{"id":151418,"date":"2026-06-03T15:00:07","date_gmt":"2026-06-03T13:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151418"},"modified":"2026-06-03T07:22:56","modified_gmt":"2026-06-03T05:22:56","slug":"leserbeitraege-erinnerungen-gegen-den-krieg-aufruf-zum-8-mai-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151418","title":{"rendered":"Leserbeitr\u00e4ge \u201eErinnerungen gegen den Krieg\u201c &#8211; Aufruf zum 8. Mai (17)"},"content":{"rendered":"<p>In dieser 17. Folge der Reihe &bdquo;Erinnerungen gegen den Krieg&ldquo; schildert ein Zeitzeuge seine Beteiligung am &bdquo;Volkssturm&ldquo; als 15-J&auml;hriger und wie eine mutige Entscheidung seines Vorgesetzten ihm das Leben rettete; ein 12-J&auml;hriger macht nach dem Krieg eine Entdeckung &uuml;ber die Russen, eine Familie leidet unter dem Verlust der Heimat, und eine Leserin erinnert sich an ihre Kinderfreundin Lotti.<\/p><p>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.<\/p><p>Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen und ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1198\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-151418-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260602_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_17_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260602_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_17_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260602_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_17_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260602_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_17_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=151418-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260602_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_17_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260602_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_17_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150403\">ersten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150464\">zweiten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486\">dritten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150605\">vierten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632\">f&uuml;nften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150671\">sechsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150740\">siebenten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150816\">achten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150812\">neunten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150802\">zehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151038\">elften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151098\">zw&ouml;lften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151156\">dreizehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151209\">vierzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151229\">f&uuml;nfzehnten Teil<\/a> sowie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151393\">sechzehnten Teil<\/a> der Zusendungen unserer Leser nachlesen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den F&uuml;hrerbefehl verstie&szlig;<\/strong><\/p><p>Ich bin 1954 geboren, mein Vater Jahrgang 1929 ist vermutlich einer der letzten lebenden Kriegsteilnehmer. Wir sind beide entsetzt &uuml;ber die zunehmende Militarisierung, den offenen Rassismus gegen&uuml;ber Russen und die Verharmlosung von Krieg.<\/p><p>Als ich von dem Projekt der NDS mit den Kriegskommentaren erz&auml;hlte, diktierte er mir folgende Erinnerung von der Teilnahme am Volkssturm:<\/p><blockquote><p>&bdquo;M&auml;rz 1945<\/p>\n<p>Ungef&auml;hr 20 16-j&auml;hrige Jugendliche (ich war zu dem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt) sollten unsere Heimatstadt Bernburg vor den anr&uuml;ckenden Amerikanern verteidigen. Wir wurden in die westlich gelegene Stadt Sta&szlig;furt transportiert. Dort schliefen wir in einer Schule in Betten ohne Matratzen. Der Feldwebel, der uns begleitete, teilte uns mit, dass er st&auml;ndig telefonisch mit St&auml;dten weiter westlich in Kontakt stand, und sollten dort amerikanische Panzer auftauchen, w&uuml;rden wir informiert. Am n&auml;chsten Morgen wachten wir auf und h&ouml;rten Panzerger&auml;usche. Das m&uuml;ssen unsere sein, waren wir sicher, war aber ein Irrtum. Es war eine Rotte amerikanischer Panzer, die ungehindert in die Stadt fuhren.