{"id":151927,"date":"2026-06-09T16:00:00","date_gmt":"2026-06-09T14:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151927"},"modified":"2026-06-09T17:12:57","modified_gmt":"2026-06-09T15:12:57","slug":"sowjetunion-weltfeind-nr-1-der-nationalsozialisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151927","title":{"rendered":"Sowjetunion: \u201eWeltfeind Nr. 1\u201c der Nationalsozialisten"},"content":{"rendered":"<p>Ein neues Buch des deutsch-amerikanischen Historikers <strong>Jochen Hellbeck<\/strong> erschien voriges Jahr in deutscher und englischer Version unter unterschiedlichen Titeln. Der deutsche Titel &bdquo;Ein Krieg wie kein anderer&ldquo; reflektiert den allgemeinen Konsens, dass es sich bei dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion um einen von Beginn an geplanten Vernichtungskrieg handelte. Der Titel der englischen Ausgabe &bdquo;Weltfeind Nr. 1&ldquo; verweist auf den ideologischen Kern des Konflikts. Eine Buchbesprechung zu Jochen Hellbecks &bdquo;Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision.&ldquo; Von <strong>Klaus von Raussendorff<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn der Einleitung legt der Autor dar, worum es in dem Buch geht: &bdquo;F&uuml;r die Nationalsozialisten und andere rechtsextreme Bewegungen vereinigte das sowjetische System ihren doppelten Hass auf Juden wie auf Bolschewiken, so dass sie es mit einem neuen Begriff belegten: dem des j&uuml;dischen Bolschewismus. In der Vorstellung der Nationalsozialisten war die UdSSR die m&auml;chtigste j&uuml;dische Organisation der Welt. Sie bezeichneten sie als den Weltfeind Nr. 1. Die sowjetische Bedrohung war allumfassend. 1936 brachte Hitler seine Bef&uuml;rchtungen auf den Punkt, als er die Kremlf&uuml;hrung als den &sbquo;extremsten&lsquo; Verfechter der modernen Aufkl&auml;rung beschrieb, die erst die Franz&ouml;sische Revolution ausgel&ouml;st hatte und sich nun anschickte, die ganze Welt in den Abgrund zu sto&szlig;en. Das von den Nationalsozialisten als j&uuml;disch bezeichnete Bekenntnis zum Universalismus und zur &sbquo;rassen&uuml;bergreifenden&lsquo; internationalen Solidarit&auml;t kollidierte mit Hitlers Projekt, der germanischen Rasse zur alleinigen Vorherrschaft zu verhelfen. Um seinem Untergang zu entgehen, habe Deutschland keine andere Wahl als die Sowjetunion zu vernichten.&ldquo; (S. 13) <\/p><p>In zehn Kapiteln erz&auml;hlt der Autor den Verlauf des Krieges. &bdquo;Als die deutschen Truppen gegen ihren Feind antraten, hatten sie sich das NS-Phantasma von der Sowjetunion als j&uuml;dischem Staat l&auml;ngst zu eigen gemacht. Wenn sie in H&auml;user eindrangen, lautete die erste Frage an die ver&auml;ngstigten Bewohner: Jude? Kommunist? Wer in eine der beiden Kategorien zu passen schien, wurde abgef&uuml;hrt und hingerichtet.&ldquo; (S. 14) Die Beschreibung unvorstellbarer massenhafter Gr&auml;ueltaten machen das Buch zu einer ersch&uuml;tternden Lekt&uuml;re, abgemildert lediglich durch die Klarheit und Verst&auml;ndlichkeit des fl&uuml;ssigen Stils des Autors und sein konsequentes Bem&uuml;hen um Wahrheit und Gerechtigkeit. <\/p><p>Milit&auml;rische Vorg&auml;nge im Einzelnen bleiben au&szlig;er Betracht. Es geht auch nicht um eine Analyse der gegens&auml;tzlichen Klassenstrukturen der feindlichen Staaten. Vielmehr will der Autor ein auf die handelnden Menschen bezogenes umfassendes Bild der beiden L&auml;nder im Krieg zeichnen. Sowohl f&uuml;r die deutsche als auch f&uuml;r die sowjetische Seite werden politische und milit&auml;rische Direktiven, Berichte von Kriegskorrespondenten, Tageb&uuml;cher, Fotos und Briefe sowie Zeitzeugenberichte ausgewertet, vielfach aus bisher unbekannten Quellensammlungen, darunter das Archiv von Ilja Ehrenburg, dem bekanntesten sowjetischen Kriegsberichterstatter sowie eine Sammlung von Hunderten von Interviews, die eine Gruppe von Historikern und Historikerinnen unter der Leitung des Moskauer Geschichtsprofessors Isaak Israelewitsch Minz w&auml;hrend des Kriegs durchf&uuml;hrte. <\/p><p>Da die Menschen im Westen sich schwergetan h&auml;tten, so Hellbeck, sowjetische Institutionen und Werte als Tr&auml;ger