{"id":152310,"date":"2026-06-17T09:00:33","date_gmt":"2026-06-17T07:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152310"},"modified":"2026-06-18T13:33:37","modified_gmt":"2026-06-18T11:33:37","slug":"verantwortlich-fuer-die-niedrigen-renten-in-deutschland-ist-die-politik-und-nicht-die-demographie-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152310","title":{"rendered":"Verantwortlich f\u00fcr die niedrigen Renten in Deutschland ist die Politik und nicht die Demographie \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Die Menschen in Deutschland werden immer &auml;lter und die Zahl der Rentner nimmt zu. Gleichzeitig gehen die Geburtenraten zur&uuml;ck und steigt die Zahl der Menschen, denen die Work-Life-Balance wichtiger ist als die berufliche Kariere. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsleben wird die Wirtschaft in den kommenden Jahren zudem viele Arbeitskr&auml;fte verlieren, die schwer zu ersetzen sein werden. So in etwa sieht das Bild aus, das Politiker, Rentenexperten und Medien von der Rentensituation zeichnen. Es ist das Bild einer &uuml;berforderten Gesellschaft. Und steter Tropfen h&ouml;hlt bekanntlich den Stein. Von <strong>G&uuml;nter Eder<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7225\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-152310-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260617_Verantwortlich_fuer_die_niedrigen_Renten_in_Deutschland_ist_die_Politik_und_nicht_die_Demographie_Teil_1_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260617_Verantwortlich_fuer_die_niedrigen_Renten_in_Deutschland_ist_die_Politik_und_nicht_die_Demographie_Teil_1_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260617_Verantwortlich_fuer_die_niedrigen_Renten_in_Deutschland_ist_die_Politik_und_nicht_die_Demographie_Teil_1_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260617_Verantwortlich_fuer_die_niedrigen_Renten_in_Deutschland_ist_die_Politik_und_nicht_die_Demographie_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=152310-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260617_Verantwortlich_fuer_die_niedrigen_Renten_in_Deutschland_ist_die_Politik_und_nicht_die_Demographie_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260617_Verantwortlich_fuer_die_niedrigen_Renten_in_Deutschland_ist_die_Politik_und_nicht_die_Demographie_Teil_1_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Dieser Artikel liegt auch als <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/260617_Verantwortlich_fuer-_die_niedrigen_Renten_in-_Deutschland-ist-_die_Politik_und_nicht_die_Demographie.pdf\">gestaltetes PDF<\/a> vor. Wenn Sie ihn ausdrucken oder weitergeben wollen, nutzen Sie bitte diese M&ouml;glichkeit. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Demoskopische Umfragen belegen, dass immer mehr Menschen an der Zukunftsf&auml;higkeit der Gesetzlichen Rente zweifeln. Besonders gering ist das Vertrauen bei jungen Leuten. Sie setzen vermehrt auf private Vorsorge und sehen in der Kapitaldeckung die sicherere und renditest&auml;rkere M&ouml;glichkeit, den Lebensabend finanziell abzusichern. Doch wie steht es tats&auml;chlich um die Gesetzliche Rente? Ist sie, wie viele Kritiker glauben, ein Auslaufmodell, das den Herausforderungen der modernen Zeit nicht mehr gewachsen ist?