{"id":15208,"date":"2012-11-21T16:59:09","date_gmt":"2012-11-21T15:59:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15208"},"modified":"2015-05-07T10:27:45","modified_gmt":"2015-05-07T08:27:45","slug":"herrschaft-durch-meinungsmache-einfluss-und-interesse-des-bertelsmann-konzerns-an-der-okonomisierung-des-bildungssystems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15208","title":{"rendered":"\u201eHerrschaft durch Meinungsmache? \u2013 Einfluss und Interesse des Bertelsmann-Konzerns an der \u00d6konomisierung des Bildungssystems.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Vortrag von Wolfgang Lieb am 20. November 2012 im Rahmen der &bdquo;Global Education Week&ldquo;, einer Veranstaltung des AStA der Uni Kassel.<br>\n<!--more--><br>\nDie heutige Veranstaltung findet im Rahmen der &bdquo;Global Education Week&ldquo; statt. Seit 1999 sollen auf Initiative des &bdquo;North-South-Centers&ldquo; in einer Novemberwoche Themen zum Globalen Lernen in die &ouml;ffentliche Debatte getragen werden.<br>\nWas hat das mir gestellte Thema &bdquo;Herrschaft durch Meinungsmache?&ldquo; mit globalem Lernen zu tun?<br>\nIch meine sehr viel, denn die &Ouml;konomisierung der Bildung ist ein weltweiter Trend, der gerade auch von Bertelsmann vor allem in Deutschland, aber auch weltweit vorangetrieben wird.<br>\nIch hoffe, dass ich das in meinem Referat herausarbeiten kann.<\/p><p>Wenn man &uuml;ber die Bertelsmann Stiftung redet, muss man wissen, dass hinter der der Stiftung der Bertelsmann Konzern steht. <\/p><p>Die Bertelsmann AG ist der gr&ouml;&szlig;te Oligopolist der ver&ouml;ffentlichten Meinung in Deutschland. Die Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh- und Radiosender und nicht zuletzt die zahlreichen Verlage des Konzerns beeinflussen nicht nur die Meinungsbildung sondern auch die gesamte Stimmungslage und die Befindlichkeiten in Deutschland. Schon diese oligopolistische Medienmacht alleine stellt eine Bedrohung f&uuml;r die Meinungsvielfalt in Deutschland dar.<\/p><p>Die Bertelsmann AG mit Hauptsitz in G&uuml;tersloh ist der gr&ouml;&szlig;te europ&auml;ische Medienkonzern. Mit einem Umsatz von 15,2 Milliarden Euro und &uuml;ber 100.000 Besch&auml;ftigten in mehr als 60 L&auml;ndern ist Bertelsmann das f&uuml;nftgr&ouml;&szlig;te Medienunternehmen weltweit. Bertelsmann ist zwar nicht das nach Umsatz gr&ouml;&szlig;te Unternehmen in Deutschland, aber durch seine Medienmacht gepaart mit der Mission der Bertelsmann Stiftung &ndash; auf die ich gleich zu sprechen komme &ndash; das gesellschaftlich und politisch wirkungsm&auml;chtigste.<\/p><p><strong>Zun&auml;chst ein kurzer &Uuml;berblick &uuml;ber den Konzern:<\/strong><\/p><p>Da ist zun&auml;chst Random House. Laut Gesch&auml;ftsbericht der Bertelsmann AG die weltweit f&uuml;hrende Publikumsverlagsgruppe der Welt. Das Portfolio umfasst mehr als 120 Einzelverlage, die j&auml;hrlich rund 11.000 Neuerscheinungen ver&ouml;ffentlichen. Random House verkauft j&auml;hrlich mehr als 500 Millionen B&uuml;cher. Die Gruppe geh&ouml;rt zu 100 Prozent zu Bertelsmann.<\/p><p>Zu Random House geh&ouml;ren in Deutschland neben den unter dem Namen Bertelsmann erscheinenden Verlagen, etwa die Deutsche Verlags-Anstalt, der Heyne Verlag, K&ouml;sel, der Luchterhand Literaturverlag, Goldmann, K&ouml;sel, Siedler und viele andere mehr. Weitere Verlage wie die Verlagsgruppe Ullstein Heyne List wurden von der Springer AG abgekauft.<\/p><p>Sie haben dieser Tage sicherlich gelesen, dass Bertelsmann sein Buchgesch&auml;ft mit der weltweit umsatzst&auml;rksten britischen Verlagsgruppe Pearson fusionieren will und mit ihren Buchverlagsgesch&auml;ften Random House und Penguin ein Gemeinschaftsunternehmen gr&uuml;nden wollen. Auf Basis der Gesch&auml;ftszahlen des vergangenen Jahres kommen Random House (Bertelsmann) und Penguin (Pearson) zusammen auf einen Umsatz von rund 3 Milliarden Euro.    <\/p><p>Mit einer Beteiligung von 92 Prozent ist Bertelsmann der Hauptaktion&auml;r der RTL Group. Das ist Europas f&uuml;hrender Unterhaltungskonzern mit Beteiligungen an 45 Fernsehsendern und 29 Radiostationen in neun L&auml;ndern sowie an Produktionsgesellschaften weltweit. Die RTL Group ist das f&uuml;hrende europ&auml;ische Entertainment-Netzwerk. Das TV-Portfolio des gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen TV-Senders umfasst Fernsehkan&auml;le in Deutschland, Frankreich, Gro&szlig;britannien, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kroatien, Ungarn, Griechenland Russland und Spanien. Der Produktionsarm der RTL Group, Fremantle Media, ist einer der gr&ouml;&szlig;ten internationalen Produzenten au&szlig;erhalb der Vereinigten Staaten.<br>\nNach firmeneigenem Bekunden schalten mehr als 200 Millionen Zuschauer in ganz Europa t&auml;glich die Fernsehsender der RTL Group ein.<\/p><p>Der Bertelsmann AG geh&ouml;ren 74,9 Prozent des gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen Magazinhauses Gruner + Jahr. Rund 11.800 Mitarbeiter erreichen mit mehr als 500 Magazinen und digitalen Angeboten Leser und User in 30 L&auml;ndern.<br>\nGruner + Jahr hat wiederum mit 25,25 Prozent eine Sperrminorit&auml;t im Spiegel Verlag.<br>\nDas Bertelsmann Zeitschriften-Imperium beherrscht die Kioske: Stern, GEO, Capital, Brigitte, Gala, das manager-magazin, die Financial Times Deutschland, Essen-und-trinken sind nur einige wenige der Titel, die unter der Regie des Mutterkonzerns stehen. <\/p><p>Zudem h&auml;lt G+J zusammen mit der Bertelsmann-Tochter Arvato je eine 37,45-Prozent-Beteiligung an Europas gr&ouml;&szlig;tem Tiefdruck-Konzern Prinovis und besitzt mit Brown Printing eines der gr&ouml;&szlig;ten Offsetdruck-Unternehmen in den USA.<\/p><p>Die Direct Group Bertelsmann ist mit ihren Medienclubs, Buchhandlungen, Internetaktivit&auml;ten, Verlagen und Distributionsfirmen in 15 L&auml;ndern t&auml;tig und verf&uuml;gt &uuml;ber mehr als 700 Club-Shops und Buchhandlungen. 15 Millionen Menschen in 21 L&auml;ndern sind Mitglieder in den Clubs der Direct Group.<\/p><p>Eine 100-prozentige Tochter der Bertelsmann AG ist die Arvato AG, die mit mehr als 68.000 Mitarbeitern weltweit zu den gr&ouml;&szlig;ten Medien- und Kommunikationsdienstleistern geh&ouml;rt. Das Gesch&auml;ft umfasst Druckereien, Call- und Service-Centers sowie Logistikdienstleistungen und die Herstellung optischer Speichermedien. Arvato bietet Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen integrierte und ma&szlig;geschneiderte L&ouml;sungen rund um die Kernkompetenzen, Datenmanagement und dar&uuml;ber hinaus den Direktvertrieb von Wissensmedien. Arvato betreut in aller Welt mehr als 150 Millionen Endkunden in &uuml;ber 20 Sprachen.<br>\nArvato ist die gr&ouml;&szlig;te Druckereigruppe Europas und der zweitgr&ouml;&szlig;te Speichermedienhersteller der Welt.<\/p><p>Unter dem Stichwort &bdquo;Moderner Staat&ldquo; bietet Arvato s&auml;mtliche Servicemodule f&uuml;r das Management von Kunden- bzw. von B&uuml;rgerbeziehungen der &ouml;ffentlichen Verwaltung aus einer Hand an. Arvato managt z.B. in Gro&szlig;britannien schon ganze Kommunen, erhebt Geb&uuml;hren und zieht Steuern ein. Mit dem Projekt &bdquo;W&uuml;rzburg integriert!&ldquo; fiel 2007 der Startschuss f&uuml;r die Zusammenarbeit von Arvato und &ouml;ffentlicher Verwaltung in Deutschland. Das Service-Konzept ist inzwischen kl&auml;glich gescheitert und die Stadt hat das Vorhaben wieder beendet. Nach wie vor wirbt arvato jedoch damit, dass die AG das ServiceCenter f&uuml;r die Landesregierung NRW in den R&auml;umen der D&uuml;sseldorfer Staatskanzlei betreibe. <\/p><p>Bertelsmann investierte vor kurzem &uuml;ber einen Fonds einen zweistelligen Millionenbetrag in eine us-amerikanische virtuelle Universit&auml;t. Thomas Hesse, im Bertelsmann-Vorstand zust&auml;ndig f&uuml;r neue Gesch&auml;ftsfelder, sagte: &bdquo;Der Markt f&uuml;r Education-Angebote ist international stark in Bewegung, getrieben durch Megatrends wie Digitalisierung, Globalisierung und die weltweit wachsende Nachfrage nach Bildung.&ldquo; <\/p><p>Ein zweistelliger Millionenbetrag ist f&uuml;r ein Unternehmen wie Bertelsmann, das &uuml;ber 15 Milliarden umsetzt, sozusagen &bdquo;Spielgeld&ldquo;, das man locker einsetzen kann,  um Gewinnchancen auf dem &bdquo;Bildungsmarkt&ldquo; auszuloten. Die Bertelsmann AG wettet sozusagen wie ein Investmentbanker darauf, dass der gerade auch von der &bdquo;gemeinn&uuml;tzigen&ldquo; Bertelsmann Stiftung vorangetriebene Trend zur Privatisierung der Bildung sich verst&auml;rken wird.<\/p><p><strong>Bertelsmann Stiftung<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber die Meinungsmacht des Konzerns hinaus &uuml;bt Bertelsmann hinaus eine politische Gestaltungsmacht aus, die weit &uuml;ber den Einfluss von Verb&auml;nden, Kirchen, Gewerkschaften, ja sogar von Parteien hinausgeht <\/p><p>&ndash; und das geschieht durch die Bertelsmann Stiftung. <\/p><p>Der Firmenpatriarch Reinhard Mohn hat die Stiftung 1977 gegr&uuml;ndet und ihr 76,9% der Anteile an der Bertelsmann AG &uuml;bertragen.