{"id":151943,"date":"2026-06-09T09:07:31","date_gmt":"2026-06-09T07:07:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151943"},"modified":"2026-06-09T09:20:21","modified_gmt":"2026-06-09T07:20:21","slug":"kollektives-paranoid-nach-45-jahren-wiedergelesen-alle-redeten-vom-frieden-von-horst-eberhard-richter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151943","title":{"rendered":"\u201eKollektives Paranoid\u201c \u2013 Nach 45 Jahren wiedergelesen: \u201eAlle redeten vom Frieden\u201c von Horst-Eberhard Richter"},"content":{"rendered":"<p>In der Reihe &bdquo;Wiedergelesen&ldquo; ver&ouml;ffentlichen wir in unregelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden Besprechungen von B&uuml;chern, die jetzt wieder brandaktuell sind und die man sich unbedingt (wieder) ansehen sollte. Heute geht es um den Band &bdquo;Alle redeten vom Frieden &ndash; Versuch einer paradoxen Intervention&ldquo;, der im Herbst 1981 erstver&ouml;ffentlicht wurde. Die Leser sind eingeladen, die dort entwickelten Thesen auf die aktuelle Kriegsgefahr zu &uuml;bertragen. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Anmerkung der Redaktion: Vieles in der heutigen Konfrontation zwischen dem Westen und Russland und dem neuen Wettr&uuml;sten erinnert dramatisch an die Zeit des (ersten) Kalten Krieges. Bereits damals erschienen Klassiker zur atomaren Situation und zur Psychologie des Friedens. Das Rad muss durchaus nicht zum hundertsten Male neu erfunden werden!<\/em><\/p><p>Im Oktober 1981 &ndash; einer ebenfalls sehr angespannten Zeit zwischen Ost und West im Vorfeld der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen und Marschflugk&ouml;rper in Westeuropa &ndash; ver&ouml;ffentlichte der im Jahre 2011 verstorbene Arzt und Psychoanalytiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Horst-Eberhard_Richter\">Horst-Eberhard Richter<\/a> (er gr&uuml;ndete sp&auml;ter die deutsche Sektion der <a href=\"https:\/\/www.ippnw.de\/startseite.html\">&bdquo;Internationale &Auml;rzte f&uuml;r die Verh&uuml;tung des Atomkriegs&ldquo;<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.ippnw.org\/\">IPPNW<\/a>) ein Buch, das sich erstmals systematisch mit der sozialpsychologischen Seite von Wettr&uuml;sten und Kriegsgefahr auseinandersetzte. Der Band <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Alle-redeten-vom-Frieden-Intervention\/dp\/3498056948\">&bdquo;Alle redeten vom Frieden &ndash; Versuch einer paradoxen Intervention&ldquo;<\/a> war allerdings nicht akademisch gehalten. Um m&ouml;glichst viele Menschen zu erreichen, pr&auml;sentierte Richter seine Analyse des R&uuml;stungswahnsinns (ein mittlerweile v&ouml;llig aus der Mode gekommenes Wort) in Gestalt einer Science-Fiction-Geschichte.<\/p><p>Irgendwann in der Zukunft suchen intelligente au&szlig;erirdische Wesen in der noch immer radioaktiv verstrahlten Erdkruste nach Anhaltspunkten f&uuml;r die Ursachen der vorausgegangenen Katastrophe, die s&auml;mtliches Leben auf diesem Planeten ausl&ouml;schte. Bei der Rekonstruktion der Ereignisse gelangen sie zu dem Ergebnis, dass das Inferno von einem Club von Doppelagenten aus beiden Machtbl&ouml;cken gezielt vorbereitet wurde, wobei man sich bei der Durchsetzung des Plans einer ausgekl&uuml;gelten Strategie zur Beeinflussung der Menschen in Ost und West bediente. Die genauere Schilderung der psychologischen Strategie des Agentenclubs bildete den eigentlichen Inhalt des Buches, das (heute unvorstellbar) bereits im Monat seiner Erstver&ouml;ffentlichung eine Auflage von 50.000 Exemplaren erzielt hatte.