moralischen Handelns anzuerkennen, erscheine der Kommunismus in der g&auml;ngigen Geschichtsschreibung als eine Herrschaftsideologie des stalinistischen Staates. Die pers&ouml;nlichen Erfahrungen von Menschen, die sich mit ihrer Heimat und sozialistischen Werten identifizierten, f&auml;nden in diesen Darstellungen wenig Raum. Doch &bdquo;viele, vielleicht die meisten, der Menschen, die an diesem Krieg teilnahmen, h&auml;tten sich ohne nachzudenken als Sowjetb&uuml;rger bezeichnet, wenn man sie nach ihrer Zugeh&ouml;rigkeit gefragt h&auml;tte. Diese Menschen und Taten verdienen unsere Aufmerksamkeit. Sie wurden viel zu lang &uuml;berh&ouml;rt und missachtet.&ldquo; (S. 37) Die schockierende Zahl von 26 Millionen Sowjetb&uuml;rgern, die zwischen 1941 und 1945 ihr Leben verloren, ist allgemein bekannt. Aber ihre Gesichter und Stimmen &bdquo;bleiben seltsam abwesend&ldquo;. Dagegen seien &bdquo;die Gewaltexzesse sowjetischer Soldaten gegen deutsche Zivilisten akribisch untersucht worden&ldquo;. (S. 26-27) <\/p><p>Das Buch will &bdquo;der UdSSR den ihr geb&uuml;hrenden Platz in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs und des Kampfes gegen den Nationalsozialismus zur&uuml;ckgeben. Die Sowjetunion fungierte nicht nur als Versuchslabor f&uuml;r die deutsche Politik des Massenmordes, sie war auch die entscheidende Staatsmacht, die das Dritte Reich besiegte, &hellip;. Auf sowjetischer Seite dienten die deutschen Gr&auml;ueltaten dazu, die eigenen Kriegsanstrengungen als menschheitlichen Kampf gegen die &sbquo;faschistische Barbarei&lsquo; darzustellen. Die Wirkung dieser moralischen Selbsterh&ouml;hung trug entscheidend zum Sieg der Alliierten &uuml;ber Nazi-Deutschland bei.&ldquo; (S. 24) <\/p><p>Hellbeck will &bdquo;zu einer Revision auffordern, und zwar nicht nur der Geographie der nationalsozialistischen Gewalt, sondern auch ihrer Chronologie&ldquo;. (S. 25) Die Ostfront werde nach wie vor nicht als <em>der <\/em>entscheidende Schauplatz des Krieges betrachtet. &bdquo;Der Antikommunismus des Westens ist der Grund daf&uuml;r, dass die Sowjetunion in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs eher als T&auml;ter denn als Opfer beschrieben wird.&ldquo; (S. 26) Auch die Darstellung der zeitlichen Entstehung des Vernichtungsdrangs der Nationalsozialisten sei zu revidieren. Lesarten, die sich auf die Vorgeschichte des Antisemitismus in Deutschland konzentrieren, die Geschichte vom Aufstieg der NSDAP und Hitlers politische Laufbahn in kumulativer Weise zu erz&auml;hlen, die eine schrittweise Radikalisierung der nationalsozialistischen Herrschaft bis hin zum Massenmord an den europ&auml;ischen Juden nahelegen, verschleierten die zentrale Bedeutung der sowjetischen Juden in der Vorstellungswelt der Nationalsozialisten. <\/p><p>Zwar betrachteten die Nationalsozialisten alle Juden als Vertreter einer globalen Verschw&ouml;rung, doch sahen sie in den Juden der Sowjetunion die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung f&uuml;r Deutschland. Laut NS-Ideologie &uuml;bten die sowjetischen Juden einen politischen Einfluss aus, &uuml;ber den Juden in anderen L&auml;ndern nicht verf&uuml;gten &ndash; &bdquo;und dies rechtfertigte ihr Todesurteil. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion markierte den Wendepunkt, an dem die Nationalsozialisten ein System des Massenmordes in Gang setzten, das zun&auml;chst der Vernichtung des j&uuml;disch-bolschewistischen Gegners in Osten galt und anschlie&szlig;end auf Juden in ganz Europa ausgedehnt wurde.&ldquo; (S. 25) Es sei zu einer Neudefinierung der Juden gekommen: &bdquo;Aus den Angeh&ouml;rigen einer fremden Rasse, die vom germanischen Boden vertrieben werden sollten, wurde ein politischer Feind, den es auszul&ouml;schen galt. Auf diese Weise ging die Vernichtung von Juden und Kommunisten in der Sowjetunion nahtlos in die Verfolgung und anschlie&szlig;ende Vernichtung von Juden anderswo &uuml;ber.