{"id":151538,"date":"2026-06-03T12:00:18","date_gmt":"2026-06-03T10:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151538"},"modified":"2026-06-03T13:06:19","modified_gmt":"2026-06-03T11:06:19","slug":"nicht-nachricht-der-woche-jeffrey-sachs-offener-brief-an-friedrich-merz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151538","title":{"rendered":"Nicht-Nachricht der Woche \u2013 Jeffrey Sachs&#8217; Offener Brief an Friedrich Merz"},"content":{"rendered":"<p>Jeffrey Sachs ist nicht irgendwer. Der Star&ouml;konom von der Columbia University war einst als Sonderberater der UN und f&uuml;r den IWF, die Weltbank, die OECD sowie die WTO t&auml;tig und beriet zahlreiche Staaten des ehemaligen Ostblocks wirtschaftspolitisch &ndash; ein Schwergewicht der internationalen Diplomatie. Nun hat ebenjener Jeffrey Sachs sich in einem dramatischen Offenen Brief an Bundeskanzler Merz gewandt, in dem er eine sofortige diplomatische Initiative gegen&uuml;ber Russland fordert, um eine weitere Eskalation des Ukrainekriegs bis hin zu einem direkten Krieg zwischen Europa und Russland zu verhindern. Ein wichtiger, eindringlicher Text, der der Deutungshoheit des Mainstreams widerspricht. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEigentlich sollte man ja meinen, ein solcher Vorgang sei zumindest berichtenswert. Doch genau das Gegenteil ist geschehen. Mit l&ouml;blicher Ausnahme von <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/jeffrey-sachs-an-open-letter-to-chancellor-friedrich-merz-10038768\"><em>Berliner Zeitung<\/em><\/a> und <a href=\"https:\/\/weltwoche.ch\/daily\/europa-und-russland-schlittern-in-einen-offenen-krieg-offener-brief-von-us-oekonom-jeffrey-sachs-an-bundeskanzler-merz\/\"><em>Weltwoche<\/em><\/a> &ndash; die jedoch beide nicht dem Mainstream zuzuordnen sind &ndash; wurde Sachs&rsquo; lesenswerter Text von den gro&szlig;en deutschsprachigen Medien schlichtweg ignoriert. Ob man Sachs zustimmt oder nicht, ist dabei vollkommen nebens&auml;chlich. Die eigentliche Frage lautet: Warum erf&auml;hrt die deutsche &Ouml;ffentlichkeit davon praktisch nichts?<\/p><p>Die Antwort f&uuml;hrt direkt ins Herz des deutschen Mediensystems. Die klassische Aufgabe von Journalisten besteht darin, relevante Informationen zu vermitteln und gesellschaftliche Debatten abzubilden. Gerade in Fragen von Krieg und Frieden sollten unterschiedliche Perspektiven sichtbar gemacht werden. Stattdessen erleben wir seit Jahren das Gegenteil. Bestimmte Positionen werden verst&auml;rkt, andere verschwinden aus dem &ouml;ffentlichen Raum. Nicht durch offene Zensur, sondern durch Ignorieren.<\/p><p>Der Offene Brief von Jeffrey Sachs stellt f&uuml;r viele Redaktionen offenbar ein Problem dar. Nicht weil sein Verfasser unbedeutend w&auml;re. Nicht weil seine Argumente irrelevant w&auml;ren. Sondern weil sie dem dominierenden Narrativ widersprechen. Sachs beschreibt den Krieg nicht als einfachen Kampf zwischen Gut und B&ouml;se. Er kritisiert westliche Entscheidungen, fordert Diplomatie und stellt die derzeitige Eskalationsstrategie infrage. Damit verl&auml;sst er den schmalen Meinungskorridor, den gro&szlig;e Teile der deutschen Medienlandschaft in den vergangenen Jahren selbst errichtet haben.<\/p><p>Die Folgen dieser Einseitigkeit sind gravierend. Wer die Informationskan&auml;le kontrolliert, bestimmt auch, welche Fragen &uuml;berhaupt gestellt werden d&uuml;rfen. Der Gatekeeper entscheidet nicht nur dar&uuml;ber, was berichtet wird. Er entscheidet vor allem dar&uuml;ber, was nicht berichtet wird. Und genau diese Macht wird heute in bemerkenswerter Geschlossenheit ausge&uuml;bt.