<\/p><p><strong>Absolute Waffe &ndash; absoluter Feind<\/strong><\/p><p>Mit dem Kunstgriff der Konstruktion eines block&uuml;bergreifenden Agentenclubs interpretierte Richter die Logik der wechselseitigen Aufr&uuml;stung als <em>gemeinsames &sbquo;Spiel&lsquo;<\/em>, in das die beiden verfeindeten Bl&ouml;cke &ndash; damals NATO und Warschauer Pakt &ndash; verstrickt waren und das sie wechselseitig koordiniert in einem Prozess kumulativer Radikalisierung bis an die Schwelle des Unvorstellbaren vorantrieben. (Der Philosoph G&uuml;nther Anders hatte zwei Jahrzehnte zuvor den gleichen Gedanken umgekehrt als moralischen Imperativ formuliert: &bdquo;Was wir bek&auml;mpfen, ist nicht dieser oder jener Gegner, der mit atomaren Mitteln attackiert oder liquidiert werden k&ouml;nnte, sondern die <em>atomare Situation als solche.<\/em> Da dieser Feind <em>aller<\/em> Menschen Feind ist, m&uuml;ssten sich diejenigen, die einander bisher als Feind betrachtet hatten, als Bundesgenossen gegen die gemeinsame Bedrohung zusammenschlie&szlig;en.&ldquo;)<\/p><p>Richters zentrale These: Die wechselseitigen Feindbilder beider Machtbl&ouml;cke h&auml;tten sich zu einem <em>bipolaren Verfolgungswahn<\/em>, einem <em>kollektiven Paranoid<\/em>, gesteigert, das mit jeweils umgekehrten Vorzeichen die Bev&ouml;lkerungen in Ost <em>und<\/em> West erfasst habe. Dabei bezog er sich auf einen Gedanken des Physikers Patrick Blackett aus dem Jahre 1956: &bdquo;Wenn einmal eine Nation ihre Sicherheit auf eine <em>absolute Waffe<\/em> st&uuml;tzt, wird es psychologisch notwendig, an einen <em>absoluten Feind<\/em> zu glauben.&ldquo; Oder mit den Worten des Nobelpreistr&auml;gers Max Born: &bdquo;Um das Gewissen der Menschen zu beruhigen, gegen&uuml;ber milit&auml;rischen Pl&auml;nen, welche die T&ouml;tung von vielen zehn oder gar hundert Millionen M&auml;nnern, Frauen und Kindern der anderen Seite &ndash; und der eigenen, was aber verdunkelt wird &ndash; ins Auge fassen, <em>muss<\/em> die andere Seite als ihrem Wesen nach verdorben und aggressiv gedacht werden.&ldquo;<\/p><p>Folgt man diesen Thesen &ndash; und sie sind auch nach 70 Jahren so aktuell wie ehedem &ndash;, dann besteht zwischen dem eigenen verf&uuml;gbaren Waffenpotenzial und der Intensit&auml;t des jeweiligen Feindbilds ein unmittelbarer Zusammenhang. Kindlich formuliert: <em>Die Atombombe zwingt ihrem Besitzer das Bild von einem absoluten Feind auf.<\/em> Horst-Eberhard Richter beschreibt in seinem Buch ausf&uuml;hrlich vier Stufen des psychologischen Aufr&uuml;stungsprozesses, der sich aus dieser Wechselwirkung nahezu zwangsl&auml;ufig ergibt: Begriffsverwirrung und Ablenkung, Entfremdung der Menschen zwischen beiden Machtbl&ouml;cken, Emotionalisierung sowie schlie&szlig;lich als letztes Stadium das kollektive Paranoid.<\/p><p>Ich fasse Richters Thesen im Folgenden zusammen und lade die Leser ein, diese vor 45 Jahren formulierten Gedanken auf die gegenw&auml;rtig erneut h&ouml;chstgef&auml;hrlich zugespitzte Konfrontation zwischen dem kollektiven Westen und dem wiedererstarkten Russland anzuwenden.