{"id":151434,"date":"2026-06-02T09:00:55","date_gmt":"2026-06-02T07:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151434"},"modified":"2026-06-02T09:17:29","modified_gmt":"2026-06-02T07:17:29","slug":"ostseeraum-die-lunte-am-pulverfass-wird-kuerzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151434","title":{"rendered":"Ostseeraum \u2013 die Lunte am Pulverfass wird k\u00fcrzer"},"content":{"rendered":"<p>Der Ostseeraum wird unter Sicherheitsexperten als derzeit potenziell explosivstes Konfliktgebiet zwischen der NATO und der Russischen F&ouml;deration betrachtet. Eine Vielzahl von Konfliktpotenzialen konzentriert sich auf diesen Raum. Bereits im Oktober 2025 hatte ich auf den <em>NachDenkSeiten<\/em> einen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140239\">Beitrag &uuml;ber den Gefahrenherd Ostseeraum<\/a> ver&ouml;ffentlicht. Seitdem hat sich die Lage in diesem Raum weiter zugespitzt. Vor wenigen Tagen habe ich die polnisch-russische Grenzregion besucht. Eine gespenstische Stille, nur wenig grenz&uuml;bergreifender Verkehr mit langen Wartezeiten. Es dr&auml;ngte sich mir der Satz der ber&uuml;hmten &bdquo;Ruhe vor dem Sturm&ldquo; geradezu auf. Im Folgenden sollen einige dieser Konfliktpotentiale skizziert werden. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Begriff Ostseeraum soll als Raum nicht ausschlie&szlig;lich auf die baltische See begrenzt, sondern auch um die l&auml;ndlichen R&auml;ume weit hinter der K&uuml;stenlinie der Anrainerstaaten verstanden werden, da nur so die gesamten Konfliktpotenziale erfasst werden k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Geopolitische Daten<\/strong><\/p><p>Das Baltische Meer wird im deutschen Sprachgebrauch Ostsee genannt. Es handelt sich um ein nahezu geschlossenes Binnengew&auml;sser mit einer Wasserfl&auml;che von ungef&auml;hr 413.000 Quadratkilometern und schwachem Salzgehalt. Die K&uuml;stenl&auml;nge betr&auml;gt etwa 8.000 Kilometer. Mittlerweile geh&ouml;ren mit Ausnahme der Russischen F&ouml;deration alle Ostseeanrainerstaaten der NATO an: D&auml;nemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen und Deutschland. Russland selbst verf&uuml;gt lediglich &uuml;ber zwei kleine Meereszug&auml;nge, &uuml;ber die Exklave Kaliningrad und &uuml;ber St. Petersburg. Damit entfallen etwa 7.340 Kilometer K&uuml;stenlinie auf die NATO-Staaten und etwa 660 Kilometer auf Russland.<\/p><p>Dementsprechend kontrolliert die NATO rund 92 Prozent der K&uuml;stenlinie und Russland knapp acht Prozent. Den einzigen Zugang zum Atlantik stellen die Meerengen in D&auml;nemark und zwischen D&auml;nemark und Schweden dar (Gro&szlig;er und Kleiner Belt und der &Ouml;resund). D&auml;nemark und Schweden und somit die NATO kontrollieren auch diese Nadel&ouml;hre. Faktisch ist die Ostsee im Kontext der NATO-Osterweiterung zum &bdquo;NATO-Meer&ldquo; geworden. Wie sehr sich die Einflusssph&auml;ren durch die NATO-Erweiterung ver&auml;ndert haben, wird deutlich, wenn man reflektiert, dass w&auml;hrend der Ost-West-Konfrontation der Ostseeraum quasi ein Gew&auml;sser des von der Sowjetunion gef&uuml;hrten Warschauer Paktes gewesen ist. Die Anrainerstaaten des sowjetischen Machtblocks umfassten: Die DDR, Polen und die Sowjetunion &ndash; die drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland geh&ouml;rten zur Sowjetunion. Damit war der s&uuml;dliche und &ouml;stliche Ostseebereich sowjetisch kontrolliert. Der Norden war neutral angesichts der offiziellen Neutralit&auml;t Finnlands und Schwedens. Lediglich am &auml;u&szlig;ersten westlichen Rand der Ostsee grenzten die BRD und D&auml;nemark an die Ostsee.