{"id":15254,"date":"2012-11-27T09:33:50","date_gmt":"2012-11-27T08:33:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15254"},"modified":"2019-07-05T11:01:44","modified_gmt":"2019-07-05T09:01:44","slug":"syriza-und-die-ungeklarte-frage-nach-der-solidaritat-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15254","title":{"rendered":"Syriza und die ungekl\u00e4rte Frage nach der \u201eSolidarit\u00e4t in der Krise\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In einem normalen demokratisch-parlamentarischen System k&ouml;nnten die Aussichten f&uuml;r die Opposition idealer nicht sein: Die beiden wichtigsten Regierungsparteien sind nicht nur f&uuml;r die prek&auml;re Situation der griechischen Wirtschaft und Gesellschaft verantwortlich, sie stehen auch f&uuml;r die Vergeblichkeit des &bdquo;Rettungsprogramms&ldquo;. Sie haben serienweise ihre Versprechen gebrochen und ihre Prognosen korrigieren m&uuml;ssen. Die Politik, die sie als Rettung des Landes inserieren, ist nicht nur gescheitert, sie war auch von vorn herein unfair und ungerecht, weil die Hauptschuldigen an der Misere nicht belangt werden und die relativ &bdquo;Unschuldigen&ldquo; &ndash; und die Wehrlosen &ndash; die Zeche bezahlen m&uuml;ssen. Zudem wird die verfahrene Lage absehbar nicht besser, sondern im Gegenteil immer nur noch verzweifelter.<br>\nDie Frage ist jedoch, ob gr&ouml;&szlig;te Oppositionspartei, die linke Sammlungsbewegung Syriza eine Alternative zur derzeitigen Regierung darstellt.<br>\nVon <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ist die Syriza eine realpolitische Alternative?<\/strong><\/p><p>Der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15216\">im ersten Teil dieses Berichts<\/a> zitierte Nikos Markoutzis (Kathimerini vom 7. November, auf <a href=\"http:\/\/www.ekathimerini.com\/4dcgi\/_w_articles_wsite3_1_07\/11\/2012_468947\">Englisch nachzulesen hier<\/a>) hat die Liste des Versagens b&uuml;ndig res&uuml;miert: Die von der Regierung und der Troika betriebene &bdquo;Rettungspolitik&ldquo; habe versagt, weil sie es vers&auml;umt habe, &bdquo;von Anfang an entschlossen auf Reformen zu dringen, die f&uuml;r eine gerechtere Gesellschaft sorgen, indem sie zum Beispiel Kartelle zerschlagen, b&uuml;rokratische H&uuml;rden beseitigen und die &ouml;ffentliche Verwaltung verbessern. Stattdessen wurde lediglich das getan, was am leichtesten geht, n&auml;mlich Gelder zu streichen. In Griechenland wurden die Rechte der Besch&auml;ftigten geschreddert, wurden das Gesundheits-, das Wohlfahrts-  und das Rentensystem ruiniert, wurde das Bildungswesen ausgetrocknet.&ldquo; Und selbst wo es Fortschritte gegeben hat, so Markoutzis, versanken diese &bdquo;in dem allgemeinen Gef&uuml;hl der Ungerechtigkeit und der Verzweiflung, das mit jedem neuen Memorandum mit jeder neuen Haushaltsk&uuml;rzung st&auml;rker wird&ldquo;.<\/p><p>Diese politische und sozialpsychologische Bestandsaufnahme bildet ex negativo ab, was eine Opposition in Griechenland anstreben m&uuml;sste, die sich als realpolitische Alternative und nicht nur als Sammelbecken f&uuml;r Protest- und Verzweiflungsstimmen anbieten will. Im Folgenden will ich der Frage nachgehen, ob und in welchem Ma&szlig;e die gr&ouml;&szlig;te Oppositionspartei Syriza in diesem Sinne eine Alternative zur Regierung Samaras darstellt.<\/p><p>Mein Ausgangspunkt ist zun&auml;chst einmal die Erscheinungsebene, also die &ouml;ffentliche Meinung im Lande. Die Umfragen zeigen die Linkspartei seit einigen Wochen als st&auml;rkste Partei. Die Syriza liegt knapp aber konstant vor der konservativen Nea Dimokratia, die seit ihrem (relativen) Sieg bei den Wahlen vom 17. Juni 2012 die Regierung bildet, in Koalition mit der langj&auml;hrigen Regierungspartei Pasok und der linkssozialdemokratischen Dimar (Demokratische Linke) angeh&ouml;ren. <\/p><p>Wenn die griechische Linkspartei die n&auml;chsten Wahlen &ndash; vorausgesetzt sie kommen bald &ndash; gewinnen w&uuml;rde, hei&szlig;t dies allerdings nicht, dass sie auch die Regierung stellen oder bilden k&ouml;nnte. Zwar bek&auml;me sie als st&auml;rkste Partei die 50 Bonussitze zugeschrieben, die in den Juniwahlen der ND zugeschlagen wurden (diese nach Meinung der Syriza undemokratische Bestimmung des geltenden Wahlgesetzes wird in Kraft bleiben, weil die Abschaffung der Bonussitze bereits zu den n&auml;chsten Wahlen eine qualifizierte Mehrheit von 200 der 300 Stimmen erfordern w&uuml;rde). Doch auch mit diesen 50 Extra-Mandaten ist eine absolute Parlamentsmehrheit der Syriza aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Deshalb w&auml;re die Partei (wie die ND nach dem 17. Juni) auf einen oder mehrere Koalitionspartner angewiesen. &Uuml;ber die Frage, welche Parteien das sein k&ouml;nnten, heute schon zu spekulieren, ist jedoch m&uuml;&szlig;ig, da die Parteienlandschaft unter dem Druck der Krise unberechenbar geworden ist.