<\/p><p><strong>Begriffsverwirrung und Ablenkungsprozesse<\/strong><\/p><p>Das erste Stadium der psychologischen Aufr&uuml;stung ist laut Richter gekennzeichnet durch Begriffsverwirrung und Ablenkungsprozesse. Vor allem die Worte &bdquo;Frieden&ldquo; und &bdquo;Krieg&ldquo; seien im allt&auml;glichen Sprachgebrauch so verw&auml;ssert, dass &uuml;ber ihren Inhalt kaum noch Verst&auml;ndigung zu erzielen sei. Wie Richter sehr anschaulich darstellt, deckt der Begriff &bdquo;Frieden&ldquo; so unterschiedliche Sachverhalte wie &bdquo;h&auml;uslichen Frieden&ldquo; und &bdquo;sozialen Frieden&ldquo; ab, den &bdquo;Grabesfrieden&ldquo; von Diktaturen ebenso wie den &bdquo;Seelenfrieden&ldquo; des Einzelnen bis hin zur friedlichen Hinnahme der wechselseitigen Aufr&uuml;stung mit Massenvernichtungsmitteln.<\/p><p>Parallel zur Vernebelung und Pervertierung des Friedensbegriffes wird das Wort &bdquo;Krieg&ldquo; in einer v&ouml;llig anachronistischen Bedeutung verwendet, die den Folgen eines Atomkrieges, der nur noch ein entsetzliches Massaker, ein einziger V&ouml;lkermord sein kann, in keinster Weise gerecht wird. Stattdessen weckt der Gebrauch des Wortes &bdquo;Krieg&ldquo; eher Assoziationen an vergleichsweise &bdquo;humane&ldquo; Kriegsszenen der Vergangenheit, &bdquo;an Zweik&auml;mpfe Mann gegen Mann, allenfalls an Feldz&uuml;ge, in denen es noch Front und Heimat gegeben hatte, Respektierung des Roten Kreuzes, Waffenruhe zu Weihnachten, Fairness gegen&uuml;ber Gefangenen und Waffenstillstand nach Erreichung des politischen Zwecks.&ldquo; Dieser Verharmlosung des Kriegsbegriffes entspricht umgekehrt eine Militarisierung der Alltagssprache. (Mit deren <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=woerterbuch-der-kriegstuechtigkeit\">aktueller Variante<\/a> sich der Autor dieser Zeilen intensiv besch&auml;ftigt.)<\/p><p>Neben der zunehmenden Begriffsverwirrung und Militarisierung der Alltagssprache ist die erste Stufe der psychologischen Aufr&uuml;stung zus&auml;tzlich durch <em>Ablenkungs- und Verschiebungsprozesse<\/em> charakterisiert, deren Zweck es ist, die latente Protestbereitschaft der Bev&ouml;lkerung gegen die milit&auml;rische Aufr&uuml;stung zu binden und damit unsch&auml;dlich zu machen. Richter stellt in diesem Zusammenhang die These auf, die (damals) zahlreichen Initiativen gegen Kindesmisshandlungen, gegen Tierversuche, gegen die Ausrottung seltener Pflanzen- und Tierarten etc. bes&auml;&szlig;en f&uuml;r viele Menschen unbewusst auch die Funktion, von der &uuml;berm&auml;chtigen Gefahr der weltweiten atomaren Aufr&uuml;stung abzulenken, wodurch sich das unterschwellig vorhandene Protestpotenzial in erster Linie auf Ersatzobjekte gerichtet habe. Das letzte Stadium dieses Prozesses stelle der Kampf gegen Atomkraftwerke dar:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Niemand wird den Sinn der Initiativen bestreiten, die sich zur Abwendung solcher und anderer Gefahren aufgetan haben. Aber wenn das Gesamt dieser Initiativen am Ende zu einer Ersch&ouml;pfung der Widerstandskr&auml;fte f&uuml;hrt, von denen ein gro&szlig;er Teil sich gegen die wichtigste aller Bedrohungen wenden m&uuml;sste, dann liegt in der Tat ein unheilvoller Verschiebungsmechanismus vor. Man reagiert sich in der Bek&auml;mpfung von vergleichsweise greifbaren Sch&auml;dlichkeiten ab, die unbewusst das bei weitem gef&auml;hrlichste, aber