{"id":151664,"date":"2026-06-07T13:00:24","date_gmt":"2026-06-07T11:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151664"},"modified":"2026-06-05T15:47:02","modified_gmt":"2026-06-05T13:47:02","slug":"mai-donner-eine-russische-analyse-der-strategischen-nuklearuebungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151664","title":{"rendered":"\u201eMai-Donner\u201c: Eine russische Analyse der strategischen Nuklear\u00fcbungen"},"content":{"rendered":"<p>Im Mai 2026 f&uuml;hrten Russland und Belarus gro&szlig; angelegte Nuklearman&ouml;ver durch. Doch welche strategische Logik folgt auf diese Demonstration? Der nachfolgende Beitrag des Sicherheitsexperten <strong>Dmitri Stefanowitsch<\/strong> (IMEMO-Institut, Moskau) bietet eine fundierte Analyse der &bdquo;Mai-Donner&ldquo;-&Uuml;bungen und beleuchtet, wie Moskau die Sicherheit des Unionsstaates definiert. Dieser Text f&uuml;hrt die Betrachtungen von &Eacute;va P&eacute;li zur nuklearen Instabilit&auml;t in Europa fort. Angesichts aktueller Berichte &ndash; etwa in der <em>Financial Times<\/em> &ndash; &uuml;ber m&ouml;gliche US-Pl&auml;ne zur Ausweitung der nuklearen Stationierungen in Europa gew&auml;hrt diese russische Sichtweise einen Einblick in die strategischen Parameter des Gegen&uuml;bers. Sie bietet eine notwendige Perspektive zur Einordnung der gegenw&auml;rtigen Konfrontationsspirale. Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/p><p><!--more--><br>\nIm Mai 2026 f&uuml;hrten Russland und Belarus gro&szlig; angelegte &Uuml;bungen ihrer Nuklearstreitkr&auml;fte durch. Jedes Man&ouml;ver dieser Art verfolgt zwei Hauptziele. Erstens geht es um die &Uuml;berpr&uuml;fung der entsprechenden Kr&auml;fte, des Personals, der Waffen und der milit&auml;rischen Ausr&uuml;stung, einschlie&szlig;lich der Gefechtsf&uuml;hrungssysteme. Zweitens erinnern solche &Uuml;bungen die Weltgemeinschaft daran, dass der nukleare Schutzschirm intakt ist und man sich nicht darauf verlassen sollte, eine direkte milit&auml;rische Auseinandersetzung mit einer Atommacht gewinnen zu k&ouml;nnen. Was aber machte genau diese &Uuml;bungen so bemerkenswert?<\/p><p><strong>Kalender-&Uuml;berraschungen<\/strong><\/p><p>Die vorherigen russisch-belarussischen Atom&uuml;bungen fanden vor zwei Jahren statt. Sie wurden von einer massiven Medienkampagne begleitet, die Kommentare von Spitzenpolitikern sowie eine Erkl&auml;rung des russischen Au&szlig;enministeriums einschloss, welche das Ereignis direkt mit den immer aktiveren Diskussionen in Europa &uuml;ber eine m&ouml;gliche direkte Verwicklung in den Ukraine-Konflikt verkn&uuml;pfte. Im Fr&uuml;hjahr und Sommer 2024 &bdquo;&uuml;bten&ldquo; jedoch ausschlie&szlig;lich die Bediener nicht-strategischer Atomwaffen.<\/p><p>Erw&auml;hnenswert ist zudem, dass w&auml;hrend der &Uuml;bungen der russischen Abschreckungskr&auml;fte im Februar 2022, kurz vor Beginn der milit&auml;rischen Spezialoperation, Alexander Lukaschenko an der Seite von Wladimir Putin im Lagezentrum anwesend war. Diesmal wurde das gesamte milit&auml;rische F&uuml;hrungspersonal von Belarus per Videokonferenz zugeschaltet.<\/p><p>&Uuml;blicherweise finden solche &Uuml;bungen im Herbst statt, um das sogenannte Sommerausbildungsjahr der strategischen Nuklearstreitkr&auml;fte abzuschlie&szlig;en. Eine Ausnahme bildeten die Man&ouml;ver von 2014, die kurz vor dem Tag des Sieges und vor dem Hintergrund der bekannten Ereignisse in der Ukraine stattfanden. Damals wurden zudem Aufgaben der Raketenabwehr erprobt, inklusive des Teststarts einer modernisierten Abfangrakete vom Typ 53T6M f&uuml;r die Raketenabwehr des zentralen Industrieraums.