<\/p><p><strong>Die Angst vor der Machtfrage<\/strong><\/p><p>Wichtiger sind zwei andere Fragen: Kann die Syriza &uuml;berhaupt ein Interesse daran haben, &bdquo;an die Macht&ldquo; zu kommen. Und welchen Gestaltungsspielraum w&uuml;rde sie als Regierungspartei vorfinden? Die erste Frage klingt absurd, aber noch vor wenigen Wochen war sie das keineswegs. Nach den Juni-Wahlen war f&uuml;r jeden Beobachter in Athen offensichtlich, dass die Syriza-F&uuml;hrung &uuml;ber den Sieg der Nea Dimokratia keineswegs ungl&uuml;cklich war. F&uuml;r die Parteif&uuml;hrung um den Vorsitzenden Alexis Tsipras war die Vorstellung, von den W&auml;hlern in die politische Verantwortung katapultiert zu werden, ein regelrechter Albtraum, hat mir damals ein Athener Kollege versichert, der exzellente Kontakte zur Syriza-F&uuml;hrung unterh&auml;lt. Ich selber habe keinen einzigen Syriza-Verantwortlichen getroffen, der dieser Aussage widersprochen h&auml;tte. (Siehe dazu auch meine Analyse <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13550\">&bdquo;Griechenland vor den Wahlen&ldquo; auf den NachdenkSeiten vom 15. Jun 2012<\/a>, wo ich das Dilemma der Syriza bereits ausf&uuml;hrlich dargestellt habe.)<\/p><p>Die &bdquo;Angst&ldquo; vor einem Wahlsieg war in der Situation vom Sommer 2012 v&ouml;llig verst&auml;ndlich. Als Regierungspartei (mit welchem Koalitionspartner auch immer) h&auml;tten die Syriza und Tsipras sich vor einem abgr&uuml;ndigen Dilemma befunden: <\/p><ul>\n<li>Entweder h&auml;tten die Partei zu ihrer Wahlaussage stehen und s&auml;mtliche Vereinbarungen mit der Troika (kodifiziert im Memorandum 2 vom M&auml;rz 2012) aufk&uuml;ndigen m&uuml;ssen, um anschlie&szlig;end die Bedingungen eines &bdquo;Rettungsplans&ldquo; vom Nullpunkt aus neu zu verhandeln. Damit h&auml;tte sie aber riskiert, denjenigen Kr&auml;ften in der Eurozone in die H&auml;nde zu spielen, die Griechenland ohnehin in die Drachme zur&uuml;cksto&szlig;en wollten (und diese Kr&auml;fte waren im Juni 2012 deutlich st&auml;rker und entschlossener als heute). Im Sommer 2012 war also die Gefahr sehr real, dass die Syriza binnen kurzem zur Regierung des &bdquo;Bankrotts&ldquo; geworden w&auml;re.<\/li>\n<li>Oder die Syriza h&auml;tte auf die &bdquo;Aufk&uuml;ndigung&ldquo; des Memorandums 2 verzichtet und sich in eine neue, m&uuml;hsame Verhandlungsrunde mit der Troika begeben. Damit h&auml;tte sie nicht nur ihr zentrale Wahlaussage widerrufen, sondern auch fast alle weiteren Versprechen brechen m&uuml;ssen, vorweg die Ank&uuml;ndigung, die bereits vollzogenen K&uuml;rzungen der Arbeitseinkommen und Rentenbez&uuml;ge wie auch die Einschnitte in die sozialen Programme (v.a. im Gesundheitswesen) unverz&uuml;glich r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen. Die Kosten der Wahlversprechen der Syriza vom Sommer 2012 summierten sich zu einem Finanzbedarf von 25 bis 30 Milliarden Euro. Dieses Geld war und ist aber schlicht nicht vorhanden und war auch durch die von der Syriza vorgeschlagenen Ma&szlig;nahmen (z.B. zum Eintreiben von Steuerschulden) in absehbarer Zeit nicht zu beschaffen. Mit einem zus&auml;tzlichen Finanzierungsbedarf von 30 Milliarden Euro in Neuverhandlungen mit der Troika zu gehen, w&auml;re v&ouml;llig aussichtslos gewesen.<\/li>\n<\/ul><p>Wie sich die F&uuml;hrung der Sozialisten angesichts eines so teuflischen &bdquo;Erfolgs-Dilemmas&ldquo; entschieden h&auml;tte, ist eine offene Frage. In Athen dominierte im Juni 2012 die Einsch&auml;tzung, dass die Partei &ndash; unter dem Druck der Realit&auml;t und ihrer &ouml;konomischen Experten &ndash; auf  ihr K&uuml;ndigungsultimatum verzichtet und n&uuml;chterne Neuverhandlungen mit der Troika angestrebt h&auml;tte  &ndash; begleitet von Appellen an die &bdquo;europ&auml;ische Solidarit&auml;t&ldquo; insbesondere in Richtung der linken und sozialdemokratischen Kr&auml;fte innerhalb der Eurozone. Diese Einsch&auml;tzung erschien auch mir plausibel, zumal ich etliche Syriza-W&auml;hler getroffen habe, die der Partei ihre Stimme nur gegeben haben, um sie bewusst einem &bdquo;Realit&auml;tsschock&ldquo; auszusetzen. Schlie&szlig;lich musste die Parteif&uuml;hrung damals davon ausgehen, dass die Mehrzahl ihrer neu gewonnenen W&auml;hler (gegen&uuml;ber den Mai-Wahlen legte die Syriza um 10,1 Prozent auf 26,9 Prozent zu) nicht f&uuml;r das Ultimatum von Tsipras, sondern f&uuml;r eine realistische Politik der &bdquo;Neuverhandlungen&ldquo; gestimmt hat. <\/p><p>Diese Einsch&auml;tzung wird durch demoskopische Aufarbeitungen des Wahlergebnisses best&auml;tigt. Differenzierte Umfragen der Meinungsforscher von Public Issue (von denen <a href=\"http:\/\/www.publicissue.gr\/en\/\">einige auch auf Englisch zug&auml;nglich sind<\/a>) lassen erkennen, dass die bei den Juni-Wahlen neu gewonnenen Syriza-W&auml;hler nur zum geringen Teil aus ideologisch-programmatischen Gr&uuml;nden f&uuml;r die Partei gestimmt haben. Nur 10 Prozent der