{"id":152168,"date":"2026-06-14T12:00:01","date_gmt":"2026-06-14T10:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152168"},"modified":"2026-06-12T13:39:15","modified_gmt":"2026-06-12T11:39:15","slug":"sieben-vorschlaege-fuer-einen-besseren-oeffentlich-rechtlichen-rundfunk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152168","title":{"rendered":"Sieben Vorschl\u00e4ge f\u00fcr einen besseren \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk"},"content":{"rendered":"<p>Der Mann, der sich auf 226 Seiten Gedanken &uuml;ber den Zustand des &Ouml;RR (&ouml;ffentlich-rechtlicher Rundfunk) macht, schaut nicht von au&szlig;en auf diese Konstruktion. <strong>Tilo Bernhardt<\/strong> war rund 20 Jahre selbst Teil des Systems. Seine Intention ist es, nicht bei der Darstellung der &bdquo;Ist-Situation&ldquo; und deren kritikw&uuml;rdiger Zust&auml;nde zu verharren, sondern konstruktiv zu sein. W&auml;hrend seiner aktiven Zeit als Journalist bei diversen Formaten von <em>Ph&ouml;nix<\/em>, <em>ZDF<\/em> und <em>SWR<\/em> seien ihm Kritik und konstruktive Vorschl&auml;ge nicht &bdquo;erlaubt&ldquo; worden. Er holt dies nun in seinem Buch &bdquo;Sieben Vorschl&auml;ge f&uuml;r einen besseren &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk&ldquo; nach. Eine Rezension von <strong>Anette Sorg<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>Im Medienstaatsvertrag lesen wir: &bdquo;Der &ouml;ffentlich-rechtliche Programmauftrag ist der gesetzlich verankerte Auftrag der Rundfunkanstalten (wie ARD, ZDF und Deutschlandradio), durch ihre Angebote zur freien individuellen und &ouml;ffentlichen Meinungsbildung beizutragen. Er verpflichtet die Sender, ein umfassendes Gesamtangebot an Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung bereitzustellen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Es &uuml;berrascht nicht, dass bei seiner Analyse der amerikanische Journalist Walter Lippman zitiert wird (1922): &bdquo;Zwischen der Welt und den Menschen stehen die Medien.&ldquo; Die Selbstzensur der Journalisten untermauert der Autor mit Noam Chomskys <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Propagandamodell\">Propagandamodell<\/a>, in welchem der US-amerikanische Linguist die Filter beschreibt, die seiner Ansicht nach zu einem Nicht-Funktionieren der Massenmedien f&uuml;hrten.<\/p><p>Seine sieben Vorschl&auml;ge, die zu einem besseren &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk f&uuml;hren sollen, werden im Folgenden skizziert:<\/p><ol>\n<li><strong>Aufsichtsgremien ohne Parteien:<\/strong> Rundfunk- und Verwaltungsr&auml;te sollen unabh&auml;ngiger werden und nicht l&auml;nger prim&auml;r durch Parteipolitiker und Verbandsvertreter besetzt sein. Bestenfalls sollten die Aufsichtsgremien einen Querschnitt der Bev&ouml;lkerung abbilden.<\/li>\n<li><strong>Transparenz und Regeln bei politischer N&auml;he: <\/strong>Der Dreht&uuml;reffekt zwischen Sendeanstalten und Politik sollte dringend einged&auml;mmt werden. Parteimitgliedschaften in F&uuml;hrungspositionen und politischen Redaktionen sollten entweder verboten oder mindestens bekannt sein.<\/li>\n<li><strong>Inhalt statt Quote:<\/strong> Der Autor w&uuml;nscht sich zun&auml;chst eine Diskussion dar&uuml;ber, wie aussagekr&auml;ftig die Quote &uuml;berhaupt sein kann, um dann zu fordern, dass sich der &Ouml;RR von der Quote emanzipieren solle.<\/li>\n<li><strong>Objektivit&auml;t:<\/strong> Hier wird die Sozialisation der Journalisten thematisiert, das Schwarz-Wei&szlig;-Denken und die sogenannten &bdquo;Faktenchecker&ldquo;, die &uuml;berwiegend keine Fakten checken, sondern Meinungen transportieren. Als Beispiele dienen die Corona-Berichterstattung wie auch die zum Ukraine-Krieg und zum Nahost-Krieg sowie der Umgang mit der AfD.