{"id":151523,"date":"2026-06-06T12:00:29","date_gmt":"2026-06-06T10:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151523"},"modified":"2026-06-03T18:13:44","modified_gmt":"2026-06-03T16:13:44","slug":"lavender-die-ki-maschine-die-israels-bombardements-in-gaza-steuert-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151523","title":{"rendered":"\u201eLavender\u201c: Die KI-Maschine, die Israels Bombardements in Gaza steuert (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p>Die israelische Armee hat Zehntausende Bewohner des Gazastreifens als potenzielle Zielpersonen f&uuml;r T&ouml;tungsaktionen eingestuft &ndash; mithilfe eines KI-Zielerfassungssystems, das kaum menschlicher Kontrolle unterliegt, und einer Politik, die hohe Opferzahlen in Kauf nimmt. Dies haben j&uuml;dische und pal&auml;stinensische Journalisten in einer gemeinsamen Recherche aufgedeckt. Von <strong>Yuval Abraham<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong><u>Schritt 2: Zuordnung der Ziele zu den Familienh&auml;usern<\/u><\/strong><\/p><p><strong>&bdquo;Die meisten Menschen, die ihr get&ouml;tet habt, waren Frauen und Kinder&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der n&auml;chste Schritt im T&ouml;tungsverfahren der israelischen Armee besteht darin, zu ermitteln, wo die von Lavender generierten Ziele angegriffen werden sollen.<\/p><p>In einer Stellungnahme gegen&uuml;ber <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] erkl&auml;rte der Sprecher der IDF als Reaktion auf diesen Artikel: &bdquo;Die Hamas stationiert ihre K&auml;mpfer und milit&auml;rischen Ressourcen mitten in der Zivilbev&ouml;lkerung, nutzt die Zivilbev&ouml;lkerung systematisch als menschliche Schutzschilde und f&uuml;hrt Kampfhandlungen aus zivilen Einrichtungen heraus durch, einschlie&szlig;lich sensibler Orte wie Krankenh&auml;user, Moscheen, Schulen und UN-Einrichtungen. Die IDF ist an das V&ouml;lkerrecht gebunden und handelt entsprechend, indem sie ihre Angriffe ausschlie&szlig;lich auf milit&auml;rische Ziele und milit&auml;rische Aktivisten richtet.&ldquo;<\/p><p>Die sechs Quellen, mit denen wir sprachen, schlossen sich dieser Einsch&auml;tzung bis zu einem gewissen Grad an und sagten, dass das ausgedehnte <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/interactive\/2024\/02\/12\/world\/middleeast\/gaza-tunnel-israel-hamas.html\">Tunnelsystem<\/a> der Hamas bewusst unter Krankenh&auml;usern und Schulen verl&auml;uft; dass Hamas-K&auml;mpfer Krankenwagen nutzen, um herumzukommen; und dass unz&auml;hlige milit&auml;rische Einrichtungen in der N&auml;he von zivilen Geb&auml;uden stationiert wurden. Die Quellen argumentierten, dass durch diese Taktik der Hamas viele israelische Angriffe Zivilisten t&ouml;ten &ndash; eine Darstellung, vor der <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/news\/2024\/03\/19\/israeli-forces-conduct-gaza\">Menschenrechtsgruppen warnen<\/a>, da sie Israel der Verantwortung f&uuml;r die verursachten Opfer entbindet.<\/p><p>Entgegen den offiziellen Erkl&auml;rungen der israelischen Armee erkl&auml;rten die Quellen jedoch, dass ein Hauptgrund f&uuml;r die beispiellose Zahl der Todesopfer durch die aktuellen israelischen Bombardements darin liegt, dass die Armee systematisch Ziele in deren Privath&auml;usern zusammen mit deren Familien angegriffen hat &ndash; zum Teil, weil es aus geheimdienstlicher Sicht einfacher war, Familienh&auml;user mithilfe automatisierter Systeme zu markieren.<\/p><p>Tats&auml;chlich betonten mehrere Quellen, dass im Gegensatz zu zahlreichen F&auml;llen, in denen Hamas-Aktivisten milit&auml;rische Aktivit&auml;ten aus zivilen Gebieten heraus durchf&uuml;hrten, die Armee bei systematischen T&ouml;tungsangriffen routinem&auml;&szlig;ig aktiv die Entscheidung traf, mutma&szlig;liche Militante zu bombardieren, wenn sie sich in zivilen Haushalten befanden, von denen aus keine milit&auml;rischen Aktivit&auml;ten stattfanden. Diese Entscheidung, so sagten sie, spiegele die Art und Weise wider, wie Israels System der Massen&uuml;berwachung in Gaza konzipiert ist.<\/p><p>Die Quellen berichteten <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>, dass die &Uuml;berwachungssysteme der Armee Personen leicht und automatisch mit Familienh&auml;usern &bdquo;verkn&uuml;pfen&ldquo; k&ouml;nnten, da jeder in Gaza ein Privathaus habe, mit dem er in Verbindung gebracht werden k&ouml;nne. Um in Echtzeit den Moment zu identifizieren, in dem Aktivisten ihre H&auml;user betreten, wurden verschiedene zus&auml;tzliche automatisierte Softwareprogramme entwickelt. Diese Programme &uuml;berwachen Tausende von Personen gleichzeitig, erkennen, wann sie zu Hause sind, und senden eine automatische Warnmeldung an den Zieloffizier, der das Haus dann f&uuml;r einen Bombenangriff markiert. Eins dieser Tracking-Softwareprogramme, die hier zum ersten Mal enth&uuml;llt werden, hei&szlig;t &bdquo;Where&rsquo;s Daddy?