<\/p>\n<p>Wir erhielten folgende Instruktionen: &bdquo;Nie auf den F&uuml;hrersitz zielen, nur auf die Breitseite, der Kopf ist meist aus Gusseisen hergestellt, darum mit der Panzerfaust in den mittleren Teil schie&szlig;en. Das Gescho&szlig; explodiert dann und verbraucht s&auml;mtlichen Sauerstoff im Inneren des Panzers, sodass &Uuml;berlebende ersticken. Der Panzerkommandant wird versuchen, durch die Einstiegsluke zu entkommen. Er muss sofort erschossen werden.&rdquo; So ist jeder Panzer ein Grab f&uuml;r Soldaten. Dass jeder Panzer von Infanterie begleitet wird, wurde nicht gesagt. Die Amis verschafften uns auch nicht den Vorteil und stellten sich quer. Sie fuhren ungehindert durch Sta&szlig;furt in Richtung der Kreisstadt Bernburg\/Saale mit ihren 38.000 Einwohnern.<\/p>\n<p>&bdquo;Macht, dass ihr nach Bernburg kommt&rdquo; sagte der Feldwebel &bdquo;eine Gruppe s&uuml;dlich, eine n&ouml;rdlich.&rdquo; Wir machten uns auf den Weg zur&uuml;ck. In Bernburg empfing uns die SS, ausger&uuml;stet mit Maschinenpistolen, die uns unbekannt waren. Wir eilten zu unserem Lager und warteten auf den n&auml;chsten Einsatz.<\/p>\n<p>In meinem 2. Einsatz befinde ich mich in einem Sch&uuml;tzengraben. Er ist nicht sehr tief, damit ich auch wieder herauskomme. Vor mir ist ein Lager mit Ausl&auml;ndern (Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter). Alle sollten sich in ihre Baracken zur&uuml;ckziehen. Die Franzosen vor mir missachteten den Befehl und versammelten sich vor der Eingangst&uuml;r zu ihrer Baracke. Man befahl mir, daf&uuml;r zu sorgen, dass sie in ihre Baracke gehen. Ich krabbelte aus meinem Loch heraus und entsicherte ein langes holl&auml;ndisches Gewehr vor ihren Augen. Da sie bef&uuml;rchteten, ich w&uuml;rde in die Menge schie&szlig;en, fl&uuml;chteten sie in das Innere der Baracke. Als ich die Entsicherung des Gewehrs beendet hatte, waren alle Franzosen vom Eingang weg.<\/p>\n<p>&Uuml;ber uns flog ein US-Aufkl&auml;rer. Auf ihn schoss ich und er drehte ab. In 2 km Entfernung erschienen zwei amerikanische Panzer. Sie drohten mit ihren Kanonen, schossen aber nicht. F&uuml;r unsere Panzerfaust war die Entfernung viel zu gro&szlig;, als dass wir sie h&auml;tten bek&auml;mpfen k&ouml;nnen. Sie drehten nach einer Weile ab. Die Nacht brach an. Gegen 3 Uhr wurden wir zusammengerufen. Wir wurden von unserem Feldwebel aufgefordert, nach Hause zu gehen. Unter uns kampfbereiten Jugendlichen regte sich Widerstand. &bdquo;Dies ist ein Befehl!&rdquo;, sagte unser Anf&uuml;hrer Wenzlau. Wir sollten unsere Waffen unbrauchbar machen in unserem Lager in Bernburg. Dann gingen wir nach Hause.<\/p>\n<p>Am gleichen Tag wurde Bernburg von den Amerikanern besetzt. Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den F&uuml;hrerbefehl verstie&szlig;, nie zu kapitulieren, rettete aber 20 Jugendliche vor dem vermutlichen Heldentod.<\/p><\/blockquote><p>Grit Reichert nach Diktat von Fritz Reichert<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>&bdquo;Das sind ja Menschen!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Meine Tante Agnes berichtete uns einmal von ihrem gro&szlig;artigen Erlebnis im Jahr 1948:<\/p><p>Auf dem Gendarmenmarkt vor der Ruine des Schauspielhauses gab das ber&uuml;hmte Alexandrow-Ensemble ein Konzert. Das seitdem bekannteste Lied war <em>&bdquo;Du, mein stielles Tal, grju&szlig; Dich tausendmal&rdquo;<\/em>. Neben meiner Tante stand ein etwa zw&ouml;lfj&auml;hriger Junge. Sichtlich beeindruckt vom Konzert der <em>Russen<\/em>, sagte er: &bdquo;Das sind ja Menschen!&ldquo;<\/p><p>Ich halte das Beschriebene f&uuml;r sehr bemerkens- und bedenkenswert &ndash; auch f&uuml;r die heutige Zeit mit ihrem gesch&uuml;rten Russenha&szlig;.