<\/li>\n<li><strong>Mehr Ausprobieren:<\/strong> Hier wird z.B. das Talkshow-Format kritisiert und die X-te Quizsendung sowie der fehlende Mut, sich z.B. aus Unterhaltungsformaten weitestgehend zur&uuml;ckzuziehen und diese den kommerziellen Sendern zu &uuml;berlassen. Die Zuschauer aus dem Osten k&ouml;nnten zur&uuml;ckgewonnen werden, wenn man sich von Klischees &uuml;ber diesen Landesteil verabschieden w&uuml;rde. Bernhardt schl&auml;gt vor, mehr junge Redakteure einzustellen. Diese sollten mit ihren kreativen Ideen dann der Garant daf&uuml;r sein, wieder mehr j&uuml;ngeres Publikum zu erreichen. Bei der Bespielung der Social-Media-Kan&auml;le und den Inhalten der Mediatheken sieht er ebenfalls viel Luft nach oben.<\/li>\n<li><strong>Mehr konstruktiver Journalismus:<\/strong> Zitat: <em>&bdquo;Es gibt inzwischen zahlreiche Studien, die zeigen, dass sich Menschen mehr positive Berichterstattung w&uuml;nschen, bzw. eine, die mehr L&ouml;sungen pr&auml;sentiert. (&hellip;) 73 % der Zuschauer wollten mehr Nachrichten sehen, die Mut machen. (&hellip;) Diese Befragungen liegen teilweise schon zehn Jahre zur&uuml;ck, aber seither hat sich die Berichterstattung nur wenig ver&auml;ndert.&ldquo;<\/em><\/li>\n<li><strong>Unabh&auml;ngigkeit:<\/strong> <em>&bdquo;Wenn eine Person sagt, dass es regnet, und eine andere sagt, dass es trocken ist, ist es nicht ihre Aufgabe, beide zu zitieren. Es ist ihre Aufgabe, aus dem Fenster zu schauen und herauszufinden, was wahr ist.&ldquo;<\/em> Mit diesem Zitat begr&uuml;ndet der Autor, dass das Selbstdenken ein unab&auml;nderlicher Leitspruch im Journalismus sein m&uuml;sste. Die Kontrolle der Regierenden durch den Journalismus bezeichnet er als elementar. Er stellt fest, dass guter Journalismus Zeit, Recherche und den pers&ouml;nlichen Kontakt braucht. Weiter pl&auml;diert er f&uuml;r eine von den gro&szlig;en Konzernen unabh&auml;ngige (europ&auml;ische) Videoplattform.<\/li>\n<\/ol><p>Die Kritik, die andere Rezensenten von Bernhardts Buch ge&auml;u&szlig;ert haben, teile ich: Produktionsgesellschaften, undurchsichtige Kostenstrukturen oder die h&auml;ufig kritisierten enormen Geh&auml;lter und Pensionszahlungen werden zu oberfl&auml;chlich abgehandelt. Eine Reform des &Ouml;RR darf diese Themen nicht ignorieren.<\/p><p>Trotzdem sind Tilo Bernhardts Reformvorschl&auml;ge empfehlenswert, weil er sie mit vielen Beispielen aus seiner aktiven T&auml;tigkeit beim &Ouml;RR bereichert und weil sie wirklich konstruktiv sind. Seine Quellenangaben finden sich als Fu&szlig;noten und m&uuml;ssen nicht m&uuml;hsam am Ende des Buches gesucht werden.<\/p><p>Unter seinem siebten Reformvorschlag zitiert der Autor den Soziologen Hartmut Rosa. Das Zitat eignet sich hier wunderbar als Schlussakkord:<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Dem &Ouml;ffentlich Rechtlichen Rundfunk sollte es darum gehen, Geschichten zu erz&auml;hlen, die verbinden und die nicht weiter fragmentieren. Die Sender k&ouml;nnten ein Ort sein, wo sich Menschen unterschiedlichster Couleur begegnen, wo sie miteinander sprechen und sich zuh&ouml;ren, wo Argumente sachlich ausgetragen werden.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p><strong>Erg&auml;nzende Informationen zur Kritik am &Ouml;RR:<\/strong><\/p><ul>\n<li>&Auml;hnlich wie Bernhardt kritisieren auch andere den Zustand des &Ouml;RR. Sie haben deshalb die Zahlung des Rundfunkbeitrags verweigert. Die <em>Berliner Zeitung<\/em> hat <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/klage-gegen-rundfunkbeitrag-wer-kontrolliert-die-aufsichtsgremien-des-oerr-2350867\">hier dar&uuml;ber berichtet<\/a>. Auszug:<br>\n<blockquote><p>&bdquo;&hellip; <em>Die ehemaligen NDR-Mitarbeiter <strong>Volker Br&auml;utigam und Friedhelm Klinkhammer <\/strong>haben seit 2014 mehr als 400 Programmbeschwerden eingereicht, die insbesondere die Berichterstattung der &bdquo;Tagesschau&ldquo; betrafen. Alle wurden abgelehnt. Auch der Verein St&auml;ndige Publikumskonferenz der &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien unter Leitung von <strong>Maren M&uuml;ller<\/strong> f&uuml;hrt