<\/p><p>F&uuml;r mehr Klarheit soll die Alterssicherungskommission sorgen, die von der Bundesregierung im letzten Jahr eingesetzt worden ist. Ihre Aufgabe ist es, Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Rentenreform zu erarbeiten und diese bis Mitte 2026 vorzulegen. W&uuml;rde die Kommission wissenschaftlich an die Problemstellung herangehen, k&ouml;nnte man gespannt sein, zu welchen Ergebnissen sie wohl kommen wird. Da das jedoch nicht zu erwarten ist, ist es nicht allzu schwer vorauszusagen, wie die Vorschl&auml;ge aussehen werden. Denn nur wenige der neun berufenen Experten sind &uuml;berzeugte und engagierte Verteidiger der umlagefinanzierten Rente. F&uuml;r die Mehrheit der Mitglieder d&uuml;rfte hingegen die Ausweitung der privaten Vorsorge im Vordergrund stehen. Im Abschlussbericht wird man folglich einige freundliche Worte zum gesetzlichen Rentensystem finden, gepaart mit Forderungen nach Einsparungen und einer Anhebung des Rentenalters. Dar&uuml;ber hinaus wird man sich vor allem und ausf&uuml;hrlich mit den vielf&auml;ltigen M&ouml;glichkeiten der privaten Altersvorsorge befassen und Vorschl&auml;ge f&uuml;r deren Umsetzung erarbeiten.<\/p><p>Anhand offizieller statistischer Daten soll im Weiteren untersucht werden, wie es tats&auml;chlich um die Gesetzliche Rente steht und welche Ma&szlig;nahmen geeignet w&auml;ren, das Rentensystem nachhaltig zu stabilisieren. Die Auswertung beruht im Wesentlichen auf Daten der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) und des Statistischen Bundesamtes (StBA).<\/p><p>Wenn im Rahmen der vorliegenden Studie Einnahmen oder Ausgaben im Zeitverlauf betrachtet werden, so geschieht dies stets anhand preisbereinigter Werte. Die Bereinigung ist wichtig, da nur so viele Effekte, die f&uuml;r das Verst&auml;ndnis von Zusammenh&auml;ngen wichtig sind, sichtbar werden. Als Bezugsjahr dient das Jahr 2024.<\/p><p>Die Auswertung beginnt mit einer Analyse der Finanzmittel, die die Gesetzliche Rentenversicherung vom Bund erh&auml;lt. Die Geldfl&uuml;sse werden sowohl unter Einnahme- als auch unter Ausgabegesichtspunkten beleuchtet. Daran schlie&szlig;t sich eine entsprechende Analyse der regul&auml;ren Beitragseinnahmen an. Die Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, flie&szlig;en in ein Prognosemodell ein, mit dessen Hilfe abschlie&szlig;end abgesch&auml;tzt wird, wie sich die Gesetzliche Rente unter gegebenen demographischen, wirtschaftlichen und rentenspezifischen Annahmen weiterentwickeln k&ouml;nnte bzw. weiterentwickeln w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Bundesmittel und versicherungsfremde Leistungen<\/strong><\/p><p>Der Abbildung 1 kann entnommen werden, wie sich die Steuermittel, die die GRV vom Bund in den zur&uuml;ckliegenden 35 Jahren erhalten hat, entwickelt haben. Der Verlauf ist sowohl in Preisen des jeweiligen Jahres als auch preisbereinigt dargestellt. (Hier ausnahmsweise nicht bezogen auf das Basisjahr 2024, sondern bezogen auf 1991.)<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260617-eder-renten-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260617-eder-renten-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 1<\/small><\/p><p>Man sieht, dass die an die GRV &uuml;berwiesenen Bundesmittel in dem betrachteten Zeitraum, wenn man sie in Preisen des jeweiligen Jahres betrachtet, stark zugenommen haben. Zwischen 1991 und 2024 stieg der Zahlbetrag von 25,8 Milliarden Euro auf 116,9 Milliarden Euro. Der starke Zuwachs wird vielfach als Beleg daf&uuml;r genommen, dass das gesetzliche Rentensystem ein Fass ohne Boden ist und in der bestehenden Form auf Dauer nicht finanzierbar sein wird.<\/p><p>Das best&auml;tigt sich nicht, wenn man die Entwicklung preisbereinigt betrachtet. Zwar steigen die Zuwendungen des Bundes an die GRV auch in diesem Fall zun&auml;chst stark an, doch ist nach 2003 kein weiterer systematischer Anstieg mehr zu verzeichnen. Die Kurve weist in dieser Zeit einen leicht wellenf&ouml;rmigen Verlauf auf, und im Jahr 2024 sind die Zuwendungen weder h&ouml;her noch niedriger als im Jahr 2003. Preisbereinigt hat es in den letzten 20 Jahren folglich keine echte Zunahme der &uuml;berwiesenen Bundesmittel gegeben.