{"id":152209,"date":"2026-06-13T14:00:45","date_gmt":"2026-06-13T12:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152209"},"modified":"2026-06-12T20:35:20","modified_gmt":"2026-06-12T18:35:20","slug":"deutsche-heldin-im-ukrainekrieg-war-savita-wagner-eine-heldin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152209","title":{"rendered":"\u201eDeutsche Heldin im Ukrainekrieg\u201c: War Savita Wagner eine Heldin?"},"content":{"rendered":"<p>Savita Wagner &ndash; eine deutsche Frau, die bereits vor &uuml;ber zwei Jahren als Kampfsanit&auml;terin in der Ukraine ihr Leben verlor -, wurde mit zwei Ausstellungen in Bonn geehrt und der Sender <em>Arte<\/em> hat einen Propagandafilm zu ihr ausgestrahlt. Das gibt Anlass, &uuml;ber Savita Wagner und den Begriff des &bdquo;Helden&ldquo; nachzudenken. Von <strong>Franz Heinbach<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6288\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-152209-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260612-War-Savita-Wagner-eine-Heldin-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260612-War-Savita-Wagner-eine-Heldin-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260612-War-Savita-Wagner-eine-Heldin-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260612-War-Savita-Wagner-eine-Heldin-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=152209-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260612-War-Savita-Wagner-eine-Heldin-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260612-War-Savita-Wagner-eine-Heldin-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Name Savita begegnete mir zum ersten Mal, als ich von ihrer Mutter, Ula Wagner, am 28. Februar 2025 das inzwischen bekannte Foto mit einem K&auml;tzchen auf dem Arm per E-Mail zugeschickt bekam. Sie hatte &uuml;ber eine gemeinsame Bekannte erfahren, dass ich in der Lage sei, Fotos zu retuschieren. Es ging darum, die deutlich sichtbaren Narben auf Savitas Unterarmen zu beseitigen, die von selbst zugef&uuml;gten Schnittverletzungen herr&uuml;hrten. Das auch als Ritzen bekannte autoaggressive Verhalten sollte nicht erkennbar sein. Mir war nicht wohl bei der Sache, da ich als Fotograf eine grunds&auml;tzliche Abneigung gegen verf&auml;lschende Retuschen habe, wollte andererseits die Bitte nicht ablehnen und hatte durchaus Verst&auml;ndnis f&uuml;r den Wunsch der Mutter. Von Savita Wagner hatte ich bis dahin nichts geh&ouml;rt. <\/p><p>Vier Wochen sp&auml;ter wurde von <em>Arte<\/em> der Propagandafilm &bdquo;Ein Engel aus Deutschland&ldquo; ausgestrahlt. Vom Verschweigen &uuml;ber Vertuschen bis hin zur offenen L&uuml;ge werden alle Mittel eingesetzt, um Zweifel an der Reinheit, vulgo Engelhaftigkeit, der Heldin und ihren edlen, humanen Absichten gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dieser Film und meine Befangenheit f&uuml;hrten dazu, dass ich mich f&uuml;r den Fall zu interessieren begann und fortan ausgiebig dazu recherchierte, sowohl &uuml;ber frei zug&auml;ngliche Quellen als auch &uuml;ber informelle Kan&auml;le hier in der Bonner Altstadt. Doch zun&auml;chst einige Bemerkungen zum Heldenbegriff. <\/p><p><strong>Vom &bdquo;Pantoffelhelden&ldquo; zum &bdquo;Kriegshelden&ldquo;<\/strong><\/p><p>Jahrzehntelang war in Deutschland von Helden &uuml;berwiegend im zivilen Bereich die Rede. Gebr&auml;uchlich waren eher abf&auml;llig konnotierte Varianten wie Pantoffelheld oder Frauenheld. In milit&auml;rischen Zusammenh&auml;ngen war man mit Bezug auf die deutsche Geschichte zur&uuml;ckhaltend, man vermied heroische Rhetorik und verwendete stattdessen Begriffe wie Dienst, Pflichterf&uuml;llung und Opfer. Allein der Tod im Einsatz war und ist f&uuml;r