<\/p><p>Dabei w&auml;re gerade die Position von Sachs f&uuml;r eine demokratische Debatte unverzichtbar. Seine Argumente k&ouml;nnten kritisiert, widerlegt oder diskutiert werden. Doch dazu m&uuml;ssten sie zun&auml;chst einmal bekannt sein. Stattdessen entsteht f&uuml;r viele Mediennutzer der Eindruck, als g&auml;be es weltweit nur eine ernstzunehmende Sicht auf den Konflikt. Wer davon abweicht, wird entweder ignoriert oder als Au&szlig;enseiter dargestellt. Dies ist kein Journalismus mehr, der Debatten erm&ouml;glicht. Es ist Journalismus, der Debatten verwaltet.<\/p><p><strong>Anhang: Offener Brief von Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Merz<\/strong><\/p><blockquote><p>Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,<\/p>\n<p>als ich Ihnen vor einem halben Jahr einen offenen Brief schrieb, habe ich an Deutschland appelliert, die Diplomatie gegen&uuml;ber Russland zu suchen, anstatt den Krieg zu normalisieren. Sechs Monate sp&auml;ter hat sich die Lage in Europa dramatisch verschlechtert. Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg. In dieser Situation tragen Sie, Herr Bundeskanzler, eine einzigartige Verantwortung. Kein anderer europ&auml;ischer Staats- und Regierungschef &ndash; weder in Paris, noch in Warschau, noch in Rom &ndash; verf&uuml;gt &uuml;ber das Gewicht Deutschlands oder hat die Macht, die Sie pers&ouml;nlich besitzen, diese Katastrophe zu verhindern. Werden Sie sich f&uuml;r den Frieden einsetzen?<\/p>\n<p>Sie selbst forderten im Januar 2026 gemeinsam mit Premierminister Meloni und Pr&auml;sident Macron die Wiederaufnahme der Beziehungen Europas zu Russland und bezeichneten Russland als &bdquo;ein europ&auml;isches Land&ldquo;. Dennoch haben Sie die Diplomatie nicht verfolgt. Angesichts der Zukunft Europas, die auf dem Spiel steht, ist dies ein beispielloser Verzicht auf Ihre F&uuml;hrungsrolle. Haben Sie in Ihrer Zeit als Bundeskanzler auch nur einen einzigen substanziellen Dialog mit Pr&auml;sident Putin versucht? Hat Ihr Au&szlig;enminister jemals einen substanziellen Dialog mit Au&szlig;enminister Lawrow versucht? Echte Gespr&auml;che, so wie jene, die den Kalten Krieg beendeten? Soweit die &ouml;ffentlichen Aufzeichnungen belegen, lautet die Antwort: Nein. Nicht ein einziges Mal. Und nicht etwa, weil die Dringlichkeit nicht erkannt worden w&auml;re.<\/p>\n<p>Die vergangenen Tage haben eine gef&auml;hrliche Eskalation mit sich gebracht, die alle Europ&auml;er aufr&uuml;tteln sollte. Beide Hauptst&auml;dte stehen nun unter anhaltendem Beschuss: Ukrainische Langstreckendrohnen haben tief in Moskau eingeschlagen, darunter auch zivile Ziele. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf Kiew haben sich massiv verst&auml;rkt. Ukrainische Drohnen sind in den Luftraum der baltischen Staaten eingedrungen und haben damit die unmittelbare Gefahr eines Zwischenfalls geweckt, der Europa direkt in den Krieg hineinziehen k&ouml;nnte. Ein entsetzlicher ukrainischer Angriff auf eine Jungenschule in Luhansk hat die letzten Reste der Zur&uuml;ckhaltung weiter untergraben. Am 25. Mai informierte Au&szlig;enminister Sergej Lawrow auf Anweisung von Pr&auml;sident Putin den US-Au&szlig;enminister offiziell dar&uuml;ber, dass die russischen Streitkr&auml;fte nun &bdquo;systematische und anhaltende Angriffe&ldquo; auf Einrichtungen und Entscheidungszentren in Kiew durchf&uuml;hren. Das russische Au&szlig;enministerium riet den Vereinigten Staaten und anderen L&auml;ndern, &bdquo;die Evakuierung ihres diplomatischen Personals und ihrer Staatsb&uuml;rger aus der ukrainischen Hauptstadt sicherzustellen&ldquo;. Diese Nachricht ist der Auftakt zu einer massiven Eskalation. Diplomatie ist dringender denn je.