&ldquo;<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Man gibt Hunderte von Zielen in das System ein und wartet ab, wen man t&ouml;ten kann&ldquo;, sagte eine Quelle mit Kenntnis des Systems. &bdquo;Das wird &sbquo;breit angelegte Jagd&lsquo; genannt: Man kopiert einfach aus den Listen, die das Zielsystem erstellt, und f&uuml;gt ein (copy-paste).&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Belege f&uuml;r diese Vorgehensweise sind auch aus den Daten eindeutig: Im ersten Kriegsmonat stammten mehr als die H&auml;lfte der Todesopfer &ndash; 6.120 Menschen &ndash; aus 1.340 Familien, von denen viele laut <a href=\"https:\/\/www.ochaopt.org\/content\/hostilities-gaza-strip-and-israel-reported-impact-day-45\">UN-Zahlen<\/a> in ihren H&auml;usern vollst&auml;ndig ausgel&ouml;scht wurden. Der Anteil der gesamten <a href=\"https:\/\/www.972mag.com\/gaza-families-bombing-humanitarian-crisis\/\">Familien<\/a>, die im aktuellen Krieg in ihren H&auml;usern bombardiert wurden, ist viel h&ouml;her als bei der <a href=\"https:\/\/www.btselem.org\/download\/201501_black_flag_eng.pdf\">israelischen Operation 2014<\/a> im Gazastreifen (die zuvor Israels t&ouml;dlichster Krieg im Gazastreifen war), was die Bedeutung dieser Politik weiter unterstreicht.<\/p><p>Eine weitere Quelle sagte, dass jedes Mal, wenn das Tempo der T&ouml;tungen nachlie&szlig;, weitere Ziele zu Systemen wie &bdquo;Where&rsquo;s Daddy?&ldquo; hinzugef&uuml;gt wurden, um Personen zu lokalisieren, die ihre H&auml;user betraten und daher bombardiert werden konnten. Er sagte, dass die Entscheidung, wen man in die Ortungssysteme aufnahm, von relativ rangniedrigen Offizieren in der milit&auml;rischen Hierarchie getroffen werden konnte.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eines Tages habe ich ganz aus eigenem Antrieb etwa 1.200 neue Ziele in das Ortungssystem eingegeben, weil die Zahl der Angriffe [die wir durchf&uuml;hrten] zur&uuml;ckging&ldquo;, sagte die Quelle. &bdquo;Das machte f&uuml;r mich Sinn. Im R&uuml;ckblick war das eine schwerwiegende Entscheidung, die ich getroffen habe. Und solche Entscheidungen wurden nicht auf hoher Ebene getroffen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Quellen sagten, dass in den ersten zwei Wochen des Krieges zun&auml;chst &bdquo;mehrere Tausend&ldquo; Ziele in Ortungsprogramme wie &bdquo;Where&rsquo;s Daddy?&ldquo; eingegeben wurden. Dazu geh&ouml;rten alle Mitglieder der Elite-Spezialeinheit der Hamas, der Nukhba, alle Panzerabwehrk&auml;mpfer der Hamas und jeder, der am 7. Oktober nach Israel eingereist war. Aber schon bald wurde die T&ouml;tungsliste drastisch erweitert.<\/p><p>&bdquo;Am Ende waren es alle, die von Lavender markiert wurden&ldquo;, erkl&auml;rte eine Quelle. &bdquo;Zehntausende. Dies geschah einige Wochen sp&auml;ter, als die [israelischen] Brigaden in den Gazastreifen vordrangen und es in den n&ouml;rdlichen Gebieten bereits weniger unbeteiligte Personen gab.&ldquo; Laut dieser Quelle wurden sogar einige Minderj&auml;hrige von Lavender als Ziele f&uuml;r die Bombardierung markiert. &bdquo;Normalerweise sind K&auml;mpfer &uuml;ber 17 Jahre alt, aber das war keine Bedingung.&ldquo;<\/p><p>Lavender und Systeme wie &bdquo;Where&rsquo;s Daddy?&ldquo; wurden so mit t&ouml;dlicher Wirkung kombiniert und t&ouml;teten ganze Familien, bezeugten Quellen. Indem man einen Namen aus den von Lavender generierten Listen zum Hausortungssystem &bdquo;Where&rsquo;s Daddy?&ldquo; hinzuf&uuml;gte, erkl&auml;rte A., w&uuml;rde die markierte Person unter st&auml;ndige &Uuml;berwachung gestellt und k&ouml;nnte angegriffen werden, sobald sie einen Fu&szlig; in ihr Haus setzte, wodurch das Haus &uuml;ber allen darin befindlichen Personen zusammenst&uuml;rzte.<\/p><p>&bdquo;Nehmen wir an, du rechnest mit einem Hamas-Aktivisten plus 10 Zivilisten im Haus&ldquo;, sagte A. &bdquo;Normalerweise sind diese 10 Frauen und Kinder. Absurderweise stellt sich also heraus, dass es sich bei den meisten der von dir get&ouml;teten Personen um Frauen und Kinder handelte.&ldquo;<\/p><p><strong><u>Schritt 3: Auswahl einer Waffe<\/u><\/strong><\/p><p><strong>&bdquo;Wir f&uuml;hrten die Angriffe in der Regel mit &sbquo;dummen Bomben&lsquo; durch&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wenn Lavender ein Ziel f&uuml;r einen Mordanschlag markiert hat, das Milit&auml;rpersonal &uuml;berpr&uuml;ft hat, dass es sich um einen Mann handelt, und die Ortungssoftware das Ziel in dessen Wohnung ausfindig gemacht hat, besteht der n&auml;chste Schritt darin, die Munition auszuw&auml;hlen, mit der das Ziel bombardiert werden soll.<\/p><p>Im Dezember 2023 <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2023\/12\/13\/politics\/intelligence-assessment-dumb-bombs-israel-gaza\/index.html\">berichtete <em>CNN<\/em><\/a>, dass nach Sch&auml;tzungen des US-Geheimdienstes etwa 45 Prozent der von der israelischen Luftwaffe in Gaza eingesetzten Munition &bdquo;dumme&ldquo; Bomben waren, von denen bekannt ist, dass sie mehr Kollateralsch&auml;den verursachen als Lenkbomben. Als Reaktion auf den CNN-Bericht sagte ein in dem Artikel zitierter Armeesprecher: &bdquo;Als Milit&auml;r, das sich dem V&ouml;lkerrecht und einem moralischen Verhaltenskodex verpflichtet f&uuml;hlt, setzen wir enorme Ressourcen ein, um den Schaden f&uuml;r die Zivilisten zu minimieren, die die Hamas in die Rolle von menschlichen Schutzschilden gezwungen hat. Unser Krieg richtet sich gegen die Hamas, nicht gegen die Bev&ouml;lkerung von Gaza.