<\/p><p>Und betrachtet man die Bundesmittel in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, so ist der Anteil seit 2003 sogar zur&uuml;ckgegangen, und das recht deutlich: von 3,5 Prozent (2003) auf 2,7 Prozent (2024). Die Entwicklung des Umfangs steuerlicher Zuwendungen ist folglich alles andere als dramatisch.<\/p><p>Aber warum ben&ouml;tigt die GRV &uuml;berhaupt Steuermittel in so unerheblichem Umfang? Ist sie nicht in der Lage, aus eigener Kraft angemessene Altersrenten zu finanzieren? Die Vermutung liegt nahe, ist jedoch falsch. Der Grund ist vielmehr, dass der Leistungskatalog der GRV, aus gesamtgesellschaftlichen Erw&auml;gungen heraus, immer st&auml;rker ausgeweitet wird. Und um die damit verbundenen h&ouml;heren Kosten schultern zu k&ouml;nnen, ist die GRV auf steigende steuerliche Zuwendungen angewiesen.<\/p><p>Ein Charakteristikum der zus&auml;tzlichen Ausgaben ist, dass sie nicht dem &Auml;quivalenzprinzip unterliegen, an das die GRV grunds&auml;tzlich gebunden ist, und das besagt, dass zwischen der H&ouml;he des Rentenanspruchs und der H&ouml;he der eingezahlten Beitr&auml;ge ein nachvollziehbarer Zusammenhang bestehen muss. Da dies bei den zus&auml;tzlich zu erbringenden Leistungen nicht der Fall ist, werden diese auch als &bdquo;versicherungsfremde Leistungen&ldquo; bezeichnet. Beispiele hierf&uuml;r sind die West-Ost-Transferleistungen, die abschlagsfreien Fr&uuml;hverrentungen oder auch die Rentenanspr&uuml;che aufgrund geleisteter Kindererziehungsarbeit (M&uuml;tterrente).<\/p><p>Den Begriff der versicherungsfremden Leistung darf man nicht missverstehen. Er besagt nicht, dass eine Rentenzahlung als solche falsch oder ungerecht ist, sondern verweist lediglich darauf, dass die Kosten von der Allgemeinheit zu tragen sind (&uuml;ber Steuermittel) und nicht den Rentenversicherten aufgeb&uuml;rdet werden d&uuml;rfen.<\/p><p>Eine Sonderrolle haben hier die Hinterbliebenenrente und die Erwerbsminderungsrente. Diese werden traditionell dem Kernaufgabenbereich der GRV zugerechnet, obwohl auch sie nicht dem &Auml;quivalenzprinzip unterliegen. Daran wird auch im Rahmen der vorliegenden Studie festgehalten, obwohl es gute Gr&uuml;nde g&auml;be, auch diese Leistungen als versicherungsfremd einzustufen. Von den regul&auml;ren Beitragseinnahmen flossen im Jahr 2024 etwa 49 Milliarden Euro in die Finanzierung dieser Renten: 22 Milliarden Euro in die Erwerbsminderungsrente und 27 Milliarden Euro in die Hinterbliebenenrente. Zur Kompensierung negativer finanzieller Effekte, die beim Rentensplitting auftreten, werden Hinterbliebenenrenten zus&auml;tzlich noch in erheblichem Umfang durch Bundesmittel aufgestockt (vgl. Tab. 1).<\/p><p>Von den insgesamt 116 Milliarden Euro, die die GRV 2024 an Bundesmitteln erhalten hat, dienten allein 90 Milliarden Euro der Finanzierung versicherungsfremder Leistungen. Lediglich der &bdquo;Erh&ouml;hungsbetrag zum zus&auml;tzlichen Bundeszuschuss&ldquo;, der sich auf 15 Milliarden Euro bel&auml;uft, stellt einen &bdquo;echten&ldquo; Bundeszuschuss dar. Dieser ist im Jahr 2000 mit dem Ziel eingef&uuml;hrt worden, die allgemeine Einnahmesituation der GRV zu verbessern und so einen (aus politischer Sicht) zu starken Anstieg des Rentenbeitragssatzes zu verhindern. Der Beitragssatz h&auml;tte ansonsten um etwa einen Prozentpunkt angehoben werden m&uuml;ssen. Die Entscheidung, einen Gro&szlig;teil der Einnahmen aus der &Ouml;kosteuer hierf&uuml;r zu verwenden, ist auf Bundeskanzler Schr&ouml;der zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, der auf diese Weise Energie teurer und Arbeit billiger machen wollte.