{"id":152264,"date":"2026-06-15T09:00:50","date_gmt":"2026-06-15T07:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152264"},"modified":"2026-06-15T10:36:24","modified_gmt":"2026-06-15T08:36:24","slug":"schafft-die-pflegeversicherung-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152264","title":{"rendered":"Schafft die Pflegeversicherung ab!"},"content":{"rendered":"<p>Es geht voran. Die bereits im Koalitionsvertrag angek&uuml;ndigte, aber anfangs etwas holprige Tour der Bundesregierung mit der Abrissbirne durch die Systeme der Sozialversicherung und andere Bereiche der sozialen Daseinsvorsorge hat Fahrt aufgenommen. Inzwischen wird gerne vom &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten Reformpaket in der Geschichte der Bundesrepublik&rdquo; gesprochen und dessen Alternativlosigkeit beschworen, da andernfalls der finale Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und letztendlich des Staates drohten. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas in gr&ouml;&szlig;eren Teilen der Bev&ouml;lkerung unbeliebte &bdquo;B&uuml;rgergeld&ldquo; hat man bereits abger&auml;umt, die Proteste dagegen waren ziemlich &uuml;berschaubar. Die Gesundheitsreform befindet sich in der parlamentarischen Beratung, die Eckpunkte f&uuml;r eine Rentenreform sollen noch vor der Mitte Juli beginnenden parlamentarischen Sommerpause vorgelegt werden und auch bei der Steuerreform und der Deregulierung des Arbeitsrechts sollen alsbald Pfl&ouml;cke eingeschlagen werden.<\/p><p>Das gilt auch f&uuml;r die 1995 vom damaligen Bundesarbeitsminister Norbert Bl&uuml;m (CDU) eingef&uuml;hrte gesetzliche Pflegeversicherung (SPV), und in der Tat droht dieses System in seiner bisherigen Form zu kollabieren. Mehr als 6 Millionen Menschen beziehen derzeit Leistungen aus der SPV, vor zehn Jahren waren es noch 2,86 Millionen und in den kommenden Jahren wird die Zahl weiter deutlich steigen.<\/p><p>Nach mehrmaliger Verschiebung hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nunmehr <a href=\"https:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/fileadmin\/Dateien\/3_Downloads\/Gesetze_und_Verordnungen\/GuV\/P\/RefE-Pflegeneuordnungsgesetz_PNOG.pdf\">einen Gesetzentwurf vorgelegt<\/a>, der sich derzeit in der Ressortabstimmung befindet. Einen Kabinettsbeschluss soll es ebenfalls noch vor der Sommerpause geben, doch es ist offen, ob das eingehalten werden kann. Denn die SPD zickt da noch ein bisschen rum, bevor sie wieder einknicken wird.<\/p><p>Es geht um ein ziemlich dickes Brett, das es zu bohren gilt. F&uuml;r 2026 erwartet die SPV ein Defizit von 4,2 Milliarden Euro, und in den Jahren 2027\/28 k&ouml;nnten es insgesamt bereits 22,8 Milliarden sein. Der Gesetzentwurf der Ministerin zielt darauf ab, bereits ab dem Jahr 2027 durch einen Mix aus Mehreinnahmen und Minderausgaben Einsparungen in H&ouml;he von rund 11 Milliarden Euro pro Jahr zu realisieren.<\/p><p>Mehreinnahmen soll es &ndash; analog zur gesetzlichen Krankenversicherung &ndash; vor allem durch eine deutliche Erh&ouml;hung der Beitragsbemessungsgrenze bei abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten geben. Dazu kommen h&ouml;here Beitr&auml;ge f&uuml;r Kinderlose, Einbeziehung von Minijobbern und die Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern. Noch wesentlich bunter ist der Instrumentenkasten f&uuml;r die Einsparungen. Dazu geh&ouml;ren unter anderem:<\/p><ul>\n<li>Massive Restriktionen bei der Einstufung in die jeweiligen Pflegegrade<\/li>\n<li>Abschaffung des Entlastungsbetrags von bis zu 131 Euro monatlich f&uuml;r Pflegebed&uuml;rftige mit Pflegegrad 1, mit dem u.a. haushaltsnahe Dienstleistungen und Alltagshilfen bezahlt werden k&ouml;nnen<\/li>\n<li>K&uuml;rzung der Rentenbeitr&auml;ge (und somit auch -anspr&uuml;che) f&uuml;r pflegende Angeh&ouml;rige, die wegen der Pflegearbeit weniger oder gar nicht arbeiten k&ouml;nnen. Diese Leistungen sollen auf etwa 70 Prozent des bisherigen Umfangs reduziert werden.