<\/p><p>Die Bertelsmann Stiftung ist eine der reichsten Stiftungen in Deutschland. Im Gesch&auml;ftsjahr 2010 betrug ihr Gesamtaufwand &uuml;ber 60 Millionen Euro. Seit ihrer Gr&uuml;ndung hat sie nahezu eine Milliarde Euro in weit &uuml;ber 700 Projekte investiert. Allein f&uuml;r die Bildungsaktivit&auml;ten standen im Gesch&auml;ftsjahr 2006 (neuere gesicherte Daten auf dem Gesch&auml;ftsfeld Bildung habe ich nicht) knapp elfeinhalb Millionen Euro zur Verf&uuml;gung. <\/p><p>Mit &uuml;ber 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die bis zu 100 Projekte betreuen, hat sich die Stiftung seit den 90er Jahren zu einem f&uuml;hrenden deutschen Think-tanks entwickelt.<\/p><p>Um Synergieeffekte zu erzielen, arbeitet die Bertelsmann Stiftung mit anderen Stiftungen zusammen, unter anderem mit der Heinz Nixdorf Stiftung, K&ouml;rber-Stiftung, der VolkswagenStiftung, der Gemeinn&uuml;tzige Hertie-Stiftung, der Ludwig-Erhard-Stiftung oder der Robert Bosch Stiftung.<\/p><p><strong>Die Mission<\/strong><\/p><p>&bdquo;Eigentum verpflichtet&ldquo; nennt Reinhard Mohn als Motiv f&uuml;r die Gr&uuml;ndung seiner Stiftung. Doch so ganz altruistisch motiviert d&uuml;rfte die &Uuml;bertragung von &uuml;ber dreiviertel der Kapitalanteile an der Bertelsmann AG an eine Stiftung nicht gewesen sein. Man liegt gewiss nicht falsch mit der Vermutung, dass Reinhard Mohn dadurch, dass er dieses Kapital &bdquo;gestiftet&ldquo; hat, hohe Summen an Erbschafts- und\/oder Schenkungssteuer &bdquo;gespart&ldquo; hat. Zudem sind die j&auml;hrlichen Dividendenzahlungen des Konzerns an die &bdquo;gemeinn&uuml;tzige&ldquo; Bertelsmann Stiftung steuerbeg&uuml;nstigt und die Vermutung d&uuml;rfte nicht unbegr&uuml;ndet sein, dass ein Gutteil des Etats der Stiftung &uuml;ber Steuerminderungen finanziert wird. Der Fiskus f&ouml;rdert also die Aktivit&auml;ten der Stiftung mit.<\/p><p>Der G&ouml;ttinger Soziologe und Kenner der internationalen Stiftungslandschaft, Frank Adloff, kritisiert wohl nicht zu Unrecht, dass f&uuml;r solche Zwecke, f&uuml;r die die Stiftung steht, (Zitat) &bdquo;die Steuerbefreiung f&uuml;r gemeinn&uuml;tzige Stiftungen nicht gedacht&ldquo; sei.  Denn die Bertelsmann Stiftung ist &ndash; entgegen dem Anschein, den sie zu erwecken versucht &ndash; eben keine neutrale Einrichtung zu uneigenn&uuml;tzigen Zwecken.<\/p><p>Es ist keineswegs so, dass die Ziele des Konzerns von den Zielen der gemeinn&uuml;tzigen Stiftung unabh&auml;ngig sind.<\/p><p>Der vor drei Jahren verstorbene Firmenpatriarch Reinhard Mohn sah seine Stiftung als &bdquo;Garant der Unternehmenskontinuit&auml;t des Hauses Bertelsmann&ldquo;. Die Mohns beherrschen sowohl den Konzern wie dessen Stiftung und haben nicht ohne Grund bislang einen B&ouml;rsengang vermieden. Die jetzige Konzernmatriarchin, Liz Mohn, ihre Familie und ihre Berater haben nach dem Tot von Reinhard Mohn in der Stiftung wie im Konzern das Sagen.<\/p><p>Man konnte Reinhard Mohn nicht einmal vorwerfen, dass er mit seiner &bdquo;Mission&ldquo; hinter dem Berg hielt. Jeder kann die Botschaften im Internet etwa auf der Website der Bertelsmann Stiftung oder in Mohns Buch &bdquo;Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers&ldquo; nachlesen. <\/p><p>Mohn und mit ihm die Bertelsmann Stiftung vertreten eine Art deutschen Sonderweg in die wirtschaftsliberal globalisierte Welt, ein Sonderweg<\/p><ul>\n<li>der auf eine korporatistische Unternehmenskultur setzt, in der keine widerspr&uuml;chlichen Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern existieren,<\/li>\n<\/ul><p>Die Stiftung betrachtet<\/p><ul>\n<li>den Sozialstaat als &uuml;berdehnt oder gar &uuml;berholt<\/li>\n<li>und vor allem strebt sie eine &uuml;ber den Wettbewerb hergestellte Effizienz als Steuerungsinstrument in allen gesellschaftlichen Bereichen an.<\/li>\n<\/ul><p>Und immer geht es Bertelsmann deshalb auch um ein Zur&uuml;ckdr&auml;ngen des Staates, eine Verringerung der Staatsquote und &ndash; als Mittel dazu &ndash; um die Senkung der Steuerlast.<\/p><p>&bdquo;Es ist ein Segen, dass uns das Geld ausgeht. Anders kriegen wir das notwendige Umdenken nicht in Gang&ldquo;, sagte Reinhard Mohn schon 1996 in einem Stern-Interview<\/p><p>Im Hinblick auf diese Mission ist die Stiftung &ndash; wie Harald Schumann im Tagesspiegel schrieb &ndash; eine &bdquo;Macht ohne Mandat&ldquo;.<\/p><p>Mit dem Pathos der &bdquo;Gemeinwohlverpflichtung&ldquo; oder der Losung (Zitat R. Mohn) &bdquo;Wir helfen der Politik, dem Staat und der Gesellschaft, L&ouml;sungen f&uuml;r die Zukunft zu finden&ldquo; gibt es kaum ein politisches Feld von Bedeutung, wo die Stiftung mit ihren Handreichungen nicht ihre L&ouml;sungsangebote macht.<\/p><p>&bdquo;Wir wollen als Stiftung einen Beitrag leisten, um die Soziale Marktwirtschaft auf die Herausforderungen der n&auml;chsten Jahre und Jahrzehnte einzustellen&ldquo;, hei&szlig;t es im j&uuml;ngsten Gesch&auml;ftsbericht.<\/p><p>Dies alles gem&auml;&szlig; der Bertelsmannschen &Uuml;berzeugung, dass &ndash; so w&ouml;rtlich &ndash; &bdquo;Wettbewerb&ldquo; und &bdquo;die Prinzipien unternehmerischen Handelns zum Aufbau einer zukunftsf&auml;higen Gesellschaft&ldquo; die wichtigsten Merkmale sind. Indem  (Zitat) &bdquo;die Grunds&auml;tze unternehmerischer, leistungsgerechter Gestaltung in allen Lebensbereichen zur Anwendung gebracht werden&ldquo;, soll das Regieren besser werden, und das wiederum alles stets nach dem Prinzip &bdquo;so wenig Staat wie m&ouml;glich&ldquo;.<\/p><p>Das Spektrum der Projekte der Bertelsmann Stiftung reicht vom Kindergarten &uuml;ber die Schule bis zur Hochschule und erstreckt sich bis ins Arbeitsrecht. Bertelsmann macht Vorschl&auml;ge zur Bew&auml;ltigung des demografischen Wandels, zur Integration von Migranten, zur Altersvorsorge, zur Reform des F&ouml;deralismus, zur Familienpolitik, zur Gesundheitspolitik, zur Politik in Europa, zur transatlantischen Kooperation und zur globalen Durchsetzung der von Mohn f&uuml;r richtig befundenen Prinzipien. Bertelsmann bietet seine Dienstleistungen zum (Zitat) &bdquo;modernen Regieren&ldquo; an und sieht in der &ouml;ffentlichen Verwaltung gleichzeitig ein gewinntr&auml;chtiges Gesch&auml;ftsfeld f&uuml;r die Konzerntochter Arvato.<\/p><p>Die Bertelsmann Stiftung will &bdquo;Motor&ldquo; f&uuml;r Reformen auf allen diesen Feldern sein.<\/p><p>Von der Bundesregierung &uuml;ber zahlreiche Landesministerien, bis hin zur Kommunal- oder Finanzverwaltung &uuml;berall dient Bertelsmann seine Vorschl&auml;ge an. Bertelsmann hat Politiker wie den Europaparlamentarier Elmar Brok auf der pay-roll. (Brok ist Europabeaufragter des Vorstandes der Bertelsmann AG und Senior Vice President Media Development.)<\/p><p>Die Bertelsmann Stiftung hat es vermocht, ein enges personelles und organisatorisches Netzwerk zu einflussreichen Personen aus Kultur, Wissenschaft und Politik bis zu den Bundespr&auml;sidenten, vor allem zu Roman Herzog und Horst K&ouml;hler, zu flechten. Bei Bertelsmann absolvierten Schr&ouml;der, Fischer, Merkel p&uuml;nktlich ihre Antrittsbesuche.<br>\nUnd es ist ja nicht unter der Decke geblieben, dass die beiden &bdquo;Grande Dames&ldquo; des deutschen Medienwesens Liz Mohn und Friede Springer in freundschaftlicher Verbundenheit zu Angela Merkel stehen.<\/p><p>Von der Stiftung stammt die Idee eines europ&auml;ischen Au&szlig;enministers und sie nimmt sich auch der europ&auml;ischen Milit&auml;rpolitik im Sinne der Verteidigung europ&auml;ischer &bdquo;Interessen&ldquo; an.<br>\nBertelsmann l&auml;dt zusammen mit dem &ouml;sterreichischen Bundeskanzler zum Salzburger Dialog.<br>\nBertelsmann organisierte die 30 Millionen-Kampagne &bdquo;Du bist Deutschland&ldquo; mit.<\/p><p>Sicher, Bertelsmann steht nicht allein, da sind die Arbeitgeberverb&auml;nde, da ist die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), da ist der B&uuml;rgerKonvent und wie die zahllos gewordenen, vom gro&szlig;en Geld finanzierten PR-Agenturen auch alle hei&szlig;en m&ouml;gen.<br>\nAber keine dieser Institutionen war und ist so wirkm&auml;chtig wie die Bertelsmann Stiftung.<\/p><p>Was noch entscheidender ist, die L&ouml;sungskonzepte werden auf allen Ebenen, von zahllosen &ouml;ffentlichen oder halb&ouml;ffentlichen Institutionen, von Regierungen und Parlamenten und von fast allen Parteien von der FDP, &uuml;ber die CDU oder die SPD bis zu den Gr&uuml;nen im Sinne des herrschenden Modernisierungsdenkens begierig aufgegriffen. So z.B. j&uuml;ngst auch das Kooperationsprojekt &bdquo;Kinder und Jugendliche in ihrer Vielfalt f&ouml;rdern&ldquo; sogar durch eine Gr&uuml;ne Schulministerin in NRW. <\/p><p>Bertelsmann legt Studien zum demografischen Wandel vor. Das Ergebnis ist immer das Gleiche, die sozialen Sicherungssysteme bluten angesichts der &Uuml;beralterung aus, private Vorsorge ist die Rettung.