&ldquo;<\/p><p>Drei Geheimdienstquellen berichteten jedoch gegen&uuml;ber <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>, dass von Lavender markierte untergeordnete Zielpersonen ausschlie&szlig;lich mit ungelenkten Bomben get&ouml;tet wurden, damit teurere Waffen eingespart werden konnten. Eine Quelle erkl&auml;rte, dies bedeute, dass die Armee kein rangniedriges Ziel angreifen w&uuml;rde, wenn er in einem Hochhaus lebte, da die Armee keine pr&auml;zisere und teurere &bdquo;Etagenbombe&ldquo; (mit begrenzteren Kollateralsch&auml;den) einsetzen wollte, um ihn zu t&ouml;ten. Wenn ein rangniedriges Ziel jedoch in einem Geb&auml;ude mit nur wenigen Stockwerken wohnte, war die Armee befugt, ihn und alle anderen im Geb&auml;ude mit einer &bdquo;dummen&ldquo; Bombe zu t&ouml;ten.<\/p><p>&bdquo;So war es bei allen rangniedrigen Zielen&ldquo;, sagte C., der im aktuellen Krieg verschiedene automatisierte Programme einsetzte. &bdquo;Die einzige Frage war: Ist es m&ouml;glich, das Geb&auml;ude unter dem Gesichtspunkt der Kollateralsch&auml;den anzugreifen? Denn wir f&uuml;hrten die Angriffe normalerweise mit ungelenkten Bomben durch, und das bedeutete, das ganze Haus buchst&auml;blich mitsamt seinen Bewohnern zu zerst&ouml;ren. Aber selbst wenn ein Angriff abgewendet wird, ist es einem egal &ndash; man geht sofort zum n&auml;chsten Ziel &uuml;ber. Wegen des Systems nehmen die Ziele kein Ende. Es warten weitere 36.000 auf einen.&ldquo;<\/p><p><strong><u>Schritt 4: Genehmigung von zivilen Opfern<\/u><\/strong><\/p><p><strong>&bdquo;Wir haben fast ohne R&uuml;cksicht auf Kollateralsch&auml;den angegriffen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Eine Quelle berichtete, dass bei Angriffen auf rangniedrige K&auml;mpfer, darunter auch solche, die von KI-Systemen wie Lavender identifiziert wurden, die Anzahl der Zivilisten, die neben jedem Ziel get&ouml;tet werden durften, in den ersten Kriegswochen auf bis zu 20 festgelegt war. Eine andere Quelle gab an, dass die festgelegte Zahl bei bis zu 15 lag. Diese &bdquo;Kollateralschaden-Grade&ldquo;, wie das Milit&auml;r sie nennt, wurden laut den Quellen pauschal auf alle mutma&szlig;lichen rangniedrigen Militanten angewendet, unabh&auml;ngig von ihrem Rang, ihrer milit&auml;rischen Bedeutung und ihrem Alter, und ohne eine konkrete Einzelfallpr&uuml;fung, um den milit&auml;rischen Vorteil ihrer T&ouml;tung gegen den zu erwartenden Schaden f&uuml;r Zivilisten abzuw&auml;gen.<\/p><p>Laut A., der im aktuellen Krieg Offizier in einem Einsatzraum f&uuml;r Zielangriffe war, hat die Abteilung f&uuml;r internationales Recht der Armee noch nie zuvor eine solche &bdquo;pauschale Genehmigung&ldquo; f&uuml;r einen so hohen Grad an Kollateralsch&auml;den erteilt. &bdquo;Es ist nicht nur, dass du jede Person t&ouml;ten darfst, die ein Hamas-Soldat ist, was nach internationalem Recht eindeutig erlaubt und legitim ist&ldquo;, sagte A. &bdquo;Aber sie sagen dir direkt: &sbquo;Du darfst sie zusammen mit vielen Zivilisten t&ouml;ten&lsquo;.&ldquo;<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Jede Person, die in den letzten ein oder zwei Jahren eine Hamas-Uniform trug, konnte bombardiert werden, wobei 20 get&ouml;tete Zivilisten als Kollateralschaden in Kauf genommen wurden, sogar ohne besondere Genehmigung&ldquo;, fuhr A. fort. &bdquo;In der Praxis gab es den Grundsatz der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit nicht.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nach Angaben von A. war dies die Politik w&auml;hrend der meisten Zeit seines Dienstes. Erst sp&auml;ter senkte das Milit&auml;r den Grad der Kollateralsch&auml;den. &bdquo;Bei dieser Berechnung k&ouml;nnten es auch 20 Kinder f&uuml;r einen einfachen K&auml;mpfer sein &hellip; So war es in der Vergangenheit wirklich nicht&ldquo;, erkl&auml;rte A. Auf die Frage nach der sicherheitspolitischen Begr&uuml;ndung f&uuml;r diese Politik antwortete A.: &bdquo;T&ouml;dlichkeit.&ldquo;<\/p><p>Der vorab festgelegte und feste Grad an Kollateralsch&auml;den half laut Quellen dabei, die massenhafte Generierung von Zielen mithilfe der Lavender-Maschine zu beschleunigen, da dies Zeit sparte. B. gab an, dass die Zahl der Zivilisten, die sie in der ersten Kriegswoche pro von der KI markiertem mutma&szlig;lichem nachrangigen Militanten t&ouml;ten durften, bei 15 lag, diese Zahl jedoch im Laufe der Zeit &bdquo;rauf und runter ging&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;Anfangs griffen wir fast ohne Ber&uuml;cksichtigung von Kollateralsch&auml;den an&ldquo;, sagte B. &uuml;ber die erste Woche nach dem 7. Oktober. &bdquo;In der Praxis hat man die Menschen nicht wirklich gez&auml;hlt, weil man gar nicht sagen konnte, ob sie zu Hause waren oder nicht. Nach einer Woche begannen die Beschr&auml;nkungen hinsichtlich der Kollateralsch&auml;den. Die Zahl sank [von 15] auf f&uuml;nf, was es uns wirklich schwer machte, anzugreifen, denn wenn die ganze Familie zu Hause war, konnten wir das Haus nicht bombardieren. Dann erh&ouml;hten sie die Zahl wieder.