<\/p><p>Der strategische Zugang zu beiden russischen K&uuml;sten ist angesichts des Endes des Kalten Krieges und der massiven NATO-Osterweiterung ihrer jeweiligen Lage nicht sonderlich vorteilhaft.<\/p><p><strong>St. Petersburg<\/strong><\/p><p>War die geographische Lage von St. Petersburg zu fr&uuml;heren Zeiten von strategischem Vorteil, so ist sp&auml;testens mit der NATO-Osterweiterung um die baltischen Staaten und Finnland St. Petersburg in eine strategische Falle geraten:<\/p><p>St. Petersburg liegt am &ouml;stlichen Ende des sich um die 400 Kilometer erstreckenden finnischen Meerbusens. Der Zugang wird im Norden von Finnland und im S&uuml;den von Estland, also der NATO kontrolliert. Die Distanz zwischen den beiden Gegenk&uuml;sten variiert zwischen 40 und 120 Kilometer. Dort, wo die Gegenk&uuml;sten des Finnischen Meerbusens zu russischem Territorium werden, verengt sich der Meerbusen bis zu einem Kanal, an dem Sankt Petersburg liegt.<\/p><p>Damit unterliegt der Finnische Meerbusen mit den NATO-Gegenk&uuml;sten in Teilen den ausschlie&szlig;lichen Hoheitsrechten Finnlands und Estlands. Das hei&szlig;t, dass in Teilen &bdquo;NATO-Hoheitsgebiet&ldquo; durchschifft werden muss. Eine Ausfahrt der russischen Kriegsmarine aus dem Finnischen Meerbusen k&ouml;nnte im Kriegsfall wahrscheinlich mit milit&auml;rischen Mitteln verhindert werden.<\/p><p>Die Baltische Flotte der Russischen F&ouml;deration, die in erheblichen Teilen in Kaliningrad stationiert ist, k&ouml;nnte die Ostsee im Konfliktfall angesichts der d&auml;nischen Meerengen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht verlassen, ohne dass sie durch die NATO versenkt werden w&uuml;rde. Insgesamt ist die strategische Lage Kaliningrads nicht vorteilhafter.<\/p><p><strong>NATO und die &bdquo;Herausforderung&ldquo; Kaliningrad<\/strong><\/p><p>Die Exklave Kaliningrad ist der westlichste Vorposten der Russischen F&ouml;deration. Es handelt sich um einen &uuml;berschaubaren Raum (rund 15.000 Quadratkilometer), der vom russischen Mutterland durch Litauen abgetrennt ist (Exklave). Die Versorgunglinien per Bahn und Stra&szlig;e k&ouml;nnen von Litauen und Polen unterbrochen werden, und die Versorgungslinien durch Schiffe oder Flugzeuge via St. Petersburg k&ouml;nnen ebenfalls seitens der NATO abgeschnitten werden. Allein diese Tatsache machte die Region Kaliningrad abh&auml;ngig vom Wohlverhalten der Transitl&auml;nder. Als Litauen jedoch der NATO und der EU beitrat, wurde die geographische Lage Kaliningrads zur &bdquo;Herausforderung&ldquo; f&uuml;r die NATO.<\/p><p>&bdquo;Mitten&ldquo; im NATO-Gebiet liegt eine russische und somit feindliche Exklave &ndash; ein unsinkbarer Flugzeugtr&auml;ger. Auch ist dort die Baltische Flotte der Russischen F&ouml;deration angesiedelt. Die Existenz der russischen Exklave stellt f&uuml;r die NATO nun ein Problem dar. Nur, um die Chronologie und damit die gew&ouml;hnungsbed&uuml;rftige Argumentation zu verdeutlichen: Die russische Exklave Kaliningrad existiert seit 1991. Zuvor war die Gesamtregion sowjetisch. Die NATO-Erweiterung um das Baltikum und somit Litauen fand 2004 statt. Und nun deklariert die nach Osten vorger&uuml;ckte NATO die Existenz der Exklave als sicherheitspolitisches Problem &ndash; ein schon sehr eigenartiges und selbstbewusstes Verst&auml;ndnis: Dort, wo die NATO ist, sind andere Akteure ein sicherheitspolitisches Problem, so die eigent&uuml;mliche Logik.