<\/p><p>Die Stiftung f&uuml;hrte etwa zusammen mit dem Internationalen W&auml;hrungsfond IWF hochrangig besetzte Symposien &uuml;ber die Situation der &ouml;ffentlichen Finanzen durch. Ergebnis: Wir brauchen eine Neuverschuldung von Null, etwas anderes k&ouml;nne sich niemand mehr leisten.<\/p><p>Die Bertelsmann Stiftung verfolgt die Idee eines Niedriglohnsektors, sie war an der Ausgestaltung des fr&uuml;heren B&uuml;ndnisses f&uuml;r Arbeit, der Agenda 2010 und von Hartz IV &ndash; wenn auch nur indirekt, aber doch &ndash; pr&auml;gend beteiligt [8]). Die Bertelsmann Stiftung war sozusagen die &bdquo;unsichtbare Vierte&ldquo; im B&uuml;ndnis f&uuml;r Arbeit, wie es das Handelsblatt einmal formuliert hat.<\/p><p>Nahezu alle Aktivit&auml;ten stehen im Dienste des Bertelsmannschen Verst&auml;ndnisses von der F&ouml;rderung des &bdquo;Gemeinwohls&ldquo; und das hei&szlig;t konkret zur F&ouml;rderung des &bdquo;gesellschaftlichen Wandels&ldquo; und von &bdquo;Reformen&ldquo; in allen gesellschaftlichen Bereichen.<\/p><p>Bertelsmann liefert zahllose Angebote vor allem auch f&uuml;r die Schulen:<br>\nAngefangen vom Projekt &bdquo;Bildungswege in der Informationsgesellschaft (BIG 2006)&ldquo;, &uuml;ber Gesundheitserziehung, die Initiative &bdquo;Notebooks im Schulranzen&ldquo;, der F&ouml;rderung der Musikkultur bei Kindern, dem Projekt &bdquo;Wirtschaft in der Schule&ldquo;, der &bdquo;Toolbox Bildung&ldquo; bis zu den Projekten &bdquo;Eigenverantwortliche Schule und Qualit&auml;tsvergleich in Bildungsregionen&ldquo;. Unter dem Titel &bdquo;SEIS macht Schule&ldquo; entwickelte die Bertelsmann Stiftung den Schulen ein Selbstevaluations- und Steuerungsinstrument, das den (Zitat) &bdquo;Entwicklungsprozess einer Schule zielgerichtet, effizient, systemisch und nachhaltig&ldquo; voranbringen soll. Ein Netzwerk von weit &uuml;ber 1000 sog. innovativen Schulen in 16 Bundesl&auml;ndern ist schon aufgebaut. Das Projekt soll k&uuml;nftig ohne Unterst&uuml;tzung der Stiftung fortgef&uuml;hrt werden.<\/p><p>Im Herbst letzten Jahres ver&ouml;ffentlichte die Stiftung unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Wo die klugen Deutschen leben&ldquo; den &bdquo;Deutschen Lernatlas&ldquo;, der ein deutliches S&uuml;d-Nord-Bildungsgef&auml;lle ausmachte. Im Lernatlas werden nicht nur die Pisa-Ergebnisse oder andere Schulleistungsvergleiche &bdquo;gerankt&ldquo;, sondern es wird auch auf das &bdquo;soziale&ldquo;  und &bdquo;pers&ouml;nliche Lernen&ldquo; vor Ort abgestellt. Die Botschaft ist: &bdquo;Nicht in der Schule lernen wir, sondern im Leben&ldquo;. Viel wichtiger als Klassengr&ouml;&szlig;en, Schulform, Schulstruktur, gemeinsames oder getrenntes Lernen seien &ndash; nach der Meinung von Bertelsmann &ndash; soziale Aktivit&auml;ten, also wie oft Museen oder Theater besucht w&uuml;rden oder die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder einem  Kirchenchor.<\/p><p>Neuerdings hat die Stiftung die &bdquo;Chancengerechtigkeit f&uuml;r alle Sch&uuml;ler&ldquo; zu ihrem bildungspolitischen Leitthema gemacht. Sie setzt sich f&uuml;r den Ausbau und die Qualit&auml;t von Kindertagesst&auml;tten ein, weil besonders f&uuml;r Kinder mit Migrationshintergrund der fr&uuml;he Besuch einer Kindertagesst&auml;tte eine entscheidende Weichstellung f&uuml;r deren weiteren Bildungserfolg sei. Sie sieht in der inklusiven Ganztagsschule, die Sch&uuml;ler mit und ohne F&ouml;rderbedarf mehr als heute gemeinsam unterrichtet als Schule der Zukunft. Und sie pl&auml;diert f&uuml;r eine Reform des &Uuml;bergangssystems zwischen Schule und Berufsbildung. Das h&ouml;rt sich alles sehr fortschrittlich an.<\/p><p>Doch: Die Motivation f&uuml;r das Engagement der Stiftung im Bildungsbereich wird ganz offen &ouml;konomisch begr&uuml;ndet. So werden etwa die Folgekosten unzureichender Bildung durch entgangenes Wirtschaftswachstum bis auf das Jahr 2090 (!) durch- und hochgerechnet. <\/p><p>Typisch f&uuml;r Bertelsmann verfolgt die Stiftung f&uuml;r Lernen und Bildung den sog.  &bdquo;Humankapital&ldquo;-Ansatz, also ein wirtschaftswissenschaftliches Konzept, in dem das Bildungsniveau auf das k&uuml;nftig m&ouml;gliche Erwerbseinkommen bezogen wird. Es geht also um den Ertrag, den private und\/oder &ouml;ffentliche &bdquo;Investitionen&ldquo; in Bildung oder Lernen f&uuml;r den einzelnen oder f&uuml;r die Gesellschaft erbringen. Bildungsstand und Wohlstand korrelieren also miteinander.<br>\nEs wird Lernen &bdquo;als Mittel zum Zweck&ldquo; betrachtet, als die M&ouml;glichkeit, &bdquo;das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen&ldquo; zu steigern.<\/p><p>Wie im amerikanischen Mythos der Tellerw&auml;scher zum Million&auml;r aufsteigen kann, so steigt in der bertelsmannschen Ideologie jeder einzelne Mensch, ja ein ganzes Land durch besseres Lernen zu Reichtum auf.<\/p><p>Es w&auml;re sicherlich falsch, jedes der Bildungsprojekte in Bausch und Bogen zu verurteilen.<\/p><p>Es geh&ouml;rt durchaus auch zur Strategie der Stiftung sich auch ein soziales Image zu geben und den Anschein zu erwecken, sich f&uuml;r bildungspolitisch Benachteiligte einzusetzen. Von daher muss man sich die einzelnen Projekte mit ihrer Sto&szlig;richtung jeweils gesondert und im Detail ansehen. <\/p><p>F&uuml;r mich ist das schulpolitische Engagement der Stiftung aber schon deshalb unglaubw&uuml;rdig, weil ihr Finanzier, n&auml;mlich der Bertelsmann Konzern allein im letzten Jahr drei Viertel seiner Mehreinnahmen &ndash; n&auml;mlich rund 300 Millionen Euro &ndash; der TV-Tochter RTL verdankt. <\/p><p>Da pl&auml;diert einerseits die Stiftung f&uuml;r &bdquo;soziales und pers&ouml;nliches Lernen&ldquo;, f&uuml;r Inklusion oder f&uuml;r mehr Bildungsgerechtigkeit und andererseits erzielt ihr Geldgeber den L&ouml;wenanteil seines Gewinns mit einem Schmuddel-Sender, dessen Einschaltquoten sich &uuml;berwiegend aus seichter Unterhaltung, vor allem aber aus t&auml;glichen sog. Doku-Soaps besteht in denen Kindern und Jugendlichen eher asoziales Verhalten t&auml;glich vor Augen gef&uuml;hrt wird. Durch verdummenden Fernsehkonsum der RTL-Programme werden junge Menschen vom von der Bertelsmann Stiftung angeblich angestrebten &bdquo;pers&ouml;nlichen und sozialen Lernen&ldquo; gezielt abgehalten. Die RTL-Sender bestreiten ihr Programm mit etwa neun Stunden am Tag mit sog. Reality-Formaten, also mit Doku-Soaps, gescripteten Gerichts- oder Personal-Help-Shows oder sog. &bdquo;Realityshows&ldquo;, also Castingshows wie etwa Deutschland sucht den Superstar.  <\/p><p>Besonders engagiert ist die Bertelsmann Stiftung auf dem Feld der Hochschulpolitik. Hochschulen werden von Reinhard Mohn &ndash; richtigerweise &ndash; als &bdquo;Schl&uuml;ssel zur Gesellschaftsreform&ldquo; angesehen wird. Das bertelsmannsche Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) hat den Leitbildwechsel zur &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; durchgesetzt und war Vork&auml;mpfer f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren. <\/p><p>Bertelsmann ist geradezu zu einem &bdquo;informellen Bundesbildungsministerium&ldquo; geworden.<\/p><p><strong>Welchen Einfluss hat Bertelsmann auf den Prozess der &Ouml;konomisierung der Hochschulen?<\/strong><\/p><p>Um diesem Einfluss Bertelsmanns auf die &Ouml;konomisierung der Hochschulen auf  die Spur zu kommen, muss man ein wenig zur&uuml;ckblicken:<\/p><p>Reinhard Mohn war einer der Gr&uuml;ndungsv&auml;ter und bis vor einigen Jahren der Hauptsponsor der 1983 gegr&uuml;ndeten ersten deutschen Privaten Universit&auml;t Witten-Herdecke. Diese private Hochschule sollte &bdquo;Stachel im Fleisch&ldquo; der staatlichen Hochschulen sein.<\/p><p>Witten-Herdecke schaffte es allerdings nie so richtig, finanziell auf die Beine zu kommen und w&auml;re der Privaten Uni der Staat nicht zur Seite gesprungen w&auml;re sie wohl schon in den 90er Jahren Pleite gegangen.<\/p><p>Reinhard Mohn hat offenbar im Laufe der Zeit erkannt, dass der Weg &uuml;ber die Gr&uuml;ndung privater Hochschulen nicht zum Durchbruch f&uuml;r seine Mission f&uuml;hrt; schlicht: weil sich nicht ausreichend private Geldgeber finden lassen. <\/p><p>Viel effizienter erschien ihm daher der Weg, die weitgehend staatlich finanzierten Hochschulen &ndash; indem man sie wie private Unternehmen organisiert &ndash; in den von ihm propagierten Wettbewerb zu schicken. <\/p><p>Dieser strategische Gedanke hat Reinhard Mohn und seine Berater wohl veranlasst, 1994 das Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) zu gr&uuml;nden.<\/p><p>Da Wettbewerb und Konkurrenz das entscheidende Steuerungsinstrument sein sollen, steuern vor allem einzuwerbenden Mittel (also Drittmittel und Studiengeb&uuml;hren)<\/p><p> &ndash; also eine die von den L&auml;ndern bereitgestellte &bdquo;Grundfinanzierung&ldquo; erg&auml;nzende Finanzierung &ndash; <\/p><p>das nach wie vor ganz &uuml;berwiegend staatlich finanzierte Unternehmen Hochschule.