{"id":152105,"date":"2026-06-11T14:00:15","date_gmt":"2026-06-11T12:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152105"},"modified":"2026-06-11T14:28:16","modified_gmt":"2026-06-11T12:28:16","slug":"vermittler-gesucht-warum-die-personalie-merkel-nur-die-spitze-des-eisbergs-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152105","title":{"rendered":"Vermittler gesucht: Warum die Personalie Merkel nur die Spitze des Eisbergs ist"},"content":{"rendered":"<p>Die Frage, wer nach dem Ende des Ukraine-Krieges mit Moskau &uuml;ber eine neue europ&auml;ische Sicherheitsordnung sprechen kann, ist l&auml;ngst kein Tabu mehr. W&auml;hrend die Diskussion &uuml;ber eine Vermittlerrolle Angela Merkels in vielen Medien als blo&szlig;e Randerscheinung abgetan wird, offenbart sie in Wahrheit eine zentrale Schwachstelle westlicher Diplomatie. Der russische Europa-Experte <strong>Wladislaw Below<\/strong> verdeutlicht: Wir erleben derzeit die Suche nach einer diplomatischen Architektur, f&uuml;r die das Personal fehlt. Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Vorschlag des Vorsitzenden der Partei &bdquo;Die Linke&ldquo;, Jan van Aken, die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel als m&ouml;gliche Vermittlerin zwischen Russland und der Europ&auml;ischen Union (EU) in Betracht zu ziehen, wirkt nur auf den ersten Blick wie eine politische Exotik. Es geht hierbei weniger um die Pers&ouml;nlichkeit Merkels, sondern vielmehr darum, dass im NATO-Europa immer h&auml;ufiger eine Frage diskutiert wird, die noch vor Kurzem als verfr&uuml;ht und tabuisiert galt: Wer kann nach dem Ende der aktiven Phase des Ukraine-Konflikts in wessen Namen den Dialog mit der Russischen F&ouml;deration f&uuml;hren?<\/p><p>Zus&auml;tzliches Interesse erhielt dieses Thema durch die Aussagen des finnischen Pr&auml;sidenten Alexander Stubb. Er zweifelte an der Unvermeidlichkeit von Szenarien eines russischen Angriffs auf die baltischen Staaten und sprach sich gleichzeitig f&uuml;r k&uuml;nftige Verhandlungen mit Moskau aus. Noch vor wenigen Monaten h&auml;tten solche Formulierungen in etlichen europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten eine sehr schmerzhafte Reaktion hervorgerufen. Heute werden sie Teil der &ouml;ffentlichen Diskussion.<\/p><p><strong>Das Problem ist das Vertrauen<\/strong><\/p><p>Meiner Ansicht nach wirkt die Kandidatur Merkels als Vermittlerin &auml;u&szlig;erst zwiesp&auml;ltig. Einerseits ist es schwer, einen anderen europ&auml;ischen Politiker zu finden, der &uuml;ber eine vergleichbare Erfahrung im Austausch mit der russischen F&uuml;hrung verf&uuml;gt. &Uuml;ber 16 Jahre hinweg war sie eine der zentralen Akteure im russisch-europ&auml;ischen Dialog. Unter ihr agierte Deutschland als zentraler Vermittler in den Beziehungen zwischen Russland und der EU. Sie war es, die an der Ausarbeitung und F&ouml;rderung der Minsker Abkommen beteiligt war.<\/p><p>Andererseits bleibt jedoch das Vertrauensdefizit ein ernstes Hindernis. Nach ihrem Ausscheiden aus der Politik, genauer gesagt im Dezember 2022, erkl&auml;rte Merkel in einem Interview mit der Zeitung <em>Die Zeit<\/em>, dass die Minsker Abkommen ein Versuch waren, der Ukraine Zeit zu geben, um st&auml;rker zu werden. In diesem Kontext bezog sich dies auch auf ihr milit&auml;risch-technisches Potenzial (sprich: die Vorbereitung auf den Krieg). Dies l&ouml;ste in Russland nat&uuml;rlich eine extrem negative Reaktion aus und wird bis heute als Argument gegen jegliche Versuche einer R&uuml;ckkehr zu den fr&uuml;heren Verhandlungsformaten angef&uuml;hrt.<\/p><p>Daher besteht die Frage nicht so sehr in den fachlichen Qualit&auml;ten Merkels, sondern darin, inwieweit sie von allen Seiten als neutrale Vermittlerin wahrgenommen werden kann. Genau hier ergeben sich die gr&ouml;&szlig;ten Schwierigkeiten.<\/p><p><strong>Warum nicht Schr&ouml;der?<\/strong><\/p><p>Auf den ersten Blick erscheint die Figur des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schr&ouml;der logischer. In Russland wird er als einer der wenigen deutschen Politiker auf Bundesebene betrachtet, die &uuml;ber die notwendigen Kompetenzen verf&uuml;gen und selbst unter den Bedingungen einer tiefen Krise der Beziehungen die Bereitschaft zum Dialog bewahrt haben.