{"id":152127,"date":"2026-06-11T15:00:04","date_gmt":"2026-06-11T13:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152127"},"modified":"2026-06-11T15:31:38","modified_gmt":"2026-06-11T13:31:38","slug":"friede-freude-eierkuchen-wenn-sozialpartner-den-sozialkahlschlag-abkaspern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152127","title":{"rendered":"Friede, Freude, Eierkuchen. Wenn Sozialpartner den Sozialkahlschlag abkaspern &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Beim Bundeskanzler trafen sich die Spitzen von Gewerkschaften und Wirtschaftsverb&auml;nden zum Kuscheln. Verh&auml;rte Fronten, unerf&uuml;llbare Forderungen, verfehlte Reformen? Ach was! Bei allen Unterschieden &uuml;berwiegen doch die &bdquo;Gemeinsamkeiten&ldquo;. Motto: Wirtschaftswachstum &uuml;ber alles, Interessen der Mehrheitsbev&ouml;lkerung inklusive. Ein Einwurf von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNun ja, sie haben miteinander geplaudert, die Abgesandten der f&uuml;hrenden Gewerkschaften und Wirtschaftsverb&auml;nde mit den Spitzen der Bundesregierung. Am Mittwochabend hatte man sich im Kanzleramt getroffen, auf Einladung des Hausherrn, der so sicher ist, dass der deutsche Sozialstaat nicht mehr zu finanzieren ist und deshalb kr&auml;ftig gestutzt oder besser gleich abgewickelt geh&ouml;rt. Dar&uuml;ber musste mal geredet werden, ganz ungezwungen, in entspannter Atmosph&auml;re, aber ohne gleich Beschl&uuml;sse zu fassen. Das Entscheiden will sich die Koalition ja nicht nehmen lassen. Bis Ende Juni, sp&auml;testens Mitte Juli, sollen die Grundz&uuml;ge der sogenannten Reformen in den Bereichen Gesundheit, Pflege, Rente, Steuerpolitik und Arbeitsrecht festgezurrt sein. Damit es dann richtig losgehen kann mit dem &bdquo;Herbst der Reformen&ldquo;, der ja eigentlich schon anno 2025 steigen sollte.<\/p><p>Jedenfalls habe man sich zu den Vorhaben die Meinungen der Vertreter der Besch&auml;ftigten sowie von Industrie und Handwerk einholen wollen, hie&szlig; es. So als kannte man die nicht schon. Die Kapitallobby ist Feuer und Flamme f&uuml;r den von Friedrich Merz (CDU) forcierten Kahlschlag, wobei ihr die geplanten K&uuml;rzungen nat&uuml;rlich &bdquo;nicht weit genug&ldquo; gehen. Die Gewerkschaften dagegen zeigen sich betont emp&ouml;rt ob der weitreichenden Eingriffe, die im Speziellen CDU und CSU im Schilde f&uuml;hren. Mit der SPD gehen sie traditionell nicht ganz so hart ins Gericht, schlie&szlig;lich ist die ja immer noch daf&uuml;r da, das &bdquo;Schlimmste&ldquo; zu verhindern &ndash; etwa Rente mit 85 oder 15-Stunden-Arbeitstag. Nicht mit dieser Sozialdemokratie! Und mit diesen Gewerkschaften schon gar nicht.<\/p><p><strong>&bdquo;Sozialphantasien begraben&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die m&uuml;ssen sich von den Kommentatoren des Mainstreams einiges anh&ouml;ren. Die Gespr&auml;che d&uuml;rften kein &bdquo;Konsenskr&auml;nzchen&ldquo; werden, dr&auml;ute gestern noch die <em>Neue Z&uuml;rcher Zeitung (NZZ)<\/em>. Es sei h&ouml;chste Zeit f&uuml;r die Gewerkschaften, &bdquo;ihre Sozialstaatsphantasien zu begraben und die Lebensrealit&auml;t ihrer Mitglieder (&hellip;) in den Blick zu nehmen&ldquo;, schnaubte Berlin-Korrespondentin Susann Kreuzmann (hinter Bezahlschranke). Habt Ihr verstanden, ihr Damen und Herren vom DGB, bei ver.di, IG Metall und Co.? Nehmt endlich zur Kenntnis, dass es den einfachen Menschen in Deutschland dreckig geht &ndash; sie immer mehr Geld f&uuml;rs Wohnen, Essen, Trinken und Existieren hinbl&auml;ttern m&uuml;ssen &ndash;, und sperrt Euch nicht l&auml;nger dagegen, dass es ihnen noch dreckiger geht. Deshalb, so die NZZ-Schreiberin, h&ouml;rt auf damit, euch als &bdquo;Gralsh&uuml;ter eines nicht mehr finanzierbaren Status quo&ldquo; zu gerieren, und wenn ihr doch nicht pariert, muss der Kanzler Euch &bdquo;in die Schranken weisen&ldquo;.