<\/p><p>Im Kontext der zugespitzten Lage erkl&auml;rte der US-Oberbefehlshaber f&uuml;r Europa und Afrika, General Christopher T. Donahue, <a href=\"https:\/\/augengeradeaus.net\/2025\/07\/dokumentation-us-kommandeur-zur-bedeutung-von-landstreitkraeften-interoperabilitaet-und-zu-kaliningrad\/\">im Juli 2025<\/a>, die NATO sei in der Lage, Kaliningrad &bdquo;<em>vom Boden aus in einem bisher unerreichten Zeitrahmen und schneller zu zerst&ouml;ren, als wir es jemals konnten. Wir haben dies bereits geplant und haben es bereits entwickelt<\/em>&ldquo; (mit &bdquo;entwickelt&ldquo; d&uuml;rfte die Planung gemeint sein, A. Neu)<\/p><p>Der litauische Au&szlig;enminister Budrys forderte j&uuml;ngst in einem <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/pro\/litauens-aussenminister-kestutis-budrys-ueber-europa-russland-und-die-nato-ld.10006147\">NZZ-Interview<\/a>, wom&ouml;glich inspiriert durch die Aussagen des US-Oberbefehlshabers Donahue, sogar unverhohlen die Notwendigkeit eines Angriffs der NATO auf Kaliningrad:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wir m&uuml;ssen den Russen zeigen, dass wir in die kleine Festung eindringen k&ouml;nnen, die sie in Kaliningrad aufgebaut haben. Die NATO hat die Mittel, um russische Luftverteidigungsbasen und Raketensysteme dort zu zerst&ouml;ren, wenn n&ouml;tig.<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Schwieriges Verh&auml;ltnis &ndash; Baltikum und Russland<\/strong><\/p><p>Es ist schon erstaunlich oder besser gesagt erschreckend, mit welcher Leichtigkeit ein Krieg mit Russland geradezu herbeigeredet wird. Ausgerechnet die baltischen Staaten profilieren sich mit einer auff&auml;llig bellizistischen Haltung, ganz so, als seien sie auf jeden Fall durch die NATO gesch&uuml;tzt. Die Durchfl&uuml;ge ukrainischer Drohnen durch baltisches Hoheitsgebiet Richtung St. Petersburg und die Region Leningrad heben die Spannungen auf ein neues Niveau. Ob es sich dabei &bdquo;nur&ldquo; um eine geduldete oder eine zwar nicht akzeptierte, indes nur wenig kritisierte Nutzung f&uuml;r den Durchflug ukrainischer Drohnen durch den baltischen Luftraum handelt oder die Drohnen sogar von baltischem Boden aus gestartet werden, entzieht sich meinem Kenntnisstand. Bemerkenswert ist jedoch, dass es schon eine erstaunliche technische Leistung w&auml;re, Langstreckendrohnen zu entwickeln, die von der Ukraine aus starten, &uuml;ber den polnischen und baltischen Lauftraum fliegen, um dann im Norden Russlands energieinfrastrukturelle Ziele anzugreifen. Wie auch immer, in Moskau steigt der Druck auf Pr&auml;sident Putin, die Balten f&uuml;r die aus Sicht Moskaus ukrainische Nutzung ihres Luftraums zur Rechenschaft zu ziehen.<\/p><p>Unter v&ouml;lkerrechtlichem Aspekt ist zu konstatieren, dass der Neutralit&auml;tsstatus eines Staates durch seine Bereitschaft oder auch nur Duldung, sein Staatsgebiet &ndash; einschlie&szlig;lich des Luftraumes &ndash; f&uuml;r fremdes Milit&auml;r nutzbar zu machen &ndash; mithin dessen Machtprojektion zu erleichtern oder &uuml;berhaupt erst zu erm&ouml;glichen &ndash; nicht mehr automatisch gesichert ist. Der &bdquo;Gastgeberstaat&ldquo; kann sich nicht mehr auf seinen Neutralit&auml;tsstatus berufen, er ist faktisch Kriegspartei, sofern er die milit&auml;risch-operative Nutzung seines Staatsgebietes durch fremdes Milit&auml;r nicht unterbindet oder glaubhaft zu unterbinden <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147304\">bem&uuml;ht ist<\/a>. Und das scheint man in NATO-Br&uuml;ssel so auch verstanden zu haben. Denn k&uuml;rzlich wurde eine ukrainische Drohne von einem NATO-Jet im estnischen Luftraum abgeschossen, da der NATO die immense Eskalationsgefahr durchaus bewusst ist.