die Bundeswehr kein Kriterium f&uuml;r den Heldenstatus. Seit dem Beginn des Ukrainekriegs, dem Ausrufen einer &bdquo;Zeitenwende&ldquo; und einer verst&auml;rkten Debatte &uuml;ber Bedrohungsszenarien und Aufr&uuml;stung erlebt der urspr&uuml;ngliche Heldenbegriff eine Renaissance. W&auml;hrend traditionell alles Milit&auml;rische in der Bundesrepublik bevorzugt in technokratischer Sprache diskutiert wurde, ist nun wieder von Helden in der kriegerischen Variante die Rede. <\/p><p>Die oft wenig reflektierte Verwendung des Begriffs &uuml;bersieht, dass er aus einer Zeit stammt, die durch Patriarchat, Gewalt und Pathos gepr&auml;gt war. Er passt nicht in eine Gegenwart, die auf Gleichberechtigung, kritisches Denken und kollektive Verantwortung setzt. In einer aufgekl&auml;rten, demokratischen Gesellschaft braucht es keine Helden, es braucht Menschen, die Verantwortung &uuml;bernehmen, Strukturen ver&auml;ndern und solidarisch handeln, gern auch als Vorbilder. Die Anpassung des Heldenbegriffs an unsere liberale Gesellschaft in Form eines Bedeutungswandels hat deshalb l&auml;ngst stattgefunden. Es gibt zahlreiche Einrichtungen f&uuml;r Kinder im Vorschulalter mit dem Namen &bdquo;Die kleinen Helden&ldquo;. Es d&uuml;rfte auch noch gut in Erinnerung sein, dass in der Coronazeit das medizinische Personal auf den Intensivstationen sich durch Beifallklatschen und Heldenverehrung verh&ouml;hnt vorkam. <\/p><p>Niemand kann selbst beschlie&szlig;en, ein &bdquo;wahrer Held&ldquo; zu sein. Der Titel wird von anderen verliehen, meist im Dienst einer bestimmten Ideologie oder Agenda. Es geht nicht um die echte Anerkennung der Person, sie wird im Gegenteil in eine Figur verwandelt. Das geschieht durch diejenigen, die &uuml;ber Deutungsmacht verf&uuml;gen: Regierungen, gesellschaftliche Gruppen und nicht zuletzt die Medien. Es geht darum, die &ouml;ffentliche Meinung bei der Verfolgung eigener Interessen zu beeinflussen. <\/p><p>Dabei erweist sich die Definition dessen, was einen Helden ausmacht, als zweischneidig. War er mutig oder leichtsinnig? War er selbstlos oder ruhms&uuml;chtig? War er entscheidungsfreudig oder voreilig? War sein Handeln ethisch vertretbar oder nicht? War er erfolgreich oder verschlimmerte er die Lage? Entsprach sein Handeln berechtigten Erwartungen oder war es ganz au&szlig;ergew&ouml;hnlich? <\/p><p>War er umsichtig oder selbstzerst&ouml;rerisch? Die Antworten auf diese Fragen beeinflussen die Vorstellung, die man von der Pers&ouml;nlichkeit des Helden hat. Wenn man Pers&ouml;nlichkeit als das charakteristische, relativ best&auml;ndige Muster innerer Dispositionen und &auml;u&szlig;erer Verhaltensweisen eines Menschen auffasst, gilt f&uuml;r Helden, dass sie nicht in auff&auml;lliger Weise von dem abweichen d&uuml;rfen, was in einem historisch und kulturell gepr&auml;gten Umfeld allgemein akzeptiert wird. Wie und warum jemand auf eine bestimmte Weise denkt, f&uuml;hlt und handelt, auch wenn man selbst dazu nicht in der Lage w&auml;re, muss nachvollziehbar sein. Und vor allem: Ein Held muss ohne Fehl und Makel sein. <\/p><p><strong>Reaktion&auml;rer Paradigmenwechsel beim Heldenbegriff<\/strong><\/p><p>Drei Ereignisse in j&uuml;ngster Zeit markieren den reaktion&auml;ren Paradigmenwechsel beim Heldenbegriff sehr deutlich: Savita Wagner, eine Frau, die bereits am 31. Januar 2024, also vor &uuml;ber zwei Jahren, als Kampfsanit&auml;terin in der Ukraine ihr Leben verlor, wird mit zwei Ausstellungen in Bonn geehrt: letztes Jahr im Frauenmuseum und aktuell im Haus der Geschichte. <\/p><p>Sp&auml;testens mit dem Auftritt von Savitas Mutter Ula Wagner am 22. April 2026 bei &bdquo;Maischberger&rdquo; ist diese Wahrnehmung von Heldentum