<\/li>\n<li>H&ouml;here Eigenanteile bei den Pflegeheimkosten und Deckelung der Kosten&uuml;bernahme bei Leistungssteigerungen.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Pflegeversicherung ist eine Fehlkonstruktion<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich bedeuten diese &bdquo;Reformpl&auml;ne&ldquo; f&uuml;r viele Pflegebed&uuml;rftige, aber auch deren Angeh&ouml;rige massive Einschr&auml;nkungen und Mehrbelastungen. Was aber nicht bedeutet, dass die Pflegeversicherung und mit ihr das gesamte System der Pflege bisher auch nur einigerma&szlig;en gut funktioniert hat. Und zwar nicht aufgrund einiger Fehlentwicklungen bei der Ausgestaltung &ndash; vielmehr handelt es sich um eine systemische Fehlkonstruktion. Von vornherein war die SPV eben nicht als umfassendes Instrument zur Absicherung gegen die materiellen Risiken einer Pflegebed&uuml;rftigkeit konzipiert, sondern als eine Art Teilkasko-Versicherung, die Zusch&uuml;sse zu den entstehenden Kosten gew&auml;hrt. Von vornherein wurde ein System privater Pflegezusatzversicherungen installiert und ausgebaut, das bestimmten Berufsgruppen und Wohlhabenden eine deutlich h&ouml;here Absicherung erm&ouml;glicht.<\/p><p>F&uuml;r &bdquo;nur&ldquo; gesetzlich versicherte Pflegebed&uuml;rftige bleibt aufgrund der gedeckelten und nicht kostendeckenden Festzusch&uuml;sse stets ein erheblicher Eigenanteil, sowohl bei station&auml;ren Pflegeheimpl&auml;tzen als auch bei der h&auml;uslichen Pflege. In station&auml;ren Einrichtungen betr&auml;gt dieser Anteil derzeit rund 3.250 Euro pro Monat, wovon rund ein Drittel auf die unmittelbaren Kosten f&uuml;r Pflege und Betreuung entf&auml;llt. Der Rest entf&auml;llt auf Unterbringung, Verpflegung, Investitions- und Instandhaltungskosten, Ausbildungsumlagen u.a.m. Es gibt ein Zuschusssystem der Pflegeversicherung, das diesen Anteil je nach L&auml;nge der station&auml;ren Unterbringung mindert, was aber durch die Kostensteigerungen wieder zunichte gemacht und zudem mit der Reform gek&uuml;rzt wird.<\/p><p>Da viele Betroffene diese Kosten nicht aus ihren regelm&auml;&szlig;igen Eink&uuml;nften decken k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sie &ndash; falls vorhanden &ndash; ihr Verm&ouml;gen aufbrauchen, bis auf einen &bdquo;Schonbetrag&ldquo; von 10.000 Euro. Dann k&ouml;nnen auch Kinder herangezogen werden, ab einem Jahreseinkommen von 100.000 Euro. Ministerin Warken will diese Schongrenze aber absenken. Wenn da auch nichts zu holen ist, landet man beim Sozialamt. Das &uuml;bernimmt die L&uuml;cke bei den Heimkosten und zahlt ein monatliches &bdquo;Taschengeld&ldquo; von 152 Euro an die Pflegebed&uuml;rftigen sowie eine Bekleidungspauschale von 20 bis 40 Euro.<\/p><p>86 Prozent aller Pflegebed&uuml;rftigen werden aber nicht station&auml;r, sondern h&auml;uslich versorgt, davon mehr als die H&auml;lfte ausschlie&szlig;lich von Angeh&ouml;rigen. Beim Rest wird Unterst&uuml;tzung oder die volle &Uuml;bernahme der Pflege von ambulanten Pflegediensten in Anspruch genommen. Auch das auf der Basis von gedeckelten Zusch&uuml;ssen und Eigenanteilen bzw. bei versorgenden Angeh&ouml;rigen durch Bezahlung eines &bdquo;Pflegegelds&ldquo; von maximal 990 Euro pro Monat (bei Pflegegrad 5).<\/p><p>Ein wichtiger Faktor des maroden Pflegesystems ist dessen &ouml;konomische Struktur. Denn Pflege ist l&auml;ngst ein lukrativer und vor allem wachsender Markt, <a href=\"https:\/\/www.altenheim.net\/pflegemarkt-2025-ueber-500-neue-einrichtungen-bis-september-eroeffnet\/\">auf dem sich zunehmend profitorientierte Unternehmen tummeln<\/a>. Nur noch rund 4 Prozent der station&auml;ren Einrichtungen befinden sich in &ouml;ffentlicher, meistens kommunaler Tr&auml;gerschaft. Bei der ambulanten Pflege sind es gar nur 1,3 Prozent.