{"id":152298,"date":"2026-06-16T10:00:22","date_gmt":"2026-06-16T08:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152298"},"modified":"2026-06-16T11:36:00","modified_gmt":"2026-06-16T09:36:00","slug":"gibt-es-eine-juedische-identitaet-jenseits-von-israel-und-staatsraeson-ein-interview-mit-wieland-hoban-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152298","title":{"rendered":"Gibt es eine j\u00fcdische Identit\u00e4t jenseits von Israel und Staatsr\u00e4son? \u2013 Ein Interview mit Wieland Hoban (Teil 1)"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Der Erfolg des Zionismus ist ja gewesen, die j&uuml;dische Identit&auml;t derart zu besetzen, dass viele sich keine andere mehr vorstellen k&ouml;nnen. (&hellip;) Wenn tats&auml;chliche Juden wie wir uns dagegenstellen, dann stehen wir in einem besonderen Widerspruch zum Staat, weil wir nicht nur die Politik selbst kritisieren und bek&auml;mpfen, sondern auch ihre moralische Grundlage &ndash; n&auml;mlich diese Vereinnahmung des J&uuml;dischen. (&hellip;) &bdquo;Wir sagen, dass das nicht unserer j&uuml;dischen Tradition entspricht. Wir f&uuml;hlen uns vielmehr einer Tradition der Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t verpflichtet und k&auml;mpfen daf&uuml;r, dass diese sich durchsetzt.&ldquo; Der Vorsitzende der &bdquo;J&uuml;dischen Stimme f&uuml;r gerechten Frieden in Nahost&ldquo;, <strong>Wieland Hoban<\/strong>, widerspricht einer in Deutschland weit verbreiteten Gleichsetzung von j&uuml;discher Identit&auml;t mit Zionismus und israelischer Staatspolitik. Im Interview spricht er &uuml;ber j&uuml;dische Geschichte, die deutsche Staatsr&auml;son, den Umgang mit Israelkritik und die Rolle der Antisemitismusbeauftragten sowie die politischen Folgen des Krieges in Gaza. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Maike Gosch<\/strong>, wir ver&ouml;ffentlichen es in zwei Teilen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5820\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-152298-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_1_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_1_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_1_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=152298-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_1_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Teil 1<\/strong><\/p><p>Wieland Hoban ist ein in London geborener und in Frankfurt lebender Komponist und &Uuml;bersetzer. Er hat zahlreiche B&uuml;cher aus den Bereichen Philosophie, Musik und Literatur &uuml;bersetzt, unter anderem von Theodor W. Adorno und Paul Celan, aber auch der zeitgen&ouml;ssischen Philosophie. Der Verein <a href=\"https:\/\/www.juedische-stimme.de\/\">&bdquo;J&uuml;dische Stimme f&uuml;r gerechten Frieden in Nahost&ldquo;<\/a> ist die deutsche Sektion von &bdquo;Global Jews for Palestine&ldquo; und &bdquo;European Jews for Palestine&ldquo;.<\/p><p><strong>Maike Gosch: Lieber Herr Hoban, wie kam es zu Ihrem Engagement bei &bdquo;J&uuml;dische Stimme f&uuml;r einen gerechten Frieden in Nahost&ldquo;?<\/strong><\/p><p><strong>Wieland Hoban<\/strong>: Das Thema Pal&auml;stina hatte mich schon sehr lange besch&auml;ftigt, bevor ich mich der Organisation 2019 angeschlossen habe. Aber ich bin daf&uuml;r eigentlich erst recht sp&auml;t aktivistisch t&auml;tig geworden. Die J&uuml;dische Stimme war ein Medium und ein Format, in dem ich mich besonders engagieren konnte und auch einen Bogen zu meinem j&uuml;dischen Hintergrund schlagen konnte, nachdem die zionistische Vereinnahmung des Judentums und der j&uuml;dischen Kultur mir das vorher sehr schwer gemacht hatte. Seit 2021 bin ich jetzt Vorsitzender der J&uuml;dischen Stimme.<\/p><p><strong>Sie haben auch ein Buch geschrieben, das im Jahr 2025 [bisher nur auf Englisch] erschienen ist. Der Titel lautet <a href=\"https:\/\/orbooks.com\/catalog\/germanys-jewish-problem\/\">&bdquo;<em>Germany&rsquo;s Jewish Problem. Genocides Past and Present.