deshalb unertr&auml;glich gewordene Angstobjekt ersetzen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Entfremdung der Menschen zwischen beiden Machtbl&ouml;cken<\/strong><\/p><p>Die zweite Ebene des psychologischen Aufr&uuml;stungsprozesses besteht laut Horst-Eberhard Richter in der <em>Entfremdung der Menschen zwischen beiden Seiten<\/em>. W&auml;hrend die Kriegsallianz beim Kampf gegen den deutschen Faschismus anf&auml;nglich auch partnerschaftliche Gef&uuml;hle zwischen den L&auml;ndern im Osten wie im Westen hinterlassen hatte, bildete die Entstehung und Abschottung der Milit&auml;rbl&ouml;cke und die damit verbundene erhebliche Begrenzung der direkten Begegnungen zwischen beiden V&ouml;lkergruppen die entscheidende Voraussetzung f&uuml;r eine Verfestigung von wechselseitigen Vorurteilen und Feindbildern. Seitdem beschr&auml;nkten sich die Formen der Begegnung &ndash; nochmals zur Erinnerung: Wir befinden uns im Jahre 1981! &ndash; auf zeitweilige kulturelle und sportliche Veranstaltungen, Treffen zwischen Politikern und Wirtschaftsfachleuten sowie minimale Besucherkontakte zwischen Teilen der Bev&ouml;lkerung. Die Folge sei unter anderem eine Drosselung des unmittelbaren Informationsflusses zwischen den Menschen beider Machtbl&ouml;cke, zu der sich eine gezielte Nachrichtenmanipulation durch die jeweilige Presse gesellt. Dazu Richter in seiner Geschichte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>In den &ouml;stlichen Zeitungen wurde nur Weniges und ausgesucht Negatives &uuml;ber den Westen berichtet. Im westlichen F&uuml;hrungsland meinte man aus narzisstischer Selbst&uuml;bersch&auml;tzung, in der au&szlig;eramerikanischen Welt, vor allem aber im Osten, passiere ohnehin nichts Wichtiges. So r&uuml;ckten die V&ouml;lkergruppen tats&auml;chlich mehr und mehr innerlich voneinander fort. Die Vorurteile h&auml;uften sich.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Den Feindbildern, die sich auf diese Weise zunehmend in den K&ouml;pfen festsetzen, wohnt dar&uuml;ber hinaus eine Tendenz zur Totalisierung inne. Schnell wird nicht mehr zwischen Machthabern und Volksmassen auf der jeweils anderen Seite unterschieden. Richter:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Man musste die Propaganda so lenken, dass in ihr die Unterschiede zwischen Machthabern und Volksmassen mehr und mehr verschwanden. Wenn z.B. die Sowjetregierung irgend etwas unternahm, was sich anprangern lie&szlig;, dann hatte das westliche Fernsehen zu berichten: Die Russen haben dieses oder jenes Schlimme gemacht. Die Volksmassen h&auml;tte man sich in etwa wie eine gro&szlig;e amorphe kopflose Herde vorzustellen, die mit der Kremlclique als steuerndem Gehirn fest zusammengewachsen sei. Jedenfalls w&uuml;rde diese Herde automatisch jede Schandtat begehen, wenn die Bande im Kreml ihr dies befehlen w&uuml;rde.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Indem die eine Seite so zu einem einzigen Feind vereinheitlicht wird, wird es zugleich immer weniger m&ouml;glich, die vielf&auml;ltigen M&ouml;glichkeiten von Beziehungen, die denkbar w&auml;ren, noch in Betracht zu ziehen. Damit wird der Boden bereitet f&uuml;r die dritte Stufe der psychologischen Aufr&uuml;stung, die Horst-Eberhard Richter <em>Emotionalisierung<\/em> nennt.