{"id":152408,"date":"2026-06-18T09:00:29","date_gmt":"2026-06-18T07:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152408"},"modified":"2026-06-18T08:54:50","modified_gmt":"2026-06-18T06:54:50","slug":"verantwortlich-fuer-die-niedrigen-renten-in-deutschland-ist-die-politik-und-nicht-die-demographie-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152408","title":{"rendered":"Verantwortlich f\u00fcr die niedrigen Renten in Deutschland ist die Politik und nicht die Demographie \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Die Menschen in Deutschland werden immer &auml;lter und die Zahl der Rentner nimmt zu. Gleichzeitig gehen die Geburtenraten zur&uuml;ck und steigt die Zahl der Menschen, denen die Work-Life-Balance wichtiger ist als die berufliche Kariere. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsleben wird die Wirtschaft in den kommenden Jahren zudem viele Arbeitskr&auml;fte verlieren, die schwer zu ersetzen sein werden. So in etwa sieht das Bild aus, das Politiker, Rentenexperten und Medien von der Rentensituation zeichnen. Es ist das Bild einer &uuml;berforderten Gesellschaft. Und steter Tropfen h&ouml;hlt bekanntlich den Stein. Von <strong>G&uuml;nter Eder<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Den ersten Teil dieses Artikels k&ouml;nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152310\">hier lesen<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Rentenbeitragss&auml;tze und Beitragseinnahmen<\/strong><\/p><p>Die Bundesmittel sind ein wichtiges Element im deutschen Alterssicherungssystem, doch sind die Einnahmen aus Beitragszahlungen das eigentliche R&uuml;ckgrat der Gesetzlichen Rente (GRV). Sie beliefen sich im Jahr 2024 auf 303 Milliarden Euro.<\/p><p>Wie viel Geld ein Besch&auml;ftigter an die GRV abzuf&uuml;hren hat, h&auml;ngt ab vom Rentenbeitragssatz und von der Lohnh&ouml;he. Ma&szlig;gebend ist hierbei der Bruttolohn. Bei Geringverdienern kommt vielfach ein abgesenkter Beitragssatz zur Anwendung (Mini-\/Midijob), w&auml;hrend f&uuml;r besonders gut verdienende Arbeitnehmer der Zahlbetrag durch die Beitragsbemessungsgrenze nach oben gedeckelt ist. In beiden F&auml;llen verringern sich dadurch die Einnahmen zugleich aber auch die sp&auml;teren Rentenanspr&uuml;che.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 5<\/small><\/p><p>Der Abbildung 5 kann man entnehmen, wie sich der Rentenbeitragssatz seit 1991 entwickelt hat. In der Abbildung ist zus&auml;tzlich mit dargestellt, wie stark der Beitragssatz angehoben werden m&uuml;sste, wenn die Zusch&uuml;sse, die die GRV seit dem Jahr 2000 vom Bund erh&auml;lt und die explizit dazu dienen, den Beitragssatz niedrig zu halten, nicht mehr gezahlt w&uuml;rden und &uuml;ber h&ouml;here Beitr&auml;ge kompensiert werden m&uuml;ssten. Im Jahr 2024 h&auml;tte der Beitragssatz beispielsweise von 18,6 Prozent auf 19,6 Prozent angehoben werden m&uuml;ssen.<\/p><p>Im Zuge der Erhebung wichtiger wirtschaftlicher Kenngr&ouml;&szlig;en ermittelt das Statistische Bundesamt nicht nur die H&ouml;he des Bruttoinlandsprodukts oder die Entwicklung der Arbeitsproduktivit&auml;t, sondern auch die Bruttolohnsumme eines Jahres, also die Summe der Bruttol&ouml;hne aller Arbeitnehmer. Mittels dieser Kenngr&ouml;&szlig;e ist es (in Verbindung mit dem geltenden Rentenbeitragssatz) m&ouml;glich, die zu erwartenden Beitragseinnahmen der GRV grob abzusch&auml;tzen.<\/p><p>Die auf diese Weise ermittelte Verlaufskurve f&uuml;r die zu erwartenden Einnahmen ist in Abbildung 6 zusammen mit den tats&auml;chlichen Einnahmen aufgetragen. Um die Sch&auml;tzwerte an das tats&auml;chliche Einnahmeniveau anzupassen, sind die Werte mit einem Korrekturfaktor multipliziert worden. Die Bundeszusch&uuml;sse, die dazu dienen, den Rentenbeitragssatz niedrig zu halten, sind in den Verl&auml;ufen jeweils ber&uuml;cksichtigt.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 6<\/small><\/p><p>Die Einnahmeentwicklung l&auml;sst sich in zwei Zeitabschnitte unterteilen: in die Zeit vor und die Zeit nach dem Jahr 2006. Vor 2006 stimmen die Kurvenverl&auml;ufe im Prinzip sehr gut &uuml;berein, nur in den Jahren 1995 bis 1999 gibt es auff&auml;llige Abweichungen. In diesen f&uuml;nf Jahren sind die Beitragseinnahmen deutlich h&ouml;her als erwartet. Ab dem Jahr 2006 fallen sie dann dauerhaft und immer st&auml;rker hinter die zu erwartende Einnahmeentwicklung zur&uuml;ck. Wie ist das zu erkl&auml;ren?