Wechselw&auml;hler nannten als ihr Hauptmotiv das <a href=\"http:\/\/www.publicissue.gr\/2039\/criterion\/\">Wahlprogramm und nur 9 Prozent die Position der Syriza gegen&uuml;ber dem Memorandum<\/a>. Dagegen nannten 74 Prozent eher allgemeine Gr&uuml;nde (Wunsch nach Wechsel; Absage an die beiden Systemparteien, neue Zukunftshoffnung, Syriza als nicht-korrupte Partei). Dieses Profil der W&auml;hlermotive zeigt die Syriza auf dem Weg zu einer klassischen linken Sammlungspartei, die aus ihrem angestammten ideologischen &bdquo;Lager&ldquo; ausbricht. Besonders deutlich wird dies am Kontrast zu den konkurrierenden Protestpartien wie der nationalistisch-populistischen ANEL (Unabh&auml;ngige Hellenen), oder der leninistischen KKE, die von 60 Prozent ihrer Anh&auml;nger aus ideologisch-programmatischen Gr&uuml;nden gew&auml;hlt wurden.<\/p><p><strong>Die meisten neuen W&auml;hler kommen aus der linken Mitte<\/strong><\/p><p>Der Zustrom ideologisch &bdquo;ungefestigter&ldquo; W&auml;hler, die sich eher der linken Mitte zurechnen, war also ein ausschlaggebend f&uuml;r den Zuwachs des Syriza-W&auml;hleranteils um 10 Prozentpunkte gegen&uuml;ber den Mai-Wahlen. Dies und die Tatsache, dass nur 9 Prozent der gewonnenen Wechselw&auml;hler als ihr Motiv die Memorandum-Politik nennen, sprechen eher daf&uuml;r, dass die Syriza bei einem Wahlsieg keine konfrontative Politik gegen&uuml;ber der Troika und dem Memorandum eingeschlagen h&auml;tte. Den Erwartungen der Wechselw&auml;hler h&auml;tte sie eher mit einer &bdquo;realpolitischen&ldquo; Wende entsprochen, die von verlangten mehrheitlich von einer neuen Regierung keinen Bruch, sondern neue Verhandlungen mit der Troika. Diese Forderung ist nach wie vor ein stark ausgepr&auml;gtes W&auml;hlermotiv: nach der schon zitierten GPO-Umfrage von Anfang November 2012 lautet ein Hauptkritikpunkt an der Politik der bisherigen Regierungen, dass mit der Troika entweder gar nicht oder nicht richtig verhandelt haben (so die Meinung von 84 Prozent der Befragten).<\/p><p>Ob sich die Partei tats&auml;chlich f&uuml;r diese Option entschieden h&auml;tte, l&auml;sst sich nat&uuml;rlich nicht sicher sagen. Und leicht gefallen w&auml;re ihr das nicht, h&auml;tte sie doch zugeben m&uuml;ssen, dass sie ihren Wahlkampf mit falschen Versprechungen, (vor allem der sofortigen Aufk&uuml;ndigung des Memorandums) bestritten hat. Das aber w&auml;re f&uuml;r eine Partei, die ihre politischen Rivalen mit dem Vorwurf des &bdquo;W&auml;hlerbetrugs&ldquo; attackiert hat, ein sehr schmerzliches Eingest&auml;ndnis gewesen. Sicher ist allerdings eines: Eine solche Wende (bzw. der Zwang) h&auml;tte f&uuml;r die Syriza eine Zerrei&szlig;probe bedeutet. Dass die Partei einen widerspr&uuml;chlichen Wahlkampf f&uuml;hrte, der st&auml;rker von vollmundig radikalen Versprechungen (v.a. von Tsipras) als von realen Zw&auml;ngen reflektierten Einsch&auml;tzungen (v.a. ihrer &ouml;konomischen Experten) gepr&auml;gt war, hat auch mit der politischen Zusammensetzung der Syriza zu tun, die ein lockeres B&uuml;ndnis von einem Dutzend formell autonomer Gruppen des linken und alternativen Spektrums darstellt. <\/p><p><strong>Die Kinderkrankheiten einer Bewegungspartei<\/strong><\/p><p>Die Heterogenit&auml;t der Syriza war eine St&auml;rke, so lange die Partei die versprengten Gruppen der Linken zu einer Kraft b&uuml;ndelte, die diesen zumindest eine Stimme im Parlament verschaffen konnte (in den Wahlen von 2004 bis 2009 mit einem Stimmanteil zwischen 3 und 5 Prozent). Kern der Syriza war schon immer die alte &bdquo;Koalition der Linken, der Bewegungen und der &Ouml;kologen&ldquo; (Synaspismos), die bereits unterschiedliche Gruppen in sich vereinte, aber mit der Erweiterung zur Syriza wurde die Mischung noch un&uuml;bersichtlicher (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/SYRIZA_%E2%80%93_Enotiko_Kinoniko_Metopo\">eine Liste aller Fraktionen bei Wikepedia<\/a>). Die Heterogenit&auml;t der Partei hat verhindert, dass sie einer so wichtigen Frage wie &bdquo;Euro oder Drachme&ldquo; eine einheitliche Position entwickeln konnte, wobei einzelne Fraktionen sogar die R&uuml;ckkehr zur Drachme bef&uuml;rworten. Das gilt vor allem f&uuml;r die Vertreter der sogenannten &bdquo;linken Str&ouml;mung&ldquo;, die sich unabh&auml;ngig und sehr selbstgewiss artikuliert. Die Folge war, dass auch Tsipras &ndash; trotz der Wahlkampfaussage zugunsten des Euro &ndash;  gelegentlich verbale Konzessionen in Richtung dieser Gruppen machte (indem er z.B. kurz vor dem 17. Juni erkl&auml;rte, der Euro d&uuml;rfe nicht zum &bdquo;Fetisch&ldquo; werden). <\/p><p>Seit den Wahlerfolgen des letzten Sommers ist diese heterogene Parteistruktur und die entsprechende programmatische Unverbindlichkeit h&ouml;chst problematisch geworden. Und auf keinen Fall ist sie mit dem Anspruch auf eine klare F&uuml;hrung einer Regierung vereinbar. Ein Konglomerat aus ideologisch stark