{"id":151592,"date":"2026-06-04T09:00:56","date_gmt":"2026-06-04T07:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151592"},"modified":"2026-06-03T17:56:42","modified_gmt":"2026-06-03T15:56:42","slug":"der-grosse-bafoeg-bluff-nicht-sexy-nicht-lustig-und-garantiert-nichts-wert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151592","title":{"rendered":"Der gro\u00dfe BAf\u00f6G-Bluff. Nicht sexy, nicht lustig und garantiert nichts wert\u00a0"},"content":{"rendered":"<p>Nun sieht auch Raumfahrtministerin B&auml;r keine Chance mehr auf eine z&uuml;gige Reform der Bundesausbildungsf&ouml;rderung. Daf&uuml;r w&auml;re weder eine Mehrheit in Sicht noch Geld da, zumal Studierende in Deutschland ohnehin privilegiert seien. Kritiker sind emp&ouml;rt und die SPD f&uuml;hlt sich verschaukelt. F&uuml;r einen Koalitionsbruch reicht das aber trotzdem nicht. Versprochen! Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nJetzt h&auml;ngt der Haussegen so richtig schief. &bdquo;Wenn die #Baf&ouml;g-Erh&ouml;hung nicht zum Wintersemester kommt, dann gehen wir!&ldquo;, verbreitete die SPD-Bundestagsabgeordnete Carolin Wagner am Montagmorgen auf ihrer Instagram-Seite. Das sollte wohl bedeuten: Genug der Dem&uuml;tigungen, die Sozialdemokraten machen Schluss, falls die Union auch noch das allerletzte Versprechen aus dem Koalitionsvertrag kassiert.<\/p><p>Der Vorgang zeigt: Es kriselt gewaltig zwischen den Regierungspartnern. Erz&uuml;rnt hatte Wagner ein Vorsto&szlig; von Bundesforschungsministerin Dorothee B&auml;r vom vergangenen Wochenende. Dabei hatte sie der einst fest eingeplanten &bdquo;gro&szlig;en Novelle&ldquo; des Bundesausbildungsf&ouml;rderungsgesetz (BAf&ouml;G) so etwas wie den finalen Todessto&szlig; versetzt. &bdquo;Mein Haus hat alle Weichen gestellt f&uuml;r die BAf&ouml;G-Reform, und wir sind auch im Zeitplan&ldquo;, lie&szlig; sich die CSU-Politikerin von den Zeitungen der <em>Funke Mediengruppe<\/em> zitieren.<\/p><blockquote><p>\n<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/news\/2026-05\/31\/ministerin-baer-stellt-sich-auf-aus-fuer-bafoeg-reform-ein\">&bdquo;Ich habe aber auch geh&ouml;rt, dass die Reform von den Regierungsfraktionen nicht mehr unterst&uuml;tzt wird.&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/blockquote><p>Deshalb, so ihr Schluss, erwarte sie keinen schnellen Vollzug des Projekts.<\/p><p><strong>Geht gef&auml;lligst jobben!<\/strong><\/p><p>Dessen Beerdigung erfolgte nach davor schon langer Leidenszeit. Wie die NachDenkSeiten vor einer Woche im Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151186\">&bdquo;Bla, bla, bla. Von Bildung quatschen, aber viel lieber Kampfpanzer kaufen &hellip;&ldquo;<\/a> berichteten, hatte davor schon CDU\/CSU-Fraktionschef Jens Spahn (CDU) proklamiert, &bdquo;staatliche Leistungen wie B&uuml;rgergeld, Wohngeld, Elterngeld, BAf&ouml;G werden wir absehbar nicht erh&ouml;hen k&ouml;nnen&ldquo;. Das war Teil eins der Begr&auml;bniszeremonie. Teil zwei folgte mit der Nichtbehandlung des fraglichen Gesetzentwurfs in der Bundeskabinettssitzung am 27. Juni &ndash; entgegen der Planung, wie die SPD-Fraktion nachher klarstellte.