{"id":152357,"date":"2026-06-17T10:00:24","date_gmt":"2026-06-17T08:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152357"},"modified":"2026-06-17T10:16:19","modified_gmt":"2026-06-17T08:16:19","slug":"gibt-es-eine-juedische-identitaet-jenseits-von-israel-und-staatsraeson-ein-interview-mit-wieland-hoban-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152357","title":{"rendered":"Gibt es eine j\u00fcdische Identit\u00e4t jenseits von Israel und Staatsr\u00e4son? \u2013 Ein Interview mit Wieland Hoban (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir stellen uns gegen diese gesamte Politik (Israels). Und zwar aus einer dezidiert j&uuml;dischen Position heraus, indem wir sagen, dass die j&uuml;dische Geschichte und auch die Leidenserfahrungen der letzten Jahrhunderte &ndash; vor allem des letzten Jahrhunderts, aber auch der Jahrhunderte davor, nicht dazu benutzt werden d&uuml;rfen, Unrecht in Pal&auml;stina zu rechtfertigen. Ebenso wenig d&uuml;rfen sie dazu benutzt werden, die Verfolgung von Migranten in Deutschland zu rechtfertigen.&ldquo;<\/p><p>Der Vorsitzende der &bdquo;J&uuml;dischen Stimme f&uuml;r gerechten Frieden in Nahost&ldquo;, <strong>Wieland Hoban<\/strong>, widerspricht einer in Deutschland weit verbreiteten Gleichsetzung von j&uuml;discher Identit&auml;t mit Zionismus und israelischer Staatspolitik. Im Interview spricht er &uuml;ber j&uuml;dische Geschichte, die deutsche Staatsr&auml;son, den Umgang mit Israelkritik und die Rolle der Antisemitismusbeauftragten sowie die politischen Folgen des Krieges in Gaza. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6317\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-152357-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_2_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_2_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_2_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=152357-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260616_Gibt_es_eine_juedische_Identitaet_jenseits_von_Israel_und_Staatsraeson_Ein_Interview_mit_Wieland_Hoban_Teil_2_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Teil 1 finden sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152298\">hier<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Maike Gosch: Noch einmal zu den Antisemitismusbeauftragten. Sie haben &uuml;ber deren Funktion als Durchsetzer von Staatsinteressen oder auch imperialen Interessen gesprochen. Ich habe dazu etwas recherchiert, und mir schien es &ndash; ob das stimmt, wei&szlig; ich nat&uuml;rlich nicht &ndash;, dass einige von ihnen ihre Rolle sehr ernst nehmen. Also, dass sie wirklich an das glauben, was sie tun, wenn sie auch ihre Rolle starr und autorit&auml;r interpretieren und aus&uuml;ben.<\/strong><\/p><p><strong>Warum, glauben Sie, halten sie so stark an dieser engen Definition j&uuml;discher Identit&auml;t beziehungsweise dieser Auslegung von Antisemitismus fest, die dann so repressiv gegen&uuml;ber Israelkritik wirkt? Und: Gibt es von Ihrer Seite oder der Seite des Vereins Gespr&auml;che mit ihnen? Kann man mit ihnen reden? Man kann sich kaum vorstellen, dass ihr Selbstverst&auml;ndnis im Austausch mit israelkritischen j&uuml;dischen Menschen nicht irgendwann ins Wanken ger&auml;t. Das ist nat&uuml;rlich spekulativ, aber mich w&uuml;rde interessieren, was Ihr Eindruck von den Menschen ist, die das so vertreten und umsetzen.