{"id":152203,"date":"2026-06-14T15:00:36","date_gmt":"2026-06-14T13:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152203"},"modified":"2026-06-13T08:44:59","modified_gmt":"2026-06-13T06:44:59","slug":"academic-boycott-campaign-wir-haben-das-internationale-recht-auf-unserer-seite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152203","title":{"rendered":"Academic Boycott Campaign: \u201eWir haben das internationale Recht auf unserer Seite\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Academic Boycott Campaign Deutschland (ABC DE) setzt sich f&uuml;r ein Ende von Forschungskooperationen mit israelischen Institutionen ein. Im Interview erkl&auml;rt <strong>Leon Bijan<\/strong>, Pressesprecher und Mitglied des Planungskomitees der Kampagne, die Hintergr&uuml;nde. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Leon Wystrychowski<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Seit Jahren bem&uuml;ht sich die herrschende Politik in Deutschland, Kritik am Staat Israel pauschal als antisemitisch zu brandmarken. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf die BDS-Bewegung f&uuml;r Boykott, Desinvestition und Sanktionen und auf die Universit&auml;ten gelegt: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51882\">2019 verabschiedete der Bundestag eine Resolution gegen BDS<\/a>, 2025 eine weitere gegen angeblichen &bdquo;Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an Schulen und Hochschulen&ldquo;. Beide wurden von vielen als massive Eingriffe in die Meinungs-, und Wissenschaftsfreiheit kritisiert. Seit dem Fr&uuml;hjahr organisiert sich eine neue Bewegung in Deutschland, die ausgerechnet diese beiden Felder &ndash; BDS und Hochschulwesen &ndash; miteinander verbinden und den Boykott israelischer Institutionen an die deutschen Universit&auml;ten tragen will. Damit k&ouml;nnte diese Initiative sogar dazu beitragen, die deutsche Pal&auml;stinasolidarit&auml;tsbewegung, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142570\">die seit dem offiziellen Inkrafttreten des Waffenstillstands vom Oktober 2025 an Mobilisierungskraft verloren zu haben scheint<\/a>, in eine neue Phase langfristiger politischer Arbeit zu &uuml;berf&uuml;hren. <\/em><\/p><p><strong>Leon Wystrychowski: Fangen wir ganz grunds&auml;tzlich an: Was ist die Academic Boycott Campaign &uuml;berhaupt?<\/strong><\/p><p><strong>Leon Bijan<\/strong>: Die Academic Boycott Campaign Deutschland (ABC DE) ist ein bundesweiter Zusammenschluss von aktuell 46 studentischen und akademischen Gruppen, die sich gemeinsam an deutschen Hochschulen f&uuml;r die Beendigung jeglicher Komplizenschaft an der Kolonialisierung und ethnischen S&auml;uberung Pal&auml;stinas einsetzen. Die Kampagne setzt einen besonderen Fokus auf die Bek&auml;mpfung laufender Kooperationen mit israelischen Forschungseinrichtungen, da diese eine Schl&uuml;sselrolle in der israelischen Infrastruktur von Besatzung, Apartheid und Genozid einnehmen. Unsere Forderungen ergeben sich aus den Richtlinien der Pal&auml;stinensischen Kampagne f&uuml;r einen akademischen und kulturellen Boykott Israels (PACBI) sowie unseren eigenen K&auml;mpfen an deutschen Bildungs- und Forschungseinrichtungen und k&ouml;nnen im Detail in unserer <a href=\"http:\/\/academicboycott-confrence.