<\/p>\n<p>Der Weg zur Verteidigung der Ukraine ist nicht die Fortsetzung des Gemetzels, sondern ein Frieden zu Bedingungen, die f&uuml;r alle Parteien akzeptabel sind. Stattdessen droht uns eine Eskalation mit noch mehr Toten, noch mehr Zerst&ouml;rung und der realen Gefahr eines Krieges, der sich &uuml;ber die Ukraine hinaus ausweitet. Indem Sie immer mehr Waffen, immer gr&ouml;&szlig;ere Kriegskapazit&auml;ten und immer lautere Demonstrationen von &bdquo;Entschlossenheit&ldquo; fordern und signalisieren, dass Deutschland sich auf einen Krieg vorbereitet, anstatt an dessen Beendigung zu arbeiten, haben Sie Berlin zum Beschleuniger statt zur Bremse eines europaweiten Krieges gemacht.<\/p>\n<p><strong>Deutschlands Verantwortung: Sechs Punkte <\/strong><\/p>\n<p>Deutschland tr&auml;gt eine erhebliche Verantwortung f&uuml;r die gegenw&auml;rtige Situation. Bevor die deutsche Politik auf Frieden ausgerichtet werden kann, muss Deutschlands Vergangenheit ehrlich aufgearbeitet werden. Im Folgenden f&uuml;hre ich sechs schwerwiegende Vers&auml;umnisse der deutschen Au&szlig;enpolitik gegen&uuml;ber Russland seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 auf.<\/p>\n<p><strong>Erstens &ndash; der 2+4-Vertrag und die Osterweiterung der NATO <\/strong><\/p>\n<p>Am 12. September 1990 unterzeichnete Deutschland in Moskau den Vertrag &uuml;ber die endg&uuml;ltige Regelung der Angelegenheiten Deutschlands &ndash; den &bdquo;2+4-Vertrag&ldquo; &ndash;, der die deutsche Wiedervereinigung vollendete. Dieser Vertrag kam zustande, weil Michail Gorbatschow von Hans Dietrich Genscher, Helmut Kohl, James Baker und anderen westlichen Staats- und Regierungschefs die feierliche Zusicherung erhielt, dass die NATO nicht nach Osten expandieren w&uuml;rde. Die freigegebenen Akten &ndash; darunter die nun &ouml;ffentlich zug&auml;nglichen Memoranden des National Security Archive der George Washington University &ndash; sind eindeutig: Diese Zusicherungen wurden gegeben und sollten sich, wie damals klar formuliert, &uuml;ber das Gebiet der ehemaligen DDR hinaus auf Osteuropa erstrecken. Sie wurden 1990 und 1991 bekr&auml;ftigt. Der 2+4-Vertrag beschr&auml;nkt die Stationierung von NATO-Truppen in der ehemaligen DDR und erinnert an die Grunds&auml;tze der Schlussakte von Helsinki, die betont, dass die Sicherheit keiner Nation auf Kosten der Sicherheit einer anderen gehen darf. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Sowjetunion westliche Truppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ablehnte, aber NATO-Armeen in Warschau, Vilnius oder Kiew gleichg&uuml;ltig gegen&uuml;berstand? Nat&uuml;rlich nicht. Die NATO-Erweiterung wurde ausf&uuml;hrlich er&ouml;rtert, und Deutschland gab der sowjetischen F&uuml;hrung ausdr&uuml;ckliche Zusicherungen, die Erweiterung nach Osten zu verweigern &ndash; und brach diese sp&auml;ter. Deutschland profitierte am meisten von diesen Zusicherungen, die die Gegenleistung f&uuml;r die deutsche Wiedervereinigung darstellten. Doch bereits 1993 begannen deutsche Politiker, diese Zusicherungen zu brechen.