&ldquo;<\/p><p><strong>&bdquo;Wir wussten, dass wir &uuml;ber 100 Zivilisten t&ouml;ten w&uuml;rden&ldquo;<\/strong><\/p><p>Quellen berichteten <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>, dass die israelische Armee nun, teilweise aufgrund amerikanischen Drucks, nicht mehr massenhaft niedrigrangige menschliche Ziele f&uuml;r Bombenangriffe in Wohnh&auml;usern generiert. Die Tatsache, dass die meisten H&auml;user im Gazastreifen bereits zerst&ouml;rt oder besch&auml;digt waren und fast die gesamte Bev&ouml;lkerung vertrieben wurde, schr&auml;nkte auch die F&auml;higkeit der Armee ein, sich auf Geheimdienstdatenbanken und automatisierte Programme zur Hauslokalisierung zu st&uuml;tzen.<\/p><p>E. gab an, dass die massiven Bombardements gegen untergeordnete K&auml;mpfer nur in den ersten ein oder zwei Wochen des Krieges stattfanden und dann vor allem deshalb eingestellt wurden, um keine Bomben zu verschwenden. &bdquo;Es gibt eine Munitions&ouml;konomie&ldquo;, sagte E. &bdquo;Sie hatten immer Angst, dass es im n&ouml;rdlichen Einsatzgebiet [mit der Hisbollah im Libanon] zu einem Krieg kommen k&ouml;nnte. Sie greifen diese Art von untergeordneten Leuten &uuml;berhaupt nicht mehr an.&ldquo;<\/p><p>Luftangriffe gegen hochrangige Hamas-Kommandeure gehen jedoch weiter, und Quellen sagten, dass das Milit&auml;r f&uuml;r diese Angriffe die T&ouml;tung von &bdquo;Hunderten&ldquo; von Zivilisten pro Ziel genehmigt &ndash; eine offizielle Politik, f&uuml;r die es weder in Israel noch in den j&uuml;ngsten US-Milit&auml;roperationen einen historischen Pr&auml;zedenzfall gibt.<\/p><p>&bdquo;Bei dem Bombenangriff auf den Kommandeur des Shuja&rsquo;iya-Bataillons wussten wir, dass wir &uuml;ber 100 Zivilisten t&ouml;ten w&uuml;rden&ldquo;, erinnerte sich B. an einen Bombenangriff vom 2. Dezember, von dem der IDF-Sprecher <a href=\"https:\/\/www.timesofisrael.com\/liveblog_entry\/idf-strike-kills-gazan-terrorist-responsible-for-attack-that-killed-oron-shaul-in-2014\/\">sagte<\/a>, er habe auf die T&ouml;tung von Wisam Farhat abgezielt. &bdquo;F&uuml;r mich war das psychologisch gesehen ungew&ouml;hnlich. &Uuml;ber 100 Zivilisten &ndash; das &uuml;berschreitet eine rote Linie.&ldquo;<\/p><p>Amjad Al-Sheikh, ein junger Pal&auml;stinenser aus Gaza, sagte, viele seiner Familienangeh&ouml;rigen seien bei diesem Bombenangriff get&ouml;tet worden. Als Bewohner von Shuja&rsquo;iya, &ouml;stlich von Gaza-Stadt, befand er sich an jenem Tag in einem &ouml;rtlichen Supermarkt, als er f&uuml;nf Explosionen h&ouml;rte, die die Fensterscheiben zum Bersten brachten.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich rannte zum Haus meiner Familie, aber dort waren keine Geb&auml;ude mehr&ldquo; &ndash; so Al-Sheikh gegen&uuml;ber <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>. &bdquo;Die Stra&szlig;e war voller Schreie und Rauch. Ganze Wohnblocks waren zu Schuttbergen und tiefen Gruben geworden. Die Menschen begannen, im Zement zu suchen, sie benutzten ihre H&auml;nde, und ich tat es ihnen gleich, auf der Suche nach Spuren des Hauses meiner Familie.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Al-Sheikhs Frau und seine kleine Tochter &uuml;berlebten &ndash; gesch&uuml;tzt vor den Tr&uuml;mmern durch einen Schrank, der auf sie gefallen war &ndash;, aber er fand elf andere Mitglieder seiner Familie, darunter seine Schwestern, Br&uuml;der und deren kleine Kinder, tot unter den Tr&uuml;mmern. <a href=\"https:\/\/www.btselem.org\/hebrew\/gaza_strip\/20231205_israel_is_not_fighting_against_hamas_but_against_civilians_implementing_a_criminal_policy_of_bombings\">Laut der Menschenrechtsorganisation B&rsquo;Tselem<\/a> zerst&ouml;rte der Bombenangriff an diesem Tag Dutzende von Geb&auml;uden, t&ouml;tete Dutzende von Menschen und begrub Hunderte unter den Tr&uuml;mmern ihrer H&auml;user.<\/p><p><strong>&bdquo;Ganze Familien wurden get&ouml;tet&ldquo;<\/strong><\/p><p>Geheimdienstquellen berichteten <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>, dass sie an noch t&ouml;dlicheren Angriffen beteiligt waren. Um Ayman Nofal, den Kommandeur der Zentralen Gaza-Brigade der Hamas, zu t&ouml;ten, habe die Armee laut einer Quelle die T&ouml;tung von etwa 300 Zivilisten genehmigt und bei <a href=\"https:\/\/www.ynet.co.il\/news\/article\/ryxl6b2116\">Luftangriffen<\/a> auf das Fl&uuml;chtlingslager Al-Bureij am 17. Oktober mehrere Geb&auml;ude zerst&ouml;rt, basierend auf einer ungenauen Lokalisierung von Nofal. Satellitenaufnahmen und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Roaastudies\/status\/1714253580792643820\">Videos<\/a> vom Ort des Geschehens zeigen die Zerst&ouml;rung mehrerer gro&szlig;er mehrst&ouml;ckiger Wohnh&auml;user.