{"id":151731,"date":"2026-06-08T15:00:36","date_gmt":"2026-06-08T13:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151731"},"modified":"2026-06-08T15:01:27","modified_gmt":"2026-06-08T13:01:27","slug":"mit-leserbeitraege-erinnerungen-gegen-den-krieg-aufruf-zum-8-mai-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151731","title":{"rendered":"Leserbeitr\u00e4ge \u201eErinnerungen gegen den Krieg\u201c \u2013 Aufruf zum 8. Mai (22)"},"content":{"rendered":"<p>In dieser 22. Folge der Reihe &bdquo;Erinnerungen gegen den Krieg&ldquo; erfahren wir von dem kalten Winter des Jahres 1946, in dem ein S&auml;ugling zur Welt kam, von den lang anhaltenden Folgen der Kriegstraumatisierung eines Vaters und schlie&szlig;lich in einem l&auml;ngeren Beitrag von den Erfahrungen einer Bauernfamilie aus B&ouml;hmen w&auml;hrend Flucht und Vertreibung sowie von ihrer Ankunft im bayerischen Mittenwald.<\/p><p><em>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.<\/em><\/p><p>Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen und ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3389\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-151731-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260608_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_22_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260608_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_22_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260608_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_22_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260608_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_22_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=151731-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260608_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_22_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260608_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_22_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150403\">ersten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150464\">zweiten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486\">dritten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150605\">vierten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632\">f&uuml;nften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150671\">sechsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150740\">siebenten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150816\">achten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150812\">neunten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150802\">zehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151038\">elften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151098\">zw&ouml;lften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151156\">dreizehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151209\">vierzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151229\">f&uuml;nfzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151393\">sechzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151418\">siebzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151461\">achtzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151530\">neunzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151546\">zwanzigsten Teil<\/a>, sowie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151551\">einundzwanzigsten Teil<\/a> der Zusendungen unserer Leser nachlesen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Mir w&auml;ren beinahe die Finger erfroren; die sind heute noch krumm<\/strong><\/p><p>Liebes Team der NachDenkSeiten!