<\/p><p>F&uuml;r den dritten Akt trat B&auml;r nun h&ouml;chstpers&ouml;nlich in die Kanzel. Und kanzelte neben den SPD-Genossen auch noch all diejenigen ab, die einen BAf&ouml;G-Aufschlag zwar bitter n&ouml;tig h&auml;tten, aber absehbar nicht bekommen werden. Die Studierenden sollten gef&auml;lligst jobben gehen, befand die Ministerin. Das sei &bdquo;kein Drama&ldquo;, viele sammelten dabei &bdquo;sogar wichtige Erfahrungen f&uuml;rs Leben und den Beruf&ldquo;. Im &Uuml;brigen sei ihre Situation sehr privilegiert. &bdquo;Es gibt keine Studiengeb&uuml;hren und der Staat erm&ouml;glicht vielen jungen Leuten &uuml;berhaupt erst ein Studium.&ldquo;<\/p><p>Das ist harter Tobak. In Deutschland leben weit &uuml;ber 30 Prozent aller Hochsch&uuml;ler in Armut. Unter denen im BAf&ouml;G-Bezug sind es noch deutlich mehr. &Uuml;ber zwei Drittel gehen nebenher arbeiten, um &uuml;ber die Runden zu kommen. Vor allem die horrenden Mieten und die stark gestiegenen Lebensmittelpreise treiben immer mehr junge Menschen in Existenzn&ouml;te. Den letzten Aufschlag&nbsp;beim BAf&ouml;G, wovon ohnehin nur wenige der rund 2,9 Millionen Hochsch&uuml;ler profitieren, gab es im Herbst 2024. Wie gewohnt hielt die bewilligte Zugabe nicht mit der allgemeinen Lohn- und Preisentwicklung mit.<\/p><p><strong>Faule Ministerin<\/strong><\/p><p>B&auml;rs &Auml;u&szlig;erungen l&ouml;sten prompt w&uuml;tende Reaktionen bei Studierendenvertretern, Gewerkschaften und der Opposition aus. Zum Beispiel erkl&auml;rte Nicole Gohlke von der Bundestagsfraktion Die Linke: <a href=\"https:\/\/www.dielinkebt.de\/presse\/pressemitteilungen\/detail\/bafoeg-absage-dorothee-baer-verhoehnt-die-lebensrealitaet-von-hunderttausenden-studierenden\/\">&bdquo;Dorothee B&auml;r verh&ouml;hnt die Lebensrealit&auml;t von hunderttausenden Studierenden.&ldquo;<\/a> Die CSU-Frau wiederhole <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/studierende-muessen-weiter-um-bafoeg-erhoehung-bangen-100.html\">&bdquo;saudumme Klischees&ldquo;<\/a> vom faulen Studenten, beklagte Juso-Chef Philipp T&uuml;rmer, und der studentische Dachverband fzs konterte: <a href=\"https:\/\/www.fzs.de\/2026\/06\/01\/bafoeg-reform-jetzt-kundgebung-geplant\/\">&bdquo;Wir werden uns der faulen Austerit&auml;tspolitik dieser Regierung und insbesondere der Union entgegenstellen.&ldquo;<\/a> Studierende versuchten, sich irgendwie durch Pr&uuml;fungsdruck, Fristen, Nebenjobs und private Verpflichtungen zu schlagen, &bdquo;und die Ministerin, die das BAf&ouml;G &sbquo;wieder sexy&lsquo; machen wollte, arbeitet einfach nicht&ldquo;.<\/p><p>Zur Erinnerung: Vor rund sieben Monate hatte B&auml;r BAf&ouml;G ein <a href=\"https:\/\/www.news4teachers.de\/2025\/10\/nicht-sexy-baer-will-bafoeg-umbenennen-studierende-an-problemen-vorbei\/\">&bdquo;Galgenm&auml;nnchenwort&ldquo;<\/a> genannt, das &bdquo;nicht total sexy&ldquo; klinge. Deshalb m&uuml;sse ein neuer Name her, vielleicht in Richtung &bdquo;Stipendiensystem&ldquo;, um die Sozialleistung aus der Wahrnehmungsecke des Altmodischen zu holen. Sagen wollte sie damit wohl, dass das System attraktiver werden m&uuml;sse, damit mehr Studierende und Sch&uuml;ler ihr Anrecht auf eine F&ouml;rderung einl&ouml;sen. Das tut von den Anspruchsberechtigten nur noch eine Minderheit, w&auml;hrend nicht einmal mehr zw&ouml;lf Prozent aller Studierenden von der staatlichen Hilfe profitieren. Allerdings beschlich einen schon damals das Gef&uuml;hl, B&auml;r gehe es weniger um die Sache als um Symbolpolitik und flotte Spr&uuml;che.