<\/p><p>&bdquo;Zwischen 16 und 18 H&auml;user wurden bei dem Angriff v&ouml;llig zerst&ouml;rt&ldquo; &ndash; sagte Amro Al-Khatib, ein Bewohner des Lagers, gegen&uuml;ber <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>. &bdquo;Wir konnten die Wohnungen nicht mehr voneinander unterscheiden &ndash; sie waren alle in den Tr&uuml;mmern durcheinandergew&uuml;rfelt, und wir fanden &uuml;berall menschliche K&ouml;rperteile.&ldquo;<\/p><p>Im R&uuml;ckblick erinnert sich Al-Khatib daran, dass etwa 50 Leichen aus den Tr&uuml;mmern geborgen wurden und etwa 200 Menschen verletzt waren, viele davon schwer. Doch das war nur der erste Tag. Die Bewohner des Lagers verbrachten f&uuml;nf Tage damit, Tote und Verletzte zu bergen, berichtete er.<\/p><p>Nael Al-Bahisi, ein Rettungssanit&auml;ter, war einer der Ersten vor Ort. Er z&auml;hlte an diesem ersten Tag zwischen 50 und 70 Opfer. &bdquo;Irgendwann wurde uns klar, dass das Ziel des Angriffs der Hamas-Kommandeur Ayman Nofal war&ldquo;, sagte er gegen&uuml;ber <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>. &bdquo;Sie haben ihn get&ouml;tet, und mit ihm viele Menschen, die nicht wussten, dass er dort war. Ganze Familien mit Kindern wurden get&ouml;tet.&ldquo;<\/p><p>Eine weitere Quelle aus dem Geheimdienst sagte gegen&uuml;ber <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>, dass die Armee Mitte Dezember <a href=\"https:\/\/www.israelhayom.co.il\/news\/defense\/article\/14992654\">ein Hochhaus<\/a> in Rafah zerst&ouml;rt und dabei &bdquo;Dutzende Zivilisten&ldquo; get&ouml;tet habe, um <a href=\"https:\/\/www.israelhayom.co.il\/news\/defense\/article\/14992654\">zu versuchen,<\/a> Mohammed Shabaneh, den Kommandeur der Rafah-Brigade der Hamas, zu t&ouml;ten (es ist unklar, ob er bei dem Angriff get&ouml;tet wurde oder nicht). Oft, so die Quelle, verstecken sich die hochrangigen Kommandeure in Tunneln, die unter zivilen Geb&auml;uden verlaufen, und daher f&uuml;hrt die Entscheidung, sie mit einem Luftangriff zu t&ouml;ten, notwendigerweise zum Tod von Zivilisten.<\/p><p>&bdquo;Die meisten Verletzten waren Kinder&ldquo;, berichtete Wael Al-Sir, 55, der Zeuge des gro&szlig; angelegten Angriffs war, der von einigen Bewohnern des Gazastreifens als Attentatsversuch angesehen wurde. Er sagte <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>, dass der Bombenangriff am 20. Dezember einen &bdquo;ganzen Wohnblock&ldquo; zerst&ouml;rte und mindestens 10 Kinder t&ouml;tete.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es gab eine v&ouml;llig freiz&uuml;gige Politik hinsichtlich der Opferzahlen bei Operationen &ndash; so freiz&uuml;gig, dass sie meiner Meinung nach einen Rachecharakter hatte&ldquo;, erkl&auml;rte D., eine Quelle aus dem Geheimdienst. &bdquo;Im Mittelpunkt standen die Ermordungen hochrangiger Kommandeure der Hamas und der PIJ, f&uuml;r die sie bereit waren, Hunderte von Zivilisten zu t&ouml;ten. Wir hatten eine Kalkulation: wie viele f&uuml;r einen Brigadekommandeur, wie viele f&uuml;r einen Bataillonskommandeur und so weiter.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Es gab Vorschriften, aber sie waren einfach sehr lax&ldquo;, sagte E., eine weitere Quelle aus dem Geheimdienst. &bdquo;Wir haben Menschen get&ouml;tet, wobei die Zahl der Kollateralsch&auml;den im hohen zweistelligen, wenn nicht sogar im niedrigen dreistelligen Bereich lag. Das sind Dinge, die es zuvor noch nicht gegeben hat.&ldquo;<\/p><p>Eine so hohe Rate an &bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo; ist nicht nur im Vergleich zu dem, was die israelische Armee zuvor als akzeptabel erachtete, au&szlig;ergew&ouml;hnlich, sondern auch im Vergleich zu den Kriegen, die die USA im Irak, in Syrien und in Afghanistan gef&uuml;hrt haben.<\/p><p>General Peter Gersten, stellvertretender Kommandeur f&uuml;r Eins&auml;tze und Geheimdienst im Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien, <a href=\"https:\/\/www.defensedaily.com\/pentagon-removed-non-combatant-casualty-cut-off-value-doctrine-2018\/pentagon\/\">erkl&auml;rte<\/a> 2021 gegen&uuml;ber einem US-Verteidigungsmagazin, dass ein Angriff mit Kollateralsch&auml;den von 15 Zivilisten vom Verfahren abwich; um ihn durchzuf&uuml;hren, musste er eine Sondergenehmigung vom Chef des US-Zentralkommandos, General Lloyd Austin, einholen.<\/p><p>&bdquo;Bei Osama Bin Laden h&auml;tte man einen NCV [Non-combatant Casualty Value] von 30 gehabt, aber bei einem niedrigrangigen Kommandeur lag der NCV typischerweise bei null&ldquo;, sagte Gersten. &bdquo;Wir lagen lange Zeit bei null.