&rdquo;<\/em><\/a> (&bdquo;Deutschlands j&uuml;disches Problem. V&ouml;lkermorde der Vergangenheit und Gegenwart&ldquo;). Was ist denn aus Ihrer Sicht Deutschlands &bdquo;j&uuml;disches Problem&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Das Problem ist, dass Deutschland keinen wirklich normalen Umgang mit j&uuml;dischen Menschen, das hei&szlig;t lebendigen, gegenw&auml;rtigen J&uuml;dinnen und Juden, gefunden hat &ndash; im Gegensatz zu einer historisch eingefrorenen Vorstellung von j&uuml;dischen Opfern der Deutschen.<\/p><p>Und weil es in Deutschland aus naheliegenden Gr&uuml;nden auch nur eine sehr kleine j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung gibt, gibt es f&uuml;r viele Deutsche kaum oder gar keine Begegnungen mit J&uuml;dinnen und Juden, die der Sache eine etwas aktuellere und normalere Gestalt geben k&ouml;nnten.<\/p><p>Das hei&szlig;t, oft bleiben Juden dann einfach etwas Abstraktes, auch etwas eher Geschichtliches. Es fehlt auch oft ein Verst&auml;ndnis davon, dass es nicht nur das Judentum als Religion gibt, sondern dass auch das J&uuml;dischsein eine Herkunft, eine kulturelle oder auch intellektuelle Identit&auml;t sein kann. Das Judentum war ja von Anfang an eine Ethnoreligion. Das hei&szlig;t, es war keine Religion, die man einfach gew&auml;hlt hat, wie zum Beispiel das Christentum oder den Islam &ndash; unabh&auml;ngig von den ganzen Zwangskonvertierungen und Eroberungen, die auch mit diesen Religionen begangen wurden.<\/p><p>Es war immer an eine Bev&ouml;lkerungsgruppe gebunden. Das hei&szlig;t dann auch, dass im Laufe der Zeit, als die Religion f&uuml;r viele weniger zentral wurde, auch im Zuge der Aufkl&auml;rung und der allgemeinen S&auml;kularisierung in der westeurop&auml;ischen Gesellschaft f&uuml;r viele zwar die religi&ouml;se Identit&auml;t verblasste oder vielleicht sogar g&auml;nzlich verschwand, aber die Identit&auml;t als Bev&ouml;lkerungsgruppe mit Geschichte und Kultur verschiedener Art blieb.<\/p><p>Diese Identit&auml;t ist geblieben, und das ist das, was Formulierungen wie &bdquo;Menschen j&uuml;dischen Glaubens&ldquo; eben verfehlen. Denn es geht nicht darum, ob wir gl&auml;ubig sind oder nicht. Das ist nicht das, was bestimmt, ob man j&uuml;disch ist oder nicht.<\/p><p><strong>Da sind wir schon bei einer zentralen Frage. Aus meiner Sicht gibt es eine j&uuml;dische Identit&auml;t jenseits des Zionismus, aber in Deutschland wird diese Identit&auml;t sehr stark darauf reduziert. Das ist aus meiner Sicht eine starre Geschichte und auch eine sehr reduzierte Geschichte oder Version der Wirklichkeit. Wie w&uuml;rden Sie das sehen? Und wie unterscheidet sich diese Wahrnehmung j&uuml;discher Identit&auml;t in Deutschland von der im Ausland? <\/strong><\/p><p>Ja. Also in einem Land wie den USA, wo es ungef&auml;hr sieben Millionen J&uuml;dinnen und Juden gibt, gibt es ein wesentlich breiteres Verst&auml;ndnis von der Vielfalt j&uuml;discher Identit&auml;t, egal wie genau sie kulturell, religi&ouml;s oder s&auml;kular gepr&auml;gt ist. In Deutschland ist das nicht so. In Europa insgesamt gibt es immer noch nur einen Bruchteil der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung der USA, und auch Israel hat eigentlich nur ein bisschen mehr als die USA.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Der Erfolg des Zionismus ist ja gewesen, die j&uuml;dische Identit&auml;t derart zu besetzen, dass viele sich keine andere mehr vorstellen k&ouml;nnen.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Nat&uuml;rlich gibt es Alternativen, und vor allem gab es ja vor dem Zionismus andere Identit&auml;ten. Der Erfolg des Zionismus ist ja gewesen, die j&uuml;dische Identit&auml;t derart zu besetzen, dass viele sich keine andere mehr vorstellen k&ouml;nnen. Und das pr&auml;gt dann auch die Au&szlig;enwahrnehmung, sodass Zionismus als ein bestimmendes Merkmal j&uuml;discher Identit&auml;t erscheint.