festgelegten Gruppen, die ihre jeweiligen Positionen nicht einer demokratisch organisierten Konsensbildung opfern wollen, ist kaum regierungsf&auml;hig, schon gar nicht in einer extrem schwierigen Situation wie im heutigen Griechenland. <\/p><p>Das Problem stellt sich f&uuml;r die Syriza noch verst&auml;rkt, weil es auch in der Parlamentsfraktion auftaucht. Hier sind nicht nur die einzelnen politischen Gruppierungen vertreten, die &bdquo;ihre&ldquo; Abgeordneten mittels gebundenen Mandats kontrollieren, sondern auch &bdquo;&Uuml;berl&auml;ufer&ldquo; aus anderen Parteien, die ihre politische Karriere in der Syriza fortsetzen wollen. Das Problem, das diese zentrifugalen Kr&auml;fte f&uuml;r eine Regierungsf&auml;higkeit darstellen, ist der Parteif&uuml;hrung durchaus bewusst. Deshalb arbeitet sie mit Hochdruck auf eine organisatorische &bdquo;Neugr&uuml;ndung&ldquo; hin, die auf einem Parteikongress im M&auml;rz 2013 vollzogen werden soll. Dabei betreibt sie auch eine aktive Mitgliederwerbung, die erkennbar auf W&auml;hler aus der linken Mitte zielt. Damit will die Parteif&uuml;hrung offensichtlich das Gewicht der &ndash; radikaleren &ndash; Stammbelegschaft der Syriza relativieren. Dies ist im &uuml;brigen ein Prozess, den noch jede linke Partei mit der Ambition auf Beteiligung an der Macht durchlaufen hat (man denke etwa an die Gr&uuml;nen, aber auch an die Linkspartei in Deutschland). <\/p><p>Angesichts dieses Zeitplans und der innerorganisatorischen Diskussionen &uuml;ber Statuten und Programmatik einer &bdquo;vereinheitlichten&ldquo; Linkspartei f&uuml;hlte sich die Syriza-F&uuml;hrung bis vor kurzem durch die Aussicht auf Neuwahlen eher verst&ouml;rt. Seit jedoch die Debatten &uuml;ber das Memorandum 3 &ndash; und die inneren Probleme der Koalitionsregierung &ndash; ein solches Szenario als denkbar erscheinen lassen, m&uuml;ssen sich die Syriza und Tsipras auf den Fall des Falles einstellen.<\/p><p>Sie tun dies mit demonstrativen Selbstvertrauen. Gegen&uuml;ber Journalisten erkl&auml;rte Tsipras letzte Woche, eine absolute Parlamentsmehrheit liege f&uuml;r die Syriza durchaus in Reichweite (Kathimerini vom 20. November). Und am 24. November verk&uuml;ndete er vor einer lokalen Delegiertenkonferenz im Athener Stadtteil Peristeri, dass die Partei ab sofort bereit sei, &bdquo;die gro&szlig;e Verantwortung des Regierens zu &uuml;bernehmen&ldquo;. <\/p><p>Adressiert ist diese Botschaft nicht nur an die griechischen W&auml;hler, sondern auch an die eigene Partei. Denn auch innerhalb der Syriza gibt es nach wie vor gro&szlig;e Zweifel an der eigenen Regierungsf&auml;higkeit. Ausgerechnet der Sprecher der Parlamentsfraktion, Panayiotis Lafazanis hatte am 31. Oktober gegen&uuml;ber einem TV-Sender erkl&auml;rt, die Syriza sei zum Regieren noch nicht &bdquo;etimos&ldquo; (was &bdquo;bereit&ldquo;, aber auch &bdquo;angemessen vorbereitet&ldquo; bedeuten kann), und f&uuml;gte hinzu: &bdquo;Ich weigere mich, das Volk zu verarschen.&ldquo; Lazafanis hat damit eine sehr verst&auml;ndliche Bef&uuml;rchtung ausgedr&uuml;ckt: n&auml;mlich dass die Syriza als Regierungspartei zwischen zu hohen Erwartungen, die sie geweckt hat, und der harten Realit&auml;t,  auf die sie keinen Einfluss hat, sehr schnell zerrieben werden k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Ist die Syriza gesellschaftlich bereits mehrheitsf&auml;hig?<\/strong><\/p><p>Diese Einsch&auml;tzung wird offensichtlich von einer Mehrheit der griechischen Gesellschaft geteilt. In der zitierten GPO-Meinungsumfrage (durchgef&uuml;hrt nach den November-Abstimmungen im griechischen Parlament), wurde die Lazafanis- Frage; &bdquo;Ist die Syriza bereit zum Regieren?&ldquo; von 73.9 Prozent der Befragten verneint. Nur 23,7 Prozent halten die Opposition f&uuml;r regierungsf&auml;hig\/bereit. Diese Skepsis zeigt sich auch in den Antworten auf eine weitere Frage: Nur 22 Prozent der Befragten glauben, dass es Griechenland mit einer Syriza-Regierung besser gehen w&uuml;rde. Hingegen 27 Prozent gehen davon aus, dass sich nichts &auml;ndern w&uuml;rde, und 43 Prozent nehmen sogar an, dass es dem Land schlechter gehen w&uuml;rde. Das sind katastrophale Werte f&uuml;r eine Partei, die das Ziel formuliert, m&ouml;glichst allein, aber im Interesse aller Griechen zu regieren.<\/p><p>Diese Umfrage l&auml;sst erkennen, dass die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung ganz realistisch von einer &bdquo;begrenzten Souver&auml;nit&auml;t&ldquo; ihres Landes ausgeht (best&auml;tigt wird dies durch die Reaktion auf die Frage, ob eine andere Regierung &uuml;berhaupt etwas &auml;ndern k&ouml;nnte: Auch darauf antworten 62 Prozent mit Nein). Aber sie reflektiert gewiss auch die Skepsis gegen&uuml;ber der m&ouml;glichen politischen Alternative, einer von Alexis Tsipras gef&uuml;hrten Syriza-Regierung. Dass sich diese Skepsis auch auf die Person Tsipras bezieht, zeigt ein weiteres Ergebnis: nur 19 Prozent der Befragten halten Tsipras f&uuml;r den &bdquo;geeignetsten&ldquo; Regierungschef, 28 Prozent dagegen immer noch den aktuellen Amtsinhaber Samaras (trotz des Vorsprungs der Syriza in der &bdquo;Sonntagsfrage&ldquo;:22,3 Prozent gegen&uuml;ber 20,1 Prozent f&uuml;r die ND). Damit bleibt der Syriza-Vorsitzende bei der Frage nach der &bdquo;Amtseignung&ldquo; als einziger Parteichef unter dem Zustimmungswert f&uuml;r seine eigene Partei.