<\/p>\n<p><strong>Zweitens &ndash; Bundeskanzlerin Merkels eigene Aussage <\/strong><\/p>\n<p>In ihren Memoiren schreibt Angela Merkel mit bemerkenswerter Offenheit, dass sie zum Zeitpunkt des Bukarester Gipfels 2008 verstand, dass die Einladung der Ukraine und Georgiens in die NATO einer Kriegserkl&auml;rung an Russland gleichk&auml;me. Sie kannte Russlands rote Linie. Und dennoch gab sie dem amerikanischen Druck nach und akzeptierte die Kompromisserkl&auml;rung, wonach die Ukraine und Georgien irgendwann NATO-Mitglieder &bdquo;werden k&ouml;nnen&ldquo;. Dieser eine Satz setzte die Katastrophen von 2014 und 2022 in Gang. Merkels sp&auml;tere Offenheit ist ein Geschenk an ihre Nachfolger: Sie hat Ihnen klar und deutlich gesagt, was damals klar war. Deutschland sollte jetzt nicht so tun, als ob nicht.<\/p>\n<p><strong>Drittens &ndash; der Verrat am Abkommen vom 21. Februar 2014<\/strong><\/p>\n<p>Am 21. Februar 2014 vermittelte der damalige deutsche Au&szlig;enminister Frank-Walter Steinmeier in Kiew gemeinsam mit seinen polnischen und franz&ouml;sischen Amtskollegen ein Abkommen zwischen Pr&auml;sident Janukowitsch und der Opposition. Das Abkommen sah die Wiedereinf&uuml;hrung der Verfassung von 2004, die Bildung einer nationalen Einheitsregierung und vorgezogene Pr&auml;sidentschaftswahlen vor. Pr&auml;sident Putin wurde konsultiert; das Abkommen wurde best&auml;tigt. Es war ein bedeutender diplomatischer Erfolg in einer Situation heftiger Spannungen und offener Gewalt. Doch innerhalb von 24 Stunden wurde Janukowitsch durch einen gewaltsamen Putsch gest&uuml;rzt. Deutschland bestand nicht auf dem Abkommen, das es gerade noch garantiert hatte. Stattdessen unterst&uuml;tzte Deutschland, dem Beispiel der USA folgend, die neue Regierung, als ob es nie ein Abkommen gegeben h&auml;tte. Diese Entscheidung best&auml;rkte Moskau in der Annahme, dass westlichen Unterschriften nicht zu trauen sei.<\/p>\n<p><strong>Viertens &ndash; Minsk II <\/strong><\/p>\n<p>Im Februar 2015 verhandelte Bundeskanzlerin Merkel pers&ouml;nlich das Minsker Abkommen II im Normandie-Format und sicherte in der am 12. Februar 2015 in Minsk verabschiedeten Unterst&uuml;tzungserkl&auml;rung Deutschlands politische Unterst&uuml;tzung zu. Sieben Jahre lang wurde die zentrale politische Bestimmung &ndash; die Autonomie der Donbass-Regionen innerhalb einer souver&auml;nen Ukraine &ndash; von Kiew nicht umgesetzt. Deutschland &uuml;bte keinen Druck auf Kiew aus, die von ihm selbst geforderte Autonomiebestimmung umzusetzen. Merkel r&auml;umte sp&auml;ter ein, dass das Abkommen als Druckmittel genutzt worden war, um der Ukraine die Wiederbewaffnung zu erm&ouml;glichen. Pr&auml;sident Hollande &auml;u&szlig;erte sich &auml;hnlich. Die Garantie war also in Wirklichkeit keine Garantie. Sie war eine Strategie &ndash; wiederum auf Gehei&szlig; Washingtons. Wieder einmal lautete die Botschaft an Moskau: Westlichen Unterschriften kann man nicht trauen.<\/p>\n<p><strong>F&uuml;nftens &ndash; Nord Stream <\/strong><\/p>\n<p>Am 7. Februar 2022 verk&uuml;ndete Pr&auml;sident Biden im East Room des Wei&szlig;en Hauses &ndash; in Anwesenheit des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz: &bdquo;Wenn Russland (in der Ukraine) einmarschiert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen.&ldquo; Auf die Frage nach dem Wie antwortete er: &bdquo;Ich verspreche Ihnen, wir werden dazu in der Lage sein.