{"id":152528,"date":"2026-06-21T12:00:57","date_gmt":"2026-06-21T10:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152528"},"modified":"2026-06-19T13:39:20","modified_gmt":"2026-06-19T11:39:20","slug":"22-juni-2026-der-tag-an-dem-friedrich-merz-die-notbremse-zog-eine-konkrete-utopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152528","title":{"rendered":"22. Juni 2026: Der Tag, an dem Friedrich Merz die Notbremse zog \u2013 Eine konkrete Utopie"},"content":{"rendered":"<p>Wie gravierend die Vers&auml;umnisse sind, deren sich die deutsche Politik im Hinblick auf die akute Gefahr einer kriegerischen Konfrontation mit Russland schuldig macht, erkennt man am besten im Kontrast. Skizzieren wir daher einen Augenblick lang eine konkrete Utopie, in der Kanzler Merz das dringend Gebotene tats&auml;chlich umsetzen w&uuml;rde &hellip; Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVerh&auml;ltnisse erschlie&szlig;en sich nicht selten im Kontrast. Stellen wir uns also f&uuml;r einen Moment vor, was zwar nicht jenseits aller Vernunft, aber doch jenseits der aktuellen politischen Wahrscheinlichkeit liegt: Bundeskanzler Friedrich Merz w&uuml;rde &ndash; durch welches Damaskuserlebnis auch immer erweckt und konvertiert &ndash; seinen Amtseid, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden, pl&ouml;tzlich ernst nehmen, das Ruder energisch herumrei&szlig;en und, soweit es in seiner Macht st&uuml;nde, nicht nur alles daf&uuml;r tun, den Ukrainekrieg schnellstm&ouml;glich zu beenden, sondern auch jeden k&uuml;nftigen Krieg in Europa wieder in den Bereich des Undenkbaren zu verbannen.<\/p><p><strong>Die Wende &ndash; 85 Jahre nach dem &Uuml;berfall<\/strong><\/p><p>Kein anderes Datum w&uuml;rde sich daf&uuml;r besser eignen als der kommende 22. Juni, der 85. Jahrestag des &Uuml;berfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion. Stellen wir uns also vor, Friedrich Merz tritt n&auml;chsten Montag vor die Presse und verk&uuml;ndet etwas, womit buchst&auml;blich niemand gerechnet hatte.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Bundesregierung wird ihre gesamte Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik neu ausrichten. Ziel deutscher Politik ist nicht die Vorbereitung eines Krieges mit Russland, sondern seine Verhinderung. Deutschland wird daher alle diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen M&ouml;glichkeiten nutzen, um die gegenw&auml;rtige Konfrontation in Europa schrittweise zu &uuml;berwinden und eine neue Entspannungspolitik einzuleiten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>F&uuml;r einige Sekunden herrscht Stille &ndash; jene seltenen Sekunden, in denen sich Journalisten nicht sicher sind, ob sie richtig geh&ouml;rt haben. Dann f&auml;hrt Merz fort: Deutschland werde selbstverst&auml;ndlich verteidigungsf&auml;hig bleiben. Die Bundeswehr werde modernisiert, B&uuml;ndnisverpflichtungen w&uuml;rden eingehalten, niemand denke an einseitige Abr&uuml;stung. Aber Verteidigungsminister Pistorius werde ab sofort nicht mehr von &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; sprechen. &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo;, erkl&auml;rt der Kanzler, &bdquo;kann niemals das politische Ziel einer demokratischen Gesellschaft sein. Das Ziel muss Friedensf&auml;higkeit sein. Die Aufgabe der Politik besteht nicht darin, Kriege vorzubereiten, sondern sie zu verhindern. Wir handeln hier im Einklang mit dem Friedensgebot unseres Grundgesetzes.&ldquo;<\/p><p>Und dann folgen S&auml;tze, die man einem Friedrich Merz so nicht zugetraut h&auml;tte: &bdquo;Lassen Sie mich es ganz offen und unmissverst&auml;ndlich sagen: Deutschland, die EU, die NATO &ndash; wir alle haben uns in unserem Verh&auml;ltnis zu Russland in eine Sackgasse man&ouml;vriert! Und nicht erst seit dem Ukrainekrieg, sondern schon Jahrzehnte zuvor. Wenn wir auf dieser absch&uuml;ssigen Bahn noch wenige Schritte weitergehen, dann droht die Lage unkalkulierbar zu werden &ndash; mit unabsehbaren Folgen f&uuml;r <em>alle<\/em>! Es gibt nur einen Ausweg: Wenn wir das Allerschlimmste f&uuml;r unser Land und unseren europ&auml;ischen Kontinent verhindern wollen, dann m&uuml;ssen wir zur&uuml;ck zu der Devise eines meiner Vorg&auml;nger, Willy Brandt: &sbquo;Wir wollen ein Volk guter Nachbarn sein!&lsquo; Dies wollen, nein: m&uuml;ssen wir wieder werden. Und zwar nicht irgendwann, sondern schnellstm&ouml;glich.&ldquo;<\/p><p>Der Kanzler bel&auml;sst es jedoch nicht bei allgemeinen Versprechen.