{"id":152535,"date":"2026-06-20T14:00:06","date_gmt":"2026-06-20T12:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152535"},"modified":"2026-06-19T19:43:14","modified_gmt":"2026-06-19T17:43:14","slug":"leserbeitraege-erinnerungen-gegen-den-krieg-aufruf-zum-8-mai-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152535","title":{"rendered":"Leserbeitr\u00e4ge \u201eErinnerungen gegen den Krieg\u201c &#8211; Aufruf zum 8. Mai (25)"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;<em>Immer wieder ruft meine Mutter: &bdquo;Junge! Beeil dich! Du verpasst deinen Zug!&rdquo; Dass ich mich nicht beeilt habe, hat mir mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet.&ldquo;<\/em><\/p><p>Gerade wollten wir unsere Reihe mit Folge 24 abschlie&szlig;en &ndash; doch dann erreichten uns noch zwei eindrucksvolle Texte mit den Erinnerungen des Vaters eines Lesers an die letzten Kriegsmonate, die er als 15-J&auml;hriger erlebte. Gerne ver&ouml;ffentlichen wir diese, wieder sehr interessanten und bewegenden, Zeitzeugenberichte als Folgen 25 und 26. Hier der erste Teil.<br>\n<!--more--><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150403\">ersten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150464\">zweiten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486\">dritten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150605\">vierten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632\">f&uuml;nften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150671\">sechsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150740\">siebenten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150816\">achten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150812\">neunten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150802\">zehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151038\">elften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151098\">zw&ouml;lften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151156\">dreizehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151209\">vierzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151229\">f&uuml;nfzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151393\">sechzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151418\">siebzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151461\">achtzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151530\">neunzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151546\">zwanzigsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151551\">einundzwanzigsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151731\">zweiundzwanzigsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151881\">dreiundzwanzigsten Teil<\/a> sowie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152445\">vierundzwanzigsten Teil<\/a> der Zusendungen unserer Leser nachlesen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Ein Wunder<\/strong><\/p><p>Liebes NachDenkSeiten-Team,<\/p><p>ich schreibe Ihnen, weil ich von meinem Vater zwei Schriftst&uuml;cke gefunden habe, in denen er seine Erfahrungen mit dem Krieg als 15-J&auml;hriger festgehalten hat. (&hellip;) Vielleicht ist ja etwas f&uuml;r Ihre ber&uuml;hrende Reihe dabei. Das w&uuml;rde mich und meinen Vater, der mittlerweile 97 ist, sehr freuen.<\/p><p>Liebe Gr&uuml;&szlig;e<br>\nAnonym<\/p><p>Samstag, 6. Januar 1945. Es ist der f&uuml;nftausendsiebenhundertsechsundneunzigste Tag meines Lebens. Oder einfacher: Ich bin 15 Jahre, 10 Monate und 19 Tage alt. Ein eiskalter, verhangener Wintermorgen in Stettin. &Uuml;bermorgen, am 8. Januar beginnt die Schule nach den Weihnachtsferien. Ich muss fr&uuml;h raus, denn kurz vor neun geht mein Zug nach Schneidem&uuml;hl. Wie &uuml;blich vertr&ouml;dele ich die Zeit bei der Morgentoilette und beim Packen. Immer wieder ruft meine Mutter: &bdquo;Junge! Beeil dich! Du verpasst deinen Zug!&rdquo; Dass ich mich nicht beeilt habe, hat mir mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet. Endlich stehe ich also vor der Haust&uuml;r, in der linken Hand eine Klappstulle (zum Fr&uuml;hst&uuml;ck hatte es nicht mehr gereicht), in der rechten mein K&ouml;fferchen. Ein Abschiedskuss, und ich stapfe durch den Schnee zum Gartentor. Und dann passiert das Wunder. Das Wunder, das mir das Leben gerettet hat.