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/ABC_DE_Resolution_DE.pdf\">Resolution<\/a> nachgelesen werden. Dazu geh&ouml;rt, dass s&auml;mtliche Infrastruktur, Personalressourcen und finanziellen Mittel, die derzeit israelischen Institutionen zur Verf&uuml;gung gestellt werden, stattdessen pal&auml;stinensischen Institutionen im Westjordanland sowie dem Wiederaufbau akademischer Institutionen in Gaza zur Verf&uuml;gung gestellt werden; aber auch, dass die &Uuml;berwachung und Bestrafung studentischen Protests an deutschen Hochschulen aufh&ouml;rt. <\/p><p>ABC DE wurde im Januar 2026 auf der <em>Academic Boycott Now!-<\/em>Konferenz in Berlin ausgerufen. Im April haben wir die erste, bundesweit koordinierte Aktionswoche zum Thema &bdquo;Israelische Apartheid&ldquo; organisiert, an der sich Gruppen in 24 St&auml;dten beteiligten. Zeitgleich unterst&uuml;tzen wir Recherche-Projekte zu v&ouml;lkerrechtlich fragw&uuml;rdigen Kooperationen und unterst&uuml;tzen studentisch angef&uuml;hrte Interventionen in akademische Komplizenschaft.<\/p><p><strong>In welchem Verh&auml;ltnis steht ABC zu BDS, der internationalen Bewegung f&uuml;r Boykott, Desinvestition und Sanktionen gegen Israel?<\/strong><\/p><p>Eine Boykottkampagne ohne Ber&uuml;cksichtigung der jahrzehntelangen Arbeit pal&auml;stinensischer Organisationen zu f&uuml;hren, w&auml;re undenkbar. ABC DE orientiert sich auch an den Richtlinien der BDS-Bewegung. Die dort geleistete Vorarbeit erm&ouml;glicht uns, an Kriterien f&uuml;r die Aufnahme und Dauer eines Boykotts anzukn&uuml;pfen sowie unsere lokale Auseinandersetzung mit internationalen Debatten und Aktionsformen zu verbinden.<\/p><p>An dieser Stelle muss auf die in Deutschland herrschende Diffamierung und Kriminalisierung der BDS-Bewegung und des Aktionsformats BDS hingewiesen werden: Nicht erst seit der Anti-BDS-Resolution des deutschen Bundestags von 2019 bem&uuml;ht sich der deutsche Staat, das friedliche und auf internationalem Recht fu&szlig;ende Prinzip von BDS als antisemitisch zu stigmatisieren. ABC DE wirkt dieser Tabuisierung des Boykotts entgegen und will zivilgesellschaftliche Akteure darin best&auml;rken, sich zu BDS zu bilden statt sich zu distanzieren. <\/p><p><strong>Der akademische Boykott gilt als besonders umstritten: Selbst einigen Kritikern der israelischen Politik geht der Aufruf zu weit. Diese argumentieren, dass damit gerade kritische oder linke Personen oder Institutionen, die in Israel ohnehin schon isoliert sind, noch weiter an den Rand gedr&auml;ngt werden.<\/strong> <\/p><p>Dies ist eine verbreitete Reaktion auf die Forderung nach einem akademischen Boykott, trifft jedoch nicht zu. Erstens geht es unserer Kampagne um institutionelle Beziehungen und nicht um den Boykott einzelner Personen &ndash; Kooperationen, die BDS-Richtlinien einhalten, sind nicht betroffen. Des Weiteren herrscht in Deutschland ein falsches Bild von israelischen Universit&auml;ten, wonach diese Bastionen kritischen Widerstandes gegen den &bdquo;rechten Rand&rdquo; Israels seien, der allein f&uuml;r Verbrechen verantwortlich gemacht wird. Unsere Recherchen und zahlreiche internationale Berichterstatter zeigen jedoch, dass israelische Einrichtungen ma&szlig;geblich an den Verbrechen des Staates beteiligt sind, sei es als Kaderschmiede f&uuml;r Offiziere der Armee, als Labor f&uuml;r die Entwicklung neuer Waffen und &Uuml;berwachungstechniken oder als physischer Bestandteil der illegalen Besiedlung des Westjordanlandes. Israelische Universit&auml;ten widersetzen sich dem siedlerkolonialen Projekt nicht, im Gegenteil: sie erm&ouml;glichen es erst. Die Konsequenz muss ein Entzug deutscher F&ouml;rderung und Legitimierung sein.