&ldquo; Sieben Monate sp&auml;ter wurden die Pipelines durch einen Sabotageakt in der Ostsee zerst&ouml;rt. Die vorliegenden Beweise &ndash; investigative Recherchen in den USA und Deutschland, die Ermittlungen der deutschen Bundesanwaltschaft und &ouml;ffentliche Aussagen ehemaliger Beamter &ndash; deuten &uuml;berw&auml;ltigend auf eine gemeinsame ukrainisch-amerikanische Operation hin. Die deutsche Bundesregierung wusste dies schon lange. Und dennoch hat Deutschland zugelassen, dass die &ouml;ffentliche Schuld entgegen den eindeutigen Beweisen Russland zugeschoben wird, w&auml;hrend ein Akt industrieller Sabotage gegen die deutsche Wirtschaft ungestraft und unbeantwortet blieb.<\/p>\n<p><strong>Sechstens &ndash; das Istanbul-Abkommen vom April 2022, das zum Greifen nah war<\/strong><\/p>\n<p>Nur wenige Wochen nach Russlands Invasion im Februar 2022 trafen sich russische und ukrainische Unterh&auml;ndler in Istanbul, um die Bedingungen eines Friedensabkommens auszuhandeln: Neutralit&auml;t der Ukraine au&szlig;erhalb der NATO, multilaterale Sicherheitsgarantien, vereinbarte Truppenbegrenzungen und die schrittweise politische L&ouml;sung der Donbass- und Krim-Frage. Das Abkommen stand kurz vor der Unterzeichnung. Der ehemalige israelische Ministerpr&auml;sident Naftali Bennett, einer der Vermittler, best&auml;tigte &ouml;ffentlich, dass die Einigung kurz bevorstand und dass der Westen &ndash; insbesondere die Vereinigten Staaten und Gro&szlig;britannien &ndash; versucht hatte, sie zu verhindern. Die Mission von Premierminister Boris Johnson nach Kiew im April 2022, um die Ukraine anzuweisen, das Abkommen nicht zu unterzeichnen, ist aktenkundig. Hunderttausende ukrainische und russische Menschenleben sowie die gesamte europ&auml;ische Ordnung haben den Preis f&uuml;r diese US-amerikanisch-britische Intervention bezahlt. Deutschland hat dazu geschwiegen &ndash; obwohl Deutschland wie kein anderes europ&auml;isches Land die wirtschaftlichen Folgen zu tragen hatte.<\/p>\n<p><strong>Deutschlands wirtschaftliche Selbstzerst&ouml;rung<\/strong><\/p>\n<p>Ihre oberste Priorit&auml;t muss der Frieden sein. Die aktuellen Nachrichten aus Moskau verdeutlichen die Dringlichkeit der Lage. Doch parallel zur ersten Katastrophe bahnt sich eine zweite an: die vors&auml;tzliche Zerst&ouml;rung der deutschen Wirtschaft, wobei Berlin sowohl Urheber als auch Opfer ist.<\/p>\n<p>Deutschlands Industrie basierte auf dem Handel mit Russland. Die Zerst&ouml;rung von Nord Stream und der darauffolgende Abbruch der deutsch-russischen Handelsbeziehungen haben dazu gef&uuml;hrt, dass Deutschland Erdgas aus den USA zu Preisen kauft, die um ein Vielfaches h&ouml;her sind als die Preise des russischen Pipelinegases, welches es ersetzt. Dies ist industrieller Selbstmord. Deutschlands Chemieindustrie, Stahlindustrie, Glasindustrie, energieintensive Hersteller &ndash; das Fundament des Mittelstands &ndash; verlieren Tag f&uuml;r Tag an internationaler Wettbewerbsf&auml;higkeit. Qualifizierte Arbeitspl&auml;tze verschwinden aus der deutschen Wirtschaft. Und der deutsche Steuerzahler und der deutsche Verbraucher transferieren nationales Verm&ouml;gen in einem in der Nachkriegszeit Europas beispiellosen Ausma&szlig; von Deutschland zu amerikanischen Gasproduzenten.<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus plant die Bundesregierung nun einen massiven R&uuml;stungsausbau &ndash; Hunderte von Milliarden Euro im kommenden Jahrzehnt &ndash;, um sich f&uuml;r einen Krieg zu r&uuml;sten, der durch Diplomatie leicht h&auml;tte verhindert werden k&ouml;nnen. Dies ist eine eklatante Fehlallokation nationaler Ressourcen. Die zentrale Herausforderung f&uuml;r Deutschland in diesem Jahrzehnt ist die Wettbewerbsf&auml;higkeit im digitalen Zeitalter. Jeder Euro, der f&uuml;r Panzer, Raketen und Artilleriegranaten ausgegeben wird, fehlt Deutschlands KI-Kapazit&auml;ten, seine Chipentwicklung und -fertigung, seine Energieinfrastruktur und die Hochgeschwindigkeits-Digitalnetze, die es ben&ouml;tigt, um eine f&uuml;hrende Wirtschaftsmacht zu bleiben.