<\/p><p><strong>Emotionalisierung<\/strong><\/p><p>Die Ebene der <em>Emotionalisierung<\/em> zeichnet sich dadurch aus, dass die weitgehend verinnerlichten Feindbilder nun kollektiv mit aggressiven Impulsen aufgeladen werden. Dazu Richter in seiner &bdquo;Geschichte&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Der eigentliche Kommunismus steckte in Moskau. Von dort aus w&uuml;rde er, wenn man ihn nicht niederzwingen w&uuml;rde, unbeirrbar die gesamte Erde erobern. An diesem Steckbrief lie&szlig;en die westlichen Propagandastrategen nicht mehr herumdeuteln. Diese reflexm&auml;&szlig;igen Reaktionsmechanismen tr&uuml;bten den Blick der V&ouml;lker in groteskem Ausma&szlig; daf&uuml;r, dass sie durch ihre eskalierende Hochr&uuml;stung eigentlich immer mehr selbst die Ideale verrieten, um derentwillen sie jeweils das eigene System um jeden Preis verteidigen zu sollen meinten.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Kollektives Paranoid<\/strong><\/p><p>Auf dem h&ouml;chsten Stadium der psychologischen Aufr&uuml;stung schlie&szlig;lich ist die auf beiden Seiten vorhandene Verfolgungsmentalit&auml;t zu einem regelrechten bipolaren Verfolgungswahn, einem <em>kollektiven Paranoid<\/em>, ausgewachsen. Vor allem in Zeiten internationaler Spannungen w&auml;chst dieser Verfolgungswahn an und bewirkt durch das ihm zugrundeliegende abgrundtiefe Misstrauen, dass die Volksmassen in beiden Machtbl&ouml;cken trotz dringend ben&ouml;tigter sozialer Verbesserungen nicht nur erhebliche R&uuml;stungsanstrengungen hinnehmen, sondern diese zum Teil auch noch fordern, w&auml;hrend die damit verbundene Selbstgef&auml;hrdung zugleich nahezu vollst&auml;ndig ausgeblendet wird. Richter nennt drei charakteristische Momente des kollektiven Paranoids:<\/p><ol>\n<li>Jede Seite f&uuml;hlt sich in der <em>Rolle eines unschuldig Verfolgten<\/em> und erwartet vom Gegner nichts als r&uuml;cksichtslose brutale Aggressivit&auml;t. Diese kollektiv neurotische Angstprojektion geht einher mit der <em>Unf&auml;higkeit zu selbstkritischer Wahrnehmung<\/em>, was das Unrecht betrifft, das die eigene Seite aus&uuml;bt. Da man sich selbst auf der Seite des absolut Guten sieht, w&auml;hrend es selbstverst&auml;ndlich immer die andere Seite ist, die das &bdquo;Reich des B&ouml;sen&ldquo; verk&ouml;rpert, erscheint jede erdenkliche Form der Gewalt zur Abwehr des Gegners als gerechtfertigt: &bdquo;Unsere nuklearen Sprengk&ouml;pfe sind rein und gut, sie sind uns moralisch geradezu aufgezwungen zur Verteidigung gegen das B&ouml;se, das dr&uuml;ben auf unsere Vernichtung oder zumindest Unterjochung lauert.&ldquo;<\/li>\n<li>Durch <em>einseitige Selektion der Wahrnehmung<\/em> wird beim Gegner alles ausgeblendet, was der Feindbildprojektion widersprechen k&ouml;nnte. Die andere Seite kann Abr&uuml;stungs- oder Verhandlungsvorschl&auml;ge unterbreiten, so viel sie will &ndash; stets erscheinen ihre Ma&szlig;nahmen als neuerliche Beweise ihrer B&ouml;sartigkeit, die auch vor den hinterlistigsten und raffiniertesten T&auml;uschungsman&ouml;vern nicht zur&uuml;ckschreckt, wenn es darum geht, die eigene Verteidigungsf&auml;higkeit zu schw&auml;chen.<\/li>\n<li>Damit erh&auml;lt der kollektive Verfolgungswahn, wie jeder Wahn, das Moment von <em>Unkorrigierbarkeit.