<\/p><p><strong>Zeitfenster zu<\/strong><\/p><p>Daraus ist l&auml;ngst Gewissheit geworden. Monatelang hatte sie mit Bundesfinanzminister Lars Klingbeil um die Finanzierung der Pl&auml;ne gestritten. Der SPD-Kassenwart wollte, dass das Bundesministerium f&uuml;r Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) die Kosten aus dem eigenen Etat bestreitet. Die Forschungsministerin nahm dagegen Klingbeil in die Pflicht, damit ihr mehr Geld f&uuml;r ihre <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131594\">Hightechagenda<\/a> bleibt: f&uuml;r Flugtaxis, Fusionsreaktoren, Hyperloops und Reisen zum Mond. Das endlose Herumgeeiere n&auml;hrte irgendwann den Verdacht, es k&ouml;nnte bei all dem nur darum gehen, Zeit zu gewinnen mit dem eigentlichen Ziel, das Projekt im Sande verlaufen zu lassen. Selbst nachdem die Streith&auml;hne vor einem Monat &bdquo;endlich&ldquo; eine &bdquo;Einigung&ldquo; erzielt hatten, landete B&auml;rs Gesetzesvorlage trotzdem nicht auf dem Kabinettstisch, derweil das Zeitfenster f&uuml;r einen geregelten Gesetzgebungsprozess immer enger wurde.<\/p><p>Jetzt ist das Fenster praktisch zugeschlagen. Passiert B&auml;rs Vorlage f&uuml;r eine 30. BAf&ouml;G-Novelle nicht vor der Sommerpause, also bis zum 10. Juli, den Bundestag und den Bundesrat, kann das Gesetz nahezu unm&ouml;glich im Herbst in Kraft treten. Damit fiele mindestens die erste Stufe der Reform aus, sprich die Anhebung der BAf&ouml;G-Wohnpauschale f&uuml;r au&szlig;erhalb des Elternhauses lebende Studierende von 380 auf 440 Euro. Dabei w&auml;re das nur eine unzureichende Erleichterung. Ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft kostet heute im bundesweiten Schnitt 512 Euro, vielerorts deutlich mehr.<\/p><p>Noch geringer erscheinen die Chancen auf eine schrittweise Gleichstellung des BAf&ouml;G-Grundbedarfs mit dem B&uuml;rgergeld &ndash; demn&auml;chst Grundsicherungsgeld. Urspr&uuml;nglich geplant war, die Umstellung bis 2029 zu vollziehen. Allerdings w&uuml;rde das Geld kosten, sogar viel Geld, sollten dadurch signifikant mehr junge Menschen auf die Idee kommen, die staatliche Unterst&uuml;tzung zu beanspruchen. Die im Zusammenhang mit der inzwischen wieder obsoleten &bdquo;Einigung&ldquo; genannten Betr&auml;ge w&auml;ren daf&uuml;r viel zu knapp bemessen. Aber die wenigen Mittel will sich B&auml;r ja nun ganz sparen. Begr&uuml;ndung: &bdquo;Wenn Pflegebed&uuml;rftige sparen sollen und beim Elterngeld K&uuml;rzungen vorgenommen werden, dann ist nachvollziehbar, dass man nicht gleichzeitig an anderer Stelle gro&szlig;e zus&auml;tzliche Leistungen verspricht.&ldquo;<\/p><p><strong>Unter Finanzierungsvorbehalt<\/strong><\/p><p>Das Versprechen beziehungsweise die schon g&auml;ngige Praxis, Fantastilliarden Euro in die deutsche R&uuml;stungsindustrie zu pumpen, blendete sie dabei wohl aus. Wobei ihr Schweigen &bdquo;nachvollziehbar&ldquo; erscheint &ndash; zu viel reinen Wein vertragen die Menschen im Land nicht. K&uuml;rzen beim Sozialen und Klotzen f&uuml;r die &bdquo;Kriegsert&uuml;chtigung&ldquo; sind zwar zwei Seiten einer Medaille, aber die B&uuml;rger sollen nur die eine Seite sehen und sp&uuml;ren. Weshalb sich inzwischen auch der Bundeskanzler in die Debatte ums BAf&ouml;G eingeschaltet hat. Seinen Sprecher Stefan Kornelius lie&szlig; Friedrich Merz (CDU) am Montag ausrichten, alle Vereinbarungen im Koalitionsvertrag st&uuml;nden &bdquo;unter Finanzierungsvorbehalt&ldquo;.