<\/p><p>k.d.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Mein Vater hatte eine ewige Sehnsucht &bdquo;nach Hause&rdquo;.<\/strong><\/p><p>&bdquo;Nie wieder Krieg!&rdquo; &ndash; Damit bin ich aufgewachsen.<\/p><p>Ich wurde 1948 in Th&uuml;ringen geboren. Mein Vater kam schwer verwundet aus dem Krieg zur&uuml;ck, seine beiden Br&uuml;der waren gefallen und ihm wurde als Kriegsfolge ein Bein am Oberschenkel amputiert. Danach haben meine Eltern geheiratet.<\/p><p>1950 kamen wir als Fl&uuml;chtlinge in den Westen. Ich erinnere mich noch an das zerbombte Wuppertal und die Erkl&auml;rung meiner Mutter: Das war der Krieg!<\/p><p>Der Krieg war f&uuml;r mich so pr&auml;sent, als h&auml;tte ich ihn selbst erlebt. Es wurde viel dar&uuml;ber gesprochen, &bdquo;Nie wieder Krieg!&rdquo; Unsere Familien waren in alle Winde zerstreut. Die verlorene Heimat wurde bis weit in die 70er-Jahre beklagt, der Schmerz verging nur langsam. Mein Vater, der mehr als 100 Jahre alt geworden ist, hatte eine ewige Sehnsucht &bdquo;nach Hause&rdquo;.<\/p><p>Ich bin heimatlos, denn wo ich aufgewachsen bin, das war nicht meine Heimat, meine Heimat ist Th&uuml;ringen. Und obwohl ich mein ganzes Leben im Westen verbracht habe, bin auch ich diese Sehnsucht nicht losgeworden.<\/p><p>Meine Mutter hat schlimme Dinge, K&auml;lte und Hunger erlebt. Mein Vater hat Schreckliches erlebt, &uuml;ber das nicht gesprochen wurde, und wir Kinder haben es erst als Erwachsene teilweise erfahren. Wie haben unsere Eltern das alles verarbeitet? Warum waren sie manchmal so komisch?<\/p><p>&bdquo;Nie wieder Krieg!&rdquo; Ich kann es nicht fassen, dass wieder die Trommeln ger&uuml;hrt werden.<\/p><p>Brigitta H.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>&bdquo;Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.&ldquo;<\/strong><\/p><p>Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,<\/p><p>hier ist meine Geschichte:<\/p><p>In Ammendorf (Kreis Halle) produzierte die Gesellschaft &bdquo;Orgacid&ldquo; den Kampfstoff S-Lost &bdquo;Senfgas.&ldquo; Wir wohnten dieser &bdquo;Fabrik&rdquo; gegen&uuml;ber. Es wurde nat&uuml;rlich geheim gehalten, was dort &lsquo;fabriziert&rsquo; wurde. Ich lief jeden Tag auf dem Schulweg an der riesigen Mauer entlang. St&auml;ndig gab es Fliegeralarm.<\/p><p>Meine Eltern schickten mich 1943 nach meinem zweiten Schuljahr (zur Sicherheit) zu einer Tante nach Liebem&uuml;hl in Ostpreu&szlig;en, wohin man auch Berliner Schulkinder evakuierte.<\/p><p>Meine Memoiren &bdquo;A memoir of war and migration &ndash; You Don&rsquo;t Need to be Afraid Here&rdquo; &ndash; habe ich privat drucken lassen. Hier ist ein Ausschnitt aus meinen Erinnerungen:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Schulferien fingen am 15. Juli 1944 an. Ich verabschiedete mich von meiner Lehrerin und den Berliner Kindern und st&uuml;rmte die Treppe hoch zu unserer Wohnung. Aus heiterem Himmel sagte Tante Mie, wir w&uuml;rden nach Hause reisen. Ich war &uuml;bergl&uuml;cklich. Wie sie es geschafft hatte, eine Reisegenehmigung und Fahrscheine zu bekommen, denn Reisen f&uuml;r die Zivilbev&ouml;lkerung waren beschr&auml;nkt, wu&szlig;te ich nicht. Ich hatte keine Ahnung, da&szlig; unserer Welt Zusammenbruch drohte: da&szlig; &ouml;stlich und nord&ouml;stlich von uns die Russen durch die Baltischen Staaten vorr&uuml;ckten: Vilnius, die Hauptstadt Litauens, war am 13. Juli &ndash; 450 Kilometer entfernt &ndash; &uuml;berrannt worden. Die deutsche Wehrmacht verlor eine Schlacht nach der anderen. Kurz darauf waren die Russen in der N&auml;he von Warschau, 225 Kilometer s&uuml;dlich von uns. Wir packten meinen Koffer und ich zog ein sauberes Dirndl an. Tante Mie flocht mir wei&szlig;e Schleifen in die Z&ouml;pfe.