im Mainstream angekommen. Bevor man die Frage stellt, von wem und mit welchen Mitteln die sp&auml;te Verwandlung der Person Savita in die Heldin Savita eingeleitet und betrieben wurde, ist zu kl&auml;ren, ob sie &uuml;berhaupt eine &bdquo;Heldin&ldquo; war. Dabei sollen drei Aspekte gelten: Es kann nur ein Held im klassischen Sinn sein, wer als integre, stabile und aufrechte Person durch &uuml;berragende Leistungen bei Orientierung an ethischen oder gesellschaftlichen Werten andere in gleicher Position weit und vorbildlich &uuml;bertrifft. <\/p><p>Im Februar 2024 gab es eine erste Nachricht &uuml;ber den Tod von Savita in der <em>BILD-Zeitung<\/em>, sp&auml;ter eine ausf&uuml;hrlichere Meldung bei <em>t-online<\/em>. Am 4. M&auml;rz 2024 sendete die <em>Deutsche Welle<\/em> ebenfalls einen ausf&uuml;hrlicheren Bericht. <em>Der Spiegel<\/em>, <em>FAZ<\/em>, <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em>, <em>Die Zeit<\/em>, <em>Focus<\/em>, <em>taz<\/em>, <em>ARD<\/em> oder <em>ZDF<\/em> hielten das Ereignis weder unmittelbar noch in den Wochen danach f&uuml;r berichtenswert. Das ist ein durchaus auff&auml;lliger Befund. Erst nach &uuml;ber einem Jahr nahm die Berichterstattung Fahrt auf, zun&auml;chst mit dem H&ouml;rspiel-Feature &bdquo;Also muss ich &uuml;berleben!&ldquo;, gesendet im <em>Deutschlandfunk<\/em> am 21. Januar 2025, und insbesondere durch die Reportage &bdquo;Ein Engel aus Deutschland&ldquo;, von <em>Arte<\/em> ausgestrahlt am 28. M&auml;rz 2025. <\/p><p>Als Erkl&auml;rung bietet sich an, dass erst mit dem Jahrestag ihres Todes und der damit verbundenen Fahrt von Mutter und Ehemann nach Kiew ausreichendes Filmmaterial erstellt werden konnte. Die zeitliche Distanz bot auch die M&ouml;glichkeit, nicht nur zu berichten, sondern entsprechend der beabsichtigten Wirkung auf die Zuschauer eine passende Erz&auml;hlung zu entwickeln. Es ist bemerkenswert, wie vielfach und eklatant beide Produktionen die Grundregeln seri&ouml;ser journalistischer Arbeit verletzen. Das soll an der Arte-Reportage aufgezeigt werden, weil Bildmaterial (Stand- und Bewegtbilder) besonders gut geeignet ist, Nachrichten zu emotionalisieren und dadurch Parteinahme und moralische Positionierung zu evozieren. <\/p><p><strong>&bdquo;Ein Engel aus Deutschland&ldquo;<\/strong><\/p><p>Schon der Titel &bdquo;Ein Engel aus Deutschland&ldquo; dient der Einstimmung. Erg&auml;nzend startet der Film mit einer zweiten Einordnung: &bdquo;Deutsche Heldin im Ukrainekrieg&ldquo;. Im weiteren Verlauf geht es im Wesentlichen darum, diese Zuschreibungen zu untermauern und die Trag&ouml;die der Familie Wagner zu rechtfertigen. Damit die Urheberschaft des Heldenbegriffs im Dunkeln bleibt, l&auml;sst der Filmautor Uwe Lothar M&uuml;ller bei Minute 11:29 die Mutter sagen: &bdquo;Ja, Heldin? Doch, f&uuml;r mich ist sie eine Heldin.&ldquo; Indem die Frage herausgeschnitten wird, liegt der Schluss nahe, dass der Begriff aus der Frage stammt. Abgesehen davon, dass solche Methoden journalistischen Standards widersprechen, wird damit von <em>Arte<\/em> eine Heroisierung in die Wege geleitet, die die reale Savita in ein Stereotyp verwandelt. <\/p><p>Sollte das eigene Leben im Kampf f&uuml;r &bdquo;die Freiheit&ldquo; verloren gehen, hat sich der Einsatz gelohnt. Ein Schweizer Freiwilliger spricht es bei einer arrangierten Begegnung auf dem Friedhof in Kiew explizit aus: &bdquo;Wir werden immer Leute haben, die sterben m&uuml;ssen f&uuml;r die Freiheit, [&hellip;] und wenn wir hier sterben f&uuml;r das, dann ist es das wert.