<\/p><p>Damit kein Missverst&auml;ndnis aufkommt, ich wende mich nicht gegen einen Wettbewerb um die besten Forschungsleistungen. Einen solchen Wettbewerb unter Wissenschaftlern hat es immer gegeben. Wissenschaft &ndash; zumal an einer von der Allgemeinheit getragenen Hochschule &ndash; ist genuin auf den Wettstreit um die richtige Antwort &ndash; pathetisch gesagt &ndash; auf den Wettstreit um Wahrheit angelegt. <\/p><p>Der Wettbewerbsgedanke, der hinter der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; steht, ist aber nicht der eines Wettstreits um Wahrheit: Es ist das Bild einer Hochschule, die wie ein Unternehmen ihre &bdquo;Produkte&ldquo; und &bdquo;Waren&ldquo; &ndash; also ihre Forschungsleistungen sowie ihre Aus- und Weiterbildungsangebote &ndash; auf dem Markt an kaufkr&auml;ftige Nachfrager abzusetzen hat: n&auml;mlich an zahlungskr&auml;ftige (&ouml;ffentliche und private) Forschungsf&ouml;rderer und Auftraggeber, an Stifter und Sponsoren &ndash; und nat&uuml;rlich auch an Studierende, die nunmehr &bdquo;Kunden&ldquo; sein sollen und deshalb &ndash; konsequenter Weise &ndash;  f&uuml;r die eingekaufte &bdquo;Ware&ldquo; namens Studium zur Kasse gebeten werden sollen.<\/p><p>Das ist die Logik f&uuml;r die Studiengeb&uuml;hren.<\/p><p>Im letzten Jahrzehnt ist die Drittmittelquote an den Hochschulen von 16% auf &uuml;ber ein Viertel (26%) gestiegen . Davon sollen an der TU M&uuml;nchen knapp die H&auml;lfte (45%) <a href=\"http:\/\/www.ihf.bayern.de\/beitraege\/2002_2\/2-2002%20Bode-2_2002.pdf\">direkt von der Wirtschaft kommen [PDF &ndash; 75 KB]<\/a>.<\/p><p>2010 lagen laut &bdquo;F&ouml;rderatlas&ldquo; der DFG die staatlichen Grundmittel der Hochschulen bei 15,5 Milliarden Euro, die eingeworbenen Drittmittel <a href=\"http:\/\/idw-online.de\/de\/news479345\">bei 5,3 Milliarden Euro<\/a>.<\/p><p>In Diskussionen wird meiner Kritik h&auml;ufig entgegengehalten, meine Beschreibung der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; sei zwar nicht falsch, aber was spr&auml;che gegen dieses Leitbild, wenn es zu mehr Effizienz, zu mehr Wirtschaftlichkeit und zu mehr Qualit&auml;t der Hochschule f&uuml;hre.<\/p><p>Diesem Einwand l&auml;sst sich auf einer eher theoretischen Ebene entgegentreten, zum Gl&uuml;ck inzwischen aber auch empirisch entgegentreten. <\/p><p>Die Frage ist zun&auml;chst, ob der Wettbewerb um zus&auml;tzliche Finanzmittel den Funktionsprinzipien oder den <a href=\"http:\/\/www.hof.uni-halle.de\/dateien\/leseproben\/Leseprobe_Stock2010.pdf\">&bdquo;professionskulturellen Verh&auml;ltnissen&ldquo; [PDF &ndash; 160 KB]<\/a> einer freien Wissenschaft gerecht werden. Dieser eher wissenschaftstheoretischen Frage kann ich hier aus Zeitgr&uuml;nden nicht weiter nachgehen. <\/p><p>Die Soziologen Klaus D&ouml;rre und Mathias Neis von der Friedrich-Schiller Universit&auml;t Jena haben das <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7183\">&bdquo;Dilemma der unternehmerischen Universit&auml;t&ldquo;<\/a> nun auch empirisch untersucht: Sie sind der Gretchenfrage nachgegangen, ob die &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; tats&auml;chlich unternehmerisch erfolgreich ist. <\/p><p>Das Ergebnis ist ern&uuml;chternd: Das Konzept der unternehmerischen Universit&auml;t &bdquo;mag  (Zitat) geeignet sein, das Personalmangement an den Hochschulen zu verbessern und die Ressourcenverteilung transparenter zu gestalten. Doch angesichts der chronischen Unterfinanzierung des Hochschulsystems und aufgrund nicht intendierter Effekte f&uuml;r kollektive Arbeitsprozesse, die Innovation &uuml;berhaupt erst erm&ouml;glichen, kann eine allzu nahtlose Umsetzung des Leitbildes der unternehmerischen Universit&auml;t alte Innovationsblockaden verst&auml;rken oder ganz neue erzeugen.&ldquo; (S. 137)<\/p><p>Die Verfasser der Studie kommen zu folgender Schlussfolgerung: (Zitat) &bdquo;Einseitig an messbaren Effizienz- und Wettbewerbskriterien ausgerichtete Steuerungssysteme, wie sie den Leitbildern der unternehmerischen Universit&auml;t und eines academic capitalism entsprechen, laufen Gefahr, das Gegenteil von dem zu produzieren, was sie eigentlich beabsichtigen. Sie k&ouml;nnen Innovationen erschweren, ja geradezu blockieren.&ldquo; (S. 153) <\/p><p>Denn Innovationen entst&uuml;nden innerhalb der Universit&auml;t als Ergebnis weitgehend ungeplanter Prozesse in Nischen, die sich einer direkten Kontrolle entz&ouml;gen. Sie beruhten auf kollektivem Lernen, setzten Vertrauen und gegenseitige Anerkennung voraus.<\/p><p>(Zitat) &bdquo;Das Regime von McKinsey und Co&ldquo; beeintr&auml;chtige geradezu die Funktionsf&auml;higkeit der &bdquo;Herzkammer des Kapitalismus&ldquo;, n&auml;mlich sein Innovationssystem.<\/p><p><strong>Wie gehen Bertelsmann und CHE nun vor, um ihre Ziele umzusetzen?<\/strong><\/p><p>Klugerweise nahm das CHE die damals ohne gro&szlig;en Apparat und ohne gro&szlig;en institutionellen Einfluss auf die Hochschulpolitik agierende, aber umso standesbewusstere Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mit ins Boot. So ver&ouml;ffentlichten das CHE und die HRK ihre hochschulreformerischen L&ouml;sungskonzepte unter einem gemeinsamen Kopfbogen und so verschaffte sich Bertelsmann ein einigerma&szlig;en unverd&auml;chtiges Entree in die Hochschulen vor allem &uuml;ber die Hochschulleitungen.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus hat das CHE ein vielf&auml;ltiges Netzwerk finanzstarker Unterst&uuml;tzer. Der GEW Privatisierungsreport Nr. 6 hat nur die wichtigsten aufgez&auml;hlt:<\/p><ul>\n<li>Da ist etwa der Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft, sozusagen der verl&auml;ngerte Arm der Wirtschaft in die Wissenschaft,<\/li>\n<li>der Aktionsrat Bildung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. (vbw),<\/li>\n<li>die von den Arbeitgeberverb&auml;nden der Metall- und Elektro-Industrie finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) mit ihren Webekampagnen,<\/li>\n<li>das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW)<\/li>\n<li>oder etwa auch die McKinsey &amp; Company Inc.<\/li>\n<\/ul><p>Das CHE hat es auch geschafft mit Namen und K&ouml;pfen in der &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;sent zu sein, also vor allem mit dem fr&uuml;heren Chef Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling, mit Frank Ziegele, mit dem ehemaligen Hamburger Wissenschaftssenator und jetzigen Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Zentrums, mit J&ouml;rg Dr&auml;ger, dem fr&uuml;heren Hamburger Wissenschaftssenator und im Vorstand der Stiftung zust&auml;ndig f&uuml;r den Bereich Bildung. Viele Mitarbeiter des CHE avancierten inzwischen zu &bdquo;Experten&ldquo;, die nur zu gern von den Hochschulen zu Rate gezogen werden.<\/p><p>Und schlie&szlig;lich und vor allem auch: Hinter dem CHE steht der Bertelsmann-Konzern und seiner schon beschriebenen geballte Medienmacht vom Spiegel (Unispiegel), &uuml;ber den stern, die Financial Times Deutschland bis hin zu RTL. Und f&uuml;r sein Hochschulranking hat das das CHE dazu noch die b&uuml;rgerliche &bdquo;Zeit&ldquo; als Medienpartner gewonnen.<\/p><p>Das Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) firmiert als eine private und als gemeinn&uuml;tzig anerkannte GmbH, die von der Bertelsmann-Stiftung mit j&auml;hrlich etwa eineinhalb bis zwei Millionen Euro finanziert wird. Nach eigener Darstellung handelt es sich beim &bdquo;CHE&ldquo; um eine unabh&auml;ngige &raquo;Denkfabrik&laquo;. Zur &bdquo;Marke&ldquo; CHE geh&ouml;ren inzwischen zwei Gesellschaften, das gemeinn&uuml;tzige Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (gGmbH) als &bdquo;Reformwerkstatt f&uuml;r das deutsche Hochschulwesen&ldquo; und die CHE Consult GmbH, als Profitcenter und als private Beratungsgesellschaft f&uuml;r Hochschulen, Wissenschaftseinrichtungen, Ministerien oder Stiftungen.<\/p><p>Das CHE arbeitet &ndash; wie die anderen meist als gemeinn&uuml;tzige zivilgesellschaftliche Stiftungen organisierten PR-Agenturen wie etwa die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) &ndash; nach dem gleichen Muster. Man erstellt eine Studie oder macht eine Umfrage oder veranstaltet einen Kongress und schafft so einen Medien-Event und die Mainstream-Medien plappern die Ergebnisse in aller Regel unkritisch nach. Schlie&szlig;lich gilt die Stiftung als gemeinn&uuml;tzig und umgibt sich damit mit dem Mantel der Neutralit&auml;t.<\/p><p>Die Methoden, die Bertelsmann und das CHE f&uuml;r ihre &bdquo;&Uuml;berzeugungsarbeit&ldquo; einsetzen, sind im Gro&szlig;en und Ganzen auch immer dieselben: Es sind Rankings und Benchmarks und Umfragen, die zun&auml;chst von den eigenen Medien verbreitet und dann von den anderen aufgegriffen und multipliziert werden.