<\/p>\n<p>Von dieser Reise bleibt mir nur eine Erinnerung. Wir wurden in ein &uuml;berf&uuml;lltes Abteil geschoben. Die beiden B&auml;nke waren von jungen, ersch&ouml;pften Soldaten besetzt: einige trugen Verb&auml;nde. Die meisten schliefen. Sie waren so ersch&ouml;pft, dass keiner Tante Mie seinen Platz anbot. Ein halbes Dutzend Menschen stand zwischen den Beinen der Soldaten. Der Gestank ungewaschener K&ouml;rper war &uuml;berw&auml;ltigend. Tante Mie und ich standen stundenlang zusammengedr&auml;ngt. &lsquo;H&ouml;r auf zu n&ouml;rgeln&rsquo;, sagte sie zu meinem Gejammer. Schlie&szlig;lich bot mir einer der Soldaten an, mich auf seinen Scho&szlig; zu setzen. Ich setzte mich steif auf seine knochigen Kniee und klammerte mich an Tante Mie. Ich weigerte mich, mit ihm zu sprechen. Endlich stand ein Soldat auf und bot Tante Mie seinen Platz an. Ich rutschte schnell auf ihren Scho&szlig; und schlief ein.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich nicht an den Rest der Reise, aber wir erreichten an einem sonnigen Sp&auml;tnachmittag den Bauernhof in Dobra, wo meine Eltern bei der Ernte halfen. Es war gro&szlig;er Betrieb auf dem Hof. Ein hoch mit Roggengarben beladener Wagen, von zwei K&uuml;hen gezogen, fuhr gerade durch das Tor. Dann h&ouml;rte ich Muttis &lsquo;Helga!&rsquo; Ich klammerte mich an sie und schluchzte vor Freude. Niemand hatte eine Ahnung gehabt, da&szlig; wir pl&ouml;tzlich auftauchen w&uuml;rden. Meine Eltern machten sich bestimmt Sorgen &uuml;ber die Nachrichten aus Ostpreu&szlig;en. Die Geschichten, die Tante Mie ihnen erz&auml;hlte, h&auml;tte ich &uuml;berhaupt nicht verstanden. Ich entfloh der Gesellschaft von Erwachsenen und streifte mit meinem Cousin Erich durch die Felder. Wir waren frei. Der Krieg hatte sich noch nicht in das Leben dieser verschlafenen Ecke der Niederlausitz gedr&auml;ngt. Der Krieg war noch weit entfernt im Osten. Tante Mie blieb nur ein paar Tage und fuhr dann nach Ostpreu&szlig;en zur&uuml;ck. Am 20. Juli kam die Nachricht von einem Attentatsanschlag auf Hitler.<\/p>\n<p>&hellip;<\/p>\n<p>Eines Morgens Ende M&auml;rz 1945 schickte mich Mutti nach Halle, um Fr&auml;ulein Mimi zu besuchen. Auf dem Fu&szlig;weg entlang der Mauer der Chemiefabrik wehten vertrocknete Grasb&uuml;ndel aus dreckigen Schneehaufen hervor. Dann sah ich zwei alte Frauen langsam Schritt f&uuml;r Schritt auf mich zukommen. Jede trug ein K&ouml;fferchen und eine Wolldecke. Ich fing an zu laufen und rief &lsquo;Tante Mie!&rsquo; Ich umarmte sie freudig und begr&uuml;&szlig;te Frau Augustin. (&hellip;)<\/p>\n<p>Ich h&ouml;rte nur Bruchst&uuml;cke von dem, was die zwei Frauen von ihrer Flucht erz&auml;hlten. Zwei Monate waren sie unterwegs. Sie hatten Liebem&uuml;hl am 20. Januar in einem &uuml;berf&uuml;llten Fl&uuml;chtlingszug verlassen. Es ging eine Strecke westw&auml;rts, bis ein Zugungl&uuml;ck ihnen das Gleis versperrte. Bei eisigen Temperaturen k&auml;mpften sie sich durch tiefen Schnee, an Toten und Verletzten vorbei. Sie schlossen sich einem endlosen Treck an. Hochbeladene Pferdewagen und Menschen mit &uuml;berladenen Handkarren verstopften die vereisten Stra&szlig;en. Die fliehende Bev&ouml;lkerung wurde von Tieffliegern angegriffen.<\/p>\n<p>Dann h&ouml;rte ich Tante Mie sagen: &lsquo;&hellip; Im Schnee am Stra&szlig;enrand brachte eine Mutter ein Kind zur Welt &hellip; es war totgeboren &hellip; die Mutter hat es in einer Schneewehe begraben.&rsquo;<\/p>\n<p>Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Helga Woodruff (Copyright &copy; 2021)<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Niemand au&szlig;er uns hat &uuml;berlebt.<\/strong><\/p><p>Mein Brief an den Bundeskanzler<br>\nkurz nach Kriegsausbruch:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Guten Tag, Herr Bundeskanzler Olaf Scholz, mein Name ist Christa Ackermann, ich bin 93 Jahre alt und habe den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt.<\/p>\n<p>Ich bin in Wuppertal-Elberfeld geboren und wir haben damals am Albert Leo Schlageter-Platz im dritten Stock eines Vierfamilienhauses gewohnt, direkt neben dem sch&ouml;nen Rathaus von Wuppertal.