<\/p><p>Zu diesem Zeitpunkt hatte die Raumfahrtministerin bereits ihren n&auml;chsten Offenbarungseid geleistet. Offenbar wegen der heftigen Kritik seitens der SPD-Fraktion, die <a href=\"https:\/\/www.spdfraktion.de\/presse\/statements\/spd-fraktion-pocht-bafoeg-reform\">&bdquo;geschlossen f&uuml;r die Umsetzung der vereinbarten BAf&ouml;G-Reform zum Wohle der Fachkr&auml;fte von Morgen steht&ldquo;<\/a>, verk&uuml;ndete ihr Ressort auf der Plattform <em>X<\/em>, man arbeite daran, <a href=\"https:\/\/x.com\/bmftr_bund\/status\/2061099629245047169\">&bdquo;dass die BAf&ouml;G-Reform Ende Juli im Kabinett verabschiedet wird und zum Wintersemester 2026\/27 in Kraft treten kann&ldquo;<\/a>. Allerdings tagt der Bundestag erst wieder im September, womit ein finaler Beschluss durchs Parlament und den Bundesrat nicht vor Ende Oktober zu schaffen w&auml;re. Dann aber haben das neue Schuljahr (Sch&uuml;ler-BAf&ouml;G) und das Wintersemester bereits begonnen.<\/p><p><strong>Treu bis zum Tod<\/strong><\/p><p>Denkbar w&auml;re allenfalls, die Neuregelungen r&uuml;ckwirkend in Kraft zu setzen. Das w&uuml;rde jedoch den ohnedies massiv &uuml;berlasteten BAf&ouml;G-&Auml;mtern einen Berg an Mehrarbeit bescheren und zu noch gr&ouml;&szlig;eren Verz&ouml;gerungen bei der Ausstellung der Bescheide f&uuml;hren. Dabei sollte es ja gerade ein Ziel der Novelle sein, die Antragsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Die NachDenkSeiten wollten vom BMFTR wissen, wie man mit diesem Widerspruch umgeht. Eine Antwort blieb bis dato aus. Daf&uuml;r lie&szlig; sich ein Sprecher B&auml;rs damit wiedergeben, dass nicht klar sei, ob das Reformpaket am Ende auch die anvisierte Erh&ouml;hung der Leistungen enthalten werde. Das w&auml;re nat&uuml;rlich sehr elegant und ein Novum in der BRD-Geschichte: Eine &bdquo;gro&szlig;e&ldquo; BAf&ouml;G-Reform ohne geldwerten Vorteil.<\/p><p>Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht sowieso davon aus, dass die Ministerin die &Ouml;ffentlichkeit einmal mehr nur hinhalten will, wie er gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten beschied. Auch um den Laden, sprich die Koalition, irgendwie zusammenzuhalten. Dar&uuml;ber sollte man sich keine Sorgen machen. Besagter Instagram-Beitrag durch SPD-Frau Wagner war am Montagnachmittag schon wieder gel&ouml;scht und ist im Internet nur noch durch <a href=\"https:\/\/x.com\/AlishaMendgen\/status\/2061326742225125553\/photo\/1\">diverse Screenshots<\/a> &uuml;berliefert. Da hat sie wohl &uuml;bers Ziel hinausgeschossen. &bdquo;Dann gehen wir!&ldquo;? Ach was, die SPD bleibt treu und verl&auml;sslich, bis unter die F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde &hellip;<\/p><p><small>Titelbild: Kristina Nencheva\/shutterstock.com<\/small><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/642efbc6b411491f8b7e63121b44df99\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun sieht auch Raumfahrtministerin B&auml;r keine Chance mehr auf eine z&uuml;gige Reform der Bundesausbildungsf&ouml;rderung. Daf&uuml;r w&auml;re weder eine Mehrheit in Sicht noch Geld da, zumal Studierende in Deutschland ohnehin privilegiert seien. Kritiker sind emp&ouml;rt und die SPD f&uuml;hlt sich verschaukelt. F&uuml;r einen Koalitionsbruch reicht das aber trotzdem nicht. Versprochen! 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