<\/strong><\/p><p><strong>Wieland Hoban<\/strong>: Also, es ist wie bei Politikern allgemein. Manche haben vielleicht aufrichtige &Uuml;berzeugungen, andere sind eher zynische Karrieristen. Und diese ganze Antisemitismusindustrie, wie ich sie bezeichne &ndash; also nicht nur die Stellen der Antisemitismusbeauftragten, sondern auch sogenannte Monitoring-Organisationen wie RIAS oder die ganzen vermeintlichen Bildungsprogramme an Universit&auml;ten, Seminare zu Antisemitismus oder Aktionstage gegen Antisemitismus &ndash;, das ist ein Betrieb. Es ist ein staatlich gef&ouml;rderter Betrieb.<\/p><p>Und darin kann man durchaus Karriere machen. Man sieht das auch bei Journalisten wie Nicholas Potter. Das kann einfach ein Karrierezweig unter vielen sein. Nat&uuml;rlich gibt es auch Menschen, die fest daran glauben, weil es mit ihrem moralischen Selbstwert als Deutsche zu tun hat. Es wertet sie selbst auf, wenn sie glauben, Teil einer moralisch richtigen Sache zu sein.<\/p><blockquote><p>\n<em><strong>&bdquo;Die einzige Vorstellung von Antisemitismus, die f&uuml;r die deutsche Staatspolitik wirklich relevant erscheint, ist die Gegnerschaft zu Israel.&ldquo;<\/strong><\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und wie &uuml;berall in der Politik gibt es ein Spektrum, auf dem sich ehrliche &Uuml;berzeugung und Karrierismus in unterschiedlichen Mischungen verbinden. Manche legen sich vielleicht auch &Uuml;berzeugungen auf Grundlage von Karriereinteressen zurecht. All das ist m&ouml;glich. Deshalb halte ich mich mit Spekulationen &uuml;ber einzelne Akteure eher zur&uuml;ck.<\/p><p>Manche sind vielleicht argumentativ zug&auml;nglicher als andere. Einige kommen direkt aus offiziellen Israellobby-Kreisen wie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Andere haben eher einen akademischen Hintergrund, wie beispielsweise Prof. Uffa Jensen an der TU Berlin. Er ist einer der wenigen einigerma&szlig;en vern&uuml;nftigen Antisemitismusbeauftragten, der auch die &bdquo;Jerusalem Declaration on Antisemitism&ldquo; unterzeichnet hat &ndash; gemeinsam mit vielen anderen Wissenschaftlern. Dementsprechend war seine Berufung umstritten, weil er diese Funktion nicht im Sinne der Staatsr&auml;son aus&uuml;bt. Es gab sofort Einspruch von Josef Schuster, dem Pr&auml;sidenten des Zentralrats der Juden. F&uuml;r ihn war jemand wie Jensen nat&uuml;rlich viel zu kritisch gegen&uuml;ber Israel. Das zeigt, dass die Frage, ob jemand tats&auml;chlich etwas &uuml;ber Antisemitismus wei&szlig;, oft zweitrangig ist.<\/p><p>Die einzige Vorstellung von Antisemitismus, die f&uuml;r die deutsche Staatspolitik wirklich relevant erscheint, ist die Gegnerschaft zu Israel &ndash; was nat&uuml;rlich nicht antisemitisch ist. Aber in fast jedem &ouml;ffentlich diskutierten Fall von angeblichem Antisemitismus geht es letztlich um Israel. Und diese Vorf&auml;lle werden gez&auml;hlt &ndash; etwa von Organisationen wie RIAS. Dann erscheint ein Bericht, und anschlie&szlig;end hei&szlig;t es, der Antisemitismus sei massiv angestiegen und er komme vor allem von muslimischen Migranten. Daraus wird dann abgeleitet, dass man mehr abschieben m&uuml;sse, mehr Antisemitismusbeauftragte brauche, mehr Seminare zum Thema Antisemitismus und mehr Richtlinien an Schulen und Hochschulen dar&uuml;ber, was gesagt werden darf. Es handelt sich also um ein System, das sich selbst verst&auml;rkt. Und wenn man innerhalb dieses Systems einmal eine Karriere begonnen hat, kann man darin durchaus erfolgreich werden.<\/p><p><strong>Dann kommen wir doch zu Ihrem Verein, der &bdquo;J&uuml;dischen Stimme f&uuml;r gerechten Frieden in Nahost&ldquo;. Was k&ouml;nnen sie zu dessen Anliegen oder Zielen sagen? Also: Auf was f&uuml;r eine Welt oder auf welche Situation arbeitet der Verein hin?