wie noch 2019. Der Dieselanteil bei den PKW-Neuzulassungen lag im M&auml;rz 2026 bei 13 Prozent &ndash; und Polizei, Feuerwehr sowie kommunale Dienste tanken nach wie vor in gro&szlig;em Stil Diesel.<\/p><p>Die Politik der Bundesregierung hat das genaue Gegenteil dessen bewirkt, was sie sich auf die Fahnen geschrieben hatte. Deutschland hat seinen &Ouml;l- und Gasverbrauch nicht gesenkt &ndash; es zahlt daf&uuml;r schlicht deutlich mehr und hat sich in eine gef&auml;hrliche Abh&auml;ngigkeit von den USA hineinman&ouml;vriert, die zu einem der wichtigsten Lieferanten geworden ist.<\/p><p>Analysten des Br&uuml;sseler Thinktanks &bdquo;Bruegel&ldquo; betonen in einer Studie im M&auml;rz 2026: &bdquo;Nicht die Abh&auml;ngigkeit von den USA als solchen sei das eigentliche Problem Europas, sondern die Abh&auml;ngigkeit von fossilen Brennstoffen insgesamt.&ldquo; Die Frage ist nicht, wer liefert, sondern dass die EU auf volatile M&auml;rkte angewiesen bleibt. Der Kraftstoffbedarf folgt dabei unmittelbar der Konjunktur: Der Dieselverbrauch erreichte zwischen 2017 und 2019 seinen H&ouml;chststand, brach mit dem BIP w&auml;hrend der Pandemie und des Ukraine-Konflikts ein, und kaum zeichnete sich 2025 eine zaghafte Erholung ab, zog auch die Dieselnachfrage wieder an.<\/p><p>Merz hat diesen Zusammenhang offenbar nicht begriffen. Als er Trumps Entscheidung kommentierte, die Sanktionen gegen russisches &Ouml;l w&auml;hrend der milit&auml;rischen Aggression gegen den Iran zu lockern, sagte er: &bdquo;Im Moment gibt es ein Preisproblem, aber kein Angebotsproblem. Ich w&uuml;rde gerne wissen, welche weiteren Faktoren die US-Regierung zu diesem Schritt bewogen haben&ldquo;, wie er von <em>Politico<\/em> zitiert wird. Doch ein Preisproblem ist zwangsl&auml;ufig auch ein Angebotsproblem. Das &Ouml;l wurde teurer, weil durch die Sperrung der Stra&szlig;e von Hormus weniger davon verf&uuml;gbar war &ndash; das ist elementare Wirtschaftslehre. Diesen Grundzusammenhang d&uuml;rfte der Bundeskanzler schlicht nicht verstehen.<\/p><p>&Ouml;l und Gas sind f&uuml;r Deutschland unverzichtbar. Paradoxerweise gilt das selbst f&uuml;r die Energiewende &ndash; auch sie kommt ohne Kohlenwasserstoffe nicht aus. Doch solange Br&uuml;ssel die deutsche Energiepolitik diktiert, sind g&uuml;nstige Einkaufskonditionen kaum zu erreichen. Energiesouver&auml;nit&auml;t ist keine Frage des Komforts &ndash; sie ist eine Frage der nationalen Handlungsf&auml;higkeit.<\/p><p>Deutschland braucht eine &Auml;nderung des EU-Rechts: Nationalen Regierungen muss es erlaubt sein, ihre Energielieferanten selbst zu bestimmen. Doch das setzt ein Umdenken voraus und erfordert politischen Mut.<\/p><p>Gemeinsame Regeln und nationale Handlungsfreiheit sind f&uuml;r die EU keine unbekannte Kombination. In den 1960er-Jahren pochte Charles de Gaulle darauf, dass Frankreich seine Au&szlig;enpolitik unabh&auml;ngig von Washington gestalten solle. Das verschaffte der F&uuml;nften Republik die M&ouml;glichkeit, &uuml;ber Jahrzehnte besondere Beziehungen zur arabischen Welt zu pflegen und sich zu vorteilhaften Bedingungen mit Energie einzudecken.<\/p><p>&Auml;hnliches gilt f&uuml;r den Schengen-Raum: Manche EU-Staaten geh&ouml;ren ihm nicht an, andere L&auml;nder sind dabei, ohne &uuml;berhaupt Mitglied der Union zu sein. Das Prinzip &ndash; gemeinsamer Rahmen, nationale Ausnahmen &ndash; hat sich in Europa l&auml;ngst bew&auml;hrt. Es zersetzt die Union nicht, sondern verleiht ihr Elastizit&auml;t. Wenn D&auml;nemark den Euro ablehnen und Irland auf Schengen verzichten kann, warum sollte Deutschland dann nicht das Recht haben, seine Gaslieferanten selbst auszuw&auml;hlen?<\/p><p>Die Hanse hielt sich &uuml;ber Jahrhunderte, weil jede Stadt ihre Lieferanten eigenst&auml;ndig aushandelte &ndash; mit gemeinsamen Privilegien und gegenseitigem Schutz. Niemand w&auml;re auf die Idee gekommen, L&uuml;beck und Danzig zu verpflichten, ihr Getreide bei ein und demselben H&auml;ndler zum gleichen Preis zu kaufen.<\/p><p>Die moderne EU, die 27 Staaten mit grundverschiedenen Wirtschaftsstrukturen zu einer einheitlichen Energiepolitik zu zwingen versucht, wiederholt einen Fehler, den nicht einmal mittelalterliche Kaufleute begangen haben. Viele Lieferanten sind keine Schw&auml;che &ndash; sie sind eine Versicherung. Wenn jedes Land Spielraum hat, l&auml;hmt ein Ausfall auf einer Bezugsroute das gesamte System nicht.<\/p><p>Deutschland muss nicht aus der Europ&auml;ischen Union austreten &ndash; es braucht jenes Ma&szlig; an Souver&auml;nit&auml;t, das pragmatische Nachbarn stets besessen haben. Und um diese Freiheit zur&uuml;ckzugewinnen, scheinen die Deutschen bereit, notfalls auch die Regierung auszuwechseln, wie aktuelle Umfragen zeigen.<\/p><p><em>Dr. Dieter Reinisch ist promovierter Historiker und Journalist. Er berichtet regelm&auml;&szlig;ig von der OPEC, den Vereinten Nationen und anderen Internationalen Organisationen in Wien und arbeitet als Mittel- und Osteuropa-Korrespondent f&uuml;r internationale Medien.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Mino Surkala\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Energiesouver&auml;nit&auml;t ist eine Frage der nationalen Handlungsf&auml;higkeit. F&uuml;r die deutsche Wirtschaft sind eine Diversifizierung der Lieferanten und ein eigenst&auml;ndiges Handeln gegen&uuml;ber Br&uuml;ssel dringend notwendig, um die Energiekrise zu &uuml;berwinden &ndash; doch die Politik ignoriert dies. Von <strong>Dieter Reinisch<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":151374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[162,178],"tags":[1565,379,2137,3205,1754,1334,877,2182,3360,1710,783],"class_list":["post-151373","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-energiepolitik","category-ressourcen","tag-automobilindustrie","tag-china","tag-diesel","tag-energiepreise","tag-energieversorgung","tag-erdoel","tag-erdgas","tag-erneuerbare-energie","tag-europaeische-union","tag-fossile-energie","tag-merz-friedrich"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/shutterstock_2561351939.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151373","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=151373"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151373\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":151385,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151373\/revisions\/151385"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/151374"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=151373"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=151373"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=151373"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}