<\/p><p>Der anerkannte US-amerikanische Politikwissenschaftler und Osteuropaexperte des Quincy Institute for Responsible Statecraft, Anatol Lieven, hat hierzu k&uuml;rzlich einen in einem Aufsatz gekleideten Notruf mit dem Titel: &bdquo;<em>Washington muss handeln, um das baltische Pulverfass zu entsch&auml;rfen<\/em>&ldquo;, <a href=\"https:\/\/responsiblestatecraft.org\/baltic-countries-ukraine-drones\/\">ver&ouml;ffentlicht<\/a>. Und auch der ber&uuml;hmte US-&Ouml;konom Jeffrey Sachs schrieb vor wenigen Tagen einen Offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz als dringenden Appell, zu handeln, um einen europ&auml;ischen Krieg abzuwenden. Dieser Brief wurde <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/jeffrey-sachs-an-bundeskanzler-merz-verhindern-sie-offenen-krieg-mit-russland-10038620\">in der <em>Berliner Zeitung<\/em> ver&ouml;ffentlicht<\/a> und ist sehr lesenswert. Zugleich eskaliert der stellvertretende Chef des russischen Sicherheitsrates und ehemalige Pr&auml;sident der Russischen F&ouml;deration <a href=\"https:\/\/x.com\/MedvedevRussiaE\/status\/2060336415498469554\">am 29. Mai per <em>X<\/em><\/a> die Lage mit folgender Erkl&auml;rung, wonach Europa sich nun im Krieg mit Russland befinde und die europ&auml;ischen Gesellschaften sich nicht &uuml;ber Schl&auml;ge wundern sollten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>B&uuml;rger der EU-L&auml;nder: Ihr solltet euch dar&uuml;ber im Klaren sein, dass eure Regierungen einseitig einen Krieg mit Russland begonnen haben. Seid also wachsam und lasst euch von nichts &uuml;berraschen. Der friedliche Schlaf ist vorbei. Aber ihr wisst, wen ihr fragen m&uuml;sst, warum!&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die baltischen Staaten als Frontstaaten gehen mit dem bisherigen Kurs ein gewaltiges Risiko f&uuml;r sich und ganz Europa ein: Dabei sind sie es, die in einem Kriegsfall wohl zuerst zerst&ouml;rt werden w&uuml;rden. Ein n&uuml;chterner &ndash; frei jeglicher ideologischer Borniertheit &ndash; Blick auf eine Osteuropakarte kann schon hilfreich sein, die eigene Lage ad&auml;quat zu beurteilen.<\/p><p>Bei allem Verst&auml;ndnis f&uuml;r die negativen historischen Erfahrungen der Balten mit Moskau gilt es, drei Tatsachen zu benennen, die auch die baltischen Staaten ber&uuml;cksichtigen und aufarbeiten m&uuml;ssten, um Dampf aus dem Kessel zu nehmen:<\/p><p>Erstens: Als extrem kleiner und schwacher Nachbar sollte man in Tallinn, Riga und Vilnius bestrebt sein, mindestens das Verh&auml;ltnis der friedlichen Koexistenz mit Moskau zu erzielen und nicht bei jeder Gelegenheit den Russen einen mitzugeben und damit die NATO und sodann insbesondere die Europ&auml;er in einen Krieg gegen Russland hineinzuziehen.