<\/em> &bdquo;Positive Ver&auml;nderungen beim Verfolger, die zu einem Abbau von Misstrauen anregen k&ouml;nnten, werden gar nicht oder nur ungen&uuml;gend beachtet. Das wahnhaft verankerte Verfolgungskonzept gibt dem vermeintlichen Verfolger kaum eine Chance, sein Image zu revidieren.&ldquo; Stattdessen werden st&auml;ndig Informationen gebraucht, die den Wahn erneut anheizen, da eine Schw&auml;chung des absoluten Feindbildes auch die eigene Selbststabilisierung erheblich ersch&uuml;ttern w&uuml;rde.<\/li>\n<\/ol><p>Eine besondere Gefahr des kollektiven Paranoids liegt nicht zuletzt in der <em>Tendenz zur kreisf&ouml;rmigen Selbstverst&auml;rkung<\/em>, &bdquo;indem jede Seite die andere Seite, wie unbewusst auch immer, zur Eskalation des B&ouml;sen treibt, das sie auf jene projiziert. Wenn man aus paranoidem Argwohn auf der Gegenseite stets eher das Negative ernst und somit bestimmend f&uuml;r das eigene Handeln nimmt, werden gerade solche Entwicklungen gef&ouml;rdert, die man eigentlich um jeden Preis verhindern will.&ldquo;<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus hat der Verfolgungswahn jedoch auch <em>innerhalb<\/em> des eigenen Machtbereiches eine fatale Tendenz zur Folge: Da die wahnhafte Mentalit&auml;t <em>kollektiv<\/em> vorhanden ist und somit als &sbquo;normal&lsquo; gilt, erscheint jeder Versuch, auszubrechen, als verd&auml;chtig. Wer auch nur Verst&auml;ndnis daf&uuml;r &auml;u&szlig;ert, dass sich der Gegner durch die R&uuml;stungsanstrengungen der eigenen Seite bedroht sehen k&ouml;nnte, ger&auml;t bereits schnell in den Ruf, ein feindlicher Agent im eigenen Lager zu sein. Indem er die Wahnfixierung der Mehrheit bedroht, l&auml;uft er Gefahr, in eine Au&szlig;enseiterrolle gedr&auml;ngt zu werden und den Hass der Mehrheit auf sich zu ziehen.<\/p><p><strong>Und heute?<\/strong><\/p><p>Soweit Horst-Eberhard Richters vor 45 Jahren formulierte Gedanken zur psychologischen Aufr&uuml;stung. Wem dessen Begriff des &bdquo;kollektiven Paranoids&ldquo; f&uuml;r die aktuelle Situation als zu &uuml;berzogen vorkommt, den lade ich ein, sich z.B. einmal die aktuellen Debatten im EU-Parlament zum Ukrainekrieg, Verlautbarungen eines bestimmten christdemokratischen Bundestagsabgeordneten zum selben Thema oder analoge &Auml;u&szlig;erungen dessen &sbquo;Zwillings im Geiste&lsquo;, dem stellvertretenden Leiter des russischen Sicherheitsrats, Dmitrij Medwedew, anzuschauen.<\/p><p>Ein fl&uuml;chtiger Blick gen&uuml;gt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist zuerst <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/kollektives-paranoid-nach-45-jahren-wiedergelesen-alle-redeten-vom-frieden-von-horst-eberhard-richter\/\">auf Globalbridge erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/boellstiftung\/5280066936\">&bdquo;Horst-Eberhard Richter (Psychoanalytiker und Sozialphilosoph)&ldquo; von Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung, CC BY-SA 2.0<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe &bdquo;Wiedergelesen&ldquo; ver&ouml;ffentlichen wir in unregelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden Besprechungen von B&uuml;chern, die jetzt wieder brandaktuell sind und die man sich unbedingt (wieder) ansehen sollte. Heute geht es um den Band &bdquo;Alle redeten vom Frieden &ndash; Versuch einer paradoxen Intervention&ldquo;, der im Herbst 1981 erstver&ouml;ffentlicht wurde. 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