<\/p>\n<p>Die bittere Realit&auml;t, Herr Bundeskanzler, ist: Mit diesen Waffen l&auml;sst sich jene Sicherheit nicht erkaufen, die durch Diplomatie zu einem Bruchteil der Kosten erreicht werden k&ouml;nnte. Und ohne die Investitionen in Digitalisierung und Energie, die durch diese Aufr&uuml;stung verdr&auml;ngt werden, ist kein Wohlstand zu erzielen.<\/p>\n<p>Mein Appell: Herr Bundeskanzler, mehr als jeder andere europ&auml;ische Staats- und Regierungschef sind Sie gefragt, wenn es darum geht, ob Europa in einen allgemeinen Krieg abgleitet oder zu Verhandlungen und wirtschaftlicher Vernunft zur&uuml;ckkehrt. Es ist h&ouml;chste Zeit zu handeln. Die aktuelle offizielle Botschaft Moskaus an Washington belegt dies eindeutig. Bitte nehmen Sie den Dialog mit Pr&auml;sident Putin auf. Bitte entsenden Sie Ihren Au&szlig;enminister nach Moskau oder laden Sie den russischen Au&szlig;enminister nach Berlin ein. Bitte &ouml;ffnen Sie die OSZE-Kan&auml;le wieder, die Deutschland verk&uuml;mmern lie&szlig;. Bitte fordern Sie Kiew auf, die Angriffe auf zivile Ziele einzustellen.<\/p>\n<p>Vor allem aber: Sagen Sie der deutschen &Ouml;ffentlichkeit die Wahrheit. Ein auf der Neutralit&auml;t der Ukraine basierender Verhandlungsfrieden ist der realistische Weg aus der Katastrophe, und die Wiederherstellung normaler Wirtschaftsbeziehungen mit Russland ist der realistische Weg aus dem industriellen Niedergang Deutschlands.<\/p>\n<p>Die Bedingungen eines akzeptablen Abkommens, das Deutschland vorschlagen k&ouml;nnte, sind klar: Die K&auml;mpfe werden an einer Waffenstillstandslinie eingestellt. Alle Seiten verzichten auf jegliche zuk&uuml;nftige Gewaltanwendung in Grenzfragen. Die Ukraine stellt ihre Neutralit&auml;t wieder her, die NATO verzichtet dauerhaft auf eine weitere Osterweiterung. Europa und Russland nehmen ihre Wirtschaftsbeziehungen wieder auf und beenden die Kriegstreiberei. Die OSZE wird wieder zum zentralen Forum f&uuml;r europ&auml;ische Sicherheit, mit dem Grundsatz, dass europ&auml;ische Sicherheit unteilbar ist und nicht auf milit&auml;rischen Bl&ouml;cken beruht, die Europa spalten. In einem solchen Szenario des Friedens kann Deutschland seine nationalen Ressourcen auf die Investitionen in Digitalisierung, KI, Halbleiter und Energie konzentrieren, die Deutschlands wirtschaftliche Zukunft erfordert.<\/p>\n<p>Die Geschichte wird sich daran erinnern, was Sie in den kommenden Wochen tun und was Sie unterlassen. Dasselbe gilt f&uuml;r die deutsche &Ouml;ffentlichkeit, die V&ouml;lker Russlands, der Ukraine und ganz Europas. Es ist Zeit f&uuml;r Diplomatie, Herr Bundeskanzler. Sie haben die Wahl.<\/p>\n<p>Hochachtungsvoll,<\/p>\n<p><em>Jeffrey D. Sachs <\/em><br>\nProfessor an der Columbia University<\/p><\/blockquote><p><small>Titelbild: Screenshot NDS<\/small><em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeffrey Sachs ist nicht irgendwer. Der Star&ouml;konom von der Columbia University war einst als Sonderberater der UN und f&uuml;r den IWF, die Weltbank, die OECD sowie die WTO t&auml;tig und beriet zahlreiche Staaten des ehemaligen Ostblocks wirtschaftspolitisch &ndash; ein Schwergewicht der internationalen Diplomatie. 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