<\/p><p>Bis in die 1940er-Jahre hinein wurde der Zionismus von einer sehr deutlichen Mehrheit der europ&auml;ischen Juden abgelehnt. Er machte aus mehrfacher Perspektive f&uuml;r viele europ&auml;ische Juden keinen Sinn. Aus der Perspektive integrierter, assimilierter B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger europ&auml;ischer Gesellschaften, die ja auch erst seit der zweiten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts wirklich volle Rechte in ihren Gesellschaften bekommen hatten, war es v&ouml;llig absurd, die hart erarbeitete Anerkennung als deutsche, franz&ouml;sische oder britische Staatsb&uuml;rger jetzt einfach &uuml;ber Bord zu werfen, weil irgendjemand kommt und sagt: Unsere Heimat ist dort im Orient. Das hat f&uuml;r sie einfach keinen Sinn gemacht, besonders wenn sie auch noch eine patriotische Identifikation mit ihrem Heimatland hatten.<\/p><p>Deswegen &ndash; obwohl heutzutage eine j&uuml;disch-antizionistische Perspektive &uuml;berwiegend von der Linken vertreten wird &ndash; war es im Europa des fr&uuml;hen 20. Jahrhunderts auch eine ganz normale b&uuml;rgerliche und unpolitische Sichtweise.<\/p><p>Der erste Zionistische Kongress von 1897, der schlie&szlig;lich in Basel stattfand, sollte eigentlich, zumindest nach dem Wunsch Theodor Herzls, in M&uuml;nchen stattfinden. Aber die j&uuml;dische Gemeinde in M&uuml;nchen war vehement dagegen, weil sie &uuml;berhaupt nichts mit dem Zionismus zu tun haben wollte. &Auml;hnliche Einstellungen fand man allgemein in der europ&auml;ischen b&uuml;rgerlichen j&uuml;dischen Gesellschaft. Es gab einfach keinen Grund daf&uuml;r. Warum sollten sie das tun?<\/p><p>Und in Osteuropa, wo es zum einen eine viel gr&ouml;&szlig;ere j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung gab und zum anderen die Juden viel st&auml;rker unter Diskriminierung litten &ndash; nicht nur gesellschaftlicher Ablehnung, sondern wirklich strukturell, dort kann man tats&auml;chlich von Apartheid sprechen, zum Beispiel im Zarenreich, wo Gesetze bestimmten, wo Juden leben durften und welche Berufe sie aus&uuml;ben durften. Es war ein strukturell antisemitisches System, und dementsprechend lebten viele Juden in Armut. Das h&auml;tte es nat&uuml;rlich attraktiv machen k&ouml;nnen, auszuwandern und einen j&uuml;dischen Staat zu gr&uuml;nden, in dem man nicht mehr benachteiligt ist. F&uuml;r viele war das aber auch nicht besonders reizvoll. Die gro&szlig;e sozialistische Partei, die sich um die Wende zum 20. Jahrhundert gegr&uuml;ndet hatte &ndash; der Allgemeine J&uuml;dische Arbeiterbund, &uuml;blicherweise einfach als &bdquo;Bund&ldquo; bekannt, der in Russland, Litauen und Polen beheimatet war &ndash;, lehnte den Zionismus nicht nur implizit, sondern auch explizit ab. <em>[Anm. d. Redaktion: Siehe hierzu das aktuelle <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?si=K63UK3Iut9AkO3ns&amp;v=r3qxJvHC1F8&amp;feature=youtu.be\">Interview<\/a> mit der US-amerikanischen Autorin Molly Crabapple zu ihrem Buch &uuml;ber den Bund &bdquo;Here Where We Live Is Our Country&ldquo;.]<\/em><\/p><p>Sie sagten: Irgendeine Fluchtfantasie ist die falsche Antwort auf Diskriminierung. Wir m&uuml;ssen Unrecht hier bek&auml;mpfen, statt uns irgendeinem Eskapismus hinzugeben. Stattdessen wollen wir hier Klassenkampf betreiben und eine Gesellschaft aufbauen, in der es allen Minderheiten &ndash; also uns, aber auch anderen &ndash; und vor allem der arbeitenden Klasse besser geht. Da ging es also auch um eine Auffassung von Antisemitismus als Teil eines allgemeinen Unterdr&uuml;ckungssystems.<\/p><p>Viele der j&uuml;dischen Fl&uuml;chtlinge, die letztlich doch in Pal&auml;stina gelandet sind, wollten urspr&uuml;nglich gar nicht dorthin. Sie wollten lieber nach England oder Amerika. Aber irgendwann haben diese L&auml;nder einfach keine j&uuml;dischen Fl&uuml;chtlinge mehr aufgenommen.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Die Ziele der Zionisten waren ja wesentlich auch demografische Ziele.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Ziele der Zionisten waren ja wesentlich auch demografische Ziele. Sie brauchten eine kritische Masse an Juden, um &uuml;berhaupt einen j&uuml;dischen Staat gr&uuml;nden zu k&ouml;nnen. Und da waren sie durchaus skrupellos. David Ben-Gurion, der erste Premierminister Israels, hat 1938 zum Thema der Kindertransporte, die ungef&auml;hr 10.000 j&uuml;dische Kinder vor allem nach England gerettet haben, gesagt, dass er, wenn es m&ouml;glich w&auml;re, entweder alle j&uuml;dischen Kinder Europas nach England zu retten oder nur die H&auml;lfte nach Pal&auml;stina zu bringen, die zweite Option bevorzugen w&uuml;rde &ndash; weil ihm der Aufbau eines j&uuml;dischen Staates wichtiger war als der Schutz j&uuml;dischen Lebens schlechthin.