{"id":152029,"date":"2026-06-10T11:00:00","date_gmt":"2026-06-10T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152029"},"modified":"2026-06-10T11:23:57","modified_gmt":"2026-06-10T09:23:57","slug":"reiche-superreiche-und-linke-denkfehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152029","title":{"rendered":"Reiche, Superreiche und linke Denkfehler"},"content":{"rendered":"<p>Dass in vielen L&auml;ndern und allen voran in Deutschland in den letzten Jahrzehnten die Verm&ouml;gensschere grotesk auseinandergeht, ist unumstritten. Ebenso unumstritten ist es, dass die Verm&ouml;genden in Relation zu ihrer finanziellen Leistungsf&auml;higkeit viel zu wenig zur Finanzierung des Allgemeinwohls beitragen und zu wenig Steuern zahlen. Geld fehlt an allen Ecken und Kanten, warum es nicht einfach den Reichen wegnehmen? Derartige Gedanken sind vor allem in der politischen Linken sehr popul&auml;r. Doch der Teufel steckt hier wie so oft im Detail. Das Thema ist zu komplex f&uuml;r populistische Schnellsch&uuml;sse. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHeute hat der gesch&auml;tzte Kollege Frank Blenz <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152024\">auf den <em>NachDenkSeiten<\/em><\/a> die Ideen des franz&ouml;sischen &Ouml;konomen Gabriel Zucman vorgestellt. Zucman fordert unter anderem eine Verm&ouml;genssteuer in H&ouml;he von zwei Prozent ab einem Verm&ouml;gen von 100 Millionen Euro. Das klingt nat&uuml;rlich erst einmal gut und richtig. In ein &auml;hnliches Horn st&ouml;&szlig;t regelm&auml;&szlig;ig der Noch-Linkspartei-Vorsitzende Jan van Aken, der in Deutschland <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_iMmwTAKlDA\">&bdquo;die Milliard&auml;re abschaffen&ldquo;<\/a> will. Auch ihm ist f&uuml;r diese forsche Aussage sicher viel Applaus von seiner Zielgruppe sicher. Intellektuell bewegt sich diese Forderung jedoch auf dem Niveau des vielfach kolportierten Ausspruchs von Teilnehmerinnen an Sch&ouml;nheitswettbewerben, die sich den Weltfrieden w&uuml;nschen. Ja, allerliebst &ndash; wer k&ouml;nnte ihnen da widersprechen?<\/p><p>Aber zur&uuml;ck zum Thema Verm&ouml;gen. Was ist Verm&ouml;gen, und wie setzen sich die gro&szlig;en Verm&ouml;gen zusammen, von denen wir hier sprechen? Hier ist Differenzierung angebracht. Nat&uuml;rlich gibt es sie, die schn&ouml;seligen Millionen- und Milliardenerben, deren Vorfahren beispielsweise mal vor vielen Generationen ein Unternehmen gegr&uuml;ndet und aufgebaut haben, das dann irgendwann von einem Gro&szlig;konzern aufgekauft und &uuml;bernommen wurde. Der daraus resultierende Kapitalstock wird seitdem von einem Family Office verwaltet und gemehrt, die Erben leben von der &uuml;ppigen &bdquo;Apanage&ldquo;, dem Zinsertrag aus diesem Kapitalstock. Keine Frage &ndash; es w&auml;re w&uuml;nschenswert, w&uuml;rde man diese Privatiers st&auml;rker als heute zur Finanzierung des Allgemeinwesens heranziehen.