<\/p><p>Um das Ausma&szlig; und die Tendenz der Abweichungen besser beurteilen zu k&ouml;nnen, sind in Abbildung 7 die Differenzen im Zeitverlauf aufgetragen (reale minus erwartete Einnahmen).<\/p><p>Die ungew&ouml;hnlich starke Zunahme der Beitragseinnahmen zwischen 1995 und 1999 r&uuml;hrt von den St&uuml;tzungsma&szlig;nahmen her, mit denen die Bundesregierung der GRV aus einer prek&auml;ren Finanzlage heraushalf. Zu dieser Situation war es aufgrund der Arbeitsmarktpolitik der Regierung gekommen, die darauf abzielte, die hohen Arbeitslosenzahlen durch F&ouml;rderung der Fr&uuml;hverrentung zu senken. Um das Scheitern dieses Politikansatzes nicht offen eingestehen zu m&uuml;ssen, wurden keine direkten Zusch&uuml;sse gezahlt, sondern wurden die Rentenbeitragss&auml;tze f&uuml;r Bezieher von Arbeitslosenhilfe f&uuml;r f&uuml;nf Jahre stark angehoben. So flossen der GRV zus&auml;tzliche Steuermittel in H&ouml;he von insgesamt 50 bis 60 Milliarden Euro zu.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 7<\/small><\/p><p>Ab dem Jahr 2006 bildet sich dann ein vollkommen neuer Effekt heraus. Die realen Beitragseinnahmen bleiben immer weiter hinter den Einnahmen zur&uuml;ck, die man aufgrund des Beitragssatzes und der Bruttol&ouml;hne eigentlich erwarten w&uuml;rde. Mittlerweile ist die L&uuml;cke auf 29 Milliarden Euro (2024) angewachsen. Dadurch entgehen der GRV fast zehn Prozent der regul&auml;ren Beitragseinnahmen. Das Einnahmepotenzial wird nur noch zu 91 Prozent ausgesch&ouml;pft.<\/p><p>Worauf ist diese Entwicklung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren? Dar&uuml;ber wei&szlig; man wenig bis gar nichts, was vor allem daher r&uuml;hrt, dass der Effekt bisher kaum jemandem aufgefallen ist. Folglich gibt es auch keine Untersuchungen dazu. Wenn man nach Erkl&auml;rungen sucht, bewegt man sich auf d&uuml;nnem Eis und kann allenfalls spekulieren.<\/p><p>Als m&ouml;gliche Einflussgr&ouml;&szlig;en kommen in Betracht:<\/p><ul>\n<li>verringerte Beitragseinnahmen aufgrund der staatlichen F&ouml;rderung privater Altersvorsorge mittels Rentenfonds und\/oder Direktversicherungen (Stichwort: Entgeltumwandlung bzw. &bdquo;Brutto f&uuml;r Netto&ldquo;)<\/li>\n<li>verringerte Beitragszahlungen durch die Arbeitsagentur aufgrund r&uuml;ckl&auml;ufiger Arbeitslosenzahlen<\/li>\n<li>ein &uuml;berproportional starker Anstieg des Anteils von Arbeitnehmern mit einem Einkommen jenseits der Beitragsbemessungsgrenze<\/li>\n<li>eine starke Zunahme der Zahl der Arbeitskr&auml;fte mit abgesenktem Rentenbeitragss&auml;tzen im Mini- und Midijob-Sektor<\/li>\n<li>eine &uuml;berproportional starke Zunahme der Zahl der Beamten bzw. der Zahl von Arbeitnehmern in beamten&auml;hnlichen Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen (Richter, Politiker, Berufssoldaten)<\/li>\n<\/ul><p>In Summe k&ouml;nnten diese Faktoren durchaus f&uuml;r einen relevanten Anteil des Einnahmer&uuml;ckgangs verantwortlich zeichnen. Doch l&auml;sst sich der extrem hohe Defizitbetrag von 29 Milliarden Euro damit allein nicht erkl&auml;ren.<\/p><p>Es dr&auml;ngt sich der Verdacht auf, dass Sozialversicherungsbeitr&auml;ge nicht mehr so verl&auml;sslich gezahlt werden wie in der Vergangenheit. Sei es, dass gar keine Beitr&auml;ge abgef&uuml;hrt werden (Schwarzarbeit), sei es, dass immer mehr Arbeitnehmer im Rahmen von Werkvertr&auml;gen als Selbstst&auml;ndige besch&auml;ftigt werden, obwohl die Voraussetzungen daf&uuml;r gar nicht gegeben sind (Scheinselbstst&auml;ndigkeit), sei es, dass Besch&auml;ftigte f&auml;lschlicherweise als Geringverdiener eingestuft werden. Und m&ouml;glicherweise verf&uuml;gt der Zoll, der f&uuml;r die &Uuml;berwachung zust&auml;ndig ist, auch nicht mehr &uuml;ber ausreichend Personal, um Sozialversicherungsbetrug in der Breite angemessen bek&auml;mpfen zu k&ouml;nnen. Das alles sind jedoch nur Vermutungen, die im Interesse der GRV m&ouml;glichst rasch und umfassend gekl&auml;rt werden sollten.<\/p><p>Trotz der mangelhaften Aussch&ouml;pfung des Beitragspotenzials und obwohl der Beitragssatz von 19,9 Prozent (2011) auf 18,6 Prozent (2013) gesenkt worden ist, steigen die Beitragseinnahmen ab dem Jahr 2013 stark an (vgl. Abb. 6). Zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist das zum einen auf eine insgesamt prosperierende Wirtschaft und zum anderen auf den &uuml;berproportional starken Anstieg der Bruttol&ouml;hne. Nachdem die Lohnentwicklung 15 Jahre lang stagnierte und nicht &uuml;ber den j&auml;hrlichen Inflationsausgleich hinauskam, steigen die Bruttol&ouml;hne seit der Bankenkrise 2009 endlich wieder sp&uuml;rbar und anhaltend an.