&ldquo; (15:05). Herrn M&uuml;ller ist es die M&uuml;he nicht wert, an dieser Stelle deutlich zu machen, von welcher Art Freiheit hier die Rede ist. Eben nicht von Menschenrechten, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und der Betonung individueller W&uuml;rde. Stattdessen geht es um die Freiheit der Nation, die durch Nationalismus, Rassismus, Militarismus, F&uuml;hrerkult, Heroismus und Opferbereitschaft gekennzeichnet ist, also kurz gesagt um NS-Ideologie. Frau Wagner &auml;u&szlig;ert: &bdquo;Ich finde es bewundernswert und bin stolz darauf, was sie dort gemacht hat&ldquo; (11:10), nicht anders Savitas Mann Karl. Keiner der Beteiligten bezweifelt, dass im Kampf f&uuml;r &bdquo;die Freiheit&ldquo; der eigene Tod ein angemessener Preis ist. Die Gegenposition kommt nicht vor. <\/p><p>Das tragische Schicksal der Familie, der Tod von Savita, der Verlust von Tochter und Ehefrau verdienen Mitgef&uuml;hl, gar keine Frage. Diese Ergriffenheit macht sich der Film zunutze, ein Heldenepos zu erfinden. Dessen Dekonstruktion bedeutet nicht, Trauer und Schmerz der Familie Wagner kleinzureden. Es geht darum, zu kl&auml;ren, ob die Zuschreibung des Heldenhaften gerechtfertigt ist. <\/p><p>Der Film nutzt und missbraucht neben filmischen Mitteln, darunter pathetische Volksmusik, vor allem die sehr menschliche F&auml;higkeit der Zuschauer zur Empathie. Wenn man wissen will, wie ein solcher Film wirkt, muss man nur in die Kommentarspalte bei <em>Arte<\/em> schauen. Die Begr&uuml;ndung Savitas, sie habe nicht tatenlos zusehen k&ouml;nnen, wie &bdquo;Europa angegriffen&ldquo; wurde, und sich deshalb, milit&auml;risch unausgebildet und unerfahren und nur mit medizinischen Grundkenntnissen ausgestattet, einer Todesgefahr ausgesetzt, wird v&ouml;llig unkritisch &uuml;bernommen. Unvoreingenommen und bei klarem Verstand betrachtet, w&uuml;rde man diese Entscheidung kaum mutig und heldenhaft, vielmehr leichtsinnig und selbstzerst&ouml;rerisch nennen. Wer hier von Heldentum spricht, verwechselt das Au&szlig;ergew&ouml;hnliche mit dem Ungew&ouml;hnlichen. <\/p><p><strong>Kampfsanit&auml;ter als Held?<\/strong><\/p><p>Im Krieg geht es darum, m&ouml;glichst viele gegnerische Soldaten zu t&ouml;ten oder zu verletzen. In Erwartung eigener Verluste gibt es daher in jeder Armee sogenannte Kampfsanit&auml;ter. Das sind Soldaten mit der Zusatzaufgabe, bei Verletzten f&uuml;r Atemwegssicherung, Blutstillung und Schmerzlinderung zu sorgen und sie so schnell wie m&ouml;glich in hintere Stellungen zu bringen, wo sie umfassend medizinisch behandelt werden k&ouml;nnen. In den ukrainischen Streitkr&auml;ften d&uuml;rften mehr als 20.000 Kampfsanit&auml;ter Dienst tun. Es ist nichts dar&uuml;ber bekannt, dass Savita in Bezug auf das, was deren Aufgabe war und ist, andere &uuml;bertroffen h&auml;tte. Unter Beschuss Verwundete zu versorgen und dabei Leben zu retten, geh&ouml;rt zur normalen Aufgabe eines Kampfsanit&auml;ters an der Front. Sie verdient Anerkennung, ist aber weit entfernt von Engelhaftigkeit und Heldentum. <\/p><p>Wenn an dieser Stelle nichts Heldenhaftes zu entdecken ist, muss der Aspekt der Orientierung an ethischen und gesellschaftlichen Werten untersucht werden, was die Sache erschwert. Jemandem zu helfen, der bedroht oder angegriffen wird, ist ein ethisch hochstehender Wert. Problematisch wird es, wenn die Hilfe mit unethischen Mitteln erfolgt oder gar ein unethisches Ziel anstrebt. <\/p><p>Die Verfasstheit der Bundesrepublik Deutschland wird als freiheitlich-demokratische Grundordnung beschrieben. F&uuml;r das Milit&auml;r in Gestalt der Bundeswehr gelten daher die Grunds&auml;tze von parlamentarischer Kontrolle, demokratischer Legitimation, Anerkennung der Verfassung, Geltung der Menschenrechte, rechtsstaatlichen Prinzipien sowie Anerkennung des Kriegs- und V&ouml;lkerrechts. Bestrebungen und