{"id":15219,"date":"2012-11-22T08:20:36","date_gmt":"2012-11-22T07:20:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15219"},"modified":"2015-05-10T09:02:35","modified_gmt":"2015-05-10T07:02:35","slug":"mussen-examensnoten-vergleichbar-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15219","title":{"rendered":"M\u00fcssen Examensnoten vergleichbar sein?"},"content":{"rendered":"<p>98 Prozent der Biologen, und 97 Prozent der Psychologen sind gut oder sehr gut. Das kann doch nicht sein, sagt der Wissenschaftsrat, zumal nur sieben Prozent der Juristen im ersten Staatsexamen besser als befriedigend sind. Nur ein Prozent der Hochschulabsolventen schlie&szlig;t mit einer vier, also ausreichend ab.  Wolfgang Marquardt, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats spricht von einer Noteninflation und einer Aufweichung der Bewertungsstandards. Noten m&uuml;ssten untereinander vergleichbar sein, die Bewertungsma&szlig;st&auml;be m&uuml;ssten auch zwischen den Hochschulen angeglichen werden.  Warum zum Beispiel kann ein Germanistik-Student in Gie&szlig;en mit einem Schnitt von 1,6  rechnen, an der Humboldt-Universit&auml;t aber nur mit 2,2? Von <strong>Karl-Heinz Heinemann.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nKomisch eigentlich, alle gehen davon aus, dass es nicht sein kann, dass die Examensleistungen wirklich besser geworden sind. Dabei war es doch ein Ziel der gro&szlig;en Bologna-Studienreform, mehr Studenten zu besseren Abschl&uuml;ssen zu bringen und zugleich von Ort zu Ort eine gr&ouml;&szlig;ere Vielfalt im Studienangebot zuzulassen. Nun kommt genau das beim Vergleich der Examensnoten heraus, und niemand will es glauben. Ehrlich gesagt, ich auch nicht, weil ich auch nie an die Segnungen aus Bologna geglaubt habe.<\/p><p>Es ist nicht neu, dass Juristen nur z&ouml;gerlich gute Noten geben, w&auml;hrend man bei den Geisteswissenschaftlern leichter an eine eins Komma- Note kommt, ebenso &uuml;brigens wie in den harten Naturwissenschaften.<\/p><p>Jura ist ein Pauk-Fach mit gro&szlig;en Studentenmassen. Professoren verschanzen sich hinter einer Armada von Assistenten, die auch die Klausuren bewerten m&uuml;ssen. Ein pers&ouml;nlicher Kontakt zu den Studierenden ist selten. Und Juristische Fakult&auml;ten br&uuml;sten sich noch heute damit, wenn sie hohe Abbrecher- und Durchfallquoten haben . Die sehen sie als Nachweis ihrer Qualit&auml;t an. Ganz anders etwa bei den Physikern. Da gibt es einen engeren Kontakt zwischen Professor und Student, weil der schon oft an Forschungsarbeiten mitmachen kann. Wer es dort &ndash; oder bei den Chemikern &ndash; bis zum Examen geschafft hat, der hat auch einen hohen Leistungsstandard bewiesen, sagen sich die dort gut bewertenden Professoren. Zumal es dort nicht so sehr aufs Diplom oder gar das Bachelor-Examen ankommt, denn f&uuml;r einen guten Berufseinstieg braucht man ohnehin die Promotion. <\/p><p>Die Psychologen werden ihre exorbitant guten Noten damit begr&uuml;nden, dass man ohnehin nur Studienbewerber mit einem Abiturdurchschnitt im oberen Einserbereich aufnimmt.<br>\nAber es gibt noch eine andere Erkl&auml;rung, und die ist in den letzten Jahren, nach der Einf&uuml;hrung des gestuften Studiums besonders wichtig geworden: In Psychologie zum Beispiel entscheidet die Bachelor-Abschlussnote dar&uuml;ber, ob jemand einen der knappen Master-Studienpl&auml;tze bekommt. Was ein Psychologe mit einem Bachelor-Examen auf dem Arbeitsmarkt anfangen kann, das wissen auch die meisten Psychologie-Professoren nicht. Und so ist es nur zu verst&auml;ndlich, dass sie ihren  Bachelor-Absolventen nicht den Weg zum Master verbauen wollen. <\/p><p>Der enge Kontakt von Student und Professor, die Mitarbeit schon an Forschungsprojekten, das mag bei Naturwissenschaftlern eine Rolle spielen, aber das erkl&auml;rt nicht den stetigen Aufw&auml;rtstrend bei den Examensnoten der Geisteswissenschaftler. Manche vermuten dahinter Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber den Studierenden &ndash; geben wir ihnen eine gute Note, dann lassen sie uns in Ruhe. Aber es kann auch Schuldbewusstsein gegen&uuml;ber den Studenten sein: Professoren m&uuml;ssen Drittmittelantr&auml;ge schreiben, sich gegenseitig begutachten, evaluieren und akkreditieren, ihre Reputation beziehen sie aus der Forschung, und den Publikationen, aber nicht aus der guten Lehre.  100 Studenten im Seminar, die k&ouml;nnen sie gar nicht mehr kennen, geschweige denn gut betreuen, oder sich gr&uuml;ndlich mit ihren Examensarbeiten auseinandersetzen. Gerechte Benotung, was immer das sein soll, unter diesen Bedingungen ist sie nicht m&ouml;glich. Da ist es schon fast ein Gebot der Fairness, die Studenten, die man nicht hinreichend begleiten und f&ouml;rdern kann, wenigstens nicht noch am Ende daf&uuml;r zu bestrafen.<\/p><p>Und: was soll`s? Warum diese Aufregung &uuml;ber die guten Noten? Bei einem Test von Waschmaschinen oder Flachbildfernsehern sagt auch niemand, er sei ungerecht, wenn kein Produkt als Mangelhaft bewertet wurde. Denn da werden alle Ger&auml;te an vorgegebenen Standards gemessen. Noten m&uuml;ssen nicht nach der Gau&szlig;schen Normalverteilung vergeben werden, sondern sie sind ein Indikator daf&uuml;r, ob der Benotete die vorgegebenen Ziele erreicht hat. Nicht mehr und nicht weniger. Nur: Die Ma&szlig;st&auml;be f&uuml;r einen guten Lehrer, Juristen oder Mathematiker sind nicht so klar zu definieren wie f&uuml;r Flachbildfernseher. Mit der Bolognareform entwickeln sich die Anforderungen und die Inhalte der Studieng&auml;nge immer weiter auseinander. Ein Psychologe in Trier lernt etwas anderes als der in K&ouml;ln. Beim Flachbildfernsehertest wird zwischen LCD- und Plasmabildschirmen unterschieden, aber die Trierer und K&ouml;lner Psychologen sollen &uuml;ber einen Leisten geschlagen werden?  Wenn wir schon Vielfalt wollen, dann m&uuml;ssen wir auch anerkennen, dass nicht alle Leistungen eins zu eins vergleichbar sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>98 Prozent der Biologen, und 97 Prozent der Psychologen sind gut oder sehr gut. Das kann doch nicht sein, sagt der Wissenschaftsrat, zumal nur sieben Prozent der Juristen im ersten Staatsexamen besser als befriedigend sind. Nur ein Prozent der Hochschulabsolventen schlie&szlig;t mit einer vier, also ausreichend ab. 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