<\/p><p>R&uuml;ckblende: Seit 1942 erlebte Stettin laufend schwere Bombenangriffe. Nach den Angriffen wurde die HJ im sogenannten Katastrophenschutz organisiert. Das hie&szlig;, dass wir den Ausgebombten jede Art von Hilfe zu leisten hatten. Wir schleppten deren M&ouml;bel, soweit sie noch welche hatten, in Notquartiere. Wir schmierten stundenlang Brote, verpackten sie in Waschk&ouml;rbe und verteilten sie an die Bed&uuml;rftigen. Bei einem dieser Eins&auml;tze schenkte mir eine Frau einen Tesching ihres gefallenen Sohnes. Ein Kleinkalibergewehr mit Patronen! Ich hatte zur Konfirmation ein Luftgewehr geschenkt bekommen. Aber ein Tesching, das war etwas, wovon ich nie zu tr&auml;umen gewagt h&auml;tte. Dieser Tesching sollte auf meiner Flucht noch eine Rolle spielen.<\/p><p>Wegen der Katastropheneins&auml;tze fiel immer &ouml;fter die Schule aus. Im Sommer 1943 folgte schlie&szlig;lich die Evakuierung der Schulen in vermeintlich bombensichere Gebiete. Meine Schule, das Marienstiftgymnasium, wurde nach Stargard in Pommern evakuiert. Da Stargard ein Bahnknotenpunkt in Westpommern war und Bahnknotenpunkte bevorzugte Luftangriffsziele waren, hielt mein Vater dieses Evakuierungziel f&uuml;r so unsinnig, dass er mich aus der Schule nahm und nach Schneidem&uuml;hl schickte. Schneidem&uuml;hl war Grenzstadt, direkt an der fr&uuml;heren polnischen Grenze. Dort wohnte ich im Haus des Oberb&uuml;rgermeisters, dessen Tochter Patientin meines Vaters gewesen war. Ich ging aufs Freiherr vom Stein Gymnasium. Wenn man nun r&uuml;ckblickend die Entwicklung des Krieges betrachtet, dann war die Idee, mich nach Osten, gewisserma&szlig;en den Russen entgegenzuschicken, sicherlich noch wesentlich unsinniger. Und sp&auml;testens nach Stalingrad musste man mit einer dramatischen Entwicklung im Osten rechnen.<\/p><p>Die Sommerferien 1944 wollte ich nat&uuml;rlich zu Hause in Stettin verbringen. Daraus wurde nichts, denn alle Jungs &uuml;ber 14 wurden eingezogen und nach Osten transportiert. Wir schaufelten monatelang Panzergr&auml;ben, die die erwartete russische Offensive aufhalten sollten. Es handelte sich um zwei parallel verlaufende, &uuml;ber mannshohe Gr&auml;ben. Und die perfide Idee war, in diesen Gr&auml;ben zwei miteinander konkurrierende Einheiten schaufeln zu lassen. Aber die Rechnung ging auf. Wir schaufelten bis zur totalen Ersch&ouml;pfung, nur um schneller zu sein als die anderen.<\/p><p>Und diese Schinderei ging bis in den November hinein. Nur mit Sommerkleidung ausger&uuml;stet, froren wir erb&auml;rmlich. Gro&szlig;e Fests&auml;le von Gastwirtschaften waren unsere Quartiere. Wir schliefen auf Stroh, das in vier langen Bahnen in den Saal gesch&uuml;ttet wurde. Wenn man Gl&uuml;ck hatte, erwischte man einen Schlafplatz an der Wand. Denn wenn jemand nachts nach drau&szlig;en musste, um ein Gesch&auml;ft zu erledigen, stolperte er meistens &uuml;ber die in der Mitte Schlafenden. Aber das Schlimmste war die Unsitte, nachts steinharte halbe Kommissbrote blind in den Saal zu schleudern. Die Getroffenen schrien nat&uuml;rlich auf. Und die disziplinarische Ma&szlig;nahme, die dann folgte, waren stundenlange Nachtm&auml;rsche.<\/p><p>Obwohl ich nie ein begeisterter Sch&uuml;ler war, empfand ich nach dieser Schinderei die Schule als reine Erholung. Aber es waren nur noch knapp vier Wochen bis zu den Weihnachtsferien.<\/p><p>Kurz vor Weihnachten also fuhr ich zum letzten Weihnachtsfest, das unsere Familie in Stettin feierte. Angesichts des z&uuml;gigen Vormarsches der Russen und der sich bedrohlich n&auml;hernden Front war es alles andere als eine &bdquo;fr&ouml;hliche&rdquo; Weihnacht. Mein Vater hatte zeitlebens eine gro&szlig;e Vorliebe f&uuml;r Landkarten, wie man sie eigentlich nur aus dem Geographieunterricht kennt. Er besa&szlig; einen Kartenst&auml;nder, wie ich ihn aus der Schule kannte. An diesem St&auml;nder hingen immer irgendwelche Weltkarten. In diesen Weihnachtsferien hing da allerdings immer die gleiche Karte. Eine Karte von Ostdeutschland und angrenzenden Gebieten. Jeden Tag markierte er die Frontlinie, die man aus den Nachrichten erfuhr, mit roten Stecknadeln. Wenn ich an diese sich bedrohlich n&auml;hernde Stecknadelfront denke, ist es mir bis heute ein R&auml;tsel, dass meine Eltern nicht auf die Idee kamen, meine Reise nach Schneidem&uuml;hl zu verhindern.