Handlungen, die dem widersprechen, z.B. rechtsextremistische oder grundgesetzwidrige Aktivit&auml;ten, werden verfolgt und sanktioniert. Milit&auml;rische Mittel d&uuml;rfen nur zur Verteidigung eingesetzt werden und m&uuml;ssen zugleich den genannten Grunds&auml;tzen entsprechen. <\/p><p>Wenn ein Soldat der Bundeswehr, demokratisch legitimiert, unter rechtsstaatlichen Prinzipien und mit UN-Mandat in einen kriegerischen Einsatz geschickt wird, ist das etwas v&ouml;llig anderes, als wenn eine Privatperson sich aus freien St&uuml;cken und pers&ouml;nlichen Motiven, einem S&ouml;ldner vergleichbar, an Kampfhandlungen zwischen zwei Staaten beteiligt, deren Staatsb&uuml;rgerschaft sie nicht besitzt. Deutschland unterst&uuml;tzt die Ukraine, ist aber nicht Kriegspartei. Der Tod oder die Gefangennahme eines deutschen Kombattanten in einem fremden Krieg w&auml;ren rechtlich und politisch hoch problematisch. <\/p><p><strong>Die Sache mit den Rechtsextremen<\/strong><\/p><p>Auf der anderen Seite ist kaum vorstellbar, dass die Ukraine eine milit&auml;risch nicht ausgebildete Ausl&auml;nderin in die regul&auml;re Armee aufnehmen w&uuml;rde. Als gangbarer Weg erwies sich der &uuml;ber eines der sogenannten Freiwilligenbataillone, deren Status in Bezug auf die regul&auml;ren Streitkr&auml;fte und zu den staatlichen Institutionen sowie der Verfassung der Ukraine schon immer h&ouml;chst fragw&uuml;rdig war. In der Regel von nationalistischen und rechtsextremistischen Gruppierungen au&szlig;erhalb der Streitkr&auml;fte gegr&uuml;ndet, agierten sie aufgrund ihrer Ideologie m&ouml;glichst eigenst&auml;ndig fern von staatlicher Kontrolle. Erst 2022 wurden sie zumindest formell in die Armee integriert und gezwungen, in der &Ouml;ffentlichkeit auf rechtsradikales Vokabular und nazistische Symbolik zu verzichten. <\/p><p>Der Arte-Film erw&auml;hnt nur lapidar, dass Savita eine zweimonatige Ausbildung beim Bataillon Karpatska Sich absolvierte (5:00). Dazu wird ein Gruppenfoto gezeigt, das an eine fr&ouml;hliche Jagdgesellschaft erinnert, nicht an eine rechtsextreme Miliz. Erkennbar ist die Manipulation des Fotos durch Verpixelung etlicher Bereiche. Die Verwendung solcher Fotos verst&ouml;&szlig;t gegen journalistische Standards. Ideologische Ausrichtung, Zielsetzung und &ouml;ffentliches Auftreten von Karpatska Sich werden an keiner Stelle thematisiert, geschweige denn kritisch beleuchtet. Deshalb hier eine Einordnung aus seri&ouml;sen Quellen: <\/p><p>In einer Entschlie&szlig;ung des Europ&auml;ischen Parlaments vom 25. Oktober 2018 zur Zunahme neofaschistischer Gewalttaten wird Karpatska Sich vorgeworfen, mehrfach Roma-Gruppen sowie antifaschistische Kundgebungen, Stadtratssitzungen, eine von Amnesty International ausgerichtete Veranstaltung, Kunstausstellungen, LGBT-Veranstaltungen sowie Frauenrechts- und Umweltaktivisten angegriffen zu haben. <\/p><p>Der Atlantic Council dokumentierte dies 2018 ebenfalls. <em>Bellingcat<\/em> bezeichnet Karpatska Sich ausdr&uuml;cklich als neofaschistische Gruppe, deren Mitglieder Fotos mit Hitlergru&szlig; ver&ouml;ffentlichten und die sie dazu aufrief, die ukrainische &Uuml;bersetzung des Manifests des Christchurch-Attent&auml;ters zu kaufen. Eine wissenschaftliche Studie bei <em>Springer Nature<\/em> stellt fest, dass Karpatska Sich die SS-Galizien-Division zum 80. Jahrestag ihrer Gr&uuml;ndung verherrlicht hat und der Asow-Bewegung nahesteht. Ein Reportage-Text in <em>Harper&rsquo;s<\/em> beschreibt, wie in Uzhhorod W&auml;nde mit dem K&uuml;rzel KS88 (Code f&uuml;r Karpatska Sich Heil Hitler) plakatiert waren und wie die Gruppe eine Konferenz f&uuml;r rechtsextreme Organisationen aus ganz Ost- und Mitteleuropa ausrichtete, an