<\/p><p>Bei den verbleibenden elf Milliarden Euro handelt es sich um zweckgebundene Gelder, die f&uuml;r die vorliegende Studie nicht weiter von Interesse sind. Es sind durchlaufende Posten, bei denen die GRV nur als Verteiler fungiert. Wichtigste Empf&auml;nger sind die Knappschaftsversicherung und Personen, die Anspruch auf Rentenzuschl&auml;ge gem&auml;&szlig; dem Anwartschafts&uuml;berf&uuml;hrungsgesetz haben.<\/p><p>Abbildung 2 vermittelt einen Eindruck von der Entwicklung der Bundesmittel, die f&uuml;r versicherungsfremde Leistungen zur Verf&uuml;gung gestellt worden sind. Der in den 1990er-Jahren zu beobachtende starke Anstieg der Gelder ist zum einen auf die steigenden West-Ost-Transferzahlungen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren (H&ouml;herwertung der Ost-Entgelte) und zum anderen auf die abschlagsfreie bzw. abschlagsreduzierte Fr&uuml;hverrentung &auml;lterer Arbeitnehmer, die von der Bundesregierung damals gef&ouml;rdert wurde, um die Arbeitslosenzahlen zu senken.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260617-eder-renten-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260617-eder-renten-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 2<\/small><\/p><p>Ab 1998 &uuml;bt dann eine &Auml;nderung im Sozialgesetzbuch starken Einfluss auf den Zahlbetrag aus. Dieser steigt deutlich an, da Rentenanspr&uuml;che, die aus geleisteter Kindererziehungsarbeit resultieren (M&uuml;tterrente), ab jetzt vollst&auml;ndig &uuml;ber Steuermittel finanziert werden m&uuml;ssen. Im Jahr 1999 steigen die &uuml;berwiesenen Bundesmittel dadurch um elf Milliarden Euro und im Folgejahr um weitere sieben Milliarden Euro an.<\/p><p>Danach nehmen die f&uuml;r die M&uuml;tterrente &uuml;berwiesenen Bundesmittel nicht weiter zu, sondern gehen &uuml;ber einen Zeitraum von 13 Jahren sogar um drei Milliarden Euro zur&uuml;ck. Erst mit der Verabschiedung der M&uuml;tterrente I (2014) und der M&uuml;tterrente II (2018) steigen die &uuml;berwiesenen Betr&auml;ge wieder an. Trotzdem stehen der GRV im Jahr 2024 nicht mehr Steuermittel f&uuml;r die M&uuml;tterrente zur Verf&uuml;gung als im Jahr 2000, n&auml;mlich 18 Milliarden Euro &ndash; und das, obwohl die Zahl der Anspruchsberechtigten stark zugenommen hat und die Renten angestiegen sind. An der tendenziellen Unterfinanzierung, die sich hier zeigt, wird sich aber wohl auch in Zukunft wenig &auml;ndern. Vielmehr ist zu bef&uuml;rchten, dass auch die Kosten f&uuml;r die 2025 beschlossene M&uuml;tterrente III (auch S&ouml;der-Rente genannt), die sich auf etwa zwei Milliarden Euro j&auml;hrlich belaufen wird, zum Gro&szlig;teil auf die GRV abgew&auml;lzt wird.<\/p><p>Welche als versicherungsfremd einzustufenden Leistungen m&uuml;ssen dar&uuml;ber hinaus noch von der GRV finanziert werden? Hier&uuml;ber informiert die GRV in unregelm&auml;&szlig;igen Zeitabst&auml;nden. Die Zusammenstellung in Tabelle 1 ist der Ver&ouml;ffentlichung &bdquo;Nicht beitragsgedeckte Leistungen und Bundeszusch&uuml;sse&ldquo; des Jahres 2023 entnommen. Die Tabelle gibt f&uuml;r die wichtigsten Posten Auskunft &uuml;ber die H&ouml;he der Ausgaben.