<\/p><p>1946 wurde ich im Februar geboren. Meine Mutter erz&auml;hlte mir sp&auml;ter, da&szlig; es so kalt war, mir w&auml;ren beinahe die Finger erfroren; die sind heute noch krumm.<\/p><p>Ich werde wohl drei oder auch schon vier Jahre alt gewesen sein, da nahm man mich mit aufs Kartoffelfeld, zwischen Wittlohe und Stemmen, im Landkreis Verden. Es war nicht, um Kartoffeln (nach der Ernte) nachzulesen, sondern um leere Patronen zu finden, um das Messing zu verkaufen.<\/p><p>Ich kann mich auch erinnern, da&szlig; mein Onkel regelm&auml;&szlig;ig mit einem Pferdewagen kam. Er brachte altes Zigarettenpapier und hat es sp&auml;ter, sauber und fein aufgestapelt, wieder abgeholt. Er fuhr in der Gegend herum, um das gebrauchte Zigarettenpapier kiloweise zu verteilen und sp&auml;ter das ges&auml;uberte Aluminium abzuholen &ndash; alles f&uuml;r ein paar Pfennige.<\/p><p>Meine Mutter und meine Oma haben das Papier vom Aluminium getrennt. Dazu mu&szlig;ten sie das Zigarettenpapier in Wasser aufweichen, und nach einer Weile konnte das Papier gel&ouml;st werden. Der Trick war, das Papier in einem Zug zu l&ouml;sen, anstatt arbeitsaufwendig in Fetzen. Wasser war kein Problem, vor dem Haus war ein Bach.<\/p><p>Das war gleich nach dem Zweiten Weltkrieg; f&uuml;r viele Menschen gab es mehrere Jahre lang kaum M&ouml;glichkeiten, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. <\/p><p>Bei solchen Erinnerungen ist es unverst&auml;ndlich, wie heutige Politiker schon wieder derartig kriegsl&uuml;stern sind.<\/p><p>Haben die kein Gewissen?<\/p><p>Vielen Dank f&uuml;r die NachDenkSeiten,<br>\nPeter Sprunk<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Oft sa&szlig; er mehrere Tage in einer Kammer auf dem Dachboden, wo ihn keiner st&ouml;ren durfte<\/strong><\/p><p>Mein zweiter Mann, mit dem ich leider nur viereinhalb Jahre zusammen sein durfte, da er mit 57 Jahren an Krebs verstorben ist, hatte mir von seinem Vater Folgendes erz&auml;hlt:<\/p><p>Er k&auml;mpfte w&auml;hrend des Zweiten Weltkrieges in Stalingrad. Mein Mann und sein Bruder erlebten ihn als Vater so: Oft sa&szlig; er mehrere Tage in einer Kammer auf dem Dachboden, wo ihn keiner st&ouml;ren durfte. Nur die Mutter ging zu ihm, um ihm das Essen zu bringen.<\/p><p>Wenn der Vater dann wieder runterkam, erschien er ganz normal und man konnte mit ihm sogar hin und wieder lachen. Das ging so lange, bis er dann irgendwann starb.<\/p><p>Mein verstorbener Mann war aufgrund einer psychischen Erkrankung Fru&#776;hrentner. Ich habe manchmal den Verdacht, dass er unter den Depressionen seines Vaters genauso litt und er deshalb auch krank und sp&auml;ter arbeitsunf&auml;hig wurde.<\/p><p>Martina R.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>An den B&auml;umen der Allee hingen die Leichen der jungen M&auml;nner, zumeist noch halber Kinder<\/strong><\/p><p>Meine Gro&szlig;eltern bewirtschafteten ihren gro&szlig;en, bl&uuml;henden Bauernhof in der N&auml;he des b&ouml;hmischen Ortes Plan, tschechisch Plan&aacute;, gut 20 Kilometer s&uuml;dlich von Marienbad. Das geschah damals noch per Handarbeit und dem Einsatz von Ochsen. Die weiten Getreidefelder wurden von den M&auml;nnern mit Sensen gem&auml;ht, hinter denen die Frauen die Halme auffingen und zu Garben b&uuml;ndelten und diese so gegeneinander aufstellten, dass der Wind sie trocknete. Meine Urgro&szlig;eltern lebten, nachdem ihre Tochter, meine Oma, zusammen mit ihrem Mann den Hof &uuml;bernommen hatte, im Austrag. <\/p><p>Der Zweite Weltkrieg warf bereits 1938 seine Schatten voraus, und einige M&auml;nner des kleinen Dorfes versteckten sich, um nicht eingezogen zu werden, auch mein Gro&szlig;vater. Bis sich dann herausstellte, dass er aufgrund seines Asthmas ohnehin wehruntauglich war, stand meine Gro&szlig;mutter, die mit dem f&uuml;nften Kind, meiner sp&auml;teren Mutter, schwanger war, gro&szlig;e &Auml;ngste aus.