<\/p><p>Das Gesamtbild dieser Umfragwerte zeigt vor allem eines: Zwischen der von Tsipras proklamierten &bdquo;Bereitschaft zum Regieren&ldquo; und der Realit&auml;t klafft bisher noch eine erhebliche L&uuml;cke, die nur durch eine &uuml;berzeugende politische Konzeption geschlossen werden kann. Angesichts der abgebildeten Stimmungen in der Gesellschaft muss eine solche Konzeption (ungeachtet vieler in einem Wahlprogramm zu kl&auml;renden Einzelfragen)  eine elementare Bedingung erf&uuml;llen: Sie muss von einer n&uuml;chternen Einsch&auml;tzung harter Realit&auml;ten ausgehen, statt einen leichtf&uuml;&szlig;igen Fluchtweg aus der misslichen Realit&auml;t nur vorzugaukeln &ndash; wie das Wahlprogramm vom Sommer 2012 mit seinen nicht erf&uuml;llbaren und nicht finanzierbaren Versprechungen. <\/p><p>Das wichtigste Element der griechischen Zw&auml;nge ist nat&uuml;rlich die Abh&auml;ngigkeit des Landes von seinen Gl&auml;ubigern, sprich seine &bdquo;eingeschr&auml;nkte Souver&auml;nit&auml;t&ldquo;. Diese anzuerkennen &ndash; ohne sich den &auml;u&szlig;eren M&auml;chten (Troika, Eurozonen-Partner, Regierung Merkel-Sch&auml;uble) bedingungslos auszuliefern -, ist aber Voraussetzung daf&uuml;r, dass eine griechische Regierung die Bedingungen ihrer Handlungsf&auml;higkeit irgendwann wieder zur&uuml;ck gewinnen kann. Das aber geht nicht ohne die Einsicht, dass ein gro&szlig;er Teil der Griechen und ihre politische Klasse f&uuml;r den Verlust der staatlichen Souver&auml;nit&auml;t zu einem guten Teil selbst verantwortlich sind, insofern sie schon vor der internationalen Finanzmarktkrise eine exzessive Schuldenpolitik betrieben haben, die das Land zum ersten Opfer dieser Krise und der Krisenspekulanten machen musste. Eine politische Kraft, die einen Ausweg aus dem griechischen Elend nicht nur verspricht, sondern ernsthaft sucht, muss also aussprechen, dass das Land schon vor dem Einr&uuml;cken der Troika seine Souver&auml;nit&auml;t eingeb&uuml;sst hatte, und zwar gegen&uuml;ber den Finanzm&auml;rkten. Nur wenn der griechischen Bev&ouml;lkerung erkl&auml;rt wird, welche politischen und sozialen Pathologien &uuml;berwunden werden m&uuml;ssen, um die verlorene Souver&auml;nit&auml;t zur&uuml;ck zu gewinnen, kann sie die tiefgreifenden Reformen verstehen und akzeptieren, ohne die es f&uuml;r Griechenland keinen Ausgang aus der Krise gibt.  <\/p><p><strong>Ws hei&szlig;t Realpolitik gegen&uuml;ber den Gl&auml;ubigern?<\/strong><\/p><p>Die Anerkennung der griechischen Realit&auml;t ist aber nicht zur &bdquo;nach innen&ldquo;, gegen&uuml;ber den eigenen W&auml;hlern wichtig. Sie ist auch Voraussetzung daf&uuml;r, dass die Syriza ein anderes Arbeitsverh&auml;ltnis zur Troika und zu Eurozone entwickeln kann, wozu sie als Regierungspartei ohnehin gezwungen sein wird. Eine harte Kritik an der konkreten Krisenpolitik der Eurozone und der Troika ist ebenso berechtigt wie die Analyse richtig ist, dass die Politik der Memoranden die griechische Krise nur noch weiter versch&auml;rft und sich damit als Sackgasse erwiesen hat. Aber das hei&szlig;t zugleich, dass ein Ausweg f&uuml;r Griechenland nur &uuml;ber eine &Auml;nderung dieser Politik, das hei&szlig;t aber: nur mit Unterst&uuml;tzung anderer europ&auml;ischer Partner m&ouml;glich ist. Deshalb muss sich jede Athener Regierung um die Solidarit&auml;t von anderen Euro-Zonen-L&auml;ndern bem&uuml;hen, die letztlich die Solidarit&auml;t der europ&auml;ischen Steuerb&uuml;rger einschlie&szlig;t. Die aber ist nicht zu gewinnen, wenn in Griechenland keine Bereitschaft sichtbar wird, l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llige Ma&szlig;nahmen anzupacken, um jene fatalen Pathologien in Politik und Gesellschaft zu bek&auml;mpfen, die man unter den Begriff &bdquo;Klientelsystem&ldquo; zusammenfassen kann.