<\/p><p>Tabelle 1<\/p><table border=\"1\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#c0c0c0\">\n<strong>Ausgaben f&uuml;r versicherungsfremde Leistungen 2023<\/strong>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#c0c0c0\">\n<strong>in Mrd. Euro*<\/strong>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>West-Ost-Transfer<br>\n(H&ouml;herwertung der Ostentgelte)<\/td>\n<td>\n36,4\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Kindererziehungszeiten (M&uuml;tterrente)<\/td>\n<td>\n21,1\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Splitting &uuml;bersteigender Anteil<br>\nder Hinterbliebenenrenten<\/td>\n<td>\n18,7\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Altersrenten vor der Regelaltersgrenze<br>\n(ohne vollen Abschlag)<\/td>\n<td>\n13,3\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Anrechnungszeiten<br>\n(wg. Arbeitslosigkeit, Schulausbildung &hellip;)<\/td>\n<td>\n8,9\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Zeiten nach dem Fremdrentengesetz<br>\n(Sp&auml;taussiedler)<\/td>\n<td>\n5,6\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>sonstige Ausgaben<\/td>\n<td>\n20,1\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Gesamtausgaben<\/td>\n<td>\n124,1\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>* in Preisen des Jahres 2023<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p>Insgesamt gab die Gesetzliche Rentenversicherung im Jahr 2023 124 Milliarden Euro f&uuml;r versicherungsfremde Leistungen aus. Davon entfielen allein 36 Milliarden Euro auf West-Ost-Transferleistungen und 21 Milliarden Euro auf die M&uuml;tterrente. Den Ausgaben stehen auf der Einnahmeseite lediglich Steuermittel in H&ouml;he von 86 Milliarden Euro gegen&uuml;ber. Es besteht im Jahr 2023 folglich ein Einnahmedefizit von 38 Milliarden Euro, das &uuml;ber die regul&auml;ren Beitragseinnahmen der GRV ausgeglichen werden muss.<\/p><p>Aus Abbildung 3 ist zu ersehen, dass die Ausgaben f&uuml;r versicherungsfremde Leistungen nicht nur im Jahr 2023, sondern durchweg h&ouml;her liegen als die zur Verf&uuml;gung gestellten Bundesmittel. Woher r&uuml;hrt die Diskrepanz, und warum ist sie so hoch? Um das beurteilen zu k&ouml;nnen, m&uuml;sste man wissen, welche Betr&auml;ge die Regierung f&uuml;r die einzelnen Ausgabeposten veranschlagt hat. Doch hierzu verweigert das Bundesministerium f&uuml;r Arbeit und Soziales jede detaillierte Auskunft. Vom Bundesrechnungshof ist dieser Sachverhalt im Jahr 2023 deutlich kritisiert worden. Der Aufforderung, hier f&uuml;r mehr Transparenz zu sorgen, ist die Bundesregierung bisher nicht nachgekommen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260617-eder-renten-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260617-eder-renten-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 3<\/small><\/p><p>Eine Ausnahme, was die fehlende Transparenz betrifft, macht die M&uuml;tterrente. Vermutlich aufgrund der expliziten Erw&auml;hnung im Sozialgesetzbuch werden die Zahlungen f&uuml;r die M&uuml;tterrente offiziell ausgewiesen. Sie beliefen sich 2023 auf 17,3 Milliarden Euro. Diesen Einnahmen stehen Ausgaben in H&ouml;he von 21,1 Milliarden Euro gegen&uuml;ber. Es besteht also auch hier, trotz eindeutiger und anderslautender Rechtslage, ein Defizit von 3,9 Milliarden Euro.<\/p><p>In Abbildung 4 sind die nicht durch Bundesmittel gedeckten Ausgaben f&uuml;r versicherungsfremde Leistungen im zeitlichen Verlauf aufgetragen. Danach ist im Jahr 1996 die gr&ouml;&szlig;te Differenz zu verzeichnen, da knapp 52 Milliarden Euro an ungedeckten versicherungsfremden Leistungen aus den Beitragseinnahmen der GRV finanziert werden m&uuml;ssen. Das enorme Defizit stellte damals eine ernste Gefahr f&uuml;r die Stabilit&auml;t des gesamten Alterssicherungssystems dar.