<\/p><p>Doch nicht jeder Reiche und Superreiche ist Privatier. Gerade in Deutschland besteht das wirtschaftliche R&uuml;ckgrat &ndash; mit sinkender Tendenz &ndash; immer noch aus Unternehmen, die vom Inhaber oder dessen Familie gef&uuml;hrt werden. In Deutschland gibt es rund drei Millionen inhabergef&uuml;hrte Unternehmen, von der D&ouml;nerbude um die Ecke bis zum Hidden Champion im Maschinenbau mit mehreren Zehntausend Angestellten. Nach Angaben von Lobbyverb&auml;nden &ndash; die wir an dieser Stelle nur schwer kontrollieren k&ouml;nnen &ndash; ist jedes dritte Gro&szlig;unternehmen in Deutschland, das mehr als 50 Millionen Euro Umsatz pro Jahr macht, ein Familienunternehmen. Die Familien, die diese Unternehmen besitzen, d&uuml;rften per Definition allesamt zu der Gruppe geh&ouml;ren, die man landl&auml;ufig als &bdquo;die Reichen&ldquo; oder gar &bdquo;die Superreichen&ldquo; bezeichnet.<\/p><p>Dass auch diese Unternehmer mehr zur Finanzierung des Allgemeinwohls beitragen sollten, soll hier gar nicht abgestritten werden. Die entscheidende Frage sollte nur lauten: Wie ist dies zu bewerkstelligen, ohne die Volkswirtschaft als Ganzes und damit die Basis unseres Wohlstandes zu sch&auml;digen? Und diese Frage ist alles andere als profan.<\/p><p>Dazu ein kleines Beispiel: Wir haben drei Unternehmen, die alle ein vergleichbares Produkt herstellen. Unternehmen A geh&ouml;rt zu 100 Prozent dem Firmengr&uuml;nder. Unternehmen B geh&ouml;rt zu 100 Prozent einem Norweger. Unternehmen C ist eine Aktiengesellschaft, deren Anteilseigner amerikanische Finanzkonzerne sind. Nun beschlie&szlig;t die deutsche Politik, Reiche und Superreiche mit einer zweiprozentigen Verm&ouml;genssteuer zu belegen. Der Besitzer von Unternehmen A m&uuml;sste diese Steuer aus dem laufenden Betrieb finanzieren. Sein Verm&ouml;gen ist schlie&szlig;lich das Unternehmen. Er m&uuml;sste also j&auml;hrlich zwei Prozentpunkte seiner Eigenkapitalrendite &ndash; zus&auml;tzlich zu allen anderen Steuern und Abgaben &ndash; an den Fiskus abf&uuml;hren. Dar&uuml;ber kann man gerne diskutieren. Das Problem ist jedoch, dass sein Konkurrent, das Unternehmen B, diese zus&auml;tzliche Steuer nicht abf&uuml;hren muss, schlie&szlig;lich ist der Besitzer kein Deutscher und unterliegt demnach auch nicht der deutschen Verm&ouml;genssteuer. Auch Unternehmen C muss nichts zahlen, geh&ouml;rt es doch Kapitalgesellschaften, die ohnehin nicht verm&ouml;genssteuerpflichtig w&auml;ren und zudem im Ausland sitzen.<\/p><p>Was w&auml;ren die mittel- bis langfristigen Folgen einer solchen &uuml;ber das Knie gebrochenen Verm&ouml;genssteuer? Sagen wir es mal so: In den Konzernzentralen des Finanzkonzerns BlackRock oder der Beteiligungsgesellschaft Blackstone w&uuml;rden sicher die Sektkorken knallen. F&uuml;r klassisch inhabergef&uuml;hrte Unternehmen in Deutschland w&auml;re dies hingegen ein vollkommen kontraproduktiver Wettbewerbsnachteil. Standortpolitisch w&auml;re eine solche einseitige Benachteiligung deutscher Unternehmen wohl eine der d&uuml;mmsten Ideen, die man sich vorstellen kann. Und im real existierenden Kapitalismus w&auml;re dies noch nicht einmal ein Kollateralschaden, da so faktisch ausschlie&szlig;lich &bdquo;die Falschen&ldquo; besteuert w&uuml;rden. Der oben erw&auml;hnte Privatier kann durch allerlei legale und halblegale Tricks seinen virtuellen Verm&ouml;gensstock n&auml;mlich recht problemlos au&szlig;er Landes bringen und dem deutschen Fiskus entziehen. Das ist bei einem echten, produzierenden Unternehmen nicht so ohne Weiteres m&ouml;glich und wenn doch, dann verschwinden auch die Arbeitspl&auml;tze mit ihm. In beiden F&auml;llen ist dies keine sinnvolle Option.