<\/p><p>Der Anstieg der Bruttol&ouml;hne markiert f&uuml;r die GRV das Ende einer fast schon albtraumhaften Einnahmesituation. 16 Jahre lang stiegen die Beitragseinnahmen (preisbereinigt) nicht an, obwohl die Zahl der Einwohner im Rentenalter in dieser Zeit von 13 Millionen (1997) auf fast 17 Millionen (2013) zunahm. Dadurch gingen die pro Rentner zur Verf&uuml;gung stehenden Beitragseinnahmen kontinuierlich zur&uuml;ck.<\/p><p>Einen Eindruck vom Ausma&szlig; der Verschlechterung der Einnahmesituation vermittelt Abbildung 8. Es ist zu erkennen, dass die pro Rentner zur Verf&uuml;gung stehenden monatlichen Mittel von 1.605 Euro im Jahr 1997 auf nur noch 1.212 Euro im Jahr 2009 zur&uuml;ckgehen. Das entspricht einem R&uuml;ckgang um 24 Prozent. In der Folgezeit steigen die Pro-Kopf-Einnahmen allm&auml;hlich an und belaufen sich im Jahr 2024 wieder auf 1.448 Euro.<\/p><p>Der starke Anstieg der Pro-Kopf-Einnahmen nach 2013 hat allerdings nicht nur wirtschaftliche Gr&uuml;nde, er ist auch der Anhebung des Renteneintrittsalters geschuldet. Denn seit 2011 wird das Rentenalter j&auml;hrlich um einen Monat erh&ouml;ht, sodass Arbeitnehmer ab 2030 erst mit 67 Jahren regul&auml;r in Rente gehen k&ouml;nnen. Dadurch steigen die Rentnerzahlen langsamer an und es steht mehr Geld f&uuml;r den einzelnen Rentner zur Verf&uuml;gung.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 8<\/small><\/p><p>Die &Uuml;berlegungen zur Beitragssituation der GRV beschr&auml;nkten sich bisher auf den Einnahmeaspekt. In Abbildung 9 wird der Blick nun erstmals dahingegen geweitet, dass auch die Ausgaben ins Auge gefasst werden. Das geschieht anhand der Netto-Standardrente (vor Steuern).<\/p><p>Die Netto-Standardrente gibt an, mit welcher Rente ein Arbeitnehmer rechnen kann, wenn er 45 Jahre in die GRV eingezahlt hat und stets ein Einkommen hatte, das dem allgemeinen Durchschnitt entsprach. Er k&auml;me am Ende seines Arbeitslebens dann auf genau 45 Rentenpunkte.<\/p><p>Eine solche Punktzahl erreichen die meisten Arbeitnehmer nicht. Sei es, weil sie nicht lange genug eingezahlt haben, sei es, weil sie &uuml;ber weite Strecken lediglich Teilzeit gearbeitet haben, sei es, weil sie ein sehr niedriges Einkommen hatten. Die Standardrente liegt folglich deutlich &uuml;ber den durchschnittlich ausgezahlten Renten.<\/p><p>Trotz dieser Schw&auml;che handelt es sich bei der Standardrente um eine wichtige Kenngr&ouml;&szlig;e, die, wenn man sie in Relation zu den Einnahmen betrachtet, interessante und aufschlussreiche Schlussfolgerungen erm&ouml;glicht. So erkennt man an den Verlaufskurven in Abbildung 9, dass sich die Verbesserung der Einnahmesituation zwischen 1993 und 1997 nicht automatisch in steigenden Renten niederschl&auml;gt. Tats&auml;chlich geht die Standardrente in dieser Zeit sogar um monatlich 28 Euro zur&uuml;ck. Das Geld wird anderweitig ben&ouml;tigt, und zwar vor allem, wie oben gezeigt, f&uuml;r die Finanzierung der stark steigenden Zahl an Fr&uuml;hverrentungen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-05.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 9<\/small><\/p><p>Zwischen 1997 und 2003 sieht es dann, was die Einnahmesituation betrifft, sehr viel d&uuml;sterer aus. Doch obwohl die Beitragseinnahmen pro Kopf stark zur&uuml;ckgehen, wirkt sich das auf die H&ouml;he der Standardrente kaum aus, sie bleibt nahezu konstant. Rentenk&uuml;rzungen, die in einer solchen Situation eigentlich zu erwarten w&auml;ren, k&ouml;nnen vermieden werden, weil die Ausgaben f&uuml;r die Fr&uuml;hverrentung zur&uuml;ckgefahren, die Beitragseinnahmen durch Steuermittel aufgestockt und erheblich mehr Bundesmittel f&uuml;r versicherungsfremde Leistungen bereitgestellt werden.<\/p><p>Es folgt eine Phase, die von 2003 bis 2008 dauert, in der nicht nur die Einnahmen, sondern auch die Ausgaben stark zur&uuml;ckgehen. Das ad&auml;quate Mittel, mit dem dieser Entwicklung h&auml;tte begegnet werden m&uuml;ssen, w&auml;re eine angemessene Erh&ouml;hung der Rentenbeitragss&auml;tze gewesen. Diese h&auml;tten sukzessiv um mindestens zwei Prozentpunkte angehoben m&uuml;ssen. Daf&uuml;r fehlten der Schr&ouml;der-Regierung der Mut und der Wille. Stattdessen holte man die private Versicherungswirtschaft ins Boot und f&ouml;rderte durch Zusch&uuml;sse bzw. steuerliche Anreize den Aufbau individueller Kapitalstocks. So sollte die Rentenl&uuml;cke geschlossen werden. Die hierf&uuml;r ersonnenen Produkte (Riesterrente bzw. Rentenfonds) dienten der Regierung als Rechtfertigung daf&uuml;r, die Netto-Standardrente nicht nur nicht weiter anzuheben, sondern sie sogar gezielt abzusenken, von 1.629 Euro (2003) auf 1.469 Euro (2008).