<\/p><p>Dementsprechend haben die Zionisten auch teilweise den internationalen Nazi-Boykott gebrochen, zum Beispiel mit dem Ha&lsquo;avara-Abkommen von 1933, das den Juden, die gen&uuml;gend Besitz hatten, erm&ouml;glichte, nach Pal&auml;stina auszuwandern, indem sie ihre Sachen den Nazis &uuml;berlie&szlig;en. Damals war das Ziel der Nazis ja vor allem, die Juden loszuwerden, noch nicht unbedingt, alle zu vernichten.<\/p><p>Und Herzl hatte bereits 1896 gesagt, dass die Antisemiten und die antisemitischen L&auml;nder ihre Freunde und Verb&uuml;ndeten sein w&uuml;rden, weil es eine Zweckgemeinschaft war. Sie wollten alle Juden aus Europa herausschaffen.<\/p><p>Das hei&szlig;t, lange Rede, kurzer Sinn: Der Zionismus ist &uuml;berhaupt kein selbstverst&auml;ndlicher Teil j&uuml;discher Identit&auml;t. Wir reden von etwas &uuml;ber hundert Jahren &ndash; im Gegensatz zu Tausenden von Jahren j&uuml;discher Geschichte. In der gesamten Geschichte des Judentums bildet der Zionismus einen winzigen Abschnitt. Aber trotzdem ist es f&uuml;r viele unvorstellbar, dass diese Identit&auml;t auch anders sein k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Das ist vielleicht ein guter &Uuml;bergang zu dem Thema &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo;. Die Erz&auml;hlung, die dem zugrunde liegt, ist ja, Israel wurde gegr&uuml;ndet, um den &Uuml;berlebenden der Shoah eine sichere Heimat zu bieten. Es ist der &bdquo;Schutzraum Israel&ldquo; nach dem Holocaust &ndash; als einzige M&ouml;glichkeit, j&uuml;disches Leben an einem gesch&uuml;tzten Ort zu erm&ouml;glichen &ndash; ein Zufluchtsort nach dem Grauen. Und auf dieses Fundament wird dann das Konzept der &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; Deutschlands aufgebaut, die ja rechtlich eine rein politische Absichtserkl&auml;rung ist, aber zu einem quasi-verfassungsrechtlichen Grundsatz erkl&auml;rt wird, ohne dass sie diese rechtliche Qualit&auml;t besitzt.<\/strong><\/p><p>Es ist ein moralischer Grundsatz.<\/p><p><strong>Genau. Und dieser besagt, dass Existenzrecht und Sicherheit Israels von Deutschland aktiv zu sch&uuml;tzen seien und Teil der Staatsr&auml;son seien, also ein ganz fundamentaler, zentraler Teil deutschen politischen Wollens und Wirkens ist. Wie sehen Sie das? Wie schauen Sie auf diese Argumentationslinie?<\/strong><\/p><p>Hier muss man dem ganzen moralisch aufgeladenen Diskurs wirklich eine historisch-materialistische Analyse entgegensetzen, indem man zeigt: Was waren die Kr&auml;fte, die den Zionismus befl&uuml;gelt haben? Was waren die Kr&auml;fte, die die Staatsgr&uuml;ndung Israels erm&ouml;glicht haben? Was waren die Gr&uuml;nde, die zur engen Partnerschaft zwischen Deutschland und Israel gef&uuml;hrt haben &ndash; bis hin zur aktuellen Situation, in der Deutschland Israels Genozid in Gaza mittr&auml;gt.<\/p><p>Der Zionismus war urspr&uuml;nglich gar keine j&uuml;dische Idee. Es war eine Idee britischer Protestanten, die die theologische Vorstellung hatten, dass die Juden zur&uuml;ck ins Heilige Land sollten, an ihren Ursprung. Das hatte mit einer bestimmten religi&ouml;sen Weltanschauung zu tun, die auch mit der Vorstellung einer Wiederkehr Christi verbunden war &ndash; das war alles recht mystisch.<\/p><p>In der zweiten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts kam dann aber noch eine viel materiellere &Uuml;berlegung dazu, n&auml;mlich die Frage, wie der britische Kolonialismus Teile Westasiens besetzen und kontrollieren k&ouml;nnte. Und da gab es schon Mitte des 19. Jahrhunderts Vorschl&auml;ge, die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung, die aus Sicht vieler Briten nicht wirklich zur Gesamtgesellschaft geh&ouml;rte, als Mittel anzusehen, um Teile des sogenannten Orients unter Kontrolle zu halten. Das hei&szlig;t, dieses Siedlungsprojekt war von den Briten bereits so geplant, und das hat sich dann durch die Balfour-Deklaration von 1917 verwirklicht.