<\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit van Akens Milliard&auml;ren. Nehmen wir zur Verdeutlichung mal den Lidl-Besitzer Dieter Schwarz, dessen Verm&ouml;gen von <em>Forbes<\/em> auf rund 60 Milliarden Euro gesch&auml;tzt wird. Nun hat Herr Schwarz nat&uuml;rlich nicht wie die Comic-Ente Dagobert Duck einen riesigen Geldspeicher, aus dem der Staat einfach 59 Milliarden Euro herausnehmen k&ouml;nnte, um aus dem Multimilliard&auml;r einen Multimillion&auml;r zu machen. Das Verm&ouml;gen steckt vielmehr zum &uuml;bergro&szlig;en Teil im Unternehmen. Was will Jan van Aken da machen? 59 von 60 Lidl-Filialen verstaatlichen? Unabh&auml;ngig davon, dass daf&uuml;r die rechtliche Basis fehlt: Wie soll das konkret gehen? In der Praxis w&uuml;rde dann wahrscheinlich ein US-Finanzkonzern den gesamten Konzern &uuml;bernehmen.<\/p><p>Ich bin sicher kein Freund von Superreichen oder Gro&szlig;konzernen, aber als &ouml;konomisch denkender Mensch fehlt mir jegliche Fantasie, wie man eine solche Enteignung vornehmen sollte, ohne damit einen gigantischen Schaden f&uuml;r die Allgemeinheit anzurichten.<\/p><p>Soll man also gute Miene zum b&ouml;sen Spiel machen und dem Auseinanderklaffen der Verm&ouml;gensschere tatenlos zusehen? Nat&uuml;rlich nicht. Man sollte sich nur vor allzu einfachen Brachiall&ouml;sungen h&uuml;ten. Ein m&ouml;glicher Ansatzpunkt w&auml;ren beispielsweise die Dividenden bzw. die Summen, die Anteilseigner, Unternehmer, Vermieter und sonstige Menschen mit nennenswerten Zinseink&uuml;nften dem Kapitalstock oder eben dem Unternehmen zur pers&ouml;nlichen Nutzung entziehen. Wenn der Privatier sich z.B. zum Unterhalt seiner Luxusyacht und seiner Villen jedes Jahr f&uuml;nf Millionen Euro aus dem Familienverm&ouml;gen auszahlen l&auml;sst, ist diese Summe selbstverst&auml;ndlich f&uuml;r den Fiskus greifbar &ndash; nicht &uuml;ber die Verm&ouml;gens-, sondern &uuml;ber die Einkommenssteuer. Und hier sind der Fantasie in der Tat keine Grenzen gesetzt. Warum sollte man z.B. Einkommen ab beispielsweise einer Million Euro nicht mit einem Steuersatz von 75 Prozent belegen? Und warum werden Eink&uuml;nfte aus Kapital heute geringer besteuert als Eink&uuml;nfte aus eigener Arbeit?<\/p><p>Und selbstverst&auml;ndlich sind auch Verm&ouml;gen als solche durchaus besteuerbar. Hier wird es aber kompliziert. Die alte Verm&ouml;genssteuer ist ja vom Bundesverfassungsgericht kassiert worden, weil unterschiedliche Verm&ouml;gensarten &ndash; damals ging es um das Immobilien- und das Unternehmensverm&ouml;gen &ndash; unterschiedlich bewertet wurden. Besonders wichtig w&auml;re es jedoch hierbei, dass man darauf achtet, deutsche Unternehmer nicht einseitig gegen&uuml;ber Kapital-, Finanz- und Beteiligungsgesellschaften, vor allem aus den USA, zu benachteiligen.