<\/p><p>Die Rechnung ging in der propagierten Form nat&uuml;rlich nicht auf und konnte es auch nicht. Denn wie h&auml;tten die Bestandsrentner, die ja ebenfalls von den Rentenk&uuml;rzungen betroffen waren, von der Riesterrente auch profitieren sollen. Sie hatten ja nie die M&ouml;glichkeit, eine solche abzuschlie&szlig;en, da es sie zu ihrer Zeit noch gar nicht gab. Und ob die Rechnung f&uuml;r die Masse der heute noch riesternden Arbeitnehmer aufgehen wird, bleibt abzuwarten und ist alles andere als gewiss.<\/p><p>Nach 2008 bleibt die Netto-Standardrente dann (trotz leicht verbesserter Einnahmesituation) f&uuml;r etwa sieben Jahre nahezu konstant. Da die L&ouml;hne und Geh&auml;lter in dieser Zeit jedoch stark zunehmen, sinkt das Rentenniveau weiter ab und liegt im Jahr 2015 bei nur noch 48 Prozent (vgl. Abb. 10).<\/p><p>Ab 2013 steigen dann Beitragseinnahmen und Standardrente erstmals seit langer Zeit wieder im Gleichklang an. Das ist &auml;u&szlig;erst erfreulich. Doch geht die Entwicklung mit einem unsch&ouml;nen Nebeneffekt einher, der sich darin zeigt, dass die Differenz zwischen der H&ouml;he der Standardrente einerseits und der H&ouml;he der Beitragseinnahmen andererseits kontinuierlich geringer wird (vgl. Abb. 9). Das bedeutet, dass die positive Einnahmeentwicklung nicht in dem Ma&szlig;e zur Erh&ouml;hung regul&auml;rer Renten genutzt wird, wie es m&ouml;glich und n&ouml;tig w&auml;re. Stattdessen werden die Einnahmen (wie schon in den 1990er-Jahren) in zunehmendem Ma&szlig;e zur Finanzierung versicherungsfremder Leistungen verwendet (vgl. Abb. 4).<\/p><p>Dadurch steigt das Rentenniveau, d.h. die Netto-Standardrente bezogen auf die Nettol&ouml;hne (vor Steuern), auch in dieser Zeit nicht an, sondern verbleibt auf dem niedrigen Niveau von 48 Prozent.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-06.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-06.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 10<\/small><\/p><p>Der Kurvenverlauf in Abbildung 10 zeigt unverbl&uuml;mt, wie die Gesetzliche Rente zwischen 1994 und 2015 Schritt f&uuml;r Schritt von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt worden ist. Bezogen auf die gezahlten Nettol&ouml;hne (vor Steuern) ging das Niveau der Netto-Standardrente von nahezu 55 Prozent auf 48 Prozent zur&uuml;ck. F&uuml;r Menschen, die nur noch 5, 10 oder 15 Arbeitsjahre bis zur Verrentung vor sich hatten bzw. bereits in Rente waren oder die sich (trotz staatlicher Zusch&uuml;sse) eine private Zusatzversicherung nicht leisten konnten bzw. k&ouml;nnen, ist der R&uuml;ckgang des Rentenniveaus besonders fatal. Trotzdem ist das auf 48 Prozent abgesenkte Netto-Rentenniveau in den letzten Jahren zum neuen &bdquo;normal&ldquo; geworden und wird heute kaum noch hinterfragt.<\/p><p>Statt die vorhandenen Mittel daf&uuml;r zu nutzen, das in den zur&uuml;ckliegenden zweieinhalb Jahrzehnten radikal abgesenkte Rentenniveau durch st&auml;rker steigende Renten zumindest teilweise auszugleichen, hat man die Gelder wieder zur Finanzierung versicherungsfremder Leistungen verwendet. W&auml;ren diese Mittel vollst&auml;ndig denen zugutegekommen, die die Gesetzliche Rentenversicherung mit ihren Beitr&auml;gen finanzieren und tragen, h&auml;tte das Rentenniveau bis 2024 auf &uuml;ber 52 Prozent angehoben werden k&ouml;nnen. Und von dieser Anhebung h&auml;tten nicht nur die regul&auml;ren Altersrentner profitiert, sondern auch die Menschen, die eine Rente wegen verminderter Erwerbsf&auml;higkeit oder eine Hinterbliebenenrente beziehen.<\/p><p><strong>Prognoseszenarien f&uuml;r die Netto-Standardrente<\/strong><\/p><p>Anhand verschiedener Szenarien soll zum Abschluss untersucht werden, wie sich die Gesetzliche Rente unter bestimmten wirtschaftlichen, demographischen und rentenspezifischen Annahmen entwickeln k&ouml;nnte bzw. entwickeln wird. Auf das Prognosemodell, das dabei zur Anwendung kommt, kann an dieser Stelle nicht n&auml;her eingegangen werden. Wer sich daf&uuml;r interessiert, sei auf mein Buch &bdquo;Die Rente im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Demographie&ldquo; verwiesen. Dort wird das Modell detailliert und ausf&uuml;hrlich beschrieben.