<\/p><p>Und damit bin ich wieder am Morgen des 6. Januar 1945 in Stettin. Diesem grau verhangenen f&uuml;nftausendsiebenhundertsechsundneuzigsten Tag meines Lebens. Ich stapfe durch den Schnee zur Gartent&uuml;r, ich habe die Klinke schon in der Hand, als das Wunder auftritt. Das Wunder, dem ich mein Leben verdanke. Das Wunder tr&auml;gt Postuniform und h&auml;lt ein Telegramm in der Hand. Ein Telegramm f&uuml;r G&uuml;nther Schramm. Mein Vater hei&szlig;t genauso wie ich, nur mit dem Doktortitel davor. Nat&uuml;rlich glaubte ich, dass das Telegramm f&uuml;r meinen Vater bestimmt w&auml;re. Telegramme, das waren immer kleine Sensationen! Telegramme gab es zu gro&szlig;en Ereignissen wie Goldenen Hochzeiten, Jubil&auml;en und runden Geburtstagen ab 70. Wir sind heute so E-Mail- und SMS-verw&ouml;hnt, dass wir uns die Sensation eines Telegramms gar nicht vorstellen k&ouml;nnen. Aber nein, dieses Telegramm war nicht f&uuml;r meinen Vater, es war tats&auml;chlich f&uuml;r mich. Und es kam vom Direktor des Freiherr von Stein Gymnasiums aus Schneidem&uuml;hl. Er telegrafierte, dass in der Schule zurzeit ein Volkssturm-Kursus liefe und dass ich lieber noch zu Hause bleiben solle. Er w&uuml;rde mich benachrichtigen, wenn der Unterricht wieder beg&auml;nne.<\/p><p>Der Unterricht begann nie wieder. Und an dem Volkssturmkursus nahm nat&uuml;rlich meine ganze Klasse teil &ndash; au&szlig;er mir. Die russische Offensive rollte auf Schneidem&uuml;hl zu, und so wie in Bernhard Wickis Meisterwerk <em>Die Br&uuml;cke<\/em> dr&uuml;ckte man meinen Klassenkameraden Panzerf&auml;uste in die Hand und schickte sie den Russen entgegen. Soweit ich erfahren konnte, hat keiner von ihnen &uuml;berlebt.<\/p><p>H&auml;tte ich mich bei meiner Morgentoilette so beeilt, wie es meine Mutter w&uuml;nschte, h&auml;tte der Telegrammbote mich nicht mehr angetroffen.<\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/people\/150300783@N07\">Cassowary Colorizations<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:Creative_Commons\">Creative Commons<\/a> <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/deed.en\">Attribution 2.0 Generic<\/a> license<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;<em>Immer wieder ruft meine Mutter: &bdquo;Junge! Beeil dich! Du verpasst deinen Zug!&rdquo; Dass ich mich nicht beeilt habe, hat mir mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p>Gerade wollten wir unsere Reihe mit Folge 24 abschlie&szlig;en &ndash; doch dann erreichten uns noch zwei eindrucksvolle Texte mit den Erinnerungen des Vaters eines Lesers an die letzten Kriegsmonate, die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152535\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":152536,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[171],"tags":[3652,2394,966],"class_list":["post-152535","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-militaereinsaetzekriege","tag-erinnerungen-gegen-den-krieg-serie","tag-kriegstrauma","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/260619-Hitler_Youth_aged_13.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152535","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152535"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152535\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152577,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152535\/revisions\/152577"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/152536"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152535"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152535"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152535"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}