<\/p><p><strong>Und was erwidern Sie jenen, die der Meinung sind, dass der akademische Boykott ganz grunds&auml;tzlich die Wissenschafts- und Forschungsfreiheit einschr&auml;nkt?<\/strong> <\/p><p>Das Gut der Wissenschaftsfreiheit ist hoch, befreit die Wissenschaft aber nicht von ihrer ethischen Verantwortung. Dazu geh&ouml;rt, zu fragen, ob Kooperationen mit israelischen Institutionen deutsches oder internationales Recht brechen und der sich fortsetzenden Gewalt gegen Pal&auml;stinenser in die H&auml;nde spielen. Wichtig ist, zu betonen, dass dies nicht nur milit&auml;rische oder sogenannte &bdquo;Dual Use&ldquo;-Forschung betrifft. Ist eine Einrichtung wie etwa die Hebrew University im seit 1967 illegal besetzten Ost-Jerusalem gebaut, so disqualifizieren sich jegliche Kooperationen.<\/p><p>Mit Verweis auf die Wissenschaftsfreiheit auf den Fortbestand derartiger Projekte zu beharren, entleert den Gehalt des Begriffes, gerade wenn die fehlende Wissenschaftsfreiheit pal&auml;stinensischer Studierender und Wissenschaftler in keiner Weise adressiert wird: Immer wieder wird die Birzeit Universit&auml;t im Westjordanland durch die israelische Besatzung geschlossen, ganz zu schweigen von der v&ouml;lligen Zerst&ouml;rung der Universit&auml;ten Gazas, der Ermordung zahlloser Studierender und Lehrender und der strengen Zensur pal&auml;stinensischer Bildungsprogramme durch Israel.<\/p><p><strong>W&auml;hrend BDS und ABC in Deutschland noch relativ schwach entwickelt sind, ist die Boykott-Bewegung gegen Israel in anderen L&auml;ndern schon seit vielen Jahren sehr aktiv und sichtbar. Welche Erfolge konnte speziell die internationale ABC-Bewegung seit ihrer Entstehung verzeichnen?<\/strong><\/p><p>Es stimmt, dass Deutschland im internationalen Vergleich weit zur&uuml;ckliegt. Gerade im europ&auml;ischen Ausland beenden immer mehr Universit&auml;ten ihre Beziehungen zu Israel. Dazu z&auml;hlt die v&ouml;llige Beendigung vorheriger Partnerschaften inklusive einer &ouml;ffentlichen Verurteilung der Verbrechen Israels, wie in Gent, Pisa, Mailand, Oviedo und Barcelona, und vielen weiteren St&auml;dten. Auch beenden immer mehr Universit&auml;ten ihre Kooperationen oder erneuern sie nicht, ohne darauf &ouml;ffentlich einzugehen. An vielen Instituten haben wissenschaftliche Mitarbeiter und Senatoren ihre Leitungen kollektiv zur &Uuml;berpr&uuml;fung oder Beendigung der Vertr&auml;ge aufgefordert. Am weitesten fortgeschritten ist wom&ouml;glich S&uuml;dafrika, wo zahlreiche Universit&auml;ten jegliche Beziehungen beendet haben und dies mit Verweis auf die historischen Kontinuit&auml;ten zwischen dem Siedlerkolonialismus Israels und dem Apartheid-Regime S&uuml;dafrikas begr&uuml;nden. All diese Schritte kosten israelische Einrichtungen nicht nur ihr Ansehen, sondern entziehen ihnen Millionen an F&ouml;rdergeldern und Zugang zu intellektuellem Kapital. <\/p><p><strong>Und wie sehen die Aktivit&auml;ten und Erfolge bislang in Deutschland aus?<\/strong><\/p><p>Die Kampagne f&uuml;r einen akademischen Boykott ist in Deutschland besonderen H&uuml;rden ausgesetzt, darunter die tiefe Verankerung zionistischer Hetze im Bildungs- und Forschungswesen und die starken Repressionen staatlicher Beh&ouml;rden. Nichtsdestotrotz verzeichnet ABC DE ein rasant wachsendes Interesse sowie eine zunehmende Organisierung studentischer und akademischer Zusammenarbeit an den Hochschulen. Hierbei spielt die bundesweite Vernetzung und Koordination eine zentrale Rolle. Gegenseitige Sichtbarkeit und Austausch sch&uuml;tzen vor Repressionen und erh&ouml;hen den Druck auf Universit&auml;ten, die Forderungen ihrer Studierenden ernst zu nehmen.