<\/p><p>Und Theodor Herzl hatte es den Briten auch genau so dargestellt: dass dies eine Vorhut der Zivilisation gegen die Barbarei w&auml;re. F&uuml;r die Briten w&auml;re es eine Erweiterung ihres Einflusses gewesen, besonders in einer Zeit, in der dieses einst riesige Imperium immer mehr schrumpfte. Das war also von Anfang an der Hintergrund des zionistischen Projekts.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Die Pal&auml;stinenser waren die Opfer der Opfer der Deutschen.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Deutschen wurden dann im Endeffekt sogar zu Vollstreckern dieses Projekts, indem sie die Juden verfolgten. Es fl&uuml;chteten zwar nicht alle Juden Europas nach Pal&auml;stina, aber doch genug, damit die M&ouml;glichkeit eines j&uuml;dischen Staates, eines mehrheitlich j&uuml;dischen Staates, in Sicht kam. Allerdings konnte dieser Staat nat&uuml;rlich nur durch die ethnische S&auml;uberung der Nakba verwirklicht werden. Und wie schon der pal&auml;stinensische Autor und Intellektuelle Edward Said anmerkte, waren in dieser Hinsicht die Pal&auml;stinenser die Opfer der Opfer der Deutschen.<\/p><p>Insofern w&uuml;rde es auch zu einer ehrlichen Erinnerungskultur und Geschichtsaufarbeitung in Deutschland geh&ouml;ren, die Verantwortung f&uuml;r die Nakba anzuerkennen. Daf&uuml;r m&uuml;sste man allerdings zun&auml;chst anerkennen, dass es die Nakba &uuml;berhaupt gegeben hat.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Deutschland war nicht nur besiegt, sondern zun&auml;chst auch ein Auss&auml;tziger unter den Staaten.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Als das alles vollbracht war, hatte Deutschland den Krieg verloren. Es war nicht nur besiegt, sondern zun&auml;chst auch ein Auss&auml;tziger unter den Staaten, als sich dann herumsprach, was im Holocaust geschehen war. Konrad Adenauer erkannte den Aufbau von Beziehungen zu Israel als einen Weg, allm&auml;hlich wieder ein wichtiges Land auf der internationalen B&uuml;hne zu werden. 1952 schloss er das Luxemburger Abkommen, das sogenannte Wiedergutmachungsabkommen. Bereits ab 1955 gab es Waffenlieferungen an Israel und milit&auml;rische Zusammenarbeit &ndash; noch inoffiziell. Offizielle Beziehungen zwischen den beiden L&auml;ndern gab es erst zehn Jahre sp&auml;ter, ab 1965. Aber schon lange davor begannen die Waffenlieferungen an Israel, weil der neu gegr&uuml;ndete Staat, obwohl der Zionismus und die Staatsgr&uuml;ndung Israels durch westliche M&auml;chte erm&ouml;glicht worden waren, zun&auml;chst nicht &uuml;ber viele materielle Mittel verf&uuml;gte und zus&auml;tzliche Unterst&uuml;tzung brauchte.<\/p><p>Das war f&uuml;r Adenauer eine gute M&ouml;glichkeit, gewisserma&szlig;en einen Persilschein f&uuml;r die Verbrechen an den Juden zu bekommen. Denn die Zionisten waren schon immer Pragmatiker, auch wenn es unter ihnen Ideologen gab. Woher das Geld kam und die Waffen kamen, war zun&auml;chst zweitrangig. Sie brauchten sie einfach.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Deutschland konnte gewisserma&szlig;en auch eine moralische Aufwertung daraus beziehen, sich zu seinen Verbrechen zu bekennen.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Erinnerungskultur als Staatsprojekt gab es in Deutschland ohnehin erst ab Mitte der 1980er-Jahre. Davor war das Erinnern an den deutschen Faschismus und seine Opfer etwas, das vor allem Antifaschisten und engagierte Menschen betrieben. Die allgemeine gesellschaftliche Stimmung war eher von Verdr&auml;ngung gepr&auml;gt und vom Fokus auf den Aufbau des eigenen Landes und der neuen Gesellschaft, die durch die ehemaligen Alliierten unterst&uuml;tzt wurde.<\/p><p>1985 hielt Richard von Weizs&auml;cker seine ber&uuml;hmte Rede zum Gedenktag des Kriegsendes. Dabei gelang es ihm, die deutsche Schuld anzuerkennen, sie aber zugleich als Quelle eines neuen, durchaus selbstbewussten Verantwortungsgef&uuml;hls darzustellen. Deutschland konnte gewisserma&szlig;en auch eine moralische Aufwertung daraus beziehen, sich zu seinen Verbrechen zu bekennen.