<\/p><p>&Uuml;berall dort, wo kein Markt besteht und damit das Steuerungsinstrument des (Markt-) Wettbewerbs nicht funktionieren kann, also vor allem im &ouml;ffentlichen Sektor und damit auch bei den staatlichen Hochschulen, musste die Bertelsmann Stiftung wettbewerbliche Steuerungsinstrumente erst noch erfinden und einf&uuml;hren. Da dienen als Fiktion f&uuml;r den Marktwettbewerb eben Rankings und Benchmarks. So hat das CHE in Deutschland die Hochschulrankings hoff&auml;hig gemacht.<\/p><p>Durch diese Rankings soll nicht etwa nur eine Selbsteinsch&auml;tzung der einzelnen Hochschule erm&ouml;glicht werden, sondern es wird vor allem ein an den von der Bertelsmann Stiftung selbst aufgestellten Messkriterien ein Konformit&auml;ts- und Anpassungsdruck auf alle Hochschulen ausge&uuml;bt.<\/p><p>&ndash; Dazu brauchen Sie nur einmal darauf achten, wie Ihre Hochschule, wie die Fachbereiche oder die F&auml;cher auf die Ranking-Ergebnisse in der Vergangenheit reagiert haben. <\/p><p>Aus den rein quantitativen Rankings sollen sich Qualit&auml;tsvergleiche ergeben, und wer am besten abschneidet, soll nach den Vorstellungen der Veranstalter solcher Rankings die Qualit&auml;tsma&szlig;st&auml;be vorgeben. Das Ziel ist, dass sich die schlechter Platzierten im Wettbewerb an den besser Platzierten messen. Dadurch wird ein Wettlauf zur vom CHE propagierten &bdquo;Entfesselung&ldquo; der Hochschulen angesto&szlig;en.<\/p><p>Man kann nun lange &uuml;ber die Sinnhaftigkeit von Benchmarks oder Rankings streiten. &Uuml;ber eine Tatsache f&uuml;hrt nichts hinweg: Wie bei allen Vergleichsmessungen geht es bei Rankings darum, dass Qualit&auml;t quantifiziert werden muss. Oder anders: Man muss Qualit&auml;t in Quantit&auml;ten ausdr&uuml;cken, denn nur so l&auml;sst sich vergleichen und messen. Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann nennt diese &Uuml;bertragung betriebswirtschaftlicher Prinzipien, also das Messen und Vergleichen einen &bdquo;Verlust an Urteilskraft&ldquo;.<\/p><p>Hinter der Wettbewerbsideologie verbirgt sich aber noch eine ganz andere Zielrichtung. In jedem Wettbewerb gibt es Gewinner und Verlierer. Es gibt die exzellenten Hochschulen und es gibt dann eben auch die weniger exzellenten.<\/p><p>Der fr&uuml;here Innovationsminister Pinkwart hat diese Zielvorstellung ganz offen ausgesprochen:<br>\nDie einzelne Hochschule soll (Zitat) &bdquo;das Ziel Qualit&auml;t auf unterschiedlichen Wegen &hellip; verfolgen. Die eine Hochschule wird sich auf ihre Rolle als Ausbilder und F&amp;E-Partner in ihrer Region konzentrieren. Eine andere Hochschule wird sich an starken europ&auml;ischen Mitbewerbern um technologische Leitprojekte orientieren und mit dem Anspruch antreten, in der internationalen Liga der Spitzenforschung mitzuspielen&ldquo;. (Zitat Ende)<br>\nDiese Zielvorstellung entspricht also in etwa dem amerikanischen Hochschulsystem mit einer hierarchisch tief gestaffelten Hochschullandschaft einiger weniger Spitzenuniversit&auml;ten mit Ausbildungsangeboten f&uuml;r den Nachwuchs der Upper Class und der gro&szlig;en Masse von Hochschulen ganz unterschiedlicher Qualit&auml;t f&uuml;r die gro&szlig;e Masse der Studierenden. <\/p><p>Der &bdquo;akademische Kapitalismus&ldquo; betrifft eben nicht nur die Forschung, sondern vor allem auch den Wettbewerb um die Studierenden. Wir bekommen sozusagen einen &bdquo;Bayern-M&uuml;nchen-Effekt&ldquo; unter den Hochschulen: Die &bdquo;Bayern&ldquo; kaufen etwa den armen Gladbachern oder den nicht so finanzkr&auml;ftigen Freiburgern die &bdquo;Stars&ldquo; ab, sie bauen damit ihre Spitzenposition in der Tabelle aus und die anderen steigen eben ab. Was man beim Fu&szlig;ball noch hinnehmen k&ouml;nnte, weil da nur private Vereine oder die Hoffnungen von Fu&szlig;ball-Fans betroffen sind, f&uuml;hrt auf dem Feld der Hochschulen zu einem weiteren Verlust an Einheitlichkeit der Lebensverh&auml;ltnisse in Deutschland, zu einem Verlust an allgemeiner Studienqualit&auml;t in der Breite und das zu Lasten von hunderttausenden von Studierenden, die aus finanziellen oder sonstigen Gr&uuml;nden nicht an einer Eliteuniversit&auml;t studieren k&ouml;nnen.<\/p><p>Wir verlieren also eines der weltweit anerkannten Qualit&auml;tssiegel der deutschen Hochschullandschaft: eine zwar nicht gleichartige, aber eine qualitativ relativ hochwertige und gleichwertige Breite.<\/p><p><strong>Der Einfluss des CHE und der Bertelsmann Stiftung auf den Leitbildwechsel im Hochschulsystem:<\/strong><\/p><p>Als ehemaliger Staatssekret&auml;r im Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen werde ich freundlicherweise noch &ouml;fters einmal zu Festveranstaltungen von Hochschulen eingeladen und habe das Vergn&uuml;gen den Ansprachen der meist prominenten Redner zu lauschen.<br>\nMir f&auml;llt dabei immer wieder auf, dass die Stichworte der Reden meist identisch bzw. austauschbar sind:<br>\nWie aus einem Redenschreibgenerator h&ouml;rt man dabei bis zum &Uuml;berdruss immer wieder folgende Stichworte:<br>\n&bdquo;Wettbewerb&ldquo; und &bdquo;Autonomie&ldquo;, &bdquo;Exzellenz&ldquo; &bdquo;effektives Management&ldquo; und dann nat&uuml;rlich noch &bdquo;Profilierung&ldquo;, &bdquo;St&auml;rken st&auml;rken, Schw&auml;chen abbauen&ldquo;, &bdquo;Wirtschaftlichkeit&ldquo;, &bdquo;zus&auml;tzliche Finanzierungsquellen angesichts knapper &ouml;ffentlicher Kassen&ldquo;, &bdquo;Modularisierung&ldquo;, &bdquo;Internationalisierung&ldquo; und selbstverst&auml;ndlich darf &bdquo;Marketing&ldquo; nicht fehlen und ganz modern, h&ouml;rt man dann vielleicht noch &bdquo;Virtualisierung&ldquo;.<br>\nWenn ich Gelegenheit habe, frage ich dann immer, was die Redner unter diesen Stichworten verstehen. Meistens kommt da ziemliches Gestammel.<\/p><p>Was will ich damit sagen: Es ist den sog. &bdquo;Reformern&ldquo; gelungen jedem oder jeder die etwas &uuml;ber Hochschule sagt, die zu ihrer Reform geh&ouml;renden Propagandaparolen einzuh&auml;mmern. Das hat schon fast Orwellsche Qualit&auml;ten.<\/p><p>Es ist diesen sog. &bdquo;Reformern&ldquo; gelungen positiv konnotierte Begriffe mit ihren Hintergedanken zu besetzen. Am besten ist das mit den Tarnw&ouml;rtern &bdquo;Freiheit&ldquo; oder &bdquo;Autonomie&ldquo; gelungen. Das Hochschulgesetz in NRW hei&szlig;t z.B. Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz. Gemeint ist die Freiheit von Staat und Gesellschaft und die Unterstellung unter die Zw&auml;nge des Wettbewerbs, der mit &bdquo;unsichtbarer Hand&ldquo; die Hochschulen dahin lenkt, wo es auch Geld gibt. Und nat&uuml;rlich bestimmt der die Musik, der die Kapelle bezahlt.<\/p><p>Und in der Tat hat in den letzten 10 Jahren ein Paradigmenwechsel weg vom humboldtschen Bildungsideal hin zum hayekschen Glauben an die &Uuml;berlegenheit der Markt- und Wettbewerbssteuerung einer &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; stattgefunden. <\/p><p>Weil ich die Entwicklung der Hochschulen in Nordrhein-Westfalen am besten kenne, will ich den Einfluss des CHE kurz am Beispiel der dortigen Hochschul- &bdquo;Reformen&ldquo; belegen: <\/p><p>Das nordrhein-westf&auml;lische &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; wurde nicht nur am Schreibtisch des bertelsmannschen CHE konzipiert, dar&uuml;ber hinaus wurde w&auml;hrend des Gesetzgebungsverfahrens aus G&uuml;tersloh souffliert und sogar nach seiner Verabschiedung wurde im Auftrag des damaligen FDP-Ministers Bertelsmann mit der Umsetzung des Gesetzes an den Hochschulen betraut.<\/p><p>Ende 2005 ver&ouml;ffentlichte der G&uuml;tersloher Think-Tank &ndash; w&ouml;rtlich &ndash; &bdquo;Zehn CHE-Anforderungen an ein Hochschulfreiheitsgesetz f&uuml;r Nordrhein-Westfalen&ldquo;.<br>\nDort finden sich teilweise sogar bis in den Wortlaut hinein die Formulierungen, die der damalige Innovationsminister Pinkwart, ohne jede politische Debatte in seiner Partei, geschweige denn im Landtag wenige Wochen danach auf einer Pressekonferenz als seine &bdquo;Eckpunkte des geplanten Hochschulfreiheitsgesetzes&ldquo; vorstellte.<\/p><p>Diese &bdquo;Eckpunkte&ldquo; entsprachen weitgehend den zuvor vom CHE formulierten &bdquo;Zehn Anforderungen an ein Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo;.<\/p><p>Nur wenige Tage nachdem der Minister seine &bdquo;Eckpunkte&ldquo; vorgelegt hatte, lieferte ihm das CHE ein &bdquo;Zeugnis&ldquo; und bewertete die Pinkwartschen Gesetzesvorschl&auml;ge am Erf&uuml;llungsgrad der CHE-Anforderungen wie ein Oberlehrer. <\/p><p>Aber damit immer noch nicht genug:<br>\nNachdem das HFG verabschiedet worden ist, wurde das CHE vom Ministerium beauftragt, die Hochschulen auch noch bei der Umsetzung zu begleiten.<\/p><p>Die Entstehungsgeschichte des &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetzes&ldquo; ist ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie sich die Politik und der Staat aus ihrer Verantwortung f&uuml;r ein zentrales Feld der Zukunftsgestaltung zur&uuml;ckziehen und dem Druck und von privaten Lobbyorganisationen nachgeben und sich zur geradezu zur verl&auml;ngerten Werkbank von an gesellschaftlichen Einzelinteressen orientierten, finanzkr&auml;ftigen Think-Tanks degradieren l&auml;sst.