<\/p><p>Alles zu seiner Zeit. Zun&auml;chst und neuerdings macht Merz lieber auf Harmonie. &bdquo;Gute L&ouml;sungen entstehen im Dialog&ldquo;, verbreitete er am Mittwoch zum Auftakt des Stelldicheins auf der Plattform <em>X<\/em>. Irgendein PR-Berater muss ihm eingefl&uuml;stert haben, dass Tiraden und Kopf durch die Wand nicht zwingend zielf&uuml;hrend sind. Man muss die Kritiker mitnehmen, an einen Tisch holen und ihre Einw&auml;nde anh&ouml;ren, ergo berate man &bdquo;gemeinsam mit den Sozialpartnern, wie wir unsere Wettbewerbsf&auml;higkeit und den Arbeitsmarkt st&auml;rken&ldquo;. Merz lie&szlig; den Teilnehmern im Vorfeld eigens einen Fragebogen zukommen. Wie solle Deutschland seine Wettbewerbsf&auml;higkeit und Unabh&auml;ngigkeit &bdquo;trotz China-Schock und US-Z&ouml;llen&ldquo; sichern, wollte er wissen, oder wie bei der gesetzlichen Rente schon in den 2030er-Jahren eine Stabilisierung der Beitr&auml;ge erreichbar sei. &bdquo;Gar nicht so leicht zu beantworten&ldquo;, stellte der <em>Stern<\/em> fest (hinter Bezahlschranke).<\/p><p><strong>Wirtschaft hat Priorit&auml;t <\/strong><\/p><p>Und trotzdem hat man einen gemeinsamen Nenner gefunden. &bdquo;Es besteht Einigkeit, dass die St&auml;rkung unseres Wirtschaftswachstums jetzt die oberste Priorit&auml;t hat&ldquo;, gab im Nachgang der Chef der SPD-Bundestagsfraktion, Matthias Miersch, zu Protokoll. Regierungssprecher Stefan Kornelius lie&szlig; verlautbaren: &bdquo;Die Vertreter der Regierungskoalition begr&uuml;&szlig;ten die Bereitschaft der Wirtschafts- und Gewerkschaftsvertreter, den Reformprozess konstruktiv zu begleiten.&ldquo; Dazu seien weitere Gespr&auml;che vereinbart worden. In einer <a href=\"https:\/\/www.dgb.de\/presse\/pressemitteilungen\/pressemitteilung\/reformagenda-fuer-wirtschaftliche-staerke-gute-arbeit-und-soziale-sicherheit\/\">gemeinsamen Erkl&auml;rung<\/a> betonten auch die beteiligten Gewerkschafter die &bdquo;Offenheit&ldquo; der Diskussion, bei der &bdquo;Fragen zu wachstums- und nachfragestimulierenden Impulsen&ldquo; im Mittelpunkt gestanden h&auml;tten. &bdquo;Wir haben unsere Positionen deutlich gemacht und Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Reformagenda eingebracht, die wirtschaftliche St&auml;rke, gute Arbeit und soziale Sicherheit schafft.&ldquo; Jetzt komme es darauf an, &bdquo;die richtigen Entscheidungen zu treffen&ldquo;. Zu einzelnen Themen werde allerdings noch ein &bdquo;vertiefter Austausch&ldquo; stattfinden. Man stehe jederzeit bereit, &bdquo;in gleicher oder &auml;hnlicher Zusammensetzung in weiteren Formaten mitzuarbeiten&ldquo;.<\/p><p>Selbst Arbeitsministerin B&auml;rbel Bas (SPD), sonst die Buhfrau der deutschen Wirtschaft, &auml;u&szlig;erte sich angetan von der Stimmung. <a href=\"https:\/\/www.boersennews.de\/nachrichten\/artikel\/dpa-afx\/bas-stimmung-bei-treffen-im-kanzleramt-wirklich-gut\/5172756\/\">&bdquo;Die war wirklich gut&ldquo;<\/a>, sagte sie im ZDF-Morgenmagazin. Es seien Unterschiede deutlich geworden, &bdquo;aber auch viele Gemeinsamkeiten&ldquo;, darauf wolle man sich konzentrieren. Bei den anstehenden Schritten gehe es um Strukturreformen, aber auch um kurzfristige Ma&szlig;nahmen, so die SPD-Chefin. Man werde nicht alles bis zum Sommer schaffen, aber daf&uuml;r sorgen, dass es nach der Sommerpause sofort weitergehe.