<\/p><p>Dass diese &Auml;ngste sehr begr&uuml;ndet waren, zeigte sich in den Jahren nach Ausbruch des Krieges zunehmend. Meine Oma hat mir Jahrzehnte sp&auml;ter mit Tr&auml;nen in den Augen erz&auml;hlt, dass an den B&auml;umen der Allee zum Nachbardorf die Leichen der jungen M&auml;nner, zumeist noch halber Kinder, hingen, die sich dem Kriegsdienst hatten entziehen wollen.<\/p><p>Meine Mutter wurde mit f&uuml;nf Jahren eingeschult und hatte t&auml;glich zu Fu&szlig; den mehrere Kilometer weiten Weg zur n&auml;chsten Schule zur&uuml;ckzulegen. An einem Mittag im Herbst 1944 waren die Kinder der Grundschule wieder einmal auf ihrem Heimweg, den sie &uuml;ber die abgeernteten Felder abk&uuml;rzten, als sie einen Tiefflieger nahen h&ouml;rten. Sie rannten in den nahe gelegenen Wald &ndash; was ihnen das Leben rettete. Denn genau an die Stelle, an der die Kinder gewesen w&auml;ren, h&auml;tten sie ihren Weg &uuml;bers Feld fortgesetzt, fiel eine Bombe, die einen riesigen Krater hinterlie&szlig;: der amerikanische Kampfpilot hatte sie auf Grundschulkinder abgeworfen! Die Kinder wurden von dem Einschlag der Bombe auf dem Feld noch im Wald einen Meter in die Luft geschleudert. Von dem Einschlag aufgejagt, rannten die Eltern zu dem Feld &ndash; und weinten vor Erleichterung, als ihre Kinder ihnen lebend aus dem Wald entgegenkamen. <\/p><p>Die &auml;lteste Tochter meiner Gro&szlig;eltern, meine sp&auml;tere Taufpatin, wurde nach Flensburg und Kiel zur Marine eingezogen, wo sie als K&ouml;chin diente. <\/p><p>Meine Gro&szlig;eltern waren nie Anh&auml;nger der &bdquo;Heim-ins-Reich&rdquo;-Ideologie gewesen. Es ging ihnen bei den Tschechen gut. Die schwere Arbeit lohnte sich, denn das mond&auml;ne Marienbad riss ihnen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse f&ouml;rmlich aus den H&auml;nden. Der tschechische B&uuml;rgermeister des Dorfes und mein Opa waren beste Freunde.<\/p><p>Aber als Deutschland den Krieg verloren hatte, wurden auch meine Gro&szlig;eltern enteignet und eine angereiste slowakische Familie &uuml;bernahm den Hof. Meine Gro&szlig;eltern und ihre Kinder mussten ihn weiter bewirtschaften, bekamen jedoch nur halbgare Kartoffeln zu essen, nicht einmal ein St&uuml;ck Fallobst durften sie nehmen. Die Kinder durften ihre Spielsachen nicht mehr anr&uuml;hren. Auf solche &bdquo;Vergehen&rdquo; drohte die Verschleppung in Straflager.<\/p><p>Wenn nicht ein Russe &ndash; unter Gefahr f&uuml;r sein eigenes Leben (Deutschen zu helfen, war verboten) &ndash; heimlich immer wieder ein bisschen Milch gebracht h&auml;tte, w&auml;re der erst zweij&auml;hrige j&uuml;ngste Sohn wahrscheinlich verhungert. Derselbe Russe hatte es entschieden abgelehnt, einen benachbarten gro&szlig;en Hof &uuml;bereignet zu bekommen, und das damit begr&uuml;ndet, dass er Deutschen nicht den Hof wegnehmen werde. Er arbeitete auf demselben Hof lieber als Knecht weiter. Ob oder wann er nach Russland heimgekehrt ist, haben wir nie erfahren. <\/p><p>Die neuen Eigent&uuml;mer des Bauernhofes meiner Gro&szlig;eltern waren nicht mit den umfangreichen Arbeiten aufgewachsen, die ein so gro&szlig;er Hof erforderte, und so kam der Hof bald nach der Vertreibung der urspr&uuml;nglichen Eigent&uuml;mer schnell herunter.