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist es nach wie vor richtig, dass Bertelsmann die Gesetze nicht selber verabschiedet, sondern dass diese meist von der Exekutive eingebracht und vom Parlament verabschiedet werden. Aber &uuml;ber die personellen Netzwerke wird der bertelsmannsche &bdquo;Reformmotor&ldquo; zur eigenst&auml;ndigen politischen Antriebskraft, der auch au&szlig;erhalb der Parlamente eine Art Eliten-Konsens schafft &ndash; und dabei nebenbei auch noch f&uuml;r ein positives Image f&uuml;r den Bertelsmann-Konzern sorgt. <\/p><p><strong>Der Leitbildwechsel im Hochschulwesen wurde mit dem Pathos der &bdquo;Freiheit&ldquo; vorangetrieben.<\/strong><\/p><p>Mit das Deutlichste Bekenntnis zur &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; finden wir im nordrhein-westf&auml;lischen Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz. <\/p><p>Kein anderes Land mache &bdquo;Freiheit mit dieser Konsequenz zur Grundlage seiner Hochschulpolitik&ldquo; r&uuml;hmte der fr&uuml;here Siegener Professor und damalige nordrhein-westf&auml;lische Innovationsminister Andreas Pinkwart in einer <a href=\"http:\/\/www.hochschule-bochum.de\/fileadmin\/media\/6_organisation\/Hochschulrecht\/extern\/Hochschulen_auf_neuen_Wegen.pdf\">ministeriellen Brosch&uuml;re [PDF &ndash; 1.5 MB]<\/a> das am 1. Juli 2007 in Kraft getretene Gesetz. <\/p><p>Das Pathos der Freiheit ist geradezu das wichtigste Lockmittel f&uuml;r die Hochschulen.<\/p><p>Doch kaum ein anderer Begriff ist in der Menschheitsgeschichte so unterschiedlich gebraucht und so oft missbraucht worden, wie der Freiheitsbegriff.<\/p><p>Man sollte also immer auch nach der schon von Immanuel Kant herausgearbeiteten Unterscheidung zwischen &bdquo;positiver&ldquo; und &bdquo;negativer&ldquo; Freiheit, also von der Freiheit &bdquo;zu was&ldquo; und der Freiheit &bdquo;von was oder von wem&ldquo; fragen.<\/p><p>Die &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; ist vom Staat und vom Einfluss des demokratischen Gesetzgebers &bdquo;befreit&ldquo; worden und &ndash; dem Glaubensbekenntnis des Markt- und Wettbewerbsliberalismus entsprechend &ndash; den anonymen Zw&auml;ngen des Wettbewerbs unterworfen worden. Die Forschungs-, Lehr- und Lernfreiheit wird als Freiheit zur Durchsetzung auf dem Ausbildungs- und Wissensmarkt umdefiniert. Dem Zwang des Marktes kann und darf sich kein Hochschulangeh&ouml;riger entziehen. Denkt jeder Hochschullehrer und jede Hochschule an sich, so ist an alle gedacht. So lautet das markt- und betriebswirtschaftliche Credo.<\/p><p> Der Staat oder der Gesetzgeber sind bestenfalls noch &bdquo;Zahlmeister&ldquo;.<\/p><p>Es gab einen R&uuml;ckzug staatlicher Verantwortung zugunsten einer unternehmerischen Autonomie der Hochschule und zugunsten einer der einzelunternehmerischen Wettbewerbslogik unterworfenen autokratischen Leitungsstruktur.<\/p><p>Die Hochschulleitungen sollen von der Spitze aus in alle Bereiche des Unternehmens &ndash; als &bdquo;Arbeitgeber und Dienstherr&ldquo; des &bdquo;Personals&ldquo; (ehemals Hochschullehrer genannt) und bis hinein in die &bdquo;Ausbildungsverh&auml;ltnisse&ldquo; (ehemals Studium genannt) &ndash; durchentscheiden k&ouml;nnen. Man braucht dazu sozusagen einen Chief Executive Officer als Pr&auml;sidenten, gegen dessen Stimme keine Entscheidung getroffen werden kann. (So in &sect; 15 Abs. 2 Ziff. 3 HFG geregelt.)<\/p><p>An Stelle des demokratisch kontrollierten Ministeriums oder des Parlaments als demokratische legitimierte rahmensetzende Organe und &uuml;ber die Selbstverwaltungsorgane wurde in der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule der Hochschulleitung ein freischwebender Aufsichtsrat als &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; mit weitergehenden Kompetenzen vorgesetzt, als sie Staat und Parlament je hatten.<\/p><p>Die Mitglieder des &bdquo;Hochschulrats&ldquo; sind w&auml;hrend und nach ihrer gesamten f&uuml;nfj&auml;hrigen Amtszeit keiner irgendwie demokratisch legitimierten Instanz rechenschaftspflichtig. Sie k&ouml;nnen weder abberufen noch abgew&auml;hlt werden. Sie k&ouml;nnen f&uuml;r Ihre oft tiefgreifenden und kostenintensiven Entscheidungen nicht zur Verantwortung gezogen werden.<\/p><p>Die Hochschulratsmitglieder entscheiden &uuml;ber das Geld der Steuerzahler nach ihren ganz pers&ouml;nlichen oder ihren politischen oder &ouml;konomischen Interessen.<\/p><p>Einige dieser Defizite gestehen inzwischen sogar die wichtigsten Propagandisten der Einrichtung von Hochschulr&auml;ten ein. <\/p><p>In einem im September 2010 dieses Jahres vom bertelsmannschen CHE und der Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft herausgegebenen <a href=\"http:\/\/www.che.de\/downloads\/Handbuch_Hochschulraete.pdf\">&bdquo;Handbuch Hochschulr&auml;te&ldquo; [PDF &ndash; 2.8 MB]<\/a> wird z.B. inzwischen die gesetzliche Regelung einer Abberufung von Hochschulratsmitgliedern verlangt. Es wird zugegeben, dass die Haftung der Mitglieder ungekl&auml;rt ist. Die Ehrenamtlichkeit konfligiere mit den zumeist weitreichenden Kompetenzen der Hochschulr&auml;te, deshalb sollten diese f&uuml;r einen &bdquo;individuellen Versicherungsschutz&ldquo;, etwa einer &bdquo;Directors and Officers Versicherung&ldquo;, wie das f&uuml;r das Management von Unternehmen &uuml;blich ist, Sorge tragen und die Hochschulen sollen die entsprechenden Versicherungsbeitr&auml;ge &uuml;bernehmen.<br>\nUnd &ndash; weil in der neuen Hochschulwelt nat&uuml;rlich alles evaluiert werden muss &ndash; sollten sich die Hochschulr&auml;te einer &bdquo;externen Evaluation&ldquo; stellen. Au&szlig;erdem soll das Ministerium externen Hochschulratsmitgliedern zu Beginn ihrer T&auml;tigkeit einen Leitfaden (so w&ouml;rtlich) &bdquo;in Form eines &bdquo;Starter-Kits-f&uuml;r Hochschulr&auml;te&ldquo; zur Verf&uuml;gung stellen.<br>\nEine angemessene Verg&uuml;tung soll die Hochschule den Hochschulratsmitgliedern auch anbieten.<\/p><p>Bis auf solche eher kosmetischen Korrekturen, wird jedoch an Hochschulr&auml;ten als zentrales Steuerungselement der Hochschulen festgehalten.<\/p><p>Ich bin selbst Mitglied in einem Hochschulrat einer Hochschule und habe so seit 6 Jahren Erfahrungen mit einem solchen &bdquo;Aufsichtsrat&ldquo; sammeln k&ouml;nnen:<\/p><p>Mit vielen anderen Hochschulratsmitgliedern, mit denen ich gesprochen habe, bin ich zur festen &Uuml;berzeugung gelangt: Ein ehrenamtlicher Hochschulrat ist mit den ihm per Gesetz &uuml;bertragenen Kompetenzen schlicht &uuml;berfordert.<br>\nDie jeweiligen Entscheidungen leiten sich allenfalls aus dem jeweils pers&ouml;nlichen Vorurteil oder Interessensbezug ab  oder: man folgt lieber gleich dem Vorschlag des Pr&auml;sidenten.<\/p><p>In der &uuml;berwiegenden Zahl der zu treffenden Entscheidungen hat das hauptamtliche Pr&auml;sidium einen nicht einholbaren Informationsvorsprung und kennt die m&ouml;glichen Handlungsoptionen erheblich besser als jedenfalls jedes externe Mitglied des Hochschulrates.<br>\nViele Pr&auml;sidenten entwickeln sich dadurch zu Alleinherrschern bzw. zu patriarchalischen Unternehmerpers&ouml;nlichkeiten.<\/p><p>Die Vorstellung der Verfechter der Aufsichtsratsstruktur war die: Der Hochschulrat (Zitat) &bdquo;nimmt Impulse aus Wirtschaft und Gesellschaft auf und vermittelt in dieser Weise als &bdquo;Transmissionsriemen&ldquo; das erforderliche Beratungswissen f&uuml;r die Entscheidungen der Hochschulleitungen&ldquo;.<br>\nDe facto gibt es jedoch fast &uuml;berall, wo sich Hochschulr&auml;te konstituiert haben, &bdquo;Impulse&ldquo; vor allem aus der Wirtschaft, genauer der Gro&szlig;- und Finanzwirtschaft, der IHKs oder bestenfalls noch &ouml;rtlicher Unternehmer. <\/p><p>Nach Erhebung der Bochumer Universit&auml;t  rekrutieren sich die Mitglieder externer Hochschulr&auml;te &uuml;ber die gesamte Republik mit jeweils einem runden Drittel aus der Wirtschaft und der Wissenschaft, wobei auf Seiten der Wirtschaft die Vertreter von Gro&szlig;unternehmen dominieren. W&auml;hrend an Universit&auml;ten die Gro&szlig;unternehmen eindeutig dominieren, werden insbesondere an Fachhochschulen, aber auch bei privaten und technischen Hochschulen die Vertreter kleiner und mittlerer Unternehmen mit regionalem Bezug wichtiger. <\/p><p>Was aber noch entscheidender ist: Unter den Hochschulratsvorsitzenden liegt der Anteil der Wirtschaftsvertreter bei 47 Prozent, von diesen sind 80 Prozent Aufsichtsrats- oder Vorstandsmitglieder. Kein Wunder, dass das Handelsblatt ziemlich triumphierend titelte: &bdquo;Manager erobern die Kontrolle an den Unis&ldquo;. <\/p><p>Gewerkschaftliche Mitglieder sind in den bundesdeutschen Hochschulr&auml;ten mit nur 3% marginal vertreten und damit ihrem gesellschaftspolitischen Stellenwert als Sozialpartner entsprechend deutlich unterrepr&auml;sentiert.