<\/p>\n<p>Die n&auml;chtlichen Fliegerangriffe auf die westdeutschen St&auml;dte sind mir noch gut in Erinnerung und die Warnt&ouml;ne einer Sirene erschrecken mich heute noch. Fast jede Nacht fl&uuml;chteten wir, meine Mutter, meine kleine Schwester huckepack &ndash; und ich mit der gesamten Hausgemeinschaft in den bombensicheren? Luftschutzkeller, der eine Ausstiegsluke hatte, um nach einem eventuellen Luftangriff ins Freie klettern zu k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Nach dem entsetzlichen Fliegerangriff auf Wuppertal-Barmen, der die Stadt in einer Nacht dem Erdboden gleich bombte, packte meine Mutter die notwendigsten Sachen und fl&uuml;chtete mit meiner kleinen Schwester und mir zu meinen Gro&szlig;eltern ins Sauerland. So haben wir &uuml;berlebt, denn einige Tage sp&auml;ter erfolgte der Angriff auf Wuppertal (wir haben in dieser Nacht alles verloren und standen vor einem Nichts).<\/p>\n<p>Auf die Schwesterst&auml;dte Barmen und Wuppertal wurden Phosphorbomben und Luftminen abgeworfen. Durch die Phosphorbomben wurden fl&uuml;chtende Menschen in den Asphalt eingebrannt. Die Luftminen verursachen &auml;u&szlig;erlich Unversehrtheit; aber die Lungen der Menschen platzen, und so erging es meiner kleinen Freundin Lotti, ihrem kleinen zweij&auml;hrigen Bruder Richard und der Mutter, Frau Arend, unserer Nachbarin.<\/p>\n<p><strong>Niemand au&szlig;er uns hat &uuml;berlebt.<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Angriff wurden die Toten auf dem Wuppertaler Marktplatz aufgereiht. Der Vater von Lotti und Richard (zur damaligen Zeit Soldat an der Ostfront) fand seine Frau, beide Kinder noch fest an der Hand, aufgereiht unter den Toten auf dem Marktplatz von Wuppertal.<\/p>\n<p>Auf dem Foto im Anhang bin ich, ganz rechts im Bild &ndash; die Einzige, die &uuml;berlebt hat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0-727x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"727\" height=\"1024\" class=\"alignleft size-large wp-image-151420\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0-727x1024.jpeg 727w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0-213x300.jpeg 213w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0-768x1082.jpeg 768w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0-1090x1536.jpeg 1090w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0-461x650.jpeg 461w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0-348x490.jpeg 348w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0-174x245.jpeg 174w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image0.jpeg 1309w\" sizes=\"auto, (max-width: 727px) 100vw, 727px\" \/><\/a><\/p>\n<p>WIR MACHEN UNS SCHULDIG!<br>\nNie wieder Krieg von deutschem Boden.<\/p>\n<p>gezeichnet<br>\nChrista Ackermann&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><small>Titelbild: Everett Collection \/ shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser 17. Folge der Reihe &bdquo;Erinnerungen gegen den Krieg&ldquo; schildert ein Zeitzeuge seine Beteiligung am &bdquo;Volkssturm&ldquo; als 15-J&auml;hriger und wie eine mutige Entscheidung seines Vorgesetzten ihm das Leben rettete; ein 12-J&auml;hriger macht nach dem Krieg eine Entdeckung &uuml;ber die Russen, eine Familie leidet unter dem Verlust der Heimat, und eine Leserin erinnert sich an<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151418\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":151421,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,171],"tags":[3293,3652,1055,2104,2394,966],"class_list":["post-151418","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","tag-bellizismus","tag-erinnerungen-gegen-den-krieg-serie","tag-fluechtlinge","tag-kriegsopfer","tag-kriegstrauma","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/shutterstock_754279375.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=151418"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":151507,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151418\/revisions\/151507"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/151421"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=151418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=151418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=151418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}