<\/p><p>Als ich in den Neunzigerjahren mit einem Freund in die alte Heimat meiner Vorfahren m&uuml;tterlicherseits fuhr, konnten wir mit unserem VW Golf gar nicht zu der Stelle gelangen, wo das Dorf gestanden hatte. Ein junger Tscheche aus dem einzigen noch stehenden Haus des Nachbardorfes fuhr uns in seinem Wagen dorthin und erz&auml;hlte uns, was er wusste. Als die neuen Besitzer mit den gro&szlig;en H&ouml;fen nichts mehr anzufangen gewusst hatten, hatte man das Dorf bis auf die Mauerst&uuml;mpfe dem Erdboden gleichgemacht. Mitten in dem jungen Birkenwald war noch ein halb umgekipptes schmiedeeisernes Kreuz zu sehen. Nach meiner R&uuml;ckkehr sagte mir meine Mutter, das sei das Kreuz auf dem fr&uuml;heren Dorfplatz gewesen, das von zwei gro&szlig;en Kastanienb&auml;umen eingerahmt gewesen sei, unter denen sich das Dorf zum Tanz getroffen hatte. Kastanienb&auml;ume hatte ich keine mehr gesehen. <\/p><p>Meinem Opa als Ortsbauernf&uuml;hrer unterstanden w&auml;hrend des Krieges auch die Kriegsgefangenen, die dem Dorf als Arbeitskr&auml;fte zugeteilt wurden. Weil er sie wie Familienangeh&ouml;rige behandelte, wurde er von anderer Seite heftig kritisiert und ihm gedroht, er werde schon sehen, wohin er damit k&auml;me. Mein Opa, dessen eigener Sohn eingezogen worden war, lie&szlig; sich nicht beirren. Er erkl&auml;rte den ihm unterstellten Gefangenen, dass, wenn sie zu fl&uuml;chten versuchen w&uuml;rden, sie nicht weit k&auml;men und auch er selbst get&ouml;tet w&uuml;rde. Die M&auml;nner waren klug genug, das einzusehen, und nat&uuml;rlich heilfroh, dass sie in sauberen Federbetten schliefen, am Familientisch a&szlig;en und mein Opa sie wie selbstverst&auml;ndlich auch ins Wirtshaus mitnahm. Sie nannten ihn &bdquo;Vater&rdquo;.<\/p><p>Nach Kriegsende erwartete auch die ehemaligen Ortsbauernf&uuml;hrer Schlimmes, viele wurden &ldquo;auf Raten&rdquo; erschlagen. Auch mein Opa ging &ndash; voller Angst, nicht mehr lebend heimzukommen &ndash; zu der Stelle, wo zu erscheinen ihm befohlen worden war. Doch der zust&auml;ndige Kommiss&auml;r dort schob ihm nur ein Papier hin mit den Worten: &bdquo;Gefangene sprechen f&uuml;r dich. Du guter Vater. Du unterschreiben und heimgehen!&rdquo; Die Gefangenen, die ihm unterstanden hatten, hatten sich f&uuml;r ihn eingesetzt und ihm damit das Leben gerettet. Vor Erleichterung lachend kam er zu Hause an &ndash; auch wenn dieses Zuhause ihm schon nicht mehr geh&ouml;rte. <\/p><p>Im Fr&uuml;hling 1946 sagte der tschechische B&uuml;rgermeister zu meinem Opa, mit dem er befreundet war, dass er nichts mehr f&uuml;r ihn tun k&ouml;nne und dass er ihm raten m&uuml;sse, mit seiner Familie seine Heimat mit einem der beiden n&auml;chsten Transporte zu verlassen, die noch nach Bayern gingen; alle nachfolgenden Vertriebenentransporte w&uuml;rden in die (kommunistische) &bdquo;Ostzone&rdquo; gehen. Dieser befreundete Tscheche hat auch daf&uuml;r gesorgt, dass die Familie manches mitnehmen konnte. Zuletzt, indem er, als die Familie am Kontrollpunkt (wo auch K&ouml;rper&ouml;ffnungen nach geschmuggeltem Eigentum durchsucht wurden) an der Reihe war, zu dem Posten etwas sagte und dieser daraufhin die ganze Familie ohne Kontrolle durchwinkte.<\/p><p>Meine Mutter hat mir kurz vor ihrem Tod vor eineinhalb Jahren das erste Mal erz&auml;hlt, dass nicht viel sp&auml;ter ein Schuss zu h&ouml;ren war. Der tschechische B&uuml;rgermeister, der beste Freund meines Opas, war wegen seiner Hilfe f&uuml;r Deutsche erschossen worden. Als mein Opa es erfuhr, brach er vor Schmerz und Verzweiflung aufschreiend auf die Knie zusammen. Es blieb nur wenig Zeit zum Weinen, die Vertriebenen mussten weiter.