&ldquo;<\/p><p><strong>&bdquo;Uns wurde gesagt: &sbquo;Bombardiert, was immer ihr k&ouml;nnt&lsquo;&ldquo;<\/strong><\/p><p>Alle f&uuml;r diese Untersuchung befragten Quellen sagten, dass die Massaker der Hamas am 7. Oktober und die Entf&uuml;hrung von Geiseln die Feuerrichtlinien der Armee und das Ausma&szlig; der Kollateralsch&auml;den stark beeinflusst h&auml;tten. &bdquo;Anfangs war die Stimmung schmerzhaft und von Rachegel&uuml;sten gepr&auml;gt&ldquo;, sagte B., der unmittelbar nach dem 7. Oktober zum Milit&auml;r eingezogen wurde und in einem Einsatzraum f&uuml;r Zielerfassung diente. &bdquo;Die Regeln waren sehr lax. Sie haben vier Geb&auml;ude zerst&ouml;rt, obwohl sie wussten, dass sich das Ziel in einem davon befand. Es war verr&uuml;ckt.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Es gab eine Unstimmigkeit: Einerseits waren die Leute hier frustriert, dass wir nicht genug angriffen&ldquo;, fuhr B. fort. &bdquo;Andererseits sieht man am Ende des Tages, dass wieder tausend Menschen aus Gaza gestorben sind, die meisten davon Zivilisten.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;In den Reihen der Berufssoldaten herrschte Hysterie&ldquo;, sagte D., der ebenfalls unmittelbar nach dem 7. Oktober eingezogen wurde. &bdquo;Sie hatten &uuml;berhaupt keine Ahnung, wie sie reagieren sollten. Das Einzige, was sie zu tun wussten, war, einfach wie Verr&uuml;ckte mit den Bombenangriffen loszulegen, um zu versuchen, die Kapazit&auml;ten der Hamas zu zerst&ouml;ren.&ldquo;<\/p><p>D. betonte, dass ihnen nicht ausdr&uuml;cklich gesagt wurde, das Ziel der Armee sei &bdquo;Rache&ldquo;, &auml;u&szlig;erte jedoch: &bdquo;Sobald jedes mit der Hamas verbundene Ziel legitim wird und fast jeder Kollateralschaden genehmigt wird, ist dir klar, dass Tausende von Menschen get&ouml;tet werden. Auch wenn offiziell jedes Ziel mit der Hamas in Verbindung steht, verliert dies jegliche Bedeutung, wenn die Politik so lax ist.&ldquo;\n<\/p><p>Auch A. verwendete das Wort &bdquo;Rache&ldquo;, um die Atmosph&auml;re innerhalb der Armee nach dem 7. Oktober zu beschreiben. &bdquo;Niemand dachte dar&uuml;ber nach, was man danach tun sollte, wenn der Krieg vorbei ist, oder wie es m&ouml;glich sein wird, in Gaza zu leben, und was sie damit machen werden&ldquo;, sagte A. &bdquo;Uns wurde gesagt: Jetzt m&uuml;ssen wir die Hamas fertigmachen, egal was es kostet. Bombardiert, was immer ihr k&ouml;nnt.&ldquo;<\/p><p>B., der hochrangige Geheimdienstmitarbeiter, sagte, r&uuml;ckblickend glaube er, dass diese &bdquo;unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ige&ldquo; Politik, Pal&auml;stinenser in Gaza zu t&ouml;ten, auch Israelis gef&auml;hrde und dass dies einer der Gr&uuml;nde war, warum er beschloss, sich interviewen zu lassen.<\/p><p>&bdquo;Kurzfristig sind wir sicherer, weil wir die Hamas schw&auml;chen. Aber ich glaube, langfristig sind wir weniger sicher. Ich sehe, wie all die trauernden Familien in Gaza &ndash; das betrifft fast jeden &ndash; in zehn Jahren die Motivation f&uuml;r die Hamas steigern werden. Und es wird f&uuml;r sie viel einfacher sein, sie zu rekrutieren.&ldquo;<\/p><p>In einer Stellungnahme gegen&uuml;ber <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em> bestritt die israelische Armee einen Gro&szlig;teil dessen, was uns die Quellen berichtet hatten, und behauptete, dass &bdquo;jedes Ziel einzeln gepr&uuml;ft wird, wobei eine individuelle Bewertung des milit&auml;rischen Vorteils und der zu erwartenden Kollateralsch&auml;den des Angriffs vorgenommen wird &hellip; Die IDF f&uuml;hrt keine Angriffe durch, wenn die zu erwartenden Kollateralsch&auml;den im Verh&auml;ltnis zum milit&auml;rischen Vorteil unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hoch sind.&ldquo;<\/p><p><strong><u>Schritt 5: Berechnung der Kollateralsch&auml;den<\/u><\/strong><\/p><p><strong>&bdquo;Das Modell hatte keinen Bezug zur Realit&auml;t&ldquo;<\/strong><\/p><p>Nach Angaben von Geheimdienstquellen erfolgte die Kalkulation der israelischen Armee hinsichtlich der Anzahl der Zivilisten, bei denen in jedem Haus neben einem Ziel mit dem Tod zu rechnen war &ndash; ein Verfahren, das in einer <a href=\"https:\/\/www.972mag.com\/mass-assassination-factory-israel-calculated-bombing-gaza\/\">fr&uuml;heren Untersuchung<\/a> von <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em> untersucht wurde &ndash;, mithilfe automatisierter und ungenauer Tools. In fr&uuml;heren Kriegen verbrachten Geheimdienstmitarbeiter viel Zeit damit, zu &uuml;berpr&uuml;fen, wie viele Menschen sich in einem Haus befanden, das bombardiert werden sollte, wobei die Zahl der Zivilisten, die voraussichtlich get&ouml;tet w&uuml;rden, als Teil einer &bdquo;Zielakte&ldquo; aufgef&uuml;hrt wurde. Nach dem 7. Oktober wurde diese gr&uuml;ndliche &Uuml;berpr&uuml;fung jedoch weitgehend zugunsten der Automatisierung aufgegeben.<\/p><p>Im Oktober 2023 <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2023\/10\/16\/world\/middleeast\/gaza-invasion-israel-cellphone-data.html\">berichtete die <em>New York Times<\/em><\/a> &uuml;ber ein System, das von einer speziellen Basis im S&uuml;den Israels aus betrieben wird und Informationen von Mobiltelefonen im Gazastreifen sammelt, um dem Milit&auml;r eine Echtzeit-Sch&auml;tzung der Anzahl der Pal&auml;stinenser zu liefern, die aus dem n&ouml;rdlichen Gazastreifen nach S&uuml;den flohen.