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] F&uuml;r Interessierte, die nicht ganz so tief in die Materie eintauchen m&ouml;chten, k&ouml;nnte der 2019 erschienene Artikel &bdquo;Die Rentenpolitik bedarf einer Kurskorrektur&ldquo; von Nutzen sein.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Wichtig f&uuml;r die Beurteilung und das Verst&auml;ndnis der weiteren Ergebnisse ist, dass s&auml;mtliche Geldangaben inflationsbereinigt in Preisen des Jahres 2024 ausgewiesen werden.<\/p><p>In der Zeit vor Corona ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Mittel um 1,05 Prozent pro Jahr angewachsen und die Arbeitsproduktivit&auml;t nahm j&auml;hrlich um 0,71 Prozent zu. Derartige Wachstumsraten geh&ouml;ren in Deutschland vermutlich der Vergangenheit an. F&uuml;r die Prognose werden niedrigere Zuwachsraten unterstellt, insbesondere was das BIP betrifft. Es wird davon ausgegangen, dass dies um 0,6 Prozent j&auml;hrlich zunimmt und die Produktivit&auml;t um 0,5 Prozent.<\/p><p>Entscheidend f&uuml;r die H&ouml;he der Beitragseinnahmen ist allerdings nicht das BIP, sondern sind die gezahlten Bruttol&ouml;hne. Zwischen 1991 und 2007 entfiel ein stetig geringer werdender Anteil des BIP auf die L&ouml;hne. Der Wert ging von 47 Prozent auf nur noch 37 Prozent zur&uuml;ck. Mit der Bankenkrise endet der Abw&auml;rtstrend und kehrt sich um. Mittlerweile machen Bruttol&ouml;hne wieder 45 Prozent des BIP aus (2024). Von dieser Quote wird auch in den Prognosen ausgegangen.<\/p><p>Die unterstellte wirtschaftliche Entwicklung wird mit den vorhandenen Arbeitskr&auml;ften allerdings nicht zu realisieren sein. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Arbeitslose in gro&szlig;er Zahl in regul&auml;re Jobs vermittelt werden k&ouml;nnen und der Anteil der Frauen in der Arbeitswelt weiter zunimmt, wird die Wirtschaft auf Zuwanderung angewiesen sein. Im Rahmen der Prognoseszenarien wird von einer j&auml;hrlichen Zuwanderung von 380.000 Personen pro Jahr ausgegangen. Die Zahl ist abgeleitet aus den Bev&ouml;lkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes.<\/p><p>Mit einem geringeren Zuwanderungsbedarf w&auml;re nur zu rechnen, wenn die Produktivit&auml;t prozentual st&auml;rker als das Bruttoinlandsprodukt ansteigt oder wenn sich der Prozess der Deindustrialisierung in Deutschland unvermindert fortsetzt und sich ein j&auml;hrlicher Zuwachs des BIP um 0,6 Prozent als nicht mehr realisierbar erweisen sollte.<\/p><p>Von zentraler Bedeutung f&uuml;r die Rentenproblematik sind zudem noch die zu erwartenden Ver&auml;nderungen in der Altersstruktur der Bev&ouml;lkerung. Entscheidend ist hierbei, wie sich die &bdquo;Zahl der Einwohner im Rentenalter&ldquo; in Relation zur &bdquo;Zahl der Einwohner im Erwerbsalter&ldquo; entwickelt. Der Quotient aus den beiden Gr&ouml;&szlig;en wird als Altersquotient bezeichnet. Er gibt Auskunft &uuml;ber die mittlere Zahl an Rentnern, f&uuml;r die ein Erwerbst&auml;tiger aufkommen muss.<\/p><p>Da das gesetzlich vorgegebene Renteneintrittsalter starken Einfluss auf den Altersquotienten hat, sind in Abbildung 11 neben der augenblicklich geltenden Regelung (R67) auch die Verl&auml;ufe f&uuml;r die in der Vergangenheit geltende Altersgrenze von 65 Jahren (R65) und f&uuml;r die vielfach geforderte Anhebung der Altersgrenze auf 70 Jahre (R70) mit angegeben.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-07.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-07.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 11<\/small><\/p><p>Der R67-Kurvenverlauf zeichnet sich durch l&auml;ngere, sich abwechselnde Phasen des Anstiegs und der relativen Konstanz des Quotienten aus. Letzteres kann von &bdquo;nat&uuml;rlichen&ldquo; &Auml;nderungen in der Altersstruktur herr&uuml;hren oder Resultat der Anhebung des Renteneintrittsalters sein.<\/p><p>Die nach 2010 bei der Rente mit 67 zu beobachtende Konstanz des Altersquotienten ist, wie der Vergleich mit der R65-Kurve zeigt, Resultat der sukzessiven Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre bis 2030. Der relativ konstante R67-Verlauf nach 2040 ist hingegen auf die sinkenden Geburtenraten in der Vergangenheit und die steigenden Sterbezahlen bei den Babyboomern zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Dadurch entspannt sich die Rentensituation nach 2040 f&uuml;r die Dauer von zwei Jahrzehnten und vermutlich auch noch dar&uuml;ber hinaus.