<\/p><blockquote><p>\n    &bdquo;Konkret bedeutet das f&uuml;r uns: Wir streben einen kompletten &sbquo;Reset&lsquo; der sicherheitspolitischen Lage auf unserem Kontinent an &ndash; einen strategischen Neubeginn. Wir werden die in den vergangenen Jahren weitgehend eingefrorenen Kontakte zu Russland auf allen Ebenen schrittweise reaktivieren und parallel dazu eine umfassende diplomatische Initiative zur Beendigung des Ukrainekrieges starten. Dabei gilt unver&auml;ndert: Eine dauerhafte Friedensordnung kann weder gegen die legitimen Sicherheitsinteressen der Ukraine noch gegen die Russlands geschaffen werden. Unser &uuml;bergreifendes Ziel ist daher mittelfristig eine neue gesamteurop&auml;ische Friedens- und Sicherheitsordnung nach dem Prinzip der <em>gemeinsamen Sicherheit aller Staaten<\/em> &ndash; eine &sbquo;Pariser Charta 2.0&lsquo; f&uuml;r das 21. Jahrhundert! Alle diplomatischen Aktivit&auml;ten sind langfristig angelegt und werden mit der gebotenen professionellen Diskretion umgesetzt.<\/p>\n<p>    Als erste vertrauensbildende Ma&szlig;nahme werden wir s&auml;mtliche Projekte &uuml;berpr&uuml;fen, die geeignet sind, den Krieg &uuml;ber die Grenzen der Ukraine hinaus zu eskalieren. Gleichzeitig schlagen wir der russischen Seite vor, umgehend entsprechende Gegenschritte einzuleiten. Die Bundesregierung wird zudem einer Stationierung neuer landgest&uuml;tzter Mittelstreckenraketen und Marschflugk&ouml;rper auf deutschem Boden nicht zustimmen und schl&auml;gt stattdessen den USA und Russland unverz&uuml;gliche Verhandlungen &uuml;ber einen aktualisierten INF-Vertrag vor.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Das Echo<\/strong><\/p><p>Sp&auml;testens jetzt beginnen in den Redaktionen hektische Telefonate. In einigen Thinktanks l&auml;uten die Alarmglocken. In den sozialen Netzwerken bricht das erwartbare Inferno los. Die ersten Reaktionen folgen dem vertrauten Muster: Kommentatoren von der <em>FAZ<\/em> bis zur <em>taz<\/em> sprechen von einem &bdquo;historischen Fehler&ldquo;, manche sogar von einem &bdquo;deutschen Sonderweg&ldquo;. In Leitartikeln ist von einem &bdquo;Signal der Schw&auml;che&ldquo;, einer &bdquo;gef&auml;hrlichen Illusion&ldquo; und einem &bdquo;Geschenk an den Kreml&ldquo; die Rede. Die &uuml;blichen sicherheitspolitischen &sbquo;Experten&lsquo; erl&auml;utern in Talkshows, warum gerade jetzt der denkbar ung&uuml;nstigste Zeitpunkt f&uuml;r eine solche Initiative sei. Einige Oppositionspolitiker, aber auch ausgewiesene Hardliner der Regierungsparteien werfen dem Kanzler vor, die Geschlossenheit des Westens zu gef&auml;hrden.<\/p><p>Die Emp&ouml;rung bleibt jedoch weitgehend auf jene Milieus beschr&auml;nkt, die den au&szlig;en- und sicherheitspolitischen Diskurs der vergangenen Jahre dominiert hatten. In der breiteren Bev&ouml;lkerung f&auml;llt das Bild differenzierter aus. Zwar gibt es Skepsis und Misstrauen, doch erste Umfragen zeigen, dass die Erleichterung &uuml;berwiegt: Eine deutliche Mehrheit unterst&uuml;tzt weiterhin die Verteidigungsf&auml;higkeit Deutschlands und die B&uuml;ndnisverpflichtungen gegen&uuml;ber den europ&auml;ischen Partnern. Zugleich begr&uuml;&szlig;t eine ebenso gro&szlig;e Mehrheit den Versuch, endlich eine diplomatische Initiative zu starten, die diesen Namen verdient. Die Bundesb&uuml;rger wollen, ohne es konkret zu benennen, genau das, was im Kalten Krieg f&uuml;r die Politik der NATO handlungsleitend war: Sicherheit <em>und<\/em> Entspannung &ndash; so, wie die Harmel-Doktrin es formulierte.<\/p><p>International dominiert dagegen zun&auml;chst die Skepsis: Die westlichen Partner f&uuml;hlen sich &uuml;bergangen, die Ukraine gar &uuml;berrumpelt, in Russland reagiert man vorsichtig abwartend. Merz steht damit vor einer Aufgabe, die man mit ihm bislang kaum in Verbindung gebracht h&auml;tte: Geduldige, aber standfeste Diplomatie nach allen Seiten &ndash; das ber&uuml;hmte &bdquo;kontinuierliche Bohren harter Bretter&ldquo;!<\/p><p>Und damit verlassen wir unsere konkrete Utopie.<\/p><p>Der eigentliche Skandal: Warum kann das skizzierte Szenario unter den Bedingungen unserer aktuellen Politik nichts anderes bleiben als eben dies &ndash; eine Utopie?<\/p><p><em>Dieser Artikel ist zuerst <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/22-juni-2026-der-tag-an-dem-friedrich-merz-die-notbremse-zog-eine-konkrete-utopie\/\">auf Globalbridge erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Bundesarchiv<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie gravierend die Vers&auml;umnisse sind, deren sich die deutsche Politik im Hinblick auf die akute Gefahr einer kriegerischen Konfrontation mit Russland schuldig macht, erkennt man am besten im Kontrast. 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