<\/p><p>Brigadegeneral Udi Ben Muha sagte gegen&uuml;ber der <em>NYT<\/em>: &bdquo;Es ist kein zu 100 Prozent perfektes System &ndash; aber es gibt dir die Informationen, die du brauchst, um eine Entscheidung zu treffen.&ldquo; Das System arbeitet anhand von Farben: Rot markiert Gebiete, in denen sich viele Menschen aufhalten, Gr&uuml;n und Gelb markieren Gebiete, die weitgehend von Einwohnern ger&auml;umt wurden.<\/p><p>Die Quellen, die mit <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em> sprachen, beschrieben ein &auml;hnliches System zur Berechnung von Kollateralsch&auml;den, das verwendet wurde, um zu entscheiden, ob ein Geb&auml;ude in Gaza bombardiert werden sollte. Sie sagten, die Software habe die Anzahl der Zivilisten berechnet, die vor dem Krieg in jedem Haus wohnten &ndash; indem sie die Gr&ouml;&szlig;e des Geb&auml;udes einsch&auml;tzte und die Liste der Bewohner &uuml;berpr&uuml;fte &ndash; und diese Zahlen dann um den Anteil der Bewohner reduzierte, die vermutlich aus der Nachbarschaft evakuiert worden waren.<\/p><p>Um das zu veranschaulichen: Wenn die Armee sch&auml;tzte, dass die H&auml;lfte der Bewohner einer Nachbarschaft das Gebiet verlassen hatte, z&auml;hlte das Programm ein Haus, in dem normalerweise 10 Personen wohnten, als ein Haus mit f&uuml;nf Personen. Um Zeit zu sparen, so die Quellen, habe die Armee die H&auml;user nicht &uuml;berpr&uuml;ft, um festzustellen, wie viele Menschen tats&auml;chlich dort lebten, wie sie es bei fr&uuml;heren Operationen getan hatte, um herauszufinden, ob die Sch&auml;tzung des Programms tats&auml;chlich zutreffend war.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dieses Modell hatte keinen Bezug zur Realit&auml;t&ldquo;, erkl&auml;rte eine Quelle. &bdquo;Es gab keinen Zusammenhang zwischen denjenigen, die sich jetzt, w&auml;hrend des Krieges, im Haus befanden, und denjenigen, die vor dem Krieg als dort wohnhaft aufgef&uuml;hrt waren. Einmal bombardierten wir ein Haus, ohne zu wissen, dass sich darin mehrere Familien befanden, die sich gemeinsam darin versteckt hatten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Quelle sagte weiter, dass, obwohl die Armee wusste, dass solche Fehler auftreten k&ouml;nnten, dieses ungenaue Modell dennoch &uuml;bernommen wurde, weil es schneller war. Daher, so die Quelle, &bdquo;erfolgte die Berechnung der Kollateralsch&auml;den vollst&auml;ndig automatisch und statistisch&ldquo; &ndash; wobei sogar Zahlen herauskamen, die keine ganzen Zahlen waren.<\/p><p><strong><u>Schritt 6: Bombardierung eines Familienhauses<\/u><\/strong><\/p><p><strong>&bdquo;Du hast ohne Grund eine Familie get&ouml;tet&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Quellen, die mit <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em> sprachen, erl&auml;uterten, dass es manchmal eine erhebliche Zeitspanne gab zwischen dem Moment, in dem Ortungssysteme wie &bdquo;Where&rsquo;s Daddy?&ldquo; einen Offizier alarmierten, dass eine Zielperson ihr Haus betreten hatte, und der Bombardierung selbst &ndash; was dazu f&uuml;hrte, dass ganze Familien get&ouml;tet wurden, auch wenn das Ziel der Armee gar nicht getroffen wurde. &bdquo;Es ist mir oft passiert, dass wir ein Haus angegriffen haben, die Person aber gar nicht zu Hause war&ldquo;, sagte eine Quelle. &bdquo;Das Ergebnis ist, dass du ohne Grund eine Familie get&ouml;tet hast.&ldquo;<\/p><p>Drei Geheimdienstquellen berichteten <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em>, dass sie Zeugen eines Vorfalls waren, bei dem die israelische Armee das Privathaus einer Familie bombardierte und sich sp&auml;ter herausstellte, dass sich das eigentliche Ziel des Anschlags gar nicht im Haus befand. Es war keine weitere &Uuml;berpr&uuml;fung in Echtzeit durchgef&uuml;hrt worden.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Manchmal war [das Ziel] fr&uuml;her zu Hause und ging dann nachts woanders schlafen, sagen wir im Untergrund, und du wusstest nichts davon&ldquo;, sagte eine der Quellen. &bdquo;Es gibt Zeiten, in denen man den Standort doppelt &uuml;berpr&uuml;ft, und es gibt Zeiten, in denen man einfach sagt: &sbquo;Okay, er war in den letzten paar Stunden im Haus, also kannst du einfach bombardieren.&lsquo;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Eine andere Quelle beschrieb einen &auml;hnlichen Vorfall, der ihn betraf und ihn dazu veranlasste, f&uuml;r diese Recherche interviewt werden zu wollen. &bdquo;Wir gingen davon aus, dass sich das Ziel um 20 Uhr zu Hause befand. Letztendlich bombardierte die Luftwaffe das Haus um 3 Uhr morgens. Dann fanden wir heraus, dass er es geschafft hatte, mit seiner Familie in ein anderes Haus zu ziehen. In dem Geb&auml;ude, das wir bombardierten, befanden sich zwei andere Familien mit Kindern.&ldquo;<\/p><p>In fr&uuml;heren Kriegen im Gazastreifen f&uuml;hrte der israelische Geheimdienst nach der T&ouml;tung von Personen als Zielobjekten Verfahren zur Bombenschadensbewertung (BDA) durch &ndash; eine routinem&auml;&szlig;ige &Uuml;berpr&uuml;fung nach dem Angriff, um festzustellen, ob der hochrangige Kommandeur get&ouml;tet wurde und wie viele Zivilisten mit ihm ums Leben kamen.