<\/strong><\/p><p>Wir stellen uns gegen die Verbrechen des Zionismus, gegen die Nakba, gegen die Besatzung seit 1967 sowie nat&uuml;rlich gegen den Genozid seit 2023. Wir verstehen das als ein zusammenh&auml;ngendes Projekt und nicht als einzelne historische Ereignisse, die nichts miteinander zu tun h&auml;tten oder nur darauf beruhen w&uuml;rden, dass die arabischen L&auml;nder von Anfang an gegen Israel gewesen seien.<\/p><p>Aus unserer Sicht war das Ziel des zionistischen Projekts von Anfang an, die Pal&auml;stinenser aus Pal&auml;stina zu entfernen. Ob dies durch Vertreibung oder Ermordung geschieht, war dabei zweitrangig. Bei der Nakba stand die Vertreibung st&auml;rker im Vordergrund (mit ca. 750.000 Vertriebenen), wobei auch damals &uuml;ber 10.000 Menschen get&ouml;tet wurden.<\/p><p>Im aktuellen Genozid sehen wir das T&ouml;ten besonders in Gaza im Vordergrund. Gleichzeitig l&auml;uft die ethnische S&auml;uberung im Westjordanland auf Hochtouren, und auch innerhalb der Gr&uuml;nen Linie wird die Situation f&uuml;r die pal&auml;stinensische Bev&ouml;lkerung immer gef&auml;hrlicher. Das hei&szlig;t: Wir stellen uns gegen diese gesamte Politik.<\/p><p>Und zwar aus einer dezidiert j&uuml;dischen Position heraus, indem wir sagen, dass die j&uuml;dische Geschichte und auch die Leidenserfahrungen der letzten Jahrhunderte &ndash; vor allem des letzten Jahrhunderts, aber auch der Jahrhunderte davor, nicht dazu benutzt werden d&uuml;rfen, Unrecht in Pal&auml;stina zu rechtfertigen. Ebenso wenig d&uuml;rfen sie dazu benutzt werden, die Verfolgung von Migranten in Deutschland zu rechtfertigen.<\/p><p>Wir sagen, dass das nicht unserer j&uuml;dischen Tradition entspricht. Wir f&uuml;hlen uns vielmehr einer Tradition der Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t verpflichtet und k&auml;mpfen daf&uuml;r, dass diese sich durchsetzt.<\/p><p><strong>Ich habe vor Kurzem ein Gespr&auml;ch mit dem Philosophen Elad Lapidot in der US-amerikanischen Zeitschrift <em>Jewish Currents<\/em> gelesen. Es hat den Titel <a href=\"https:\/\/jewishcurrents.org\/when-jewishness-means-genocide\"><em>&bdquo;When Jewishness Means Genocide&ldquo;<\/em><\/a> (&bdquo;Wenn J&uuml;dischsein V&ouml;lkermord bedeutet&ldquo;). Dort schlug Lapidot vor beziehungsweise sagte, dass vor dem Hintergrund der Taten Israels aus seiner Sicht eine <em>&bdquo;radical reinvention&ldquo;<\/em>, also eine radikale Neuerfindung oder Transformation des J&uuml;dischseins notwendig sei.<\/strong><\/p><p><strong>W&ouml;rtlich sagt er, es brauche &bdquo;<em>eine neue Form des Judentums, die sich solidarisch mit den Schwachen, Unterdr&uuml;ckten und Opfern von V&ouml;lkermord zeigt. Eine Form, die nicht mit M&auml;chten konform geht, die den Kampf gegen Antisemitismus zynisch dazu nutzen, v&ouml;lkerm&ouml;rderische Politik zu rechtfertigen.&ldquo;<\/em> Das klingt sehr &auml;hnlich zu dem, was Sie vertreten.<\/strong><\/p><p>Ja, auf jeden Fall.<\/p><p><strong>Ich glaube auch, er meint das &auml;hnlich wie Sie &ndash; im Grunde gar nicht unbedingt als etwas Neues, sondern eher als eine R&uuml;ckbesinnung.<\/strong><\/p><p>Ja. Er zitiert in dem Interview auch aus dem Talmud. Es gibt sowohl in der j&uuml;ngeren als auch der fr&uuml;heren j&uuml;dischen Geschichte Str&auml;nge, die sich aufgreifen und weiterf&uuml;hren lassen, um eine andere Art von Judentum und j&uuml;discher Identit&auml;t frei vom Zionismus aufzubauen. Damit befasse ich mich in meinem aktuellen Buchprojekt <em>&bdquo;After Zionism: Towards a New Jewish Left&ldquo;<\/em> <em>(Anm. d. Red.: Noch nicht ver&ouml;ffentlicht<\/em>).