<\/p><p>Gegen die jetzt geplanten massiven Einschnitte bei der Pflegeversicherung regt sich nat&uuml;rlich hier und da Kritik, vor allem von Sozialverb&auml;nden und Kommunen, die enorme Mehrbelastungen durch einen massiven Anstieg der dann f&auml;lligen Sozialausgaben bef&uuml;rchten. Es gibt &ndash; auch aus Kreisen der SPD und der Gewerkschaften &ndash; Vorschl&auml;ge, wie etwa eine &bdquo;B&uuml;rgerversicherung&ldquo;, in die alle einzahlen und auch alle Einkommensarten einbezogen werden, um die Einnahmesituation zu verbessern. Aber das greift nat&uuml;rlich viel zu kurz, und l&auml;sst den grundlegenden Konstruktionsfehler dieser &ouml;konomisierten Teilkasko-Pflegeversicherung au&szlig;er Acht. Wenn man der Pr&auml;misse folgt, dass Pflege eine Kernaufgabe der sozialen Daseinsvorsorge sein muss, kann es aus dem ganzen Desaster eigentlich nur eine Konsequenz geben: Die komplette Abschaffung der Pflegeversicherung und ihre Ersetzung durch unmittelbar &ouml;ffentliche Finanzierung und Organisation der Pflegeinfrastruktur.<\/p><p><strong>D&auml;nemark zeigt, wie es geht<\/strong><\/p><p>Wie das funktionieren kann, zeigt unser Nachbar D&auml;nemark. Dort ist man erst gar nicht auf die Schnapsidee einer &bdquo;Pflegeversicherung&rdquo; gekommen. Vielmehr wird dieser Sektor unmittelbar staatlich finanziert und von den 98 d&auml;nischen Kommunen organisiert. Das betrifft alle Bereiche, also h&auml;usliche Pflege (auch Krankenpflege ohne allgemeine Pflegebed&uuml;rftigkeit), Rehabilitationsma&szlig;nahmen, Tagespflege, Pflegeheime und betreute Wohnformen, sowie Unterst&uuml;tzungsangebote f&uuml;r Angeh&ouml;rige. Dazu kommen umfangreiche Pr&auml;ventionsprogramme.<\/p><p>Alle Pflege- und Betreuungsleistungen sind grunds&auml;tzlich kostenlos, egal ob station&auml;r oder h&auml;uslich. In einem Pflegeheim zahlt der Bewohner nur f&uuml;r Wohnen, Verpflegung und pers&ouml;nliche Ausgaben. F&uuml;r Menschen mit geringem Einkommen gibt es zus&auml;tzliche Wohnkostenzusch&uuml;sse. Auch Bezieher der staatlichen Grundrente k&ouml;nnen sich in diesem System eine anerkannterma&szlig;en hochwertige Pflege leisten, ohne zum Sozialfall zu werden.<\/p><p>Die d&auml;nische Pflege folgt bestimmten Grunds&auml;tzen:<\/p><ul>\n<li>Rehabilitation vor Pflege. Das hei&szlig;t, nach einem Krankenhausaufenthalt wird intensiv versucht, Menschen wieder selbstst&auml;ndig zu machen, statt dauerhaft Pflegeleistungen auszuweiten.<\/li>\n<li>Vorrang der h&auml;uslichen Versorgung. D&auml;nemark hat seit Jahrzehnten den Ausbau gro&szlig;er Pflegeheime begrenzt und setzt st&auml;rker auf Unterst&uuml;tzung im eigenen Zuhause oder in speziellen Wohnformen.<\/li>\n<\/ul><p>Tr&auml;ger der Pflegeinfrastruktur sind in der Regel die Kommunen, erg&auml;nzt durch gemeinn&uuml;tzige Tr&auml;ger. Privatunternehmen haben lediglich einen Anteil von 2 Prozent. Dazu kommt, dass pflegerische Berufe in D&auml;nemark deutlich attraktiver ausgestaltet sind als in Deutschland. Das betrifft nicht nur die Bezahlung, sondern vor allem auch die Arbeitsbedingungen. Die Betreuungsschl&uuml;ssel sind wesentlich besser, die Regelarbeitszeit betr&auml;gt 37 Stunden pro Woche, die Arbeitsorganisation ist vor allem teamorientiert.<\/p><p>Allerdings hat D&auml;nemark im Vergleich zu Deutschland auch einige erhebliche &bdquo;Defizite&ldquo;. So gibt es in Deutschland 95 gesetzliche Kranken- und daran angegliederte Pflegekassen, und in D&auml;nemark nur eine einzige (staatliche) Krankenkasse, in der jeder Einwohner automatisch beitragsfrei versichert ist. So etwas regelt man dort mit Steuern. Ja, wo k&auml;men wir denn hin, wenn wir das auch so machen w&uuml;rden?<\/p><p><small>Titelbild: azrin_aziri\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b29ed13aa83a402e9854d86de19124ae\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geht voran. 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