<\/p><p>Hinzu kommt: Ob die USA tats&auml;chlich f&uuml;r das Baltikum in einen Weltkrieg eintreten w&uuml;rden, ist zumindest zweifelhaft. Und ob auch die europ&auml;ischen NATO-Staaten &ndash; mit Ausnahme Deutschlands, Polens und m&ouml;glicherweise Gro&szlig;britanniens und Frankreichs &ndash; zumindest geschlossen diesen desastr&ouml;sen Schritt wagen w&uuml;rden, ist eher unsicher als sicher. Historische Parallelen sind naheliegend: Polen hatte sich auch 1939 auf den Beistand Paris und Londons verlassen &ndash; und wurde dann auch verlassen. Neben den formalen Kriegserkl&auml;rungen Frankreichs und Gro&szlig;britanniens am 3. September gegen das faschistische Deutschland geschah mit Blick auf die materielle Kriegsf&uuml;hrung sehr wenig &ndash; Polen war buchst&auml;blich allein zu Haus.<\/p><p>Zweitens: Auch die drei baltischen Staaten verf&uuml;gen &uuml;ber eine wenig r&uuml;hmliche Kollaborationsgeschichte mit Hitler-Deutschland w&auml;hrend des Zweiten Weltkrieges. Bis heute werden die baltischen NS-Veteranen gehuldigt und geehrt. Das sollte auch in Westeuropa Fragen aufwerfen, statt die Augen vor NS-Nostalgie zu verschlie&szlig;en. Welches Geschichtsbild wird damit auch in der EU verbreitet? Hinzu kommt, dass das Staatsb&uuml;rgerschafts- und Sprachenrecht in Lettland und Estland die dort lebenden russischen Minderheiten ausgrenzt statt integriert. Eine geschickte Integrationspolitik w&uuml;rde Moskaus Argumentation, die Auslandsrussen im Zweifel auch mit Gewalt sch&uuml;tzen zu wollen, zumindest im Baltikum gegenstandslos machen.<\/p><p>Drittens: Bei allen, ob berechtigten oder simulierten, Bef&uuml;rchtungen einer erneuten russischen Invasion darf nicht vergessen werden, dass die Sowjetunion ihre Sicherheitskr&auml;fte 1990\/91 aus dem bis dahin sowjetischen Baltikum abzog wie auch in den Folgejahren aus allen osteurop&auml;ischen ehemaligen &bdquo;Bruderstaaten&ldquo;. Diese Ma&szlig;nahme h&auml;tte seitens der Balten auch konstruktiv aufgenommen werden k&ouml;nnen, d.h. Moskau die Hand zur Vers&ouml;hnung zu reichen &ndash; zumindest w&auml;re es einen Versuch wert gewesen.<\/p><p><strong>Suwalki L&uuml;cke<\/strong><\/p><p>Die Suwalki-L&uuml;cke beschreibt den geographischen Raum zwischen Wei&szlig;russland und der Exklave Kaliningrad und erstreckt sich &uuml;ber rund 100 Kilometer. Die beiden NATO-Staaten Polen und Litauen grenzen in diesem Raum aneinander. Der Begriff-Suwalki-L&uuml;cke leitet sich aus der dort liegende polnische Stadt Suwalki ab. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass in einem Konfliktfall Russland versuchen w&uuml;rde, die Suwalki-L&uuml;cke zu schlie&szlig;en, d.h. die Landverbindung zwischen der Exklave Kaliningrad und dem verb&uuml;ndeten Wei&szlig;russland herzustellen, um so die logistische Verbindung zu Kaliningrad abzusichern. Eine Schlie&szlig;ung der L&uuml;cke durch Russland w&uuml;rde sinnlogisch die Schaffung einer neuen &bdquo;Suwalki-L&uuml;cke&ldquo; bedeuten, n&auml;mlich der r&auml;umlichen Trennung Litauens von Polen. Damit w&auml;re die Landverbindung zwischen den baltischen NATO-Staaten und dem Rest der europ&auml;ischen NATO-Staaten gekappt. F&uuml;r beide Seiten ist die Suwalki-L&uuml;cke in der einen wie in der anderen Version aus strategischer Sichtweise eine wenig akzeptable Option.<\/p><p>Angesichts dessen kann nur eine verbale und materielle Demilitarisierung der Region sowie eine ungehinderte Verkehrsverbindung per Bahn und Stra&szlig;e zwischen Wei&szlig;russland\/Russland und der Exklave Kaliningrad eine gewisse Mindeststabilit&auml;t, vielleicht sogar eine gutnachbarschaftliche Normalit&auml;t schaffen.