<\/p><p>An der Universit&auml;t Kassel kommen mit dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats der SMA Solar Technology AG, dem Generalbevollm&auml;chtigen der Volkswagen AG, dem Partner eines international t&auml;tigen Architektur- und St&auml;dteplanungsb&uuml;ros, drei der neun Mitglieder aus der Wirtschaft. <\/p><p>Hochschulr&auml;te arbeiten in der Regel weder transparent noch sind sie repr&auml;sentativ zusammengesetzt. Vor allem unter den Hochschulratsvorsitzenden sind &bdquo;F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten&ldquo; aus der Wirtschaft dominant vertreten. (In Abwandlung zur Kritik an US-Boards &bdquo;white, wealthy, businessmen&ldquo; k&ouml;nnte man sagen die Hochschulr&auml;te sind bei uns &bdquo;old, wealthy, masculine, businessmen&ldquo;)<\/p><p>In der tats&auml;chlichen Zusammensetzung der Hochschulr&auml;te zeigt sich eine &bdquo;Erosion der klassischen Verb&auml;ndebeteiligung&ldquo;. Die nordrhein-westf&auml;lischen Hochschulen wurden also vom Staat und dem Parlament weitgehend &bdquo;befreit&ldquo; zugunsten einer Art St&auml;ndeherrschaft, in der ein &bdquo;Stand&ldquo; einen &uuml;berwiegenden Einfluss hat.<\/p><p>Wir haben es mit einer Verschiebung der &bdquo;Organisationsverantwortung&ldquo; zu Lasten der klassisch-parlamentarischen Repr&auml;sentation der gesellschaftlichen Interessen und vor allem auch zu Ungunsten der Selbstverwaltung der Hochschule zu tun.<\/p><p><strong>Die &ouml;ffentlichen Hochschulen wurden faktisch &bdquo;funktionell privatisiert&ldquo;.<\/strong><\/p><p>D.h. sie werden wie private Hochschulen organisiert und sollen auch wie private Unternehmen auf dem Ausbildungs- und Forschungsmarkt agieren. Der einzige Unterschied zu &bdquo;echten&ldquo; privaten Hochschulen ist, dass diese &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschulen zu 75 bis 90 Prozent vom Steuerzahler finanziert werden. Die zus&auml;tzliche, erg&auml;nzende private und &ouml;ffentliche Finanzierung steuert also den ganz &uuml;berwiegend staatlich finanzierten Apparat. Bildlich gesprochen: Der Schwanz wackelt mit dem Hund. <\/p><p>Das d&uuml;rfte aber gerade der Idealfall der Apologeten der Privatisierung &ouml;ffentlicher Einrichtungen sein: Der Staat finanziert und Private lenken.<\/p><p>Diese gesamte Operation lief auch noch unter dem f&uuml;r jeden Hochschulangeh&ouml;rigen sympathisch anmutenden Begriff der &bdquo;Autonomie&ldquo;. Die Wissenschaftsfreiheit im Grundgesetz soll jedoch die Autonomie der Wissenschaft garantieren und zwar zum gesamten Wohl der Gesellschaft und nicht einzelner finanzstarker Interessen. Autonomie hei&szlig;t auch gerade nicht Willk&uuml;rherrschaft einer autokratischen Hochschulleitung, die eine Hochschule wie ein Gro&szlig;unternehmen nach Gutsherrenart f&uuml;hren kann und sich dabei mit dem Alibiargument der Wettbewerbsf&auml;higkeit gegen alle Tr&auml;ger des Freiheitsrechts (und das gilt f&uuml;r Professorinnen und Professoren und auch f&uuml;r Studierend) durchsetzt.<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>In der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; ist die &uuml;berwiegende Mehrheit der Forschenden und Lehrenden an den Hochschulen und schon gar die Studierenden mit der &bdquo;neuen&ldquo; Freiheit verglichen mit ihren fr&uuml;heren Beteiligungs- und Mitwirkungsrechten wesentlich &bdquo;unfreier&ldquo; geworden als unter der fr&uuml;heren &ndash; allerdings durchaus nicht optimalen &ndash; akademischen Selbstverwaltung.<\/p><p><strong>Wirtschaftsmacht statt demokratisch legitimierter Macht<\/strong><\/p><p>Zum Schluss meines Referats m&ouml;chte ich noch einige demokratietheoretische Anmerkungen machen: <\/p><p>Es ist das Recht eines jeden Unternehmers, der meint, etwas zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen zu k&ouml;nnen, eine Stiftung zu gr&uuml;nden und politische Themen bearbeiten zu lassen. Dass sich dabei Gleichgesinnte treffen, wird jeweils unvermeidlich sein. Es ist auch das gute Recht einer jeden Regierung, denjenigen mit einer Politikberatung zu beauftragen, der ihr politisch sympathisch ist.<\/p><p>Doch wer &ouml;ffentliche Aufgaben erf&uuml;llt, Gesetze ver&auml;ndern will, die in Gestaltungsrechte und Lebenschancen von Millionen B&uuml;rgern eingreifen, der muss sich der &ouml;ffentlichen Auseinandersetzung stellen. Die Mitwirkenden m&uuml;ssen ihre gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Ziele offen legen, die &Ouml;ffentlichkeit muss den Prozess nachvollziehen und erkennen k&ouml;nnen, wer welchen Einfluss aus&uuml;bt und welche Konsequenzen das Vorgehen hat.<\/p><p>Das geradezu Paradoxe am Verhalten der Bertelsmann Stiftung ist jedoch, dass sie zwar &uuml;berall nach Wettbewerb ruft, diesen Wettbewerb aber bei sich selbst konsequent verhindert.<\/p><p>Das, nicht nur indem sie fast &bdquo;ausschlie&szlig;lich operativ&ldquo; arbeitet, d.h. nur ihre von ihr selbst initiierten Projekte f&ouml;rdert und nur ganz selten Projektantr&auml;ge von au&szlig;erhalb zul&auml;sst, also wissenschaftlichen Pluralismus satzungsm&auml;&szlig;ig ausschlie&szlig;t. Sie muss sich dar&uuml;ber hinaus vor keinem Parlament und keinem Rechnungshof, ja nicht einmal vor einem Aufsichtsrat, der wenigstens unterschiedliche Interessen von Kapitalanlegern vertreten k&ouml;nnte, f&uuml;r den Einsatz ihrer Gelder und die damit verfolgten Ziele rechtfertigen.<\/p><p>Die Netzwerkarbeit und Projektentwicklung der Bertelsmann Stiftung ist so angelegt, dass sich die Akteure gar nicht mehr mit Gegenmeinungen und Kritik auseinandersetzen, dass sie Kritik in einer Haltung der Selbstgewissheit an sich abprallen lassen und so auftreten, als h&auml;tten sie die Richtigkeit und Wahrheit ihrer Konzepte von vorneherein und zweifelsfrei erkannt. Dieses Ausmerzen von fachlichen Gegenstimmen, demokratischer Willensbildung und umfassender B&uuml;rgeraufkl&auml;rung, das ist f&uuml;r mich das Gef&auml;hrliche und der demokratiefeindliche Kern, dieser zugestandenerma&szlig;en perfekten Netzwerkarbeit.<\/p><p>Nicht dass man die Argumente Andersdenkender &uuml;bernehmen m&uuml;sste, aber Kritik wahrzunehmen und sich damit auseinander zusetzen ist etwas anderes, als sie totzuschweigen bzw. &uuml;ber seinen Einfluss &uuml;ber die Medien einfach mundtot zu machen.<\/p><p>Das Spektrum der &Ouml;ffentlichen Meinung und der Politik wurde so nicht etwa erweitert, sondern im Gegenteil verengt und in einer Weise kanalisiert, wie es offen ausgewiesene Interessengruppen &ndash; wie z.B. Industrieverb&auml;nde oder PR-Organisationen, wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft &ndash; kaum zu erreichen verm&ouml;gen.<\/p><p>Unter dem Zwang der leeren &ouml;ffentlichen Kassen und unter dem besch&ouml;nigenden Etikett eines &bdquo;zivilgesellschaftlichen Engagements&ldquo; greift der Staat die &bdquo;gemeinn&uuml;tzigen&ldquo; Dienstleistungen privater Think-tanks nur allzu gerne auf.<\/p><p>Ja noch mehr, er zieht sich aus seiner Verantwortung immer mehr zur&uuml;ck und &uuml;berl&auml;sst wichtige gesellschaftliche Bereiche wie etwa die Bildung oder die Hochschule gleich ganz den Selbsthilfekr&auml;ften b&uuml;rgerschaftlichen Engagements.<\/p><p>Aus dieser &bdquo;zivilgesellschaftlichen&ldquo; Staats- und Gesellschaftsvorstellung speist sich die Idee von der &bdquo;selbst&auml;ndigen Schule&ldquo; oder der &bdquo;Entlassung&ldquo; der Hochschule aus der staatlichen Verantwortung.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t &bdquo;zivilgesellschaftliches&ldquo; Engagement?<\/strong><\/p><p>Hinter dieser Stiftung steht keine irgendwie demokratisch legitimierte gesellschaftliche Gruppe, dahinter steht eine private institutionelle Macht des Reichtums, die &ndash; streng hierarchisch organisiert &ndash; ihren Einfluss &uuml;ber das gesamte politische System ausdehnt, unter dem besch&ouml;nigenden Etikett eines &raquo;zivilgesellschaftlichen Engagements&laquo; die demokratisch legitimierte Machtverteilung zwischen Verb&auml;nden, Parteien, Parlamenten und Exekutive unterwandert und gleichzeitig mit der Medienmacht des Bertelsmann Konzerns die &ouml;ffentliche Meinung pr&auml;gt.<\/p><p>Die Rollenverteilung der unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppen bei ihrem &bdquo;Dienst an der Gemeinschaft&ldquo; ergibt sich dabei ziemlich naturw&uuml;chsig daraus, was eben der Einzelne mit seinem b&uuml;rgerschaftlichen Engagement zu leisten vermag.<\/p><p>Diejenigen, die nicht so viel Geld und Verm&ouml;gen haben, machen Sozialarbeit, also Altenpflege oder &Uuml;bungsleiter im Sportverein, die Verm&ouml;genden vergeben Forschungsauftr&auml;ge oder Stiftungslehrst&uuml;hle oder sie stiften gleich ganze Denkfabriken und pr&auml;gen damit den Gang der Wissenschaft oder den gesellschaftlichen Diskurs und bestimmen so die gesellschaftliche und die politische Weiterentwicklung.