auf seiner Webseite die eigenen sowie eine Sammlung von Beschwerden externer Beschwerdef&uuml;hrer auf. Es ist die absolute Ausnahme, wenn einer Programmbeschwerde recht gegeben wird. Und selbst dann erfolgt nicht zwangsl&auml;ufig eine Korrektur im Programm &hellip;&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li>Die oben genannte anonyme Kl&auml;gerin war dem Rat der <a href=\"https:\/\/leuchtturmard.de\/\">B&uuml;rgerinitiative Leuchtturm ARD<\/a> gefolgt, den Klageweg zu beschreiten. Die B&uuml;rgerinitiative besch&auml;ftigt sich ebenfalls schon l&auml;nger mit der Programmgestaltung des &Ouml;RR und reklamiert wie Bernhardt Multipolarit&auml;t, Ausgewogenheit und Staatsferne. Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes vom Oktober 2025 und die Zur&uuml;ckverweisung an den Bayrischen VGH werden dort <a href=\"https:\/\/leuchtturmard.de\/mahnwachen-material\/dokumente\/4716-0-pm-naechste-instanz-leitverfahren-gegen-den-br-21-4-2026\/file\">als Etappensieg gewertet<\/a>.<\/li>\n<li>Alexander Teske, Ole Nymoen, Frank Schweikert, Andreas Halbach, Katrin Seibold, Annekatrin M&uuml;cke und Wolfgang Herles seien hier beispielhaft genannt f&uuml;r weitere (ehemalige) Insider, die sich ebenfalls kritisch zum &Ouml;RR &auml;u&szlig;ern.<\/li>\n<li>F&uuml;r manche K&auml;mpfer um einen unabh&auml;ngigeren &Ouml;RR und mehr Meinungspluralit&auml;t scheint es indes ein &bdquo;No-Go&ldquo; zu sein, dass auch Vertreter der AfD &auml;hnliche Kritik &uuml;ben und gar die Rundfunkstaatsvertr&auml;ge kippen m&ouml;chten. Der <em>MDR<\/em> <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/sachsen-anhalt\/landespolitik\/afd-scheitert-mit-rundfunk-abstimmung-102.html\">berichtet hier dar&uuml;ber<\/a>.<\/li>\n<li>Erg&auml;nzend soll an dieser Stelle auf ein Pleisweiler Gespr&auml;ch mit dem Elitenforscher Prof. Michael Hartmann <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39443&amp;pdf=39443\">hingewiesen werden<\/a>. Hartmann hat in diesem Vortrag sehr sch&ouml;n herausgestellt, wie die &bdquo;Blase&ldquo; der Journalisten quasi unter sich bleibt und aus welchen Bev&ouml;lkerungsschichten sich diese fast ausschlie&szlig;lich rekrutiert.<\/li>\n<\/ul><p><em>Tilo Bernhardt: Sieben Vorschl&auml;ge f&uuml;r einen besseren &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk. Marburg an der Lahn 2026, Sch&uuml;ren Verlag GmbH, Taschenbuch, 226 Seiten, ISBN 978-37410-03042, 20 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mann, der sich auf 226 Seiten Gedanken &uuml;ber den Zustand des &Ouml;RR (&ouml;ffentlich-rechtlicher Rundfunk) macht, schaut nicht von au&szlig;en auf diese Konstruktion. <strong>Tilo Bernhardt<\/strong> war rund 20 Jahre selbst Teil des Systems. Seine Intention ist es, nicht bei der Darstellung der &bdquo;Ist-Situation&ldquo; und deren kritikw&uuml;rdiger Zust&auml;nde zu verharren, sondern konstruktiv zu sein. W&auml;hrend seiner<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152168\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":152169,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,183,208],"tags":[313,3028,2947,2449,1163,1415,244],"class_list":["post-152168","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienanalyse","category-medienkritik","category-rezensionen","tag-oerr","tag-haltungsjournalismus","tag-herdenjournalismus","tag-medienstaatsvertrag","tag-meinungspluralismus","tag-pressefreiheit","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/260614_Buch-Bernhardt.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152168","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152168"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152168\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152216,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152168\/revisions\/152216"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/152169"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}