<\/p><p>Als einige Jahre sp&auml;ter die Wiedervereinigung kam und Deutschland faktisch wieder gr&ouml;&szlig;er und m&auml;chtiger wurde, bekam dieses Narrativ der Wiedergutmachung zus&auml;tzlich eine legitimierende Funktion. Es legitimierte die Aus&uuml;bung gr&ouml;&szlig;erer Macht und eines neuen Selbstbewusstseins, das nicht allein auf Wirtschaft und Einfluss beruhte, sondern auch auf einem Anspruch moralischer Erhabenheit.<\/p><p>Israel spielte in diesem Narrativ immer eine Rolle. Verglichen mit heute oder &uuml;berhaupt mit den letzten zwanzig Jahren war diese Rolle nach der Wiedervereinigung zun&auml;chst aber weniger zentral. Und es war auch nicht un&uuml;blich, kritisch gegen&uuml;ber Israel zu sein. Jemand wie Helmut Schmidt war durchaus bereit, deutliche Kritik zu &auml;u&szlig;ern.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Moralische Narrative als Deckmantel f&uuml;r imperialistische Politik sind allerdings nichts Neues.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Irgendwann f&uuml;hrte Angela Merkel dann 2008 in ihrer ber&uuml;hmten Knesset-Rede zum 60. Jahrestag der Staatsgr&uuml;ndung Israels den Begriff der Staatsr&auml;son ein. Sie hat ihn nicht selbst gepr&auml;gt, aber sie hat ihn &uuml;bernommen und explizit als Teil des deutschen Staatsnarrativs eingesetzt &ndash; auch als moralische Legitimierung.<\/p><p>Das hei&szlig;t: Wenn wir heute Israel U-Boote verkaufen beziehungsweise fast schenken &ndash; es handelte sich ja um sehr stark subventionierte Verk&auml;ufe &ndash;, dann liegt das angeblich nicht daran, dass wir uns am westlichen Imperialismus beteiligen oder Gesch&auml;fte machen, sondern daran, dass wir unserer historischen Verantwortung gerecht werden.<\/p><p>Moralische Narrative als Deckmantel f&uuml;r imperialistische Politik sind allerdings nichts Neues. Der Irakkrieg wurde schlie&szlig;lich auch als Verhinderung von Massenvernichtungswaffen und als Beitrag zur Demokratisierung des Nahen Ostens verkauft.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Deutschland steckt nun allerdings ein wenig in der Bredouille.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Mit der Staatsr&auml;son ist es nicht anders. Der Unterschied besteht nur darin, dass die Staatsr&auml;son bisher noch nicht so stark durchschaut wurde wie die amerikanische Propaganda &uuml;ber Freiheit und Demokratie. Sie dient als Form der Entlastung und Rechtfertigung, letztlich alles zu unterst&uuml;tzen, was Israel tut.<\/p><p>Deutschland steckt nun allerdings ein wenig in der Bredouille, weil Israel seit zweieinhalb Jahren noch einen Schritt weiter gegangen ist als die Verbrechen, die es seit Jahrzehnten an den Pal&auml;stinensern begeht, und Deutschland durch diesen Genozid mit in die Verantwortung gezogen hat.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Wir befinden uns heute in einer Situation, in der Deutschland faktisch ein Mitt&auml;ter ist.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Das soll nicht hei&szlig;en, dass Deutschland hilflos gewesen w&auml;re. Nat&uuml;rlich haben Politiker sich bewusst daf&uuml;r entschieden, Waffen an Israel zu verkaufen und politische R&uuml;ckendeckung zu liefern. Aber es war die logische Konsequenz der bisherigen Israelpolitik. Dabei folgt Deutschland nicht einfach Israel. Israel agiert ebenfalls nicht unabh&auml;ngig. So, wie es urspr&uuml;nglich als Erweiterung britischer Macht gedacht war, ist Israel heute vor allem eine Erweiterung amerikanischer Macht. Deutschland m&ouml;chte die USA nat&uuml;rlich nicht ver&auml;rgern und will gleichzeitig in zweiter Reihe am amerikanischen Imperialismus teilhaben. Deshalb schien es, selbst wenn es im politischen Establishment Deutschlands &ndash; ebenso wie teilweise in den USA &ndash; durchaus Bauchschmerzen gab, nicht m&ouml;glich, die Unterst&uuml;tzung tats&auml;chlich zur&uuml;ckzunehmen.