{"id":152714,"date":"2026-06-23T09:07:29","date_gmt":"2026-06-23T07:07:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152714"},"modified":"2026-06-23T09:24:54","modified_gmt":"2026-06-23T07:24:54","slug":"was-ist-heute-links","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152714","title":{"rendered":"Was ist heute links?"},"content":{"rendered":"<p>Eine verh&auml;ngnisvolle Begriffsverwirrung verhindert den Politikwechsel. Von <strong>Oskar Lafontaine<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSeit Jahren nimmt die Unzufriedenheit der deutschen Bev&ouml;lkerung zu. Die parlamentarische Demokratie erf&uuml;llt ihren Auftrag, Politik nach dem Willen der Mehrheit zu machen, schon lange nicht mehr. Landauf, landab wird dar&uuml;ber diskutiert, warum das so ist und was sich &auml;ndern muss, um einen Weg aus dieser Krise zu finden.<\/p><p>In einem Gespr&auml;ch mit dem Philosophen Richard David Precht sagte der ZDF-Moderator Markus Lanz k&uuml;rzlich: &bdquo;Die Leute wollen eine konservative, wenn nicht rechte Politik, bekommen aber eine linke Regierung.&ldquo;<\/p><p>Viele Politiker und Journalisten stimmen dieser Analyse zu. Aber sie ist auf gef&auml;hrliche Weise falsch und st&auml;rkt die AfD, die man doch angeblich bek&auml;mpfen will.<\/p><p>Man kann &uuml;ber die Regierung Merz sicherlich vieles sagen, aber nicht, dass sie linke Politik macht.<\/p><p><strong>Merz&rsquo; Richtschnur<\/strong><\/p><p>Zwar gab es in den letzten Jahren viele unterschiedliche, teils skurrile Antworten auf die Frage, was linke Politik sei, aber in der Praxis, im Alltag ist die Antwort ganz einfach. Linke Politik ist es, den &Auml;rmeren zu helfen und denen Bildungs- und Aufstiegschancen zu sichern, die nicht aus wohlhabenden Verh&auml;ltnissen kommen. Zudem geh&ouml;rt die Ablehnung von Krieg und Waffengewalt immer zur DNA linker Politik, da sie die Wahrung der Menschenw&uuml;rde in den Mittelpunkt stellen muss.<\/p><p>Im Krieg werden die Normalb&uuml;rger, die kleinen Leute, gezwungen, sich gegenseitig umzubringen. Die Kriegstreiber findet man immer bei den Oligarchen, die am Krieg verdienen, in den Regierungen, den Parlamenten und im Journalismus, aber nicht an der Front.<\/p><p>Die Regierung aus CDU\/CSU und SPD unterst&uuml;tzt und verl&auml;ngert im Widerspruch dazu nicht nur den Ukraine-Krieg, sondern auch den V&ouml;lkermord im Gazastreifen mit Waffenlieferungen. Deutschland wurde vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt, und der Bundesregierung wurde &bdquo;Beihilfe zum V&ouml;lkermord&ldquo; vorgeworfen. Wer einer Regierung, die unter dem begr&uuml;ndeten Verdacht der Beihilfe zum V&ouml;lkermord steht, eine linke Politik bescheinigt, leidet unter vollkommener Begriffsverwirrung.<\/p><p>In der Wirtschafts- und Sozialpolitik sieht es nicht anders aus. Bundeskanzler Friedrich Merz hat die rechte Parole &bdquo;Wir k&ouml;nnen uns diesen Sozialstaat nicht mehr leisten&ldquo; zur Richtschnur seiner &bdquo;Reformpolitik&ldquo; erkl&auml;rt. Weil die W&auml;hler diese &bdquo;rechte&ldquo; Politik der weiteren Umverteilung von unten nach oben nicht wollen, trauen sich Merz und Klingbeil nicht, ihre K&uuml;rzungspl&auml;ne wirklich offenzulegen. Kommissionen, hinter denen sie sich verstecken k&ouml;nnen, m&uuml;ssen ran, und einzelne Minister d&uuml;rfen vorpreschen.<\/p><p>Fest steht jetzt schon, dass die Regierung, die nach Meinung der Mehrheit der deutschen Kommentatoren linke Politik macht, K&uuml;rzungen bei Renten, Gesundheit und B&uuml;rgergeld vornehmen will, also genau das, was rechte Regierungen in aller Welt tun, wenn sie am Ruder sind. Sie lassen das Volk &bdquo;den G&uuml;rtel enger schnallen&ldquo; und verschonen die, die es sich am ehesten leisten k&ouml;nnten. Sozialk&uuml;rzungen sind notwendig, um die ma&szlig;lose Aufr&uuml;stung zu finanzieren, die sich die angeblich linke Regierung vorgenommen hat, um die Bundeswehr zur st&auml;rksten konventionellen Armee Europas zu machen. Aber linke Politik, die diesen Namen verdient, setzt auf Diplomatie, gute Nachbarschaft und Abr&uuml;stung, rechte Politik auf das Sch&uuml;ren von Feindbildern, auf Aufr&uuml;stung und im Zweifelsfall auf Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.<\/p><p><strong>Lackmustest Meinungsfreiheit<\/strong><\/p><p>Neuerdings werden offene Grenzen f&uuml;r alle, Cancel Culture und Gendersprache auch in der politischen Wissenschaft als &bdquo;kulturell links&ldquo; bezeichnet. Auch das ist ein weiteres Beispiel f&uuml;r die babylonische Begriffsverwirrung. Die Politik der offenen Grenzen f&uuml;r alle ist rechts, weil sie sich gegen die &Auml;rmsten in den Herkunftsl&auml;ndern und in den Aufnahmel&auml;ndern richtet. Die Herkunftsl&auml;nder verlieren ihre Mittelschicht und fallen deshalb wirtschaftlich zur&uuml;ck, und in den Aufnahmel&auml;ndern steigen die Mieten, w&auml;hrend L&ouml;hne und soziale Leistungen sinken. Linke Migrationspolitik begrenzt im Unterschied dazu die Zuwanderung und hilft nachhaltig den &Auml;rmsten vor Ort nach dem Vorbild Albert Schweitzers.