<\/p><p><strong>Dann kommen wir noch zu der Situation, dass es nicht nur Verbotsforderungen gegen ihren Verein von Seiten der Antisemitismusbeauftragten gibt, sondern auch eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz und die Bezeichnung <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134433\">im Verfassungsschutzbericht als &bdquo;gesichert extremistisch&ldquo;<\/a>. Soweit ich wei&szlig;, gab es eine Entscheidung in Berlin, die besagte, dass der Verfassungsschutz den Verein in seinem Bericht nicht als &bdquo;gesichert extremistisch&ldquo; auff&uuml;hren d&uuml;rfe. Sp&auml;ter gab es dann eine Entscheidung aus K&ouml;ln, allerdings, soweit ich wei&szlig;, nur im Eilverfahren, die gegen den Verein ausgefallen ist. K&ouml;nnen Sie vielleicht kurz erkl&auml;ren, was Ihnen &uuml;berhaupt vorgeworfen wird? Also: Warum gelten Sie als extremistisch?<\/strong><\/p><p>Zum einen rufen wir zum Boykott Israels auf. Das hei&szlig;t, wir unterst&uuml;tzen die BDS-Bewegung. Das wird gewisserma&szlig;en auch als eine Art Boykott gegen Deutschland verstanden, weil israelische Politik sehr eng mit deutscher Politik zusammenh&auml;ngt. Deswegen ist das f&uuml;r den deutschen Staat so anst&ouml;&szlig;ig. Zum anderen wird uns vorgeworfen, Gewalt in Pal&auml;stina zu bef&uuml;rworten und uns mit anderen extremistischen Akteuren zu verb&uuml;nden. Beide Entscheidungen ergingen im Eilverfahren. Wir haben zwei unterschiedliche Verfahren gef&uuml;hrt.<\/p><p>Zum einen in Berlin gegen das Innenministerium, weil das Innenministerium den j&auml;hrlichen Verfassungsschutzbericht ver&ouml;ffentlicht. Dort ging es darum, die entsprechenden Passagen &uuml;ber uns als &bdquo;gesichert extremistische Organisation&ldquo; streichen zu lassen. Nachdem wir gewonnen hatten, wurden dann im Bericht f&uuml;r 2024, in dem wir urspr&uuml;nglich aufgef&uuml;hrt waren, die entsprechenden Stellen entfernt. Die Gegenseite hat inzwischen Beschwerde eingelegt. Das Verfahren liegt nun beim Oberverwaltungsgericht Berlin. Zuvor war das Berliner Verwaltungsgericht zust&auml;ndig. Wir werden sehen, wie es ausgeht.<\/p><p>In K&ouml;ln l&auml;uft das Verfahren gegen den Verfassungsschutz selbst, der ja in K&ouml;ln sitzt. Obwohl das Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz dem Bundesinnenministerium untersteht, entscheidet die Beh&ouml;rde selbst, ob sie uns f&uuml;r extremistisch h&auml;lt oder nicht und ob sie uns entsprechend beobachtet.<\/p><p>Nachdem wir gegen diese Einstufung geklagt hatten, entschied das Verwaltungsgericht K&ouml;ln, dass die Einstufung rechtm&auml;&szlig;ig sei.<\/p><blockquote><p>\n<em><strong>&bdquo;Wir werden laufend ausgeladen oder &sbquo;gecancelt&lsquo;.&ldquo;<\/strong><\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Der Grund f&uuml;r die beiden Klagen ist, dass uns nicht nur die Verbreitung dieser Informationen schadet, weil sie uns stigmatisiert. Wir werden laufend ausgeladen oder &bdquo;gecancelt&ldquo;, weil etwa eine Universit&auml;t keinen Gastredner einladen m&ouml;chte, der einer extremistischen Organisation angeh&ouml;rt. Und selbst wenn sie es m&ouml;chte, gibt es oft Menschen aus verschiedenen Lobbygruppen, die emp&ouml;rte Briefe dagegen schreiben.<\/p><p>Vor allem aber ist die Einstufung selbst sch&auml;dlich &ndash; unabh&auml;ngig davon, ob sie &ouml;ffentlich gemacht wird. Denn genau diese Einstufung gibt dem Inlandsgeheimdienst die Befugnis, uns zu &uuml;berwachen. Und das wollen wir verhindern. Schon die blo&szlig;e Einstufung stellt eine Gef&auml;hrdung besonders f&uuml;r Mitglieder dar, die sich in Einb&uuml;rgerungsverfahren befinden oder im &ouml;ffentlichen Dienst arbeiten.