<\/p><p>Bemerkenswert ist, dass sich der Oberbefehlshaber w&auml;hrend eines Gro&szlig;teils der strategischen &Uuml;bungen in diesem Jahr in China aufhielt. Dementsprechend wurde vermutlich eine &bdquo;aus der Ferne&ldquo; gesteuerte Gefechtsf&uuml;hrung erprobt.<\/p><p><strong>Das Ausma&szlig; der Man&ouml;ver<\/strong><\/p><p>Die Man&ouml;ver waren sowohl hinsichtlich der eingesetzten Technik als auch der Geografie &auml;u&szlig;erst umfangreich. Beteiligt waren 64.000 Soldaten und &uuml;ber 7.800 Einheiten an Technik, darunter 200 Raketenwerfer, mehr als 140 Flugzeuge und Hubschrauber, 73 Schiffe und 13 U-Boote, von denen acht strategische Einheiten waren.<\/p><p>Nukleare Abschreckungskr&auml;fte m&uuml;ssen periodisch &Uuml;bungen abhalten; zudem ist es sinnvoll, komplexe Ma&szlig;nahmen zur Abstimmung verschiedener Teilstreitkr&auml;fte durchzuf&uuml;hren. Solche &Uuml;bungen werden sehr fr&uuml;hzeitig vorbereitet &ndash; man sollte sie nicht direkt mit aktuellen Ereignissen verkn&uuml;pfen. Zumal im vergangenen Jahr die traditionellen Herbst&uuml;bungen der strategischen Nuklearstreitkr&auml;fte ausgefallen waren.<\/p><p>Der markanteste Teil waren die Starts von Interkontinentalraketen (ICBMs) und ballistischen Raketen von U-Booten (SLBMs). Ein wichtiges Detail war die Verkn&uuml;pfung der strategischen und der taktischen Atomstreitkr&auml;fte des Leningrader Milit&auml;rbezirks. Auch in Belarus wurden Ma&szlig;nahmen zur Erprobung des Transports von nuklearen Gefechtsk&ouml;pfen zu den Tr&auml;gersystemen durchgef&uuml;hrt. Zudem f&uuml;hrte eine belarussische Einheit einen &Uuml;bungsstart einer quasi-ballistischen Rakete des Komplexes &bdquo;Iskander-M&ldquo; auf dem russischen Testgel&auml;nde Kapustin Jar durch. Dies war ein klares Signal an die Europ&auml;er. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Pr&auml;sentation der Iskander-M-Basis bei den belarussischen Streitkr&auml;ften, die Lukaschenko besuchte und die er emotional kommentierte: &bdquo;Einst habe ich von dieser Maschine getr&auml;umt. Und heute haben wir nicht nur eine davon.&ldquo;<\/p><p>Es w&auml;re interessant zu erfahren, welche Aufgaben die Besatzungen der acht strategischen U-Boote hatten, deren Teilnahme offiziell angek&uuml;ndigt wurde, w&auml;hrend nur ein renommierter Kreuzer des Projekts 667BDRM einen SLBM-Start ausf&uuml;hrte. Erfreulich ist, dass laut offiziellem Videomaterial die Teilnahme allgemeiner Streitkr&auml;fte zur Sicherung der U-Boot-Raketentr&auml;ger ge&uuml;bt wurde.<\/p><p>Durchgef&uuml;hrt wurden sowohl der traditionelle Start einer &bdquo;Jars&ldquo;-Interkontinentalrakete vom Weltraumbahnhof Plessezk (gleichzeitig mit dem Ausr&uuml;cken von Raketenregimentern auf Patrouillenrouten) als auch Starts von Marschflugk&ouml;rpern von schweren Bombern sowie der f&uuml;r die letzten Jahre charakteristische Einsatz der Hyperschallraketen vom Typ &bdquo;Kinschal&ldquo; &ndash; wobei deren Kampfeinsatz im Rahmen der Spezialoperation ohnehin auf regelm&auml;&szlig;iger Basis erfolgt.<\/p><p>Sollten die aktuellen Trends anhalten, ist in Zukunft auch mit der Demonstration von ICBM-Starts direkt aus den Stationierungs- und Patrouillengebieten zu rechnen. Separat zu erw&auml;hnen ist das lang anhaltende Ausbleiben von SLBM-Starts von Kreuzern der Pazifikflotte. M&ouml;glicherweise liegt dies an dem Wunsch, die US-amerikanischen und europ&auml;ischen Raketenfr&uuml;hwarnsysteme nicht zu &bdquo;nerven&ldquo;, zumal ein Salvenstart der &bdquo;Bulawa&ldquo; in westliche Richtung seinerzeit auf der Luftwaffenbasis Ramstein Besorgnis ausgel&ouml;st hatte.