<\/p><p>Genau auf diesem Felde sehe ich jedoch noch eine gro&szlig;e Schw&auml;che der Syriza. Die Partei und zumal ihr popul&auml;rer und auf viel Sympathie sto&szlig;ender Vorsitzender Tsipras sind seit Beginn der Krise meisterliche Interpreten der Kritik an der Troika und ihrem verfehlten &bdquo;Rettungsprogramm&ldquo;. Aber wenn sie als Regierungsaspiranten eine echte Alternative bieten wollen, m&uuml;ssen sie auch einen Beitrag zur Selbstaufkl&auml;rung ihrer Anh&auml;nger und potentiellen W&auml;hler  leisten. In dieser Hinsicht sind ihre Anstrengungen bislang noch unterentwickelt, ja vielleicht weniger entwickelt als in der Gesamtgesellschaft (wie man aus einigen der zitierten Umfragewerte erfahren kann). <\/p><p>Eine der tragischen (und vielleicht folgenreichsten) Entwicklungen innerhalb der griechischen Krise besteht darin, dass die H&auml;rte und ungerechte Verteilung der Belastungen die Ans&auml;tze zu einer &bdquo;Selbstkritik&ldquo;, die in der Gesellschaft zu Beginn der Krise nachgerade aufgebl&uuml;ht waren, schon bald &uuml;berdeckt und wieder erstickt hat. Statt diese Ans&auml;tze zu verst&auml;rken und zu vertiefen, hat sich die Syriza im Wesentlichen darauf beschr&auml;nkt, den Zorn der W&auml;hler auf die politische Klasse (aus der sich die meisten herausdefinieren k&ouml;nnen) f&uuml;r sich &bdquo;abzusahnen&ldquo;. Die weitere und nat&uuml;rlich viel schwerer Aufgabe, die gesellschaftliche Dimension des &bdquo;Klientelsystems&ldquo; zu thematisieren (aus der sich nicht viele Griechen heraus definieren k&ouml;nnen), hat sie nicht angepackt. Das ist wahrscheinlich auch zu viel verlangt von einer Partei, die sich als Systemopposition profilieren will. Aber eine Partei, die sich anschickt, als Regierung die Zukunft einer Gesellschaft in der Krise zu gestalten, kann sich um diese Aufgabe nicht mehr dr&uuml;cken. Zumal es sich um ein genuin &bdquo;linkes&ldquo; Thema handelt, weil der &bdquo;Klientelstaat&ldquo; der gr&ouml;&szlig;te Feind des Sozialstaats ist. (eine genauere Begr&uuml;ndung dieser These in <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14288\">meinem Beitrag vom 31. August auf den Nachdenkseiten<\/a>). <\/p><p><strong>Steuermoral und Klientelismus<\/strong><\/p><p>Die beiden notorischen &ndash; und f&uuml;r die &Uuml;berwindung der Schuldenkrise entscheidenden &ndash; Defekte des moribunden &bdquo;griechischen Modells&ldquo; waren und sind zum einen die unterentwickelte Steuermoral, zum anderen die &ndash; durch den parteipolitischen Klientelismus gen&auml;hrte &ndash; selektive Privilegierung des &ouml;ffentlichen gegen&uuml;ber dem privaten Sektor. Der erste Defekt war f&uuml;r die zu geringen Staatseinnahmen, der zweite f&uuml;r die (gemessen an der wirtschaftlichen Produktivit&auml;t) zu hohen staatlichen Ausgaben verantwortlich. <\/p><p>Zu beiden Defekten hatte die Syriza bislang ein unklares, um nicht zu sagen ambivalentes Verh&auml;ltnis. In ihrem Wahlprogramm vom Juni dieses Jahres wurde die Steuerhinterziehung fast schon als eine Art Notwehr gegen&uuml;ber dem gierigen Staat dargestellt. Die klassischen Steuers&uuml;nder sind f&uuml;r die Syriza vor allem die Milliard&auml;re und die Reeder. Dass weit &uuml;ber die H&auml;lfte aller dem Staat entgehenden Steuern von Freiberuflern und Mittelst&auml;ndlern vorenthalten werden, ist f&uuml;r die Partei immer noch kein Thema. Ebenso wenig die allgemein bekannte Tatsache, dass die griechischen Banken den Angeh&ouml;rigen bestimmter Berufsgruppen (&Auml;rzte, Rechtsanw&auml;lte, Notare, Steuerberater und andere Freiberufler) weit h&ouml;here Kredite gew&auml;hrt haben, als es deren deklarierten Einkommen entspricht, weil die Banken &uuml;ber die tats&auml;chlichen Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse Bescheid wissen (zu diesem Thema haben <a href=\"http:\/\/ssrn.com\/abstract=2109500\">drei &Ouml;konomen an der University of Chicago eine interessante Studie verfasst<\/a>). <\/p><p>Angesichts dessen wundert es nicht, dass unter dem W&auml;hleranhang der Syriza (und vermutlich auch unter den Mitgliedern) die freien Berufe und der Mittelstand &uuml;berproportional vertreten sind. Aus wahltaktischer Sicht z&auml;hlen diese Gruppen damit zu einer politischen Klientel, die man nicht mit moralischen Belehrungen vor den Kopf sto&szlig;en will. Tsipras selbst hat mehrfach &ouml;ffentlich Nachsicht f&uuml;r freiberufliche Steuers&uuml;nder ge&auml;u&szlig;ert. Und nicht nur f&uuml;r diese. Anfang September wurde er auf einer Pressekonferenz in Thessaloniki nach seiner Meinung zu folgendem Fall angesprochen: Ein Gymnasiallehrer unterrichtet am Nachmittag als Lehrer an einer privaten Nachhilfeschule dieselben Sch&uuml;ler, die er morgens in seiner Klasse sitzen hat; das damit erzielte zus&auml;tzliche Einkommen hat er nicht deklariert, also Steuern hinterzogen. Statt solches Verhalten zu kritisieren &ndash; und damit eine der sch&auml;dlichsten Pathologien der griechischen Gesellschaft &ndash; zeigte der Syriza-Vorsitzende f&uuml;r den staatlich besoldeten Steuers&uuml;nder ein gro&szlig;z&uuml;giges Verst&auml;ndnis.