<\/p><p>Der Sinn dieser Einstufung besteht nat&uuml;rlich darin, uns sowohl einzusch&uuml;chtern als auch unsere Handlungsm&ouml;glichkeiten einzuschr&auml;nken. Sie soll beispielsweise bewirken, dass Mitglieder austreten, weil sie Angst haben, keine deutsche Staatsb&uuml;rgerschaft zu bekommen, weil sie im &ouml;ffentlichen Dienst arbeiten oder einfach weil sie Angst davor haben, vom Staat beobachtet zu werden. Man wei&szlig; ja nicht, in welchem Umfang das tats&auml;chlich geschieht. Diese Informationen bekommt man nicht. Ich wei&szlig; nicht, wie wichtig es dem Staat ist, mein Telefon abzuh&ouml;ren. Vielleicht ist es ihm &uuml;berhaupt nicht wichtig. Aber indem er sich die Befugnisse dazu gibt, sendet er die Botschaft: Wir haben euch im Auge.<\/p><p>Aber das ist gleichzeitig auch eine Best&auml;tigung unserer Arbeit, denn es bedeutet, dass unsere Arbeit Wirkung hat und vom Staat als st&ouml;rend empfunden wird.<\/p><p><strong>Es bedroht auf jeden Fall die bestehende Erz&auml;hlung &ndash; gerade Ihre Organisation. Zum Abschluss noch ein kleiner Ausblick in die Zukunft: Sehen Sie Bewegung in dieser Erz&auml;hlkonstruktion, in der wir uns in Deutschland bewegen, was Israel, Staatsr&auml;son, j&uuml;dische Identit&auml;t, Moral und deutsche Pflicht angeht? &Ouml;ffnet oder ver&auml;ndert sich der deutsche Diskurs? Und wie lie&szlig;e sich dieser Knoten l&ouml;sen?<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte zwischen zwei Ebenen oder zwei Bereichen des Diskurses unterscheiden:<\/p><p>Zum einen gibt es den freien Diskurs, der sich in unabh&auml;ngigen Medien, anderen Online-Plattformen, Diskussionsforen oder pers&ouml;nlichen Kontakten entfalten kann. Und zum anderen gibt es den staatlichen Diskurs. Interessanterweise kann man beobachten, dass in manchen Zeitungen beide Diskurse gleichzeitig vorkommen.<\/p><p>Es gibt in der gleichen Zeitung vielleicht den einen Meinungsartikel, der darauf hinweist, dass es nicht stimmt, dass alle Juden Israel unterst&uuml;tzen, und dass Deutschland den Genozid in Gaza nicht mit dem Holocaust rechtfertigen kann. Und vielleicht erscheint am n&auml;chsten Tag ein anderer Artikel, in dem gesagt wird, Deutschland habe die Verantwortung, uneingeschr&auml;nkt zu Israel zu stehen, und der Islamismus sei eine viel gr&ouml;&szlig;ere Gefahr f&uuml;r die Gesellschaft als etwa der Rechtsextremismus. Das hei&szlig;t: Wir leben nicht in einem Land, in dem die Medien vollkommen durch den Staat kontrolliert werden.<\/p><blockquote><p>\n<em><strong>&bdquo;Wir leben nicht unter einem totalit&auml;ren Regime. Aber wir leben in einem Staat, der autorit&auml;re Tendenzen aufweist. Und diese Tendenzen nehmen zu.&ldquo;<\/strong><\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Es gibt einen starken staatlichen Einfluss bei manchen Medien &ndash; bei einigen st&auml;rker als bei anderen. Aber es gibt auch die M&ouml;glichkeit, unabh&auml;ngig zu schreiben und zu ver&ouml;ffentlichen, solange man nicht auf staatliche Strukturen angewiesen ist.<\/p><p>Gleichzeitig sieht man im &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehen, etwa in Standardsendungen wie der &bdquo;Tagesschau&ldquo;, wie Behauptungen der israelischen Armee, die vollkommen unbelegt sind, einfach als Tatsachen wiedergegeben werden. Dort wird eine vermeintliche Nachrichtensendung zu einer Propagandaveranstaltung. Es gibt also widerspr&uuml;chliche Tendenzen. Wir leben nicht unter einem totalit&auml;ren Regime. Aber wir leben in einem Staat, der autorit&auml;re Tendenzen aufweist. Und diese Tendenzen nehmen zu.