<\/p><p>Angesichts dieser Sachlage w&auml;re die von manchen Rentenexperten geforderte sukzessive Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre (ab dem Jahr 2031) eine vollkommen &uuml;berzogene Ma&szlig;nahme. Sie w&uuml;rde den Anstieg des Altersquotienten nicht lediglich nur abmildern, sondern ihn gleich ganz umkehren &ndash; mit der Folge, dass der Quotient bis 2060 fast wieder auf das Niveau des Jahres 2010 zur&uuml;ckfiele. F&uuml;r den problematischen Zeitabschnitt zwischen 2030 und 2040 w&uuml;rde die Ma&szlig;nahme hingegen kaum eine Entlastung bringen.<\/p><p>Rentenpolitisch stellt die Zeit zwischen 2030 und 2038 allerdings tats&auml;chlich eine gro&szlig;e Herausforderung dar, die mit Sachverstand und Fingerspitzengef&uuml;hl bew&auml;ltigt werden will. Um eine deutliche Erh&ouml;hung der Rentenbeitragss&auml;tze wird man in dieser Zeit nicht herumkommen. Unerw&uuml;nschte Nebeneffekte, die aufgrund der starken Anhebung des Beitragssatzes auftreten k&ouml;nnen, sollten durch Bundeszusch&uuml;sse in geeigneter Weise gesteuert bzw. abgefedert werden.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-08.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-08.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 12<\/small><\/p><p>Sollte aus politischen Gr&uuml;nden auf eine deutliche Anhebung des Rentenbeitragssatzes nach 2026 verzichtet werden, liefe man Gefahr, den Fehler, der zwischen 2003 und 2008 gemacht wurde, als der Privatisierung der Rente der Vorzug vor einer angemessenen Anhebung des Beitragssatzes gegeben wurde, sehenden Auges zu wiederholen. Die Folgen w&auml;ren, auch wenn manche Rentenexperten das Gegenteil behaupten, die gleichen wie vor 20 Jahren. Die H&ouml;he und das Niveau der Renten w&uuml;rden zur&uuml;ckgehen und das Problem der Altersarmut w&uuml;rde sich versch&auml;rfen. Und wiederum w&auml;ren Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen, Bestandsrentner und Besch&auml;ftigte in fortgeschrittenem Alter die Hauptleidtragenden des Privatisierungs-Hypes.<\/p><p>Aus Abbildung 12 kann man ersehen, wie sich der Beitragssatz entwickeln m&uuml;sste, wenn man sich am Verlauf des Altersquotienten orientiert. Der Beitragssatz m&uuml;sste von heute 18,6 Prozent schrittweise auf 22,0 Prozent bis 2040 angehoben werden. Danach entspannt sich die Situation und der Beitragssatz k&ouml;nnte f&uuml;r zwei Jahrzehnte auf dem Niveau verbleiben.<\/p><p>Der Wert erscheint im ersten Moment erschreckend hoch, doch zeigen die &Ouml;sterreicher, dass ein solcher Beitragssatz kein grunds&auml;tzliches Problem darstellen muss. Dort werden seit nunmehr 40 Jahren 22,8 Prozent des Bruttolohns an die Gesetzliche Rentenversicherung abgef&uuml;hrt. Wenn man das wei&szlig;, versteht man, warum die Renten in &Ouml;sterreich so viel h&ouml;her und die Menschen mit ihrem Rentensystem so viel zufriedener sind als in Deutschland. Und die private Vorsorge spielt in &Ouml;sterreich keine Rolle.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Mit den Annahmen zur weiteren wirtschaftlichen, demographischen und rentenpolitischen Entwicklung sind die Voraussetzungen geschaffen, um einen Blick in die Zukunft riskieren zu k&ouml;nnen. Erw&auml;hnt sei noch, dass bei dem ersten Szenario davon ausgegangen wird, dass der Umfang der ungedeckten versicherungsfremden Leistungen, also der Leistungen, die eigentlich vollst&auml;ndig vom Bund getragen werden m&uuml;ssten, auf dem hohen Niveau des Jahres 2024 verbleibt, also weder zur&uuml;ckgeht noch ansteigt. Gleiches gilt f&uuml;r den Grad der Aussch&ouml;pfung des Beitragspotenzials. Auch hier wird der 2024er-Wert von 91 Prozent f&uuml;r die Prognose &uuml;bernommen. Die daraus resultierenden Prognoseergebnisse k&ouml;nnen den Abbildungen 13 und 14 entnommen werden.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-09.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-09.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 13<\/small><\/p><p>Die Kurvenverl&auml;ufe machen deutlich, wie wichtig es f&uuml;r ein umlagefinanziertes Rentensystem ist, dass der Rentenbeitragssatz der demographischen Entwicklung Rechnung tr&auml;gt. Nur der unterstellten, kr&auml;ftigen Anhebung des Beitragssatzes in den 2030er-Jahren ist es zu danken, dass die Renten auch in dieser Zeit noch angemessen steigen und ein Rentenniveau von 48 Prozent (ohne staatliche Zusch&uuml;sse) weitgehend gehalten werden kann. Unter den getroffenen Annahmen steigt die Netto-Standardrente von monatlich 1.565 Euro im Jahr 2024 auf 1.788 Euro im Jahr 2060 an und die Prognosewerte f&uuml;r das Netto-Rentenniveau bewegen sich in einem Korridor zwischen 47,3 Prozent und 49,1 Prozent.