<\/p><p>Wie in einer <a href=\"https:\/\/www.972mag.com\/gaza-soldiers-civilians-intelligence\/\">fr&uuml;heren Untersuchung <\/a>von <em>+972<\/em> und <em>Local Call<\/em> aufgedeckt wurde, umfasste dies das Abh&ouml;ren von Telefonaten von Angeh&ouml;rigen, die ihre Liebsten verloren hatten. Im aktuellen Krieg jedoch wurde dieses Verfahren, zumindest in Bezug auf mit KI markierte rangniedrige Militante, laut Quellen abgeschafft, um Zeit zu sparen. Die Quellen sagten, sie w&uuml;ssten nicht, wie viele Zivilisten bei jedem Angriff tats&auml;chlich get&ouml;tet wurden, und bei den von der KI markierten rangniedrigen mutma&szlig;lichen Hamas- und PIJ-Aktivisten w&uuml;ssten sie nicht einmal, ob das Ziel selbst get&ouml;tet wurde.<\/p><p>&bdquo;Du wei&szlig;t nicht genau, wie viele du get&ouml;tet hast und wen du get&ouml;tet hast&ldquo;, sagte eine Geheimdienstquelle <a href=\"https:\/\/twitter.com\/yuval_abraham\/status\/1750123648533324158?lang=en\">gegen&uuml;ber <em>Local Call<\/em><\/a> bei einer fr&uuml;heren Untersuchung, die im Januar 2024 ver&ouml;ffentlicht wurde. &bdquo;Nur bei hochrangigen Hamas-Aktivisten h&auml;ltst du dich an das BDA-Verfahren. In den &uuml;brigen F&auml;llen ist es dir egal. Du bekommst einen Bericht der Luftwaffe dar&uuml;ber, ob das Geb&auml;ude gesprengt wurde, und das war&rsquo;s. Du hast keine Ahnung, wie gro&szlig; der Kollateralschaden war. Du gehst sofort zum n&auml;chsten Ziel &uuml;ber. Der Fokus lag darauf, so schnell wie m&ouml;glich so viele Ziele wie m&ouml;glich zu schaffen.&ldquo;<\/p><p>Aber w&auml;hrend das israelische Milit&auml;r nach jedem Angriff weitermacht, ohne sich mit der Zahl der Opfer aufzuhalten, sagte Amjad Al-Sheikh, der Bewohner von Shuja&rsquo;iya, der bei dem Bombardement am 2. Dezember elf seiner Familienangeh&ouml;rigen verlor, dass er und seine Nachbarn immer noch nach Leichen suchen.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Bis heute liegen Leichen unter den Tr&uuml;mmern&ldquo;, sagte er. &bdquo;Vierzehn Wohnh&auml;user wurden bombardiert, mit den Bewohnern darin. Einige meiner Verwandten und Nachbarn sind noch immer versch&uuml;ttet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><em>Der Beitrag erschien <a href=\"https:\/\/www.972mag.com\/lavender-ai-israeli-army-gaza\/\">im Original bei +972 Magazine<\/a>. Aus dem Englischen &uuml;bersetzt von <strong>Marta Andujo<\/strong>.<\/em><\/p><p><em>&Uuml;ber den Autor: <strong>Yuval Abraham<\/strong> ist Journalist und Filmemacher und lebt in Jerusalem.<\/em><\/p><p><small>Ttielbild: Yonatan Sindel\/Flash90 &ndash; Smoke rises after Israeli airstrikes in Beit Lahia, in the northern Gaza Strip, December 28, 2023.<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Das <a href=\"https:\/\/www.972mag.com\/knesset-apartheid-laws-gaza-war\/\"><em>+972 Magazine<\/em><\/a> ist ein unabh&auml;ngiges Onlinemagazin, das von einer Gruppe pal&auml;stinensischer und israelischer Journalisten betrieben wird. <strong>Local Call<\/strong> ist eine hebr&auml;ischsprachige Nachrichtenseite, die sich f&uuml;r <strong>B&uuml;rgerjournalismus<\/strong> (Citizen Journalism) und <strong>unabh&auml;ngige Medien<\/strong> einsetzt. Beide Projekte arbeiten eng zusammen und bieten Plattformen f&uuml;r Basisaktivismus, politische Analysen und investigativen Journalismus aus der Region.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die israelische Armee hat Zehntausende Bewohner des Gazastreifens als potenzielle Zielpersonen f&uuml;r T&ouml;tungsaktionen eingestuft &ndash; mithilfe eines KI-Zielerfassungssystems, das kaum menschlicher Kontrolle unterliegt, und einer Politik, die hohe Opferzahlen in Kauf nimmt. Dies haben j&uuml;dische und pal&auml;stinensische Journalisten in einer gemeinsamen Recherche aufgedeckt. Von <strong>Yuval Abraham<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":151527,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[171],"tags":[302,901,1917,822,2175,1471,1557,1805,304,2840,2360],"class_list":["post-151523","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-militaereinsaetzekriege","tag-gaza","tag-geheimdienste","tag-genozid","tag-hamas","tag-interventionspolitik","tag-investigativer-journalismus","tag-israel","tag-kuenstliche-intelligenz","tag-kriegsverbrechen","tag-massenmord","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/F231228YS59.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=151523"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":151618,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151523\/revisions\/151618"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/151527"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=151523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=151523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=151523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}