&ldquo; (S. 15)<\/p><p>Bei der Erinnerung an den Holocaust, so Hellbeck, berufe man sich in der westlichen Welt f&uuml;r gew&ouml;hnlich in den letzten Jahrzehnten verst&auml;rkt ausschlie&szlig;lich auf demokratische Grundwerte. Es sei von einer demokratischen Erinnerungskultur die Rede, die sich in deutlicher Abgrenzung vom Kommunismus definiert. Das sei der Grund, warum die heutige westliche Erinnerung an den Holocaust den zentralen Platz von Kommunisten neben den Juden als Hauptopfer des Nationalsozialismus negiert. &bdquo;Mein Buch versucht, dieses Bild auf den Kopf zu stellen und den Antikommunismus, verstanden als Kreuzzug gegen den &sbquo;j&uuml;dischen Bolschewismus&lsquo; als treibende Kraft des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges sichtbar zu machen &hellip;. Dieser Antikommunismus ist in der F&uuml;lle der Studien, die sich mit der m&ouml;rderischen Politik des NS-Staates befassen, nicht geb&uuml;hrend ber&uuml;cksichtigt worden.&ldquo; (S. 27)<\/p><p>Einige Wissenschaftler h&auml;tten sich bewusst bem&uuml;ht, die verh&auml;ngnisvolle Verbindung, die die Nationalsozialisten zwischen den Juden und den Kommunisten herstellten, in der Absicht zu durchtrennen, die Bilderwelt deutscher Kriegshetze als blo&szlig;e Hirngespinste hinzustellen, mit denen man sich nicht weiter besch&auml;ftigen m&uuml;sse. Doch solche &bdquo;gutgemeinten Versuche&ldquo; t&auml;uschten &bdquo;&uuml;ber die antikommunistische Ausrichtung der NS-Ideologie und ihre enge Verkn&uuml;pfung mit dem Antisemitismus hinweg. (S. 28)<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong> Jochen Hellbecks Buch mit den &uuml;berzeugend belegten Thesen, dass der ideologische Hass der Nationalsozialisten auf den &bdquo;j&uuml;dischen Bolschewismus&ldquo; die Haupttriebfeder ihres Vernichtungswahns war, der sich unterschiedslos gegen Kommunisten und Juden richtete, und dass im besetzten Teil der Sowjetunion das System des Massenmordes in Gang gesetzt wurde, das schlie&szlig;lich auf Juden in ganz Europa ausgedehnt wurde, bietet eine neue Perspektive auf die Menschen der Sowjetunion und ihren entscheidenden Beitrag zum Sieg &uuml;ber Nazi-Deutschland. Das Buch ist nicht zuletzt auch eine wichtige Quelle der Inspiration f&uuml;r alle, die sich f&uuml;r friedliche Beziehungen zwischen Deutschland und Russland aktiv einsetzen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literaturhinweise:<\/strong><\/p><p>Jochen Hellbeck (geb.1966 in Bonn) ist ein deutsch-amerikanischer Osteuropahistoriker, der als Professor an der Rutgers University in den USA lehrt. Er ist international bekannt f&uuml;r seine Arbeiten zur Sowjetunion und zum Zweiten Weltkrieg, darunter:<\/p><ul>\n<li><em>Revolution on My Mind. Writing a Diary under Stalin<\/em>. Harvard University Press, Cambridge 2006 (eine Darstellung, wie sich Individuen in der stalinistischen Sowjetunion die offizielle Ideologie zu eigen machten und in das kommunistische Kollektiv einschrieben)<\/li>\n<li><em>Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht.<\/em>&nbsp;&Uuml;bersetzung der Protokolle aus dem Russischen von Christiane K&ouml;rner und Annelore Nitschke. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2012,&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Special:BookSources\/9783100302137\">ISBN 978-3-10-030213-7<\/a>.<\/li>\n<li><em>Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision<\/em>. &Uuml;bers. von&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/uebersetzer\/karin-hielscher-1019683\">Karin Hielscher<\/a>. S. Fischer-Verlage, Frankfurt 688 Seiten, 36 Euro. E-Book: 24,99 Euro. S. Fischer-Verlage ISBN: 978-3-10-397050-0 &ndash; 26. Februar 2025<\/li>\n<li><em>World Enemy No. 1: Nazi Germany, Soviet Russia, and the Fate of the Jews<\/em>&nbsp;.&nbsp;Penguin Press, &nbsp;560 Seiten ISBN9780593657386 &ndash; 21.Oktober 2025<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neues Buch des deutsch-amerikanischen Historikers <strong>Jochen Hellbeck<\/strong> erschien voriges Jahr in deutscher und englischer Version unter unterschiedlichen Titeln. Der deutsche Titel &bdquo;Ein Krieg wie kein anderer&ldquo; reflektiert den allgemeinen Konsens, dass es sich bei dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion um einen von Beginn an geplanten Vernichtungskrieg handelte. 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