<\/p><p>Der Fall Schr&ouml;der ist jedoch ein Spiegelbild des Problems Merkels. Wenn sie mit einem Vertrauensdefizit in Moskau konfrontiert ist, so hat Schr&ouml;der fast jeglichen politischen Einfluss innerhalb Deutschlands selbst verloren. Nach 2022 wurde er von einem Gro&szlig;teil der deutschen politischen Klasse praktisch isoliert. Daher hat er keine Chance mehr, als Repr&auml;sentant des modernen Deutschlands oder der EU aufzutreten.<\/p><p>Wenige wissen, dass Schr&ouml;der seit 2008 ausl&auml;ndisches Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften ist. Er wurde dies auf Basis der Abteilung f&uuml;r Gesellschaftswissenschaften (Fachrichtung: Internationale Beziehungen). Dies geschah auf Vorschlag des Instituts f&uuml;r Europa der Russischen Akademie der Wissenschaften, dessen Vorbereitung mir anvertraut wurde. Bei fr&uuml;heren offiziellen Treffen in der Russischen F&ouml;deration steckte er sich immer eine goldene Anstecknadel mit Michail Lomonossow an das Revers, um seine Zugeh&ouml;rigkeit zur russischen Wissenschaft zu betonen &ndash; und er freute sich, wenn man darauf aufmerksam wurde.<\/p><p>Wir haben es heute also mit einer Art Paradoxon zu tun: Merkel hat nach wie vor beachtliches politisches Gewicht, st&ouml;&szlig;t aber auf das Problem des Vertrauens. Schr&ouml;der bewahrt vertrauliche Kontakte, verf&uuml;gt aber nicht &uuml;ber die notwendigen politischen Ressourcen.<\/p><p><strong>Frankreich und Italien als Alternativen?<\/strong><\/p><p>Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass in Expertenkreisen immer &ouml;fter &uuml;ber m&ouml;gliche Vermittlerrollen Frankreichs und Italiens diskutiert wird.<\/p><p>Die franz&ouml;sische diplomatische Tradition setzt historisch auf das Streben nach strategischer Autonomie und Vermittlung in internationalen Krisen. Zudem verf&uuml;gt Paris &uuml;ber eigene au&szlig;enpolitische Ressourcen und wird nicht ausschlie&szlig;lich mit gesamteurop&auml;ischen Institutionen assoziiert. Wenn man von potenziellen Kandidaten spricht, sind in Frankreich aus meiner Sicht als Germanist die Figuren des ehemaligen Premierministers Dominique de Villepin und des Ex-Au&szlig;enministers Hubert V&eacute;drine am interessantesten. Beide haben sich wiederholt f&uuml;r die Aufrechterhaltung von Dialogkan&auml;len mit Russland ausgesprochen und die &uuml;berm&auml;&szlig;ige Vereinfachung internationaler Konflikte auf die Logik einer Blockkonfrontation kritisiert.<\/p><p>Nicht weniger interessant ist Italien. In den letzten Jahrzehnten fungierte gerade die italienische Diplomatie oft als eine Art Br&uuml;cke zwischen verschiedenen politischen Positionen innerhalb Europas. Unter den m&ouml;glichen Pers&ouml;nlichkeiten sind der ehemalige Pr&auml;sident der Europ&auml;ischen Kommission und italienische Premierminister Romano Prodi sowie der Ex-Premier Massimo D&rsquo;Alema zu nennen.<\/p><p>Es ist wichtig zu betonen, dass es sich hierbei nicht um offizielle Initiativen oder Ger&uuml;chte handelt, sondern lediglich um meine analytischen Annahmen. Doch der Charakter der begonnenen Diskussionen ist sehr bezeichnend.<\/p><p><strong>Was Stubb tats&auml;chlich sagt<\/strong><\/p><p>Wenden wir uns dennoch den Aussagen des finnischen Pr&auml;sidenten zu &ndash; eines Staates, der in den letzten Jahren zu einem der konsequentesten Bef&uuml;rworter eines harten Kurses gegen&uuml;ber Russland wurde (insbesondere nach der Aufgabe der Neutralit&auml;t und dem NATO-Beitritt 2023).<\/p><p>Stubbs Worte sollten nicht als Kehrtwende der finnischen Politik interpretiert werden. Eher zeugen sie von der allm&auml;hlichen Erkenntnis der europ&auml;ischen Eliten, dass selbst bei fortbestehenden ernsthaften Differenzen die Sicherheit Europas nicht ohne die Beteiligung der Russischen F&ouml;deration diskutiert werden kann (ich erinnere daran, dass Merkel seit Herbst 2022 von der Notwendigkeit eines Dialogs mit dem russischen Pr&auml;sidenten spricht).<\/p><p>Das bedeutet nicht den baldigen Beginn von Verhandlungen. Angesichts der bleibenden prinzipiellen Differenzen zwischen den Seiten ist es zudem verfr&uuml;ht, von einem vollwertigen politischen Dialog zu sprechen. Aber europ&auml;ische Politiker beginnen immer h&auml;ufiger, &uuml;ber die n&auml;chste Etappe nachzudenken. Und diese Etappe wird unvermeidlich nicht nur mit der Position des Kiewer Regimes verbunden sein.