<\/p><p>Die Cancel Culture, also die Ausgrenzung von Personen, die eine vom Mainstream abweichende Meinung vertreten, f&uuml;hrt zu Denunziation und Zensur und in einzelnen F&auml;llen zur Existenzvernichtung von Menschen, die unbequeme Meinungen vertreten. Das kennen wir aus totalit&auml;ren Systemen. Mit linker Politik hat auch das nichts zu tun.<\/p><p>Der Lackmustest auf die Frage &bdquo;Wie h&auml;ltst du es mit der Meinungsfreiheit?&ldquo; ist die Einstellung zu den EU-Sanktionen gegen Einzelpersonen, die eine abweichende Meinung haben. Dass die in Teilen rechtsextreme Regierung, Merz-Klingbeil mit Au&szlig;enminister Wadephul, einem solchen, die Meinungsfreiheit immer weiter einschr&auml;nkenden Vorgehen zustimmt, wundert schon nicht mehr. Dass aber auch die Partei Die Linke dieser Verfolgung Andersdenkender Beifall spendet, zeigt, dass sie ihren Kompass verloren hat. Ihre Parteistiftung hat sie nach Rosa Luxemburg benannt. Deren ber&uuml;hmtester Satz lautet: &bdquo;Freiheit ist immer die Freiheit Andersdenkender.&ldquo;<\/p><p>Und die Gendersprache? Wer die Sprache der Arbeiter vergewaltigt, sollte sich nicht einbilden, er k&ouml;nne die Malocher jemals vertreten. Ein Gewerkschafter, der seine Ansprache an die Belegschaft mit den Worten &bdquo;Liebe Kolleg*innen&ldquo; oder &bdquo;Liebe Mitarbeiter*innen&ldquo; beginnt, wird bestenfalls ausgelacht.<\/p><p><strong>Interessen der Mehrheit<\/strong><\/p><p>Bei dieser babylonischen Begriffsverwirrung wundert es nicht mehr, dass viele Arbeiter aus Protest AfD w&auml;hlen, obwohl diese Partei alle Reichensteuern abschaffen und bis zu f&uuml;nf Prozent der Wirtschaftsleistung f&uuml;r Aufr&uuml;stung bereitstellen will. Immerhin wissen Deutschlands Arbeitnehmer im Gegensatz zur SPD-Co-Vorsitzenden B&auml;rbel Bas, dass Millionen Zuwanderer ins Sozialsystem einwandern, mit der Folge, dass die sozialen Leistungen geringer ausfallen, wenn immer mehr Menschen sie in Anspruch nehmen. Und im Gegensatz zu vielen Politikern und Journalisten wissen sie auch, dass die Zuwanderung zu Mietpreissteigerungen und niedrigeren L&ouml;hnen f&uuml;hrt.<\/p><p>Solange Deutschlands Politiker und Meinungsmacher rechts und links verwechseln, k&ouml;nnen sie den direkten und geraden Weg aus der Krise nicht finden, und Deutschland steigt weiter ab.<\/p><p>Die Leute wollen seit Jahren eine linke, sprich: sozial gerechtere Politik, bekommen aber immer eine rechte Regierung, die Kriege mit Waffenlieferungen unterst&uuml;tzt, die Lebenshaltungskosten verteuert, soziale Leistungen k&uuml;rzt und die wachsende Ungleichheit bei Einkommen und Verm&ouml;gen f&ouml;rdert, mit dem Ergebnis, dass in letzter Konsequenz die Demokratie abgeschafft wird. Demokratisch ist eine Gesellschaft n&auml;mlich nur, wenn sich in ihr die Interessen der Mehrheit durchsetzen. Davon kann in Deutschland, wenn f&uuml;nf Prozent der Bev&ouml;lkerung nach den Daten der Europ&auml;ischen Zentralbank fast die H&auml;lfte des Gesamtverm&ouml;gens besitzen, nicht die Rede sein.<\/p><p><em>Oskar Lafontaine ist Finanzminister Deutschlands a. D. und ehemaliger Vorsitzender der SPD.<\/em><\/p><p><em>Dieser Artikel erschien zuerst in der <a href=\"https:\/\/weltwoche.de\/daily\/was-ist-heute-links\/\">Weltwoche Deutschland Nr. 25.26<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: DesignRage\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine verh&auml;ngnisvolle Begriffsverwirrung verhindert den Politikwechsel. Von <strong>Oskar Lafontaine<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":152715,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,161],"tags":[423,3293,3625,1865,783,312,2299,687],"class_list":["post-152714","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-austeritaetspolitik","tag-bellizismus","tag-links-rechts-debatte","tag-meinungsfreiheit","tag-merz-friedrich","tag-reformpolitik","tag-sprachkritik","tag-ungleichheit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/shutterstock_2593737565.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152714","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152714"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152714\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152721,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152714\/revisions\/152721"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/152715"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152714"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152714"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152714"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}