<\/p><p>Ausl&ouml;ser f&uuml;r diese fatale Entwicklung war das Konzept der Bundesregierung, die hohen Arbeitslosenzahlen dadurch zu senken, dass m&ouml;glichst viele arbeitslos gemeldete &auml;ltere Arbeitnehmer freiwillig aus dem Arbeitsleben ausscheiden und vorzeitig in Rente gehen. Um m&ouml;glichst viele Betroffene zu diesem Schritt zu bewegen, bot man ihnen an, die Altersrente nicht um die sonst &uuml;blichen Abschl&auml;ge zu reduzieren. Dieser lukrative Weg in die Rente ist dann von wesentlich mehr Menschen genutzt worden, als erwartet worden war, mit der Folge, dass die Rentenausgaben massiv und unkontrolliert in die H&ouml;he schossen.<\/p><p>Um die desolate Finanzlage in den Griff zu bekommen, veranlasste die Bundesregierung, dass der GRV zus&auml;tzliche Geldmittel in betr&auml;chtlicher H&ouml;he zuflossen. Zu diesem Zweck hob sie den &auml;u&szlig;erst niedrigen Rentenbeitragssatz, der bis dahin f&uuml;r Empf&auml;nger von Arbeitslosenhilfe galt, massiv an und sorgte so daf&uuml;r, dass von 1995 bis 1999 j&auml;hrlich etwa zehn Milliarden Euro zus&auml;tzlich in die Rentenkasse flossen (vgl. hierzu die Abb. 7). Im Jahr 2000, als das Schlimmste &uuml;berstanden war, ist der Beitragssatz wieder auf das niedrige vorherige Niveau abgesenkt worden.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260617-eder-renten-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260617-eder-renten-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 4<\/small><\/p><p>Erg&auml;nzend dazu wurde die Zahl der Fr&uuml;hverrentungen zur&uuml;ckgefahren und wurden erhebliche Bundesmittel f&uuml;r die M&uuml;tterrente bereitgestellt. Insgesamt erstreckte sich der Prozess der Konsolidierung &uuml;ber einen Zeitraum von elf Jahren und f&uuml;hrte dazu, dass der Umfang ungedeckter versicherungsfremder Leistungen von 52 Milliarden Euro im Jahr 1996 auf nur mehr 15 Milliarden Euro im Jahr 2007 zur&uuml;ckging.<\/p><p>Ab 2010 kehrte sich die Entwicklung dann wieder um &ndash; zun&auml;chst nur langsam, doch dann immer deutlicher und st&auml;rker. Treiber hierf&uuml;r sind vor allem die steigenden West-Ost-Transferleistungen und die hohen Ausgaben f&uuml;r die M&uuml;tterrente. Mittlerweile haben die ungedeckten versicherungsfremden Leistungen wieder ein bedenkliches Niveau erreicht. Mit einem Volumen von 43 Milliarden Euro (2024) sind sie nicht mehr allzu weit von dem Allzeithoch des Jahres 1996 entfernt.<\/p><p>Summiert man die j&auml;hrlichen Defizitbetr&auml;ge auf, so hat die Gesetzliche Rentenversicherung seit 1991 insgesamt 1,1 Billionen Euro f&uuml;r ungedeckte versicherungsfremde Leistungen aufbringen m&uuml;ssen. Das Geld stammt aus den Pflichtbeitr&auml;gen der Versicherten, steht also f&uuml;r die Finanzierung regul&auml;rer Altersrenten nicht zur Verf&uuml;gung.<\/p><p>W&auml;ren die versicherungsfremden Leistungen vollst&auml;ndig &uuml;ber Steuern finanziert worden, h&auml;tten s&auml;mtliche f&uuml;r den Bundeshaushalt relevanten Steuern um durchschnittlich 8,5 Prozent angehoben werden m&uuml;ssen, die Mehrwertsteuer also beispielsweise von 19,0 Prozent auf 20,6 Prozent.<\/p><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152408\">den zweiten Teil des Artikels<\/a> lesen.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: DesignRage\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/0bd632b2cdc94652be9c65debee886f9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Menschen in Deutschland werden immer &auml;lter und die Zahl der Rentner nimmt zu. Gleichzeitig gehen die Geburtenraten zur&uuml;ck und steigt die Zahl der Menschen, denen die Work-Life-Balance wichtiger ist als die berufliche Kariere. 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