<\/p><blockquote><p>\n<em><strong>&bdquo;Immer mehr Menschen begreifen, was passiert.&ldquo;<\/strong><\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Gleichzeitig w&auml;chst auch das Ma&szlig; an Erkenntnis au&szlig;erhalb des staatlichen Diskurses. Immer mehr Menschen begreifen, was passiert. Und nach und nach &auml;u&szlig;ern sich auch Journalisten kritisch zu Gaza, die vielleicht vor zwei Jahren noch anders geschrieben haben.<\/p><p>Das hei&szlig;t: Die ver&ouml;ffentlichte Meinung entspricht nicht unbedingt der &ouml;ffentlichen Meinung. Umfragen haben gezeigt, dass eine deutliche Mehrheit der deutschen Bev&ouml;lkerung Israels Handlungen nicht unterst&uuml;tzt, deutsche Waffenlieferungen an Israel nicht unterst&uuml;tzt und zunehmend sogar der Ansicht ist, dass Israel einen Genozid begeht.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist es etwas anderes, diese Meinung zu haben, als auf die Stra&szlig;e zu gehen oder in einer Gewerkschaft zu agitieren. Das ist noch einmal eine andere Ebene. Und tats&auml;chlich ist es auch sehr ern&uuml;chternd und traurig, dass es trotz dieser Umfragewerte so wenig &ouml;ffentlichen Widerstand gegen die deutsche Israelpolitik gibt. Aber zumindest denke ich, dass man mit diesen Meinungsverh&auml;ltnissen arbeiten kann; und dass sich immer mehr Menschen trauen, Meinungen &ouml;ffentlich zu &auml;u&szlig;ern, die noch vor wenigen Jahren anders ausgefallen w&auml;ren.<\/p><p>Insofern gibt es f&uuml;r mich keinen Grund, nicht weiterhin entschlossen zu k&auml;mpfen.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: Portr&auml;tfoto &ndash; &copy; Wieland Hoban \/ Demo &ndash; &copy; J&uuml;dische Stimme f&uuml;r gerechten Frieden in Nahost e.V.<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir stellen uns gegen diese gesamte Politik (Israels). Und zwar aus einer dezidiert j&uuml;dischen Position heraus, indem wir sagen, dass die j&uuml;dische Geschichte und auch die Leidenserfahrungen der letzten Jahrhunderte &ndash; vor allem des letzten Jahrhunderts, aber auch der Jahrhunderte davor, nicht dazu benutzt werden d&uuml;rfen, Unrecht in Pal&auml;stina zu rechtfertigen. Ebenso wenig d&uuml;rfen sie<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152357\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":152323,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,169,107,165,209],"tags":[2938,3041,1543,1917,1557,930,1865,3545,303,2374,827,966,2474,1281,3417],"class_list":["post-152357","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-antisemitismus","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-interviews","tag-autoritarismus","tag-cancel-culture","tag-deutsche-einheit","tag-genozid","tag-israel","tag-justiz","tag-meinungsfreiheit","tag-nakba","tag-palaestina","tag-staatsraeson","tag-stigmatisierung","tag-weltkrieg","tag-wiederaufbau","tag-zionismus","tag-zivilgesellschaftlicher-dialog"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/260616_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152357","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152357"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152357\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152376,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152357\/revisions\/152376"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/152323"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152357"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152357"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152357"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}