<\/p><p>Die letztgenannte &bdquo;zivilgesellschaftliche&ldquo; Macht st&uuml;tzt sich ausschlie&szlig;lich auf Reichtum und Verm&ouml;gen. Darauf, dass eben zum Beispiel der Bertelsmann-Konzern und seine Stiftung mehr Geld hat als jede andere private und staatliche Institution, Expertisen und Gutachten erstellen zu lassen, Kongresse zu veranstalten, Studien zu machen, um die Mission ihres Stifters zu verbreiten.<\/p><p>Demokratisch legitimierte Macht im Staate wird so mehr und mehr durch Wirtschaftsmacht zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, ja sogar teilweise schon ersetzt.<\/p><p>Und dieser schleichende Systemwechsel vom demokratischen Wohlfahrtsstaat zur Herrschaft des gro&szlig;en Geldes, wird sogar noch mit dem Pathos von &bdquo;mehr Freiheit&ldquo; vorangetrieben.<\/p><p><strong>Was tun?<\/strong><\/p><p>Aus zahllosen Veranstaltungen an Hochschulen an denen ich teilgenommen habe und aus vielen Gespr&auml;chen mit Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern wei&szlig; ich, dass sich an den Hochschulen nach anf&auml;nglicher Euphorie &uuml;ber die neue Freiheit und die Versprechungen von Autonomie inzwischen viel Unmut und Frust angesammelt hat.<br>\nBeim Bologna-Prozess etwa wurde &ndash; angefangen von Bundesbildungsministerin Schavan, &uuml;ber den Wissenschaftsrat, ja sogar bis zur HRK &ndash; &bdquo;Korrekturbedarf&ldquo; anerkannt.<br>\nGanze Fakult&auml;tentage lehnen eine Teilnahme an den CHE-Rankings ab, es gibt Resolutionen von Fachbereichen gegen das unternehmerische Hochschulmanagement.<\/p><p>Leider rekrutiert sich der Widerstand &ndash; wie etwa der vom Hochschulverband &ndash; vielfach aus der konservativen Seite, die eine R&uuml;ckkehr zur alten Ordinarien-Universit&auml;t ertr&auml;umt.<\/p><p>Au&szlig;er &uuml;ber den Protest der Studierenden dringt jedoch der Unmut einzelner Hochschulangeh&ouml;rigen aber nur wenig an die &Ouml;ffentlichkeit, denn Ansprechpartner etwa f&uuml;r die Medien sind eben die Hochschulleitungen oder die Pr&auml;sidenten der Hochschulen. Warum sollten gerade diese sich gegen eine Reform wenden, die ihnen viel Macht einger&auml;umt hat?<\/p><p>Einen erneuten Paradigmenwechsel herbeizuf&uuml;hren ist eine schwierige Herausforderung.<br>\nHochschullehrer sind Einzelk&auml;mpfer, die Erfahrung von solidarischer Kraft ist ihnen historisch unbekannt. Die Hochschulen waren politisch leider schon immer eine leichte Verf&uuml;gungsmasse der politisch M&auml;chtigen oder des Zeitgeistes. Au&szlig;erdem hat sich an den Hochschulen eine &bdquo;Froschperspektive&ldquo; des politischen Denkens breit gemacht. Selbst fortschrittlichere Hochschullehrer und schon gar die Hochschulleitungen greifen z.B. in ihrer Not nur allzu gern nach dem Strohhalm der Studiengeb&uuml;hren oder privater Drittmittel. Sie haben vor der nunmehr seit den 70er Jahren mit dem sog. &Ouml;ffnungsbeschluss beginnenden staatlichen &bdquo;Unterfinanzierung&ldquo; resigniert und ihre Hoffnungen auf eine angemessene staatliche Finanzierung weitgehend aufgegeben. Das Politikum, dass n&auml;mlich die knappen &ouml;ffentlichen Kassen auch etwas mit dem Steuersenkungswahn und der Aushungerung des Staates w&auml;hrend der letzten Dekaden zu tun hat, wird gar nicht mehr gesehen. &bdquo;Starve the beast&ldquo;, hungert den Staat aus, war ja der Kampfruf der Chicago Boys, also der Reaganomics und des Thatcherismus. <\/p><p>Unverkennbar ist auch die &uuml;berwiegende Mehrheit der Hochschulangeh&ouml;rigen auf den wirtschaftsliberalen Mainstream eingeschwenkt. Die wirtschaftswissenschaftlichen Fakult&auml;ten, wo diese Lehre nahezu unisono verk&uuml;ndet wird, haben da ganze Arbeit geleistet. Vor allem die &bdquo;visible Scientists&ldquo; haben sich eingerichtet als Unternehmensf&uuml;hrer auf dem Wissenschaftsmarkt; sie holen Geld ab, wo es auch immer zu holen ist. &Uuml;ber die soziale Auslese-Funktion etwa von Studiengeb&uuml;hren und ihre bildungspolitische Bedeutung wird kaum noch nachgedacht. Die Hochschulen sind ja ohnehin &uuml;berf&uuml;llt, warum sollte man sich da auch noch Sorgen machen, um diejenigen, die wegen dieser Geldbarriere vor den H&ouml;rs&auml;len bleiben?<\/p><p>Die Hochschulen als alleiniger Adressat und Tr&auml;ger f&uuml;r einen Leitbildwechsel werden also nicht ausreichen, um einen Paradigmenwechsel herbeizuf&uuml;hren.  <\/p><p>Das kann man am Beispiel der Einf&uuml;hrung  und der Abschaffung von Studiengeb&uuml;hren studieren:<br>\nW&auml;re es allein nach den Hochschulen gegangen, so h&auml;tten sie dieses &bdquo;Doping&ldquo; niemals absetzen wollen. <\/p><p>Zu einem wirklichen Leitbildwechsel im Hochschulsystem wird es letztlich erst dann kommen, wenn gleichzeitig auch einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel stattfindet. Der Paradigmenwechsel weg vom humboldtschen Bildungsideal hin zum hayekschen Glauben an die &Uuml;berlegenheit der Markt- und Wettbewerbssteuerung ist ja keineswegs ein Spezifikum der Hochschulreformen der letzten Jahre. Dieser Umbruch ist Ausfluss des zur Vorherrschaft gelangten gesellschaftlichen Denkens, das mit den Schlagworten Deregulierung, Privatisierung, Wettbewerb und einer dramatischen Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates zusammengefasst werden kann. Dieses Weltbild hat ja nicht nur die Finanzwelt und die Wirtschaft durchdrungen, sondern es hat sich auch in nahezu allen anderen gesellschaftlichen Bereichen &ndash; von der Sozialpolitik (z.B. der kapitalgedeckten privaten Vorsorge) &uuml;ber die Kulturpolitik bis hinein eben auch in die Bildungspolitik &ndash; durchgesetzt. Wir erleben es bei der Privatisierung von Leistungen der Daseinsvorsorge oder bei der finanziellen Ausblutung des Staates.<\/p><p>Ohne einen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel, weg vom mit &bdquo;neoliberal&ldquo; nur unzul&auml;nglich umschriebenen Weltbild, wird es auch keinen erfolgreichen Leitbildwechsel an den Hochschulen geben. Und wie die politischen Mehrheitsverh&auml;ltnisse derzeit noch aussehen, liegt f&uuml;r einen solchen Wechsel noch ein l&auml;ngerer Weg vor uns.<\/p><p>Aber das hei&szlig;t aus meiner Sicht nicht, dass die Hochschulangeh&ouml;rigen ihre H&auml;nde in den Scho&szlig; legen und abwarten sollten, bis eine neue Reform-Welle von au&szlig;en &uuml;ber sie hereinschwappt. Die Mitglieder der Hochschulen sollten von denjenigen lernen, die ihnen die &bdquo;unternehmerische Universit&auml;t&ldquo; &uuml;bergest&uuml;lpt haben. Der verstorbene Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn hat sich mit seiner Stiftung deshalb so stark auf dem Feld der Hochschulpolitik engagiert, weil er der  der festen &Uuml;berzeugung war, dass die Hochschulen &ndash; wie er vielfach hervorhob &ndash; ein &bdquo;Schl&uuml;ssel zur Gesellschaftsreform&ldquo; sind. <\/p><p>Alle, die an den Hochschulen mit dem herrschenden Leitbild der &bdquo;unternehmerischen Universit&auml;t&ldquo; unzufrieden sind und unter den herrschenden Bedingungen leiden, sollten also nicht abwarten, bis sich der politische Wind wieder gedreht hat, sie sollten vielmehr die Hochschulen als einen &bdquo;Schl&uuml;ssel&ldquo; betrachten, den Wechsel sowohl an den Hochschulen als auch in der Gesellschaft voranzutreiben.<\/p><p>Mir ist klar, dass ein solches Engagement angesichts von Pr&uuml;fungs-,  Evaluierungs- oder Akkreditierungs-Stress und angesichts des permanenten Drucks, neue Forschungsantr&auml;ge an Land zu ziehen, von Vielen unter Ihnen als Zumutung angesehen wird. Aber einen anderen Weg, damit Sie wieder zu ihrer origin&auml;ren Aufgabe zur&uuml;ckfinden k&ouml;nnen, n&auml;mlich zu guter Lehre und zu gutem Studium und vor allem zu freier Wissenschaft, sehe ich leider nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag von Wolfgang Lieb am 20. November 2012 im Rahmen der &bdquo;Global Education Week&ldquo;, einer Veranstaltung des AStA der Uni Kassel.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,41,11,14],"tags":[502,232,231,230],"class_list":["post-15208","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-medienanalyse","category-strategien-der-meinungsmache","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-arvato","tag-bertelsmann","tag-che","tag-lieb-wolfgang"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15208","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15208"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15208\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15210,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15208\/revisions\/15210"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15208"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15208"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15208"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}