der Neonazis aus Polen, Serbien, Ungarn, Finnland und Russland teilnahmen. <\/p><p>F&uuml;hrungsfigur des Bataillons war bis zu seinem Tod im Juni 2022 Oleh Kutsyn, der die paramilit&auml;rische Gruppierung 2014 gr&uuml;ndete. Nach seinem Tod wurde das Bataillon nach ihm benannt. Er war Mitglied der Partei Swoboda, die in Deutschland am ehesten mit der NPD vergleichbar w&auml;re. Swoboda bezeichnet ihre Parteiideologie als Sozialnationalismus und kn&uuml;pft an das von der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) in den 1930er-Jahren formulierte Konzept der Natiokratie an. Swoboda wird als rechtsextreme Partei beschrieben, deren ideologische Substanz aus Fremdenfeindlichkeit und einer dezidiert antidemokratischen Ausrichtung besteht. Ein Auszug von der Website von Karpatska Sich beschreibt Ideologie und Ziele so: <\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Wir werden nicht zulassen, dass Globalismus, Liberalismus, Kapitalismus, Linksideen, LGBT- und feministischer Aktivismus und andere Arten von Perversionen friedlich existieren und sich auf unserem Land vermehren<\/em>.&ldquo; <\/p><\/blockquote><p>In keiner Verlautbarung des Bataillons ist von Demokratie, Menschenrechten und pers&ouml;nlicher Freiheit die Rede, also von den Werten, die Savita angeblich dort verteidigen wollte. <\/p><p>Der f&uuml;r den Heldenstatus relevante Aspekt der Orientierung an ethischen oder gesellschaftlichen Werten m&uuml;ndet in die einfache Frage, ob man gemeinsam mit Neonazis f&uuml;r eine liberale Gesellschaft k&auml;mpfen kann. Im Arte-Film wird diese Frage nicht thematisiert. Der Name Karpatska Sich f&auml;llt nur an drei Stellen, ohne weitere Erkl&auml;rung oder Einordnung. Die K&auml;mpfer werden von Savita und ihrem Umfeld als Kameraden bezeichnet. Sie spricht von ihnen als &bdquo;meine Leute&ldquo;. Ihre milit&auml;rische Auszeichnung erh&auml;lt sie nicht von der Armee, sondern vom Bataillon. Sie posiert stolz mit dessen Standarte und h&auml;lt ihren Orden in die Kamera. <\/p><p>Eine Distanz zur ideologischen Positionierung dieser Faschisten-Truppe ist nicht erkennbar. Ohne Zweifel ist also auch der Aspekt der Orientierung an h&ouml;heren ethischen oder gesellschaftlichen Werten als Begr&uuml;ndung f&uuml;r heldenhaftes Verhalten hinf&auml;llig. <\/p><p><small>Titelbild: Julia Uz \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Savita Wagner &ndash; eine deutsche Frau, die bereits vor &uuml;ber zwei Jahren als Kampfsanit&auml;terin in der Ukraine ihr Leben verlor -, wurde mit zwei Ausstellungen in Bonn geehrt und der Sender <em>Arte<\/em> hat einen Propagandafilm zu ihr ausgestrahlt. Das gibt Anlass, &uuml;ber Savita Wagner und den Begriff des &bdquo;Helden&ldquo; nachzudenken. Von <strong>Franz Heinbach<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152209\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":152213,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,123,183,161],"tags":[441,3028,955,1554,2299,260],"class_list":["post-152209","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-wertedebatte","tag-freiheit","tag-haltungsjournalismus","tag-neonazismus","tag-orwell-2-0","tag-sprachkritik","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/shutterstock_2708989371-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152209","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152209"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152209\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152249,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152209\/revisions\/152249"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/152213"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}