<\/p><p>Wir befinden uns heute in einer Situation, in der Deutschland faktisch ein Mitt&auml;ter ist. Man kann nicht einmal mehr nur von Unterst&uuml;tzung sprechen. Teilweise hat Deutschland Dinge geliefert, ohne die entscheidende Formen von Zerst&ouml;rung und Gewalt gar nicht m&ouml;glich gewesen w&auml;ren. Ein Beispiel sind Panzertriebwerke, die ausschlie&szlig;lich in Deutschland hergestellt werden. Die k&ouml;nnen nicht einfach aus Frankreich oder Amerika kommen. Sie k&ouml;nnen nur aus Deutschland kommen.<\/p><p><strong>Ich w&uuml;rde gern noch zu einer anderen Auspr&auml;gung dieser Entwicklung im deutsch-j&uuml;dischen Verh&auml;ltnis kommen: der Rolle der deutschen Antisemitismusbeauftragten. Es gibt sie inzwischen in den meisten Bundesl&auml;ndern, auf Bundesebene und auch auf EU-Ebene. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind es meistens nichtj&uuml;dische Funktionstr&auml;ger, die dar&uuml;ber urteilen, was antisemitisch ist. Sie entscheiden dar&uuml;ber bzw. weisen darauf hin und haben damit in den letzten Jahren sehr aktiv die Meinungs&auml;u&szlig;erung auch von j&uuml;dischen Intellektuellen, Aktivisten, Akademikern und K&uuml;nstlern eingeschr&auml;nkt, die sich kritisch zu Israel &auml;u&szlig;ern. Das geschieht durch Verbote, Warnungen vor Auftritten oder Meinungs&auml;u&szlig;erungen bis hin zu Verbotsforderungen.<\/strong><\/p><p><strong>Was geht da vor? Wenn man von au&szlig;en und mit etwas Abstand darauf schaut, wirkt diese Entwicklung fast absurd, wenn nichtj&uuml;dische Deutsche j&uuml;dischen Intellektuellen Auftrittsverbote erteilen wegen angeblichem &bdquo;Antisemitismus&ldquo; durch Kritik an Israel. Wie sehen Sie das? K&ouml;nnen Sie das ernst nehmen?<\/strong><\/p><p>Ich nehme es durchaus ernst &ndash; als Problem. Man k&ouml;nnte sagen: als Teil von Deutschlands j&uuml;dischem Problem.<\/p><p>Die Funktion der Antisemitismusbeauftragten besteht offiziell nicht darin, Vertreter der j&uuml;dischen Gesellschaft oder der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung zu sein, sondern gewisserma&szlig;en Gesandte der Mehrheitsbev&ouml;lkerung und Ansprechpartner f&uuml;r die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Sie sollen schauen: Was sind die Bed&uuml;rfnisse der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung? Das Problem ist allerdings, dass es staatliche Positionen sind. Inzwischen hat sich dieses Modell stark ausgeweitet. Es gibt nicht nur Antisemitismusbeauftragte f&uuml;r Bundesl&auml;nder oder die Bundesrepublik, sondern auch f&uuml;r Hochschulen, Polizeibeh&ouml;rden und andere Institutionen. Es ist also ein Modell, das sich immer weiter ausgebreitet hat. Und obwohl es einige wenige Ausnahmen gibt, dienen sie letztlich als Teil der proisraelischen Lobby, indem sie &ndash; wie Sie schon sagten &ndash; kritische Meinungen als antisemitisch brandmarken, unabh&auml;ngig davon, wer sie &auml;u&szlig;ert.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Der Begriff der Staatsr&auml;son dr&uuml;ckt letztlich staatliche Interessen aus &ndash; aus Sicht der Herrschenden.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Sie haben erw&auml;hnt, dass fast keine von ihnen j&uuml;disch sind. Ich habe ja bereits erkl&auml;rt, wof&uuml;r sie offiziell stehen. Das hei&szlig;t nat&uuml;rlich, dass sie gar nicht j&uuml;disch sein m&uuml;ssen, um diese Funktion auszu&uuml;ben. Gleichzeitig ist die Tatsache, dass sie zunehmend auch j&uuml;dische Kritiker Israels wie uns angreifen, ein Hinweis darauf, dass Israel und der Zionismus gar nicht einfach eine j&uuml;dische Angelegenheit sind, sondern Teil des westlichen Imperialismus und damit auch Teil deutscher Staatspolitik.<\/p><p>Der Begriff der Staatsr&auml;son dr&uuml;ckt letztlich staatliche Interessen aus &ndash; aus Sicht der Herrschenden. Und auf einer moralischen Ebene geh&ouml;ren diese Antisemitismusbeauftragten dazu, diese Politik durchzusetzen. Es spielt dann eigentlich keine Rolle mehr, ob die Zielscheiben ihrer Angriffe j&uuml;disch sind oder nicht. Wenn sie dieser Politik im Weg stehen, gelten sie als Gegner.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Das hat einen unangenehmen Beigeschmack von Identit&auml;tsaneignung.