<\/p><p><strong>Der milit&auml;rstrategische Hintergrund<\/strong><\/p><p>Das Ausma&szlig; und die H&auml;rte des Konflikts mit dem &sbquo;kollektiven Westen&lsquo; erfordern den Nachweis, dass man das &sbquo;nukleare Schie&szlig;pulver trocken h&auml;lt&lsquo; und im Falle einer Eskalation zu einem vollwertigen Krieg nicht auf einen Sieg in der konventionellen Phase setzen sollte. Eine besondere Eskalation unmittelbar rund um die &Uuml;bungen ist kaum zu erwarten, doch der Faktor der Atomwaffen spielt in der internationalen Sicherheit eine immer wichtigere Rolle.<\/p><p>Es wurde erkl&auml;rt, dass alle Kontrahenten ordnungsgem&auml;&szlig; &uuml;ber alle Starts &uuml;ber die Linie des Nationalen Zentrums zur Verringerung der nuklearen Gefahr des russischen Verteidigungsministeriums informiert wurden &ndash; sowohl &uuml;ber die &Uuml;bungsstarts als auch &uuml;ber Erprobungen (im Fall der &bdquo;Sarmat&ldquo; kurz vor den gro&szlig;en &Uuml;bungen) sowie &uuml;ber Kampfeins&auml;tze (im Fall der &bdquo;Oreschnik&ldquo; erfolgte der Start bereits nach der strategischen &Uuml;bung).<\/p><p>&bdquo;Sarmat&ldquo; ist ein Erbe der traditionellen russischen Schule schwerer, fl&uuml;ssigkeitsbetriebener silogest&uuml;tzter Interkontinentalraketen, w&auml;hrend die &bdquo;Oreschnik&ldquo; eine mobile, feststoffbetriebene Mittelstreckenrakete ist, deren Einsatz auch in nicht-nuklearer Ausstattung m&ouml;glich ist (was in der Ukraine anschaulich demonstriert wurde). Die Strategischen Raketentruppen (RWSN) haben unter Ber&uuml;cksichtigung der gro&szlig;en strategischen &Uuml;bungen, der &bdquo;Sarmat&ldquo;-Tests und des Kampfeinsatzes der &bdquo;Oreschnik&ldquo; eine einzigartige praktische Erfahrung gewonnen.<\/p><p><strong>Signale und ihre Verzerrungen<\/strong><\/p><p>Wie bereits erw&auml;hnt, wurden die &Uuml;bungen und Tests lange im Voraus geplant; ihr Ablauf sollte nicht mit der aktuellen Weltlage verkn&uuml;pft werden. Zumindest der &bdquo;Unions&ldquo;-Teil der &Uuml;bung war h&ouml;chstwahrscheinlich eine Fortsetzung der gro&szlig; angelegten &Uuml;berpr&uuml;fung der Gefechtsbereitschaft und der Mobilisierungsm&ouml;glichkeiten von Belarus, die praktisch seit Anfang des Jahres l&auml;uft.<\/p><p>Der belarussische Vektor war eine Erinnerung daran, dass eine erweiterte nukleare Abschreckung und gemeinsame Nuklearmissionen verschiedene Formen annehmen k&ouml;nnen und der Unionsstaat vollst&auml;ndig unter dem nuklearen Schutzschirm steht.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund d&uuml;rfte das Interesse nicht-nuklearer EU- und NATO-Mitglieder an &auml;hnlich gelagerten Formaten der Interaktion &ndash; vorrangig mit Frankreich, aber auch mit den USA und m&ouml;glicherweise Gro&szlig;britannien &ndash; kaum schwinden. Ebenso wenig ist zu erwarten, dass die Arbeit der Nuklearen Planungsgruppe der NATO und deren &Uuml;bungen der Serie &bdquo;Steadfast Noon&ldquo; eingestellt werden. Zweifellos wurden diese &Uuml;bungen auch beispielsweise in S&uuml;dkorea aufmerksam beobachtet, das offensichtlich an einer St&auml;rkung exklusiver nuklearer Beziehungen mit den USA interessiert ist.