<\/p><p><strong>Kreide zum Fr&uuml;hst&uuml;ck <\/strong><\/p><p>Von DGB-Chefin Yasmin Fahimi ist bis dato kein pers&ouml;nliches Zitat &uuml;berliefert. Vor drei Tagen hatte sie noch gewettert, die Reformpl&auml;ne der Regierung seien <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/yasmin-fahimi-dgb-chefin-haelt-reformplaene-fuer-voellig-verfehlt-a-1c2f813b-fc6e-44d9-a1ce-502563e638ee\">&bdquo;v&ouml;llig verfehlt&ldquo;<\/a>. Wom&ouml;glich hat sie zum Fr&uuml;hst&uuml;ck einen Teller Kreide vertilgt oder ist einfach noch so entz&uuml;ckt vom vorabendlichen Gespr&auml;chsflair, dass ihr die Angriffslust vergangen ist. Jedenfalls kennt man das ja von fr&uuml;her: Bei allzu groben Attacken gegen die Interessen der Besch&auml;ftigten und der Mehrheitsbev&ouml;lkerung plustern sich die Gewerkschaften schon mal richtig auf. Sobald es aber reformtechnisch hart auf hart kommt, geht ihnen regelm&auml;&szlig;ig die Luft aus.<\/p><p>Im Besonderen gilt das, wenn die SPD im Bund mitregiert, also nahezu ununterbrochen seit bald 30 Jahren. Auff&auml;llig war zuletzt der Vorsto&szlig; des DGB, ausgerechnet in Fahimis Namen, f&uuml;r eine <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/innenpolitik\/rente-dgb-vorschlag-100.html\">&bdquo;verpflichtende betriebliche Alterssicherung f&uuml;r alle&ldquo;<\/a>. Faktisch ist eine Betriebsrente eine Lohnk&uuml;rzung mit der Perspektive, im Ruhestand ein paar Euro mehr zum &Uuml;berleben zu haben. F&uuml;r die Lobby der Rentenk&uuml;rzer ist sie ein Hebel, der gesetzlichen Alterssicherung noch mehr Substanz zu nehmen und das Modell der kapitalgedeckten Privatrente voranzubringen. Dass der DGB den Hebel packt, nur Tage vor dem Kuschelgipfel im Kanzleramt, d&uuml;rfte kein Zufall gewesen sein. Am Montag griff SPD-Chef und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil den Vorschlag in der ARD-Sendung &bdquo;Arena&ldquo; auf und sagte: &bdquo;Auch das w&uuml;rde helfen.&ldquo;<\/p><p><strong>Jetzt reicht&rsquo;s!? &ndash; Noch nicht ganz &hellip;<\/strong><\/p><p>Fragt sich blo&szlig;, wem das hilft und was. Da w&auml;re einmal das Signal, SPD und Gewerkschaften k&ouml;nnen doch noch miteinander. Auf Punkt zwei verwies die linke Tageszeitung <em>junge Welt<\/em> <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/523782.aktienrente-per-tarif.html?sstr=fahimi\">in einem Kommentar<\/a> zu Wochenanfang. Demnach sei Fahimis &Auml;u&szlig;erung &bdquo;mit Blick auf den &sbquo;Reformgipfel&lsquo; im Kanzleramt am Mittwoch als erstes Zugest&auml;ndnis zu lesen, mehr kapitalgedeckte Altersvorsorge im Rentensystem zuzulassen&ldquo;. Man kann sicher sein, dass noch mehr Zugest&auml;ndnisse folgen.<\/p><p>Also doch wieder nur Friede, Freude, Eierkuchen &ndash; anstelle von echtem Kampf f&uuml;r die Lohnabh&auml;ngigen und Schw&auml;cheren der Gesellschaft? <a href=\"https:\/\/berlin-brandenburg.dgb.de\/veranstaltungen\/veranstaltung\/jetzt-reichts-komm-zur-demo-fuer-den-sozialstaat\/\">&bdquo;Jetzt reicht&rsquo;s!&ldquo;<\/a>, ist ein Aufruf des DGB Berlin-Brandenburg zu einer &bdquo;Demo f&uuml;r den Sozialstaat&ldquo; am 27. Juni in Berlin &uuml;berschrieben. Die Initiatoren rechnen mit &bdquo;mehreren Tausend&ldquo; Teilnehmern. Es k&ouml;nnten bestimmt viele mehr sein, w&uuml;rde der DGB-Bundesverband mitmobilisieren, was er aber nicht tut. Die Zentrale sei &bdquo;nicht mit dabei, aber auch nicht dagegen&ldquo;, hie&szlig; es am Mittwoch beim Bezirksverband. &bdquo;Wir sind nur fr&uuml;her dran&ldquo;, w&auml;hrend man beim Bundesverband den Sommer abwarten wolle. Dann k&ouml;nnte es schon zu sp&auml;t sein.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot ZDF moma<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/0ca8eb41f7e54565bdbecf26306d88cc\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Bundeskanzler trafen sich die Spitzen von Gewerkschaften und Wirtschaftsverb&auml;nden zum Kuscheln. Verh&auml;rte Fronten, unerf&uuml;llbare Forderungen, verfehlte Reformen? Ach was! Bei allen Unterschieden &uuml;berwiegen doch die &bdquo;Gemeinsamkeiten&ldquo;. Motto: Wirtschaftswachstum &uuml;ber alles, Interessen der Mehrheitsbev&ouml;lkerung inklusive. 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