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-10.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-10.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 14<\/small><\/p><p>Die Stabilisierung der Renten auf einem Niveau von 48 Prozent kann, je nachdem, aus welcher Perspektive man draufschaut, als befriedigend oder als unzul&auml;nglich angesehen werden. Jemand, der die Werte an der Vergangenheit misst, wird mit einem solchen Niveau nicht zufrieden sein, w&auml;hrend jemand, der die alarmistischen Aussagen von Medien, Politikern oder Rentenexperten im Ohr hat, vielleicht erleichtert sein wird &uuml;ber so viel Stabilit&auml;t.<\/p><p>Doch wie leistungsf&auml;hig ist das gesetzliche Rentensystem tats&auml;chlich? Um das beurteilen zu k&ouml;nnen, werden zus&auml;tzlich zu der obigen Prognose (P0) zwei weitere Szenarien (P1 und P2) durchgerechnet. In allen drei Szenarien wird von gleichen Rentenbeitragss&auml;tzen sowie gleichen wirtschaftlichen und demographischen Rahmenbedingungen ausgegangen. Nur in zwei Punkten unterscheiden sich die Prognosen: hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Umfangs ungedeckter versicherungsfremder Leistungen und hinsichtlich des Grades der Aussch&ouml;pfung des Beitragspotenzials. Einen &Uuml;berblick &uuml;ber die unterschiedlichen Annahmen gibt Tabelle 2.<\/p><p><small>Tabelle 2: Annahmen f&uuml;r drei verschiedene Prognosevarianten<\/small><\/p><table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>Ungedeckte versicherungsfremde Leistungen<\/td>\n<td>Grad der Aussch&ouml;pfung des Beitragspotenzials<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td colspan=\"2\">Ausgangssituation 2024<\/td>\n<td>43,4 Mrd. Euro<\/td>\n<td>91,3%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td rowspan=\"3\">Prognose-<br>\nvariante<\/td>\n<td>P0<\/td>\n<td>unver&auml;ndert bis 2060<\/td>\n<td>unver&auml;ndert bis 2060<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>P1<\/td>\n<td>schrittweise Reduktion<br>\num 68% bis 2060<\/td>\n<td>unver&auml;ndert bis 2060<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>P2<\/td>\n<td>schrittweise Reduktion<br>\num 68% bis 2060<\/td>\n<td>schrittweise Erh&ouml;hung<br>\nauf 100% bis 2060<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p>In der Prognose P1 wird im Unterschied zur Prognose P0 davon ausgegangen, dass die GRV bei der Finanzierung versicherungsfremder Leistungen sukzessive entlastet wird, indem der Bund seiner Verantwortung f&uuml;r den Umfang und die Finanzierung dieser Leistungen in angemessener Weise gerecht wird. Das kann durch Streichung oder K&uuml;rzung einzelner versicherungsfremder Leistungen geschehen oder durch Erh&ouml;hung der Bundesmittel. Konkret wird davon ausgegangen, dass der Umfang ungedeckter versicherungsfremder Leistungen von 43,4 Milliarden Euro (2024) auf 13,9 Milliarden Euro (2060) zur&uuml;ckgeht. Der Zielwert entspricht der H&ouml;he der ungedeckten versicherungsfremden Leistungen im Jahr 2010, ist also keine unrealistisch anspruchsvolle Vorgabe (vgl. Abb. 4).<\/p><p>In der Prognose P2 wird zus&auml;tzlich unterstellt, dass das Beitragspotenzial besser ausgesch&ouml;pft wird. Bis zum Jahr 2006 war es normal, dass das Potenzial vollst&auml;ndig, d.h. zu 100 Prozent ausgesch&ouml;pft wurde (vgl. Abb. 6). Warum das heute nicht mehr der Fall ist, l&auml;sst sich nicht sagen und sollte dringend genauer untersucht werden. Sollten die Ursachen f&uuml;r den R&uuml;ckgang vollst&auml;ndig behoben bzw. r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden k&ouml;nnen, so zeigt die Prognosevariante P2, wie sich das auf die Rente auswirken w&uuml;rde.<\/p><p>Die ermittelten Prognosewerte f&uuml;r die Netto-Standardrente bzw. f&uuml;r das Netto-Rentenniveau der Varianten k&ouml;nnen der Abbildung 15 und der Abbildung 16 entnommen werden.<\/p><p>F&uuml;r den Fall, dass nur die ungedeckten versicherungsfremden Leistungen um 68 Prozent reduziert werden, die Aussch&ouml;pfungsquote jedoch bei 91 Prozent verbleibt (das entspricht der Variante P1), ist mit einer gegen&uuml;ber P0 um etwa 200 Euro h&ouml;heren Netto-Standardrente im Jahr 2060 zu rechnen. Die Rente w&uuml;rde von 1.788 Euro (P0) auf 1.987 Euro (P1) ansteigen.<\/p><p>Parallel dazu w&uuml;rde auch das Netto-Rentenniveau zunehmen. Es w&uuml;rde von 48,1 Prozent (P0) auf 53,5 Prozent ansteigen (P1). Damit l&auml;ge die Rente wieder auf einem Niveau wie in den 1990er-Jahren.