<\/p><p>Zu Fu&szlig; mussten die Menschen, alte Menschen wie auch kleine Kinder, die rund 30 Kilometer zur Bahnstation in Kuttenplan zur&uuml;cklegen. Trotz eines schmerzhaften Abszesses am Fu&szlig; und ersten Vorzeichen einer Blinddarmentz&uuml;ndung lehnte meine damals siebenj&auml;hrige Mutter es eisern ab, auf einem der begleitenden Lastwagen mitzufahren &ndash; ahnend, dass sie, wie es anderen mitfahrenden Kindern geschah, ihre Familie dann nie wiedersehen w&uuml;rde. <\/p><p>In Viehwaggons gepfercht, wurden die Menschen w&auml;hrend mehrerer Tage nach Mittenwald in den bayerischen Alpen transportiert. Irgendwo wurden sie mit Insektiziden zur &bdquo;Entlausung&rdquo; eingespr&uuml;ht. In Mittenwald angekommen, lebten sie wochenlang im &bdquo;Lager Luttensee&rdquo;. Menschen, deren Tage zuvor von harter Arbeit angef&uuml;llt gewesen waren, waren nun zum Nichtstun verdammt und so ihrer Angst davor, was ihnen und ihren Kindern bevorst&uuml;nde, ohnm&auml;chtig ausgesetzt. Aus Verzweiflung haben die Frauen die mitgenommenen Pullover aufgetrennt und neu gestrickt. Sonntags ging die katholische Familie meiner Mutter nach Mittenwald in die Kirche.  <\/p><p>Mein Opa hatte aufgrund seines Asthmas nicht in den Krieg ziehen m&uuml;ssen. Aber sein 15 oder 16 Jahre alter Sohn, mein Onkel Josef, genannt Bepp, war eingezogen worden. Meine Gro&szlig;eltern konnten nur hoffen, dass er m&ouml;glichst heil wieder heimkommen w&uuml;rde; und dass er, sollte er in Gefangenschaft geraten, einigerma&szlig;en menschlich behandelt werden w&uuml;rde. Die noch in ihrer Heimat eintreffenden offiziellen Nachrichten &ndash; das eine Mal, dass er vermisst sei, das andere Mal, dass er gefallen sei, &ndash; waren furchtbar f&uuml;r sie. Nach dem Verlust ihrer Heimat sollten sie ihren Jungen gottlob doch lebend wiedersehen.  <\/p><p>Als die Familie schon in Mittenwald war, erblickte meine Oma eines Sonntags, als sie nach dem Gottesdienst die Kirche verlie&szlig;, an einer einsamen Kirchenecke im Schatten eine arg abgemagerte Gestalt. Irgendetwas bewog sie, genauer hinzusehen, und als die Gestalt dann aus dem Schatten trat, erkannte sie ihn: &bdquo;Jesses, Maria &hellip; Bepp!&rdquo; Ihr Sohn, Bepp, hatte nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft &ndash; als er nicht in sein Zuhause zur&uuml;ckkehren konnte &ndash; ausfindig gemacht, wo seine Familie gelandet war, und hatte sich dorthin durchgeschlagen.<\/p><p>Schlimmer als in russischer Gefangenschaft war es dem Jugendlichen in polnischer Gefangenschaft ergangen, wo er unmenschliche Grausamkeit hatte mitansehen m&uuml;ssen. Als er sp&auml;ter f&auml;hig war, davon zu sprechen, erz&auml;hlte er unter anderem, dass verhungernden deutschen Gefangenen, die um einen Bissen vom vollen Tisch der polnischen Bewacher gefleht hatten, die Zunge an die Tischkante genagelt worden war. Davon, was ihm selbst &uuml;ber den Hunger hinaus geschehen war, habe ich ihn nie reden geh&ouml;rt. Doch seit seiner R&uuml;ckkehr aus Krieg und Gefangenschaft hat er, der tief im katholischen Glauben verwurzelt aufgewachsen war, keine Kirche mehr betreten. <\/p><p>Noch im sp&auml;teren Sommer des Jahres 1946 wurden meine Urgro&szlig;eltern, Gro&szlig;eltern und ihre Kinder zusammen mit ein paar weiteren Vertriebenen-Familien einem Dorf in Oberbayern zugewiesen. Die Alteingesessenen des Bauerndorfes waren in der Notzeit nach dem verlorenen Krieg &uuml;ber die fremden Habenichtse alles andere als erfreut. Einer der Bauern rief aus, als die Vertriebenen auf Ladefl&auml;chen von Heuw&auml;gen u. &auml;. ins Dorf gefahren wurden: &bdquo;Fahrt sie nur gleich weiter in die Isar!&rdquo;<\/p><p>Ihre Unterkunft im Dorf wechselte mehrmals, vom Saal einer Wirtschaft in den einer anderen, von einem Bauern zu einem anderen; an so etwas wie Privatsph&auml;re war gar nicht erst zu denken. Meine Urgro&szlig;eltern und Gro&szlig;eltern und die Kinder arbeiteten auf den Bauernh&ouml;fen des Dorfes mit, f&uuml;r nichts als ein Dach &uuml;ber dem Kopf. Die Ern&auml;hrung wurde &uuml;ber Essensmarken bestritten und &uuml;ber die kleine Ausbeute der Bettelg&auml;nge der Kinder im weiteren Umkreis.