<\/p><p>In den letzten Wochen haben mehrere Studierendenparlamente und Vollversammlungen Boykott-Resolutionen verabschiedet, etwa an der Hertie School in Berlin, der Universit&auml;t Leipzig, der TU Berlin und der Heinrich-Heine-Universit&auml;t D&uuml;sseldorf. &Uuml;berw&auml;ltigende Mehrheiten stimmten daf&uuml;r, die Beendigung der Kooperationen ihrer Universit&auml;ten zu fordern. Ein n&auml;chster Schritt ist, diesen sich in der Studierendenschaft bildenden Konsens in Fakult&auml;ten und Uni-Leitungen weiterzutragen.<\/p><p><strong>Wie Sie schon angesprochen haben, wird die BDS-Bewegung in Deutschland seit Jahren politisch angegriffen, sowohl von staatlichen Beh&ouml;rden als auch von nicht-staatlichen pro-israelischen Akteuren. ABC d&uuml;rfte es kaum besser ergehen, oder?<\/strong><\/p><p>Bereits w&auml;hrend unserer ersten &bdquo;Israeli Apartheid Week&rdquo; im April 2026 wurden Veranstaltungen in mehreren St&auml;dten verboten und diffamiert. Die Ruhr-Universit&auml;t Bochum entzog eine bereits erteilte Erlaubnis mit Verweis auf Bedenken eines zionistischen Lobby-Verbands. Andernorts wurde erst gar keine Raumbuchung zugelassen. Allerdings konnten viele Veranstaltungen ungest&ouml;rt stattfinden, darunter unsere f&uuml;nf Kernveranstaltungen, die in &uuml;ber 20 St&auml;dten gleichzeitig per Livestream besucht werden konnten.<\/p><p>Ob und inwiefern staatliche Beh&ouml;rden in der Zukunft unsere Kampagne beobachten und verfolgen werden, l&auml;sst sich nicht sagen und wird sich wohl mit zunehmendem Erfolg konkretisieren. Allerdings sind wir als Kampagne bereit, das Recht und die Richtigkeit des akademischen Boykotts auch gerichtlich zu erk&auml;mpfen &ndash; wir haben solidarische Anw&auml;lte und das internationale Recht auf unserer Seite, unsere Gegner nur schlecht begr&uuml;ndete Hetze.<\/p><p><small>Titelbild: chernobrovin \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Academic Boycott Campaign Deutschland (ABC DE) setzt sich f&uuml;r ein Ende von Forschungskooperationen mit israelischen Institutionen ein. Im Interview erkl&auml;rt <strong>Leon Bijan<\/strong>, Pressesprecher und Mitglied des Planungskomitees der Kampagne, die Hintergr&uuml;nde. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Leon Wystrychowski<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":152204,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,209],"tags":[2580,2341,3041,3058,302,1557,1792,2374,968],"class_list":["post-152203","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-interviews","tag-apartheid","tag-boykott","tag-cancel-culture","tag-diffamierung","tag-gaza","tag-israel","tag-kolonialismus","tag-staatsraeson","tag-wissenschaftsfreiheit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/shutterstock_2156733725.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152203","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152203"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152203\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152255,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152203\/revisions\/152255"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/152204"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152203"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152203"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152203"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}