<\/p><p>Insgesamt sind die durchgef&uuml;hrten &Uuml;bungen nat&uuml;rlich ein Signal. Aber die Aufgaben der Aufrechterhaltung der Gefechtsbereitschaft und der &Uuml;berpr&uuml;fung von Personal und Technik, einschlie&szlig;lich der Gefechtsf&uuml;hrungssysteme, haben auch au&szlig;erhalb dieses Kontextes ihre Bedeutung.<\/p><p>Das Wichtigste ist der Fokus auf die Koordination der Streitkr&auml;fte Russlands und Belarus im Interesse der Verteidigung des Unionsstaates und entsprechend das &Uuml;ben von Aktionen sowohl strategischer als auch nicht-strategischer Atomstreitkr&auml;fte. Zudem deuten Kommentare des russischen Verteidigungsministeriums und des Generalstabschefs General Gerassimow auf die M&ouml;glichkeit von &Uuml;bungen mit echten nuklearen Gefechtsk&ouml;pfen statt nur ihrer Attrappen hin: &bdquo;&hellip; die vollst&auml;ndige Lieferung und Ausgabe von nuklearen Gefechtsk&ouml;pfen an russische und belarussische Einheiten f&uuml;r den Einsatz von Atomwaffen wurde durchgef&uuml;hrt.&ldquo;<\/p><p>Allerdings liegen dazu bisher keine gesicherten Informationen vor.<\/p><p>Pr&auml;sident Putin erinnerte seinerseits an das konsequente Erscheinen neuer strategischer Waffen in den Abschreckungskr&auml;ften, betonte jedoch auch das Prinzip der &bdquo;notwendigen Gen&uuml;gsamkeit&ldquo;, was sich etwas mit der Terminologie deckt, die beispielsweise in Frankreich verwendet wird.<\/p><p>Faktisch befinden wir uns in einer Situation der Renaissance von Atomwaffen in Europa und der Welt insgesamt. Darauf weist in gewissem Ma&szlig;e auch die gemeinsame Erkl&auml;rung der Teilnehmer des Unionsstaates der Republik Belarus und der Russischen F&ouml;deration hin, die auf der 11. &Uuml;berpr&uuml;fungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags abgegeben wurde, welche am 22. Mai in New York endete. In dieser Erkl&auml;rung werden detailliert die Gr&uuml;nde dargelegt, warum sich &bdquo;die Situation im Bereich der internationalen Sicherheit und strategischen Stabilit&auml;t aufgrund einer ganzen Reihe von Faktoren, die direkt die Sicherheit Russlands und Belarus sowie des gesamten Unionsstaates betreffen, weiter verschlechtert&ldquo;.<\/p><p>Zum Abschluss dieses kurzen &Uuml;berblicks sei betont, dass es in einem Atomkrieg keine Gewinner geben kann &ndash; auch deshalb nicht, weil niemand bereit ist zu verlieren. Gerade deshalb darf ein solcher Krieg niemals entfesselt werden. <\/p><p><em>Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum f&uuml;r internationale Sicherheit des IMEMO der Russischen Akademie der Wissenschaften.<\/em><\/p><p><em>Der Beitrag ist auf Russisch <a href=\"https:\/\/profile.ru\/military\/majskij-grom-chem-zapomnilis-rossijsko-belorusskie-yadernye-ucheniya-1866450\/\">hier erschienen<\/a>.<\/em><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Lesen Sie auch:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151219\">Schlafwandelt Deutschland in den Atomkrieg?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140714\">Brisante Stationierungspl&auml;ne: US-Physiker Theodore Postol warnt vor Deutschlands Rolle als &bdquo;Z&uuml;ndpunkt&ldquo; f&uuml;r den Atomkrieg<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145805\">&bdquo;US-Garantien f&uuml;r Deutschland sind ein Bluff&ldquo; &ndash; Dmitri Trenin im Exklusivinterview &uuml;ber die neue nukleare &Auml;ra<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/0efb6b4a646e4811b3d77ace02e4066e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mai 2026 f&uuml;hrten Russland und Belarus gro&szlig; angelegte Nuklearman&ouml;ver durch. 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