<\/p><p><strong>Die &bdquo;russische Schattenflotte&ldquo; in der Ostsee<\/strong><\/p><p>Die EU oder die NATO bzw. einzelne EU- oder NATO-Mitgliedsstaaten sind bestrebt, die von ihnen deklarierte russische &bdquo;Schattenflotte&ldquo; festzusetzen (zu kapern) oder gar den Zugang dieser Schiffe zur Ostsee zu blockieren (Seeblockade). Zur rechtlichen Frage der &bdquo;Schattenflotte&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140239\">siehe hier<\/a>.<\/p><p>Damit bewegte man sich nicht mehr in einem v&ouml;lkerrechtlichen Graubereich, sondern eindeutig rechtswidrig. Es w&auml;re tats&auml;chlich ein offener Bruch des V&ouml;lkerrechts. Die Navigationsfreiheit (Artikel 17, 58, 87 und 90 des Seerechts&uuml;bereinkommens), ein hohes Gut im V&ouml;lkerrecht, w&uuml;rde au&szlig;er Kraft gesetzt. Mehr noch: Es w&auml;re ein Versto&szlig; gegen das Gewaltverbot der UNO-Charta (Artikel 2 Abs. 4), da die unter russischer Flagge fahrenden Schiffe die russische Staatszugeh&ouml;rigkeit (Art. 91, Seerechts&uuml;bereinkommen) innehaben. Die russische Seite w&auml;re dann berechtigt, entsprechend darauf zu reagieren, und hat bereits <a href=\"https:\/\/de.marketscreener.com\/kurs\/wahrung\/US-DOLLAR-RUSSIAN-ROUBLE--2370597\/news\/RUSSLAND-SAGT-DASS-JEDER-DANISCHE-SCHRITT-ZUR-EINSCHRANKUNG-DER-NAVIGATIONSFREIHEIT--46622964\/\">vorsorglich Schritte angedroht<\/a>. Tats&auml;chlich wurden in der letzten Zeit immer wieder unter russischer Flagge fahrende Handelsschiffe auch in der Ostsee gekapert. Russland verst&auml;rkt derweil den Schutz seiner Handelsflotte u.a. mit Begleitschiffen der baltischen Flotte und Show-of-force-Demonstrationen der russischen Luftwaffe. Das Eskalationspotenzial ist enorm.<\/p><p>Eine Seeblockade der Ostsee in der d&auml;nischen Meerenge f&uuml;r russische Schiffe oder eine Seeblockade vor Kaliningrad oder\/und Sankt Petersburg w&auml;re der ultimative casus belli. Eine milit&auml;rische Nichtreaktion w&auml;re nur bei Selbstaufgabe der russischen Souver&auml;nit&auml;t denkbar. Die aktualisierte Nukleardoktrin der Russischen F&ouml;deration hat hierzu Antworten formuliert.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Die Gefahr des Explodierens des Pulverfasses ist in allen aufgef&uuml;hrten F&auml;llen &auml;hnlich hoch einzusch&auml;tzen. Egal, welcher Hotspot zuerst explodiert, alle &uuml;brigen w&uuml;rden unmittelbar folgen, da sie alle nur Puzzleteile eines Gesamtbildes sind: des Weltneuordnungskriegs des fr&uuml;hen 21. Jahrhunderts.<\/p><p>Die Europ&auml;ischen Entscheidungseliten m&uuml;ssen in ihrer Verantwortung f&uuml;r ihre V&ouml;lker aufwachen und die Diplomatie wiederentdecken, statt gesinnungsethisch in den Krieg zu schlafwandeln. Dieser Weg ist nicht demokratisch legitimiert.<\/p><p><small>Titelbild: travelarium.ph \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ostseeraum wird unter Sicherheitsexperten als derzeit potenziell explosivstes Konfliktgebiet zwischen der NATO und der Russischen F&ouml;deration betrachtet. Eine Vielzahl von Konfliktpotenzialen konzentriert sich auf diesen Raum. Bereits im Oktober 2025 hatte ich auf den <em>NachDenkSeiten<\/em> einen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140239\">Beitrag &uuml;ber den Gefahrenherd Ostseeraum<\/a> ver&ouml;ffentlicht. Seitdem hat sich die Lage in diesem Raum weiter zugespitzt. 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