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Viele von ihnen &ndash; wie etwa der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker, mit dem ich hier in Frankfurt unmittelbar zu tun habe &ndash; sind zudem sehr explizit christlich gepr&auml;gt. Er ist sogar Mitglied im Deutschen Orden, einem alten Kreuzritterorden.<\/p><p>Trotzdem h&auml;lt er es aus irgendeinem Grund f&uuml;r richtig, bei zahlreichen Auftritten in seiner Funktion als Antisemitismusbeauftragter eine Kippa aufzusetzen. Nat&uuml;rlich ist es in bestimmten Situationen nicht nur Juden vorbehalten, eine Kippa zu tragen &ndash; etwa in einer Synagoge oder bei einer j&uuml;dischen Beerdigung. Aber ansonsten macht es f&uuml;r Nichtjuden keinen Sinn, mit einer Kippa herumzulaufen.<\/p><p>Das hat einen unangenehmen Beigeschmack von Identit&auml;tsaneignung. Gleichzeitig ist es aber ein ziemlich treffendes Sinnbild dieser Situation, in der j&uuml;dische Identit&auml;t vollkommen zionistisch vereinnahmt wird.<\/p><p>Und da es beim Zionismus nicht einfach um etwas J&uuml;disches geht, wird die j&uuml;dische Identit&auml;t auch f&uuml;r die deutsche Staatspolitik vereinnahmt, da sie nur noch f&uuml;r den Zionismus steht. Wenn tats&auml;chliche Juden wie wir uns dagegenstellen, dann stehen wir in einem besonderen Widerspruch zum Staat, weil wir nicht nur die Politik selbst kritisieren und bek&auml;mpfen, sondern auch ihre moralische Grundlage &ndash; n&auml;mlich diese Vereinnahmung des J&uuml;dischen.<\/p><p>Diese wird ja auch von rechten Kr&auml;ften benutzt, um jede Form von Rassismus gegen migrantische, muslimische oder arabische Bev&ouml;lkerungsgruppen zu rechtfertigen &ndash; im Namen des Schutzes j&uuml;dischen Lebens, wie sie es nennen. Das hei&szlig;t: Um Juden zu sch&uuml;tzen, m&uuml;sse man Muslime abschieben.<\/p><p>Solche Forderungen werden immer deutlicher erhoben &ndash; und zwar nicht nur von der AfD, sondern auch von der sogenannten politischen Mitte.<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Wenn der Zentralrat morgen antizionistisch w&auml;re, w&uuml;rde er keine staatlichen Gelder mehr bekommen.&ldquo;<\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p>Und es ist auch klar, dass politische Organisationen wie der Zentralrat der Juden in Deutschland ihren Einfluss nur so lange behalten, wie sie mit der deutschen Staatspolitik kompatibel sind. Wenn der Zentralrat morgen antizionistisch w&auml;re, w&uuml;rde er keine staatlichen Gelder mehr bekommen, weil er dann f&uuml;r den Staat keine Funktion mehr h&auml;tte.<\/p><p>Auch bei vielen anderen j&uuml;dischen Institutionen sieht man &auml;hnliche Zusammenh&auml;nge. Selbst wenn Veranstaltungen gar nichts explizit mit Israel zu tun haben, etwa Ausstellungen &uuml;ber j&uuml;dische Kultur oder Religion, findet man unter den Sponsoren h&auml;ufig die israelische Botschaft oder das Ministerium f&uuml;r Diaspora-Angelegenheiten. Es gibt fast immer irgendeine Verbindung zu Israel. Je mehr Juden sich davon emanzipieren, desto schwieriger wird es zumindest moralisch, diese Staatspolitik zu rechtfertigen.<\/p><p>Deswegen betrachten wir unseren Einspruch als eine wichtige Intervention in diese Politik. Und es ist auch ein Kampf, den wir auf dem Schlachtfeld der Erinnerungspolitik f&uuml;hren.<\/p><p>Wir sagen zum Beispiel: Deutschland kann nicht Gedenkveranstaltungen f&uuml;r die Opfer des Holocaust durchf&uuml;hren und gleichzeitig den Genozid in Gaza leugnen, ignorieren oder sogar unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Es wird so leicht von den Lehren des Holocaust gesprochen. Aber die einzige moralische Lehre aus einem Genozid besteht darin, keine weiteren Genozide zu begehen. Und genau das wurde offensichtlich nicht umgesetzt.<\/p><p><strong>Ende Teil 1<\/strong><\/p><p><em>(Teil 2 folgt morgen)<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Portr&auml;tfoto &ndash; &copy; Wieland Hoban \/ Demo &ndash; &copy; J&uuml;dische Stimme f&uuml;r gerechten Frieden in Nahost e.V.<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Der Erfolg des Zionismus ist ja gewesen, die j&uuml;dische Identit&auml;t derart zu besetzen, dass viele sich keine andere mehr vorstellen k&ouml;nnen. 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