<\/p><p><strong>Eine denkw&uuml;rdige Rebellion im griechischen Parlament<\/strong><\/p><p>Das verweist auf einen zweiten Punkt, in dem die Syriza sich nicht traut, die Pathologien des griechischen &bdquo;Klientelsystems&ldquo; zu benennen. Ich meine damit die Privilegien von bestimmten Besch&auml;ftigten im &ouml;ffentlichen Sektor. <\/p><p>Zur Illustration muss ich eine Episode schildern, die sich am 7. November im griechischen Parlament zugetragen hat: Vor der Abstimmung &uuml;ber das Memorandum 3 kam es zu einer denkw&uuml;rdigen &bdquo;Rebellion&ldquo; der Parlaments-Angestellten. Als sie in den Gesetzesvorlagen eine Klausel entdeckten, die ihre rechtliche Gleichstellung mit dem &uuml;brigen &ouml;ffentlichen Dienst besiegeln sollte, organisierten sie l&auml;rmend einen spontanen Streik und drohten sogar mit der Besetzung des Parlamentsgeb&auml;udes. Da der Abstimmungsvorgang ohne das technische Personal (einschlie&szlig;lich der Protokollanten) nicht durchf&uuml;hrbar war, musste die Regierung die Klausel aus dem Gesetzentwurf streichen.   <\/p><p>Das Parlamentspersonal war seit langem die privilegierteste Gruppe des &ouml;ffentlichen Dienstes. Bis 2011 bezog sie noch (&uuml;ber die Gratifikationen der &uuml;brigen Staatsbediensteten hinaus) ein 15. und 16. Monatsgehalt. Besonders gro&szlig;z&uuml;gig waren ihre Abfindungsregelungen: Bei  ihrer Pensionierung hatten sie Anspruch auf  eine Einmal-Summe (Efapax) von 300 000 Euro. Diese Summe wurde inzwischen zwar krisenhalber auf 120 000 Euro gek&uuml;rzt, liegt damit aber immer noch um ein Mehrfaches &uuml;ber dem Efapax-Anspruch des normalen &ouml;ffentlichen Dienstes (Regierungschef Samaras sprach von einem 8-fachen Betrag, im Durchschnitt handelt es sich um das 3- bis 4-fache). Insgesamt wurden die Parlamentsangestellten von den bisherigen Gehalts- und Rentenk&uuml;rzungen, die etwa Lehrer, Sozialarbeiter oder Verwaltungsangestellte hinnehmen mussten, bislang weitgehend verschont. <\/p><p>Diese erfolgreiche Rebellion einer privilegierten Gruppe, die hoheitliche Staatsaufgaben innerhalb der Legislative wahrnimmt, ist ein einmaliger Vorgang in der europ&auml;ischen Parlamentsgeschichte. Zugleich ist sie aber das krasseste Beispiel f&uuml;r die moralisch deformierenden Folgen des &bdquo;Klientelismus&ldquo; &ndash; die sich freilich in diesem ironischerweise gegen die Sch&ouml;pfer des Systems richteten. Denn die Parlamentsangestellten verdanken ihre privilegierten Jobs ausnahmslos den Parteien, die das Land in den letzten zwanzig Jahren regiert haben. Jetzt aber, in der Krise, zeigten sie sich entschlossen, ihre verbliebenen Privilegien mit allen Mitteln zu verteidigen &ndash; selbst mittels Erpressung ihrer alten G&ouml;nner und dar&uuml;ber hinaus des parlamentarischen Systems. <\/p><p><em>(Als Exkurs ein kleiner Nachtrag &uuml;ber den Ausgang dieser Rebellion: Die Regierung wird in n&auml;chster Zeit, gest&uuml;tzt auf verfassungsrechtliche Gutachten, den gestrichenen Gesetzesartikel doch noch verabschieden lassen. Seit dieser Ank&uuml;ndigung haben (nach Informationen der Kathimerini) &uuml;ber 60 Parlamentsangestellte ihre &ndash; zum Teil vorzeitige &ndash; Pensionierung beantragt, um noch von der alten Regelung der gro&szlig;z&uuml;gigen Efapax-Zahlungen zu profitieren. Im R&uuml;ckblick verfolgten sie mit dem &bdquo;Aufstand&ldquo; vom 7. November das einzige Ziel, im letzten Moment noch in den Genuss der privilegierten Abfindungen zu gelangen.)<\/em> <\/p><p>Wie verhielt sich in dieser Situation die Syriza? Die Frage ist besonders interessant, wenn man sich die Lage rund um die &bdquo;Vouli&ldquo; vergegenw&auml;rtigt. An diesem Tag demonstrierten mehrere Zehntausend Athener, durch massive Polizeiketten vom Parlamentsgeb&auml;ude ferngehalten, gegen das Memorandum 3 und die Gesetzesvorhaben der Regierungskoalition. Ein zentrales Motiv dieser Demonstranten war und ist die Ungerechtigkeit des Sparprogramms. Und zu den gr&ouml;&szlig;ten Ungerechtigkeiten z&auml;hlen in ihren Augen eben auch die Privilegien der Parlamentsangestellten, von deren &bdquo;Aufstand&ldquo; sie zu der Zeit noch nichts wussten. <\/p><p>An diesem Tag gab es in Athen keine klarere politische Konfrontation (um nicht zu sagen: Klassenfront) als die zwischen den Emp&ouml;rten auf dem Syntagma-Platz und den &bdquo;rebellischen&ldquo; Parlamentsangestellten. Die Syriza h&auml;tte diese Konstellation in der Debatte aufnehmen und die gegens&auml;tzlichen Motive der Rebellion von Demonstranten und Parlamentspersonal darstellen k&ouml;nnen. Aber die parlamentarische Opposition dr&uuml;ckte sich um die entscheidende Frage. Sie beschr&auml;nkte sich darauf, die Methode des Finanzministers zu kritisieren, der die Bestimmung &uuml;ber die Gleichstellung des &ouml;ffentlichen Dienstes in das Gesetzespaket quasi hineingeschmuggelt habe. Dieses verfassungsrechtlich bedenkliche und feige Verfahren zu kritisieren, war ohne Zweifel berechtigt. Aber zu dem weitaus gr&ouml;&szlig;eren Verfassungsproblem, das eine Gruppe von Staatsbediensteten ein Verfassungsorgan erpresst, &auml;u&szlig;erte sich die Syriza nicht. Einige ihrer Parlamentarier zeigten vielmehr ihre Sympathien f&uuml;r den &bdquo;wilden Streik&ldquo;, der beinahe das gesamte Gesetzespaket blockiert h&auml;tte (wenn auch aus ganz anderen Motiven als denjenigen der Syriza).