<\/p><p>Auch wenn es popul&auml;r ist, sich auf Personen zu kaprizieren &ndash; viel sinnvoller und wichtiger w&auml;re es, gro&szlig;e Unternehmen st&auml;rker zu besteuern; egal ob sie Privatpersonen oder Beteiligungs- und Kapitalgesellschaften geh&ouml;ren. Es leuchtet nicht ein, warum der deutsche Unternehmer, der vielleicht sogar namentlich f&uuml;r sein Unternehmen haftet und Arbeitspl&auml;tze schafft, nun st&auml;rker zur Finanzierung des Allgemeinwohls herangezogen werden soll als die auf der gesamten Welt verteilten Gro&szlig;aktion&auml;re von Aktiengesellschaften. W&uuml;nschen wir uns &ndash; als Gesellschaft &ndash; nicht gerade das Modell des klassischen Unternehmers, der Arbeitspl&auml;tze schafft und standorttreu ist?<\/p><p>Doch wenn wir schon so weit sind, sto&szlig;en wir gleich auf die n&auml;chsten Probleme. Wie k&ouml;nnen wir solche globalen Unternehmen &uuml;berhaupt ad&auml;quat besteuern? Unser heutiges Steuersystem stammt im Kern aus dem 19. Jahrhundert. Dass globale Konzerne ihre Gewinne und Verm&ouml;genswerte durch simple Bilanzkosmetik heute dorthin verschieben k&ouml;nnen, wo wenig oder gar keine Steuern anfallen, ist in diesem System nicht vorgesehen. Wenn wir also die Stellschrauben dieses alten Systems bem&uuml;hen, werden wir meist nur derjenigen habhaft, die nach den alten Regeln spielen &ndash; also ihr Unternehmen vor Ort selbst betreiben und in Deutschland steuerpflichtig sind. Das kann aber &ndash; egal ob reich oder superreich &ndash; nicht der Weisheit letzter Schluss sein.<\/p><p>Viel sinnvoller w&auml;re es doch, dem Steuersystem ein Update zu verpassen. Wenn wir &uuml;ber Superreiche sprechen, sprechen wir ja auch in der Regel nicht vom biederen schw&auml;bischen Maschinenbauer, sondern von den wirklich unanst&auml;ndigen Tech-Milliard&auml;ren, die aber bekanntlich nicht einmal Deutsche sind und bei einer deutschen Verm&ouml;genssteuer daher ohnehin nicht steuerpflichtig w&auml;ren. Wenn wir schon die Herren Musk, Bezos, Zuckerberg, Thiel oder Ellison nicht direkt besteuern k&ouml;nnen, so k&ouml;nnen wir die Quelle ihres Reichtums sehr wohl besteuern. Und da g&auml;be es in der Tat so einige Ideen. Man k&ouml;nnte eine Digitalsteuer auf Ums&auml;tze erheben, man k&ouml;nnte eine Gewinnsteuer nach nationalem Umsatzanteil einf&uuml;hren, man k&ouml;nnte eine Datensteuer, eine Plattformabgabe, eine Besteuerung von Marktbeherrschung und so vieles andere einf&uuml;hren. Aber ja, jedes dieser Modelle ist kompliziert und politisch sicher nicht einfach umzusetzen. Da ist es nat&uuml;rlich leichter, dem W&auml;hler einfache &bdquo;L&ouml;sungen&ldquo; vorzugaukeln.<\/p><p><small>Titelbild: Tartila \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/f1e691d0e45a4426838892e969ec2216\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass in vielen L&auml;ndern und allen voran in Deutschland in den letzten Jahrzehnten die Verm&ouml;gensschere grotesk auseinandergeht, ist unumstritten. 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