<\/p><p><strong>Nach der Ukraine beginnt das Gespr&auml;ch &uuml;ber Europa<\/strong><\/p><p>Meiner Meinung nach liegt die Hauptfrage heute nicht darin, wer der Vermittler bei der Ukraine-Regelung wird, sondern wer mit Russland &uuml;ber die Zukunft der europ&auml;ischen Sicherheit insgesamt sprechen wird.<\/p><p>Nach Abschluss der aktiven Phase des Konflikts werden unvermeidlich Fragen der R&uuml;stungskontrolle und der milit&auml;rischen Infrastruktur in Europa auf der Tagesordnung stehen, ebenso wie der gesamte Komplex der wirtschaftlichen Beziehungen &ndash; vom Sanktionsregime und eingefrorenen Verm&ouml;genswerten bis hin zur Energie und den Verkehrskorridoren. Im Grunde wird es um eine neue europ&auml;ische Verhandlungsspur gehen, die deutlich umfassender sein wird als die ukrainische Problematik.<\/p><p>Genau deshalb verdienen die derzeitigen Diskussionen um Merkel, Schr&ouml;der, de Villepin, Prodi oder andere bekannte Politiker Aufmerksamkeit. Sie zeugen vom Beginn der Suche nach Pers&ouml;nlichkeiten, die f&auml;hig sind, nicht einfach nur einzelne Staaten zu vertreten, sondern an der Gestaltung der zuk&uuml;nftigen Architektur der Beziehungen zwischen Russland und der NATO-Europa mitzuwirken.<\/p><p>Bisher bleiben diese Gespr&auml;che vorwiegend Expertenrunden vorbehalten. Doch allein die Tatsache ihres Auftretens zeigt, dass in der Politik des europ&auml;ischen Teils des kollektiven Westens allm&auml;hlich ein &Uuml;bergang von der ausschlie&szlig;lichen Diskussion des Konflikts hin zu &Uuml;berlegungen stattfindet, wie die Ordnung danach aussehen wird. Und genau dieser Prozess erscheint heute als wesentlich wichtiger als der Name eines jeden potenziellen Vermittlers.<\/p><p><em><strong>Wladislaw Below<\/strong> ist stellvertretender Direktor f&uuml;r wissenschaftliche Arbeit sowie Leiter der Abteilung f&uuml;r L&auml;nderstudien und des Zentrums f&uuml;r Deutschlandforschung am Institut f&uuml;r Europa der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN). Er ist zudem Mitglied des Russischen Rates f&uuml;r Internationale Angelegenheiten (RIAC).<\/em><\/p><p><em>Der Beitrag ist auf Russisch <a href=\"https:\/\/tass.ru\/opinions\/27708455\">hier erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><em>Siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143810\">Die Zeitbombe von 1991: Wladislaw Below &uuml;ber das Scheitern Europas und die systemischen Ursachen des Krieges<\/a><\/em><\/p><p><small>Titelbild: Ivan Marc \/ shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/18a54bbeff484f7cbbabac1cdce2f8cc\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, wer nach dem Ende des Ukraine-Krieges mit Moskau &uuml;ber eine neue europ&auml;ische Sicherheitsordnung sprechen kann, ist l&auml;ngst kein Tabu mehr. 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Der russische Europa-Experte <strong>Wladislaw Below<\/strong> verdeutlicht: Wir erleben<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152105\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":152106,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169],"tags":[3240,3360,1043,577,315,259,411],"class_list":["post-152105","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-europaeische-union","tag-frankreich","tag-italien","tag-merkel-angela","tag-russland","tag-schroeder-gerhard"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/shutterstock_2726720507.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152105","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152105"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152105\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152128,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152105\/revisions\/152128"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/152106"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152105"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152105"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152105"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}