<\/p><p><strong>Das Verh&auml;ltnis zu privilegierten Gruppen<\/strong><\/p><p>An diesem Beispiel zeigt sich nicht nur ein bedenklicher Opportunismus in Fragen der politischen Moral und des Verfassungsrechts. Unabh&auml;ngig davon, ob man die Gehaltsk&uuml;rzungen kritisch betrachtet steht die Kritiklosigkeit gegen&uuml;ber dem Parlamentspersonal f&uuml;r eine grunds&auml;tzliche Unsicherheit, genauer f&uuml;r eine Prinzipienlosigkeit bei der Einsch&auml;tzung und Unterst&uuml;tzung von Gruppeninteressen. Denn die Angestellten der Vouli waren nicht die ersten, die ihre unentbehrliche Funktion f&uuml;r das politische System und f&uuml;r die gesellschaftliche Reproduktion auf erpresserische Weise ausnutzen wollten. Das haben ganz zu Beginn der Krise bereits die Zollbeamten mit ihrem Streik versucht. Desgleichen die &ouml;ffentlichen Bediensteten in den Finanz&auml;mtern, die sich seit langem im unerkl&auml;rten Bummelstreik befinden. <\/p><p>Dass solche Gruppen das Ziel verfolgen, unter Berufung auf ihre besondere Wichtigkeit von Gehalts- und Rentenk&uuml;rzungen ausgenommen oder st&auml;rker verschont zu werden als andere, sollte f&uuml;r eine Partei der &bdquo;linken&ldquo; Solidarit&auml;t zumindest ein Problem sein. F&uuml;r die Syriza ist dies bis jetzt kein Thema. Sie scheut die Kritik speziell gegen&uuml;ber Gruppen des &ouml;ffentlichen Sektors (im weitesten Sinne) auch dann, wenn diese an einem erworbenen Besitzstand &ndash; oder an Strukturen &ndash; festhalten wollen, die Produkte des alten Klientelsystems sind, das zwar abstrakt, aber fast nie in seinen konkreten Erscheinungsformen kritisiert wird. Das hat auch damit zu tun, dass die Linkspartei derzeit sehr bem&uuml;ht ist, ihren Einfluss in den Gewerkschaften auszubauen, und vor allem in den Gewerkschaften des &ouml;ffentlichen Dienstes und der Unternehmen des &ouml;ffentlichen Sektors. Deren Kader wenden sich derzeit zu Hauf von der Pasok ab, der sie lange Zeit ziemlich willf&auml;hrig gedient haben. Diese alten Gewerkschaftsfunktion&auml;re sind sehr stark von einem parteipolitisch programmierten &bdquo;Klientelismus&ldquo; gepr&auml;gt, den ihnen die Syriza nicht so leicht austreiben kann, wenn sie es denn tats&auml;chlich will.<\/p><p>Hier liegt ein Problem von prinzipieller Bedeutung, das sich f&uuml;r die politische Linke unter Bedingungen einer so tiefgehenden wie der griechischen Krise allerdings viel sch&auml;rfer stellt als unter Wachstumsbedingungen. Was bedeutet &bdquo;Solidarit&auml;t in der Krise&ldquo;? Was es hei&szlig;t, Solidarit&auml;t als Kampf &bdquo;gegen die Krise&ldquo; zu organisieren, ist ziemlich klar: Es gilt, m&ouml;glichst viele potentiell Betroffene zu mobilisieren, um zumindest &bdquo;das Schlimmste&ldquo; zu verhindern. Aber wenn das Schlimmste dennoch eingetreten ist? Wenn die Interessen der Vielen sich nicht in gen&uuml;gend Macht verwandeln lassen, um die gro&szlig;e Krise abzuwenden? Erfordert es dann nicht die Solidarit&auml;t, die schlimmsten Krisenfolgen wenigstens &bdquo;gerecht&ldquo; zu verteilen? Und was hei&szlig;t das f&uuml;r die Solidarit&auml;t mit Gruppen, die ihre relative Errungenschaften zwar nicht voll durch die Krise retten, aber erfolgreicher sch&uuml;tzen k&ouml;nnen als die machtlosen Massen?<\/p><p>Ich will diese Fragen hier nur stellen, als allgemeine Anregung zum NachDenken. F&uuml;r die Syriza sind sie jedoch keine Denk&uuml;bung, sondern aktuelle Fragen des politischen Alltags. Sie stellen sich, wie angedeutet, in der Haltung zu solchen Gewerkschaften, die vormals privilegierte und klientelistisch gepr&auml;gte Belegschaften repr&auml;sentieren. Und damit einen Aspekt der griechischen Pathologien darstellen, die zu benennen die Partei noch immer z&ouml;gert.<\/p><p>Ich werde in meinem n&auml;chsten Beitrag einige Beispiele darstellen, an denen sich das Problem der &bdquo;Solidarit&auml;t in der Krise&ldquo; aufzeigen l&auml;sst. Dabei will ich genauer auf anstehende Konflikte eingehen, die sich speziell bei den Einsparungen im &ouml;ffentlichen Sektor und im Hinblick auf die viel beschworenen und von der Troika ultimativ geforderten Privatisierungen stellten.<br>\nUnd ich werde einige Indizien zusammentragen, die erkennen lassen, dass die Syriza sich auf die Realit&auml;ten einzulassen beginnt, die sie als Regierungspartei eines Krisenlandes vom ersten Tag an vorfinden w&uuml;rde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem normalen demokratisch-parlamentarischen System k&ouml;nnten die Aussichten f&uuml;r die Opposition idealer nicht sein: Die beiden wichtigsten Regierungsparteien sind nicht nur f&uuml;r die prek&auml;re Situation der griechischen Wirtschaft und Gesellschaft verantwortlich, sie stehen auch f&uuml;r die Vergeblichkeit des &bdquo;Rettungsprogramms&ldquo;. Sie haben serienweise ihre Versprechen gebrochen und ihre Prognosen korrigieren m&uuml;ssen. 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