<\/p><p>Ich habe meine Oma manchmal sagen geh&ouml;rt: &bdquo;Daheim waren wir wer. Hier sind wir Bettler.&rdquo; Die Familie hatte sich durch ihren Flei&szlig; und ihre Rechtschaffenheit Ansehen in dem bayerischen Dorf erworben. Meine Gro&szlig;eltern waren die ersten Vertriebenen im Dorf, die sich unter gro&szlig;en M&uuml;hen und Entbehrungen ein Haus bauten. Aber den Schmerz um den Verlust ihrer Heimat, die Entwurzelung der mit ihrem Hof verwachsenen B&auml;uerin, hat meine Oma bis zu ihrem Tod nicht verwunden. Als mein Opa, f&uuml;nfundzwanzig Jahre nach der Vertreibung, starb, war ich noch zu klein, um bewusst wahrnehmen zu k&ouml;nnen, wie es ihm unter der funktionierenden Oberfl&auml;che ging. <\/p><p>Das Leben meiner Mutter war von ihrem sechsten Lebensjahr an mehr als zehn Jahre lang gepr&auml;gt von Hunger, Entwurzelung, &Uuml;beranstrengung und Todesangst. Wer seine Jugend gehetzt und &bdquo;au&szlig;er sich selbst&rdquo; durchlebt, legt das sp&auml;ter nicht einfach ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass man &ndash; unbewusst &ndash; Entscheidungen trifft, die einen weiterhin nicht zur Ruhe kommen lassen, ist gro&szlig;. Und wenn man gelernt hat, immer nur St&auml;rke auszustrahlen, glaubt einem kaum ein Arzt, wie schwer psychosomatisch erkrankt man ist. Traumatherapie kannte lange niemand; tief und ganzheitlich wirksame Traumatherapie muss auch heute noch aus eigener Tasche bezahlt werden. <\/p><p>Krieg hat viele Opfer: tote und lebende &ndash; &uuml;ber viele Jahrzehnte hin. Wo immer Krieg ausgebrochen <strong>wird<\/strong>. <\/p><p>Wenn ich sehen muss, dass heute wieder Regierungsvertreter unseres Landes auf einen Krieg mit deutscher Beteiligung hinsteuern, frage ich mich verst&auml;ndnislos und zornig: Hatten diese Knechte fremder Interessen &ndash; denn im Interesse der deutschen Bev&ouml;lkerung ist es ja niemals &ndash; keine Eltern, Gro&szlig;eltern, Urgro&szlig;eltern, Onkel, Tanten &hellip;, die ihnen von den Schrecken, den Unmenschlichkeiten eines Krieges berichtet haben? Hatten diese etwa sogar vom Krieg profitiert? Oder haben sie kein Gewissen? Wie fremd muss man sich selbst geworden sein, um das Wohl und das Leben anderer Menschen zu opfern f&uuml;r Profit &ndash; fremden oder eigenen? Am Ende ihrer Tage werden auch sie nur mitnehmen k&ouml;nnen, was sie &ndash; als Menschen &ndash; geworden sind! Das aber werden sie mitnehmen <strong>m&uuml;ssen<\/strong>, wie schwer sie daran auch zu tragen haben m&ouml;gen. <\/p><p>Das Leid all der Menschen, deren Leben durch Krieg zerst&ouml;rt wurde, wird dadurch nicht ungeschehen.  <\/p><p>Darum m&uuml;ssen wir die Erinnerung der Zeitzeugen &ndash; der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt und erlitten haben &ndash; wachhalten und teilen. Gegen die Propaganda der Kriegstreiber! &Uuml;ber die menschenverachtende Macht- und Profitgier weniger, wenn auch einflussreicher Nutznie&szlig;er von Kriegen muss die Wahrheit und muss die Vernunft und Menschlichkeit der Vielen siegen. Wenn wir uns nicht l&auml;nger spalten lassen, sondern zusammenhalten, wird uns das gelingen &ndash; und werden wir den Frieden gewinnen.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en,<\/p><p>Anonym <em>(Name ist der Redaktion bekannt)<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small>Titelbild: Sudetendeutsche Stiftung \/ Expulsion of the Germans from the Sudetenland \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/1.0\/deed.en\">Attribution-Share Alike 1.0 Generic<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser 22. 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