<\/p><p>Sollte sich zus&auml;tzlich zeigen, dass auch eine vollst&auml;ndige Aussch&ouml;pfung des Beitragspotenzials realisierbar ist, so w&uuml;rde die Standardrente bis zum Jahr 2060 um weitere 189 Euro ansteigen. Das Rentenniveau l&auml;ge dann bei 58,5 Prozent.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-11.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-11.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 15<\/small><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-12.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260618-eder-rente-12.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Abbildung 16<\/small><\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Die Prognoseszenarien machen deutlich, dass es jenseits<\/p><ul>\n<li>der Anhebung des Renteneintrittsalters,<\/li>\n<li>der Ausweitung der Versicherungspflicht auf Beamte, Politiker und Selbst&auml;ndige und<\/li>\n<li>der Anhebung oder Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze<\/li>\n<\/ul><p>weitere Stellschrauben gibt, mit denen das gesetzliche Rentensystem stabilisiert und zukunftsfest gemacht werden kann. Diesen wird im Allgemeinen viel zu wenig Beachtung geschenkt.<\/p><p>Umso h&auml;ufiger und hartn&auml;ckiger wird die staatlich gef&ouml;rderte Privatvorsorge als K&ouml;nigsweg aus dem Rentendilemma angepriesen. Und tats&auml;chlich w&uuml;rde eine Ausweitung der kapitalgedeckten Vorsorge Banken, Versicherungskonzerne und Verm&ouml;gensverwalter wie BlackRock erfreuen, f&uuml;r die gro&szlig;e Zahl der Arbeitnehmer w&auml;re sie hingegen eine riskante Wette auf die Zukunft.<\/p><p>Als Basis f&uuml;r eine sichere, verl&auml;ssliche und ausk&ouml;mmliche Altersrente ist das Umlagesystem dem Kapitaldeckungsverfahren in allen Belangen &uuml;berlegen. Was n&ouml;tig ist, um die St&auml;rken des Umlageverfahrens zur Entfaltung zu bringen, ist eine verl&auml;ssliche politische Unterst&uuml;tzung und Wertsch&auml;tzung der Gesetzlichen Rente. Daran mangelt es leider allzu h&auml;ufig.<\/p><p>Was im Jahr 1986 galt und von Norbert Bl&uuml;m auf den Punkt gebracht wurde, gilt auch heute noch: &bdquo;Die Rente ist sicher.&ldquo; Um nicht missverstanden zu werden, h&auml;tte er die Aussage lediglich um den Zusatz &bdquo;wenn die Politik es will&ldquo; erg&auml;nzen m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Nachtrag<\/strong><\/p><p>Aktuell soll die Alterssicherungskommission erw&auml;gen, vorzuschlagen, dass man sich bei der Festlegung der Hinterbliebenenrente ausschlie&szlig;lich am Rentensplitting orientiert. Hierbei werden die in der Ehe erworbenen Entgeltpunkte h&auml;lftig aufgeteilt. Das h&auml;tte zur Folge, dass die Renten im Mittel um etwa 40 Prozent zur&uuml;ckgehen w&uuml;rden. Trotz des tiefen finanziellen Einschnitts w&uuml;rde die GRV von der Sparma&szlig;nahme nicht profitieren; denn bei den eingesparten Geldern handelt es sich in vollem Umfang um Bundeszusch&uuml;sse. Die Ma&szlig;nahme w&uuml;rde lediglich den Bundeshaushalt entlasten, auf die finanzielle Situation der GRV h&auml;tte sie keinen Einfluss.<\/p><p><small>Titelbild: DesignRage\/shutterstock.com<\/small><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/bae7205d5a7b40fa90663c89f0436668\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] G&uuml;nter Eder: <em>Die Rente im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Demographie, Datenbasierte &Uuml;berlegungen zur Zukunft der gesetzlichen Rente.<\/em> Rhombos Verlag, 2. Auflage, Berlin 2020<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] G&uuml;nter Eder: <em><a href=\"https:\/\/www.wirtschaftsdienst.eu\/inhalt\/jahr\/2019\/heft\/6\/beitrag\/die-rentenpolitik-bedarf-einer-kurskorrektur.html\">Die Rentenpolitik bedarf einer Kurskorrektur.<\/a><\/em> In: Wirtschaftsdienst, 99. Jg. (2019), H. 6, S. 425-431<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] G&uuml;nter Eder: <em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93361\">Warum sind die Renten in Deutschland nicht &auml;hnlich hoch wie in &Ouml;sterreich.<\/a><\/em> In: NachDenkSeiten vom 3. Februar 2023<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Menschen in Deutschland werden immer &auml;lter und die Zahl der Rentner nimmt zu. Gleichzeitig gehen die Geburtenraten zur&uuml;ck und steigt die Zahl der Menschen, denen die Work-Life-Balance wichtiger ist als die berufliche Kariere. 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