{"id":15286,"date":"2012-11-29T09:12:29","date_gmt":"2012-11-29T08:12:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15286"},"modified":"2019-01-30T10:53:27","modified_gmt":"2019-01-30T09:53:27","slug":"unappetitliche-allianzen-der-kinderschutzbund-geht-eine-sozialpartnerschaft-mit-der-filiale-einer-fastfood-kette-ein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15286","title":{"rendered":"Unappetitliche Allianzen &#8211; Der Kinderschutzbund geht eine Sozialpartnerschaft mit der Filiale einer Fastfood-Kette ein"},"content":{"rendered":"<p>Der <em>Gie&szlig;ener Anzeiger<\/em> berichtet in seiner Ausgabe vom 24. November 2012 &uuml;ber die Er&ouml;ffnung einer Filiale der Fastfood-Kette <em>Kentucky Fried Chicken<\/em> (KFC). Dreihundert geladene G&auml;ste h&auml;tten am Tag vor der offiziellen Er&ouml;ffnung an einem sogenannten <em>Pre-Dinner<\/em> teilgenommen und dabei f&uuml;r einen wohlt&auml;tigen Zweck gespendet. Der Orts- und Kreisverband des Deutschen Kinderschutzbundes wird zuk&uuml;nftig Sozialpartner der Filiale sein. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, &bdquo;die k&ouml;rperliche, seelische, geistige und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu f&ouml;rdern und der Gef&auml;hrdung des Nachwuchses entgegenzuwirken&ldquo;. Die bei der Veranstaltung anwesende Repr&auml;sentantin des Kinderschutzbundes sagte, die Spenden w&uuml;rden unter anderem daf&uuml;r verwendet, das &bdquo;Kinderrechteprojekt&ldquo; in Kinderg&auml;rten weiter auszubauen. Ziel dieses Projektes sei es, &bdquo;dem Nachwuchs zu vermitteln, Nein sagen zu k&ouml;nnen&ldquo;.<br>\nZuallererst sollte man den Kindern dort beibringen, &bdquo;Nein&ldquo; zu <em>Kentucky Fried Chicken<\/em> zu sagen. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15286#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nDann sollte man ihnen demonstrieren, wie gut vern&uuml;nftig erzeugte und anst&auml;ndig zubereitete Nahrungsmittel schmecken. Ich finde es unglaublich, dass eine Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Gef&auml;hrdungen von Kindern abzuwenden, eine Sozialpartnerschaft mit einer solchen Fastfood-Kette eingeht. Eine Sitzblockade h&auml;tten die Kindersch&uuml;tzer anl&auml;sslich der Neuer&ouml;ffnung organisieren sollen! Seit die Fastfood-Ketten bei uns Fu&szlig; gefasst haben, also seit rund zwei Jahrzehnten, hat sich die Anzahl der fettleibigen Kinder fast verdreifacht. Man wei&szlig;, dass es diese Unternehmen darauf anlegen, den Geschmack der Kinder zeitig so zu pr&auml;gen, dass sie schlie&szlig;lich nur mehr nach diesem sogenannten Essen verlangen und kaum noch anderes anr&uuml;hren. Schlechte Essgewohnheiten bremsen die k&ouml;rperliche und geistige Entwicklung der Kinder und Jugendlichen und machen krank. Mehr als 70 Milliarden Euro muss das deutsche Gesundheitswesen j&auml;hrlich f&uuml;r die medizinischen Folgen von falscher Ern&auml;hrung aufwenden. Fast jeder Zweite hierzulande ist &uuml;bergewichtig, darunter mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche &ndash; 15 Prozent aller M&auml;dchen und Jungen. Rund 1,4 Millionen Heranwachsende zeigen Symptome einer Essst&ouml;rung. <\/p><p><em>Malbouffe<\/em> &ndash; Schei&szlig;fra&szlig; &ndash; hat der franz&ouml;sische Bauernrebell Jos&eacute; Bov&eacute; die Angebote der Fastfood-Ketten genannt. Vor Jahren hat er mit einigen Mitk&auml;mpfern und unter Zuhilfenahme ihrer Traktoren eine McDonald-Filiale in S&uuml;dfrankreich verw&uuml;stete und ist daf&uuml;r f&uuml;r Jahre ins Gef&auml;ngnis gegangen. Tausende von Franzosen haben Bov&eacute; am Tag seiner Entlassung vor dem Gef&auml;ngnis erwartet und ihn begeistert empfangen. Vor Jahren habe ich einen amerikanischen Starkoch gesehen, der beim Gang &uuml;ber die Frankfurter Buchmesse vor einem Fastfood-Lokal stehen blieb und sagte: &bdquo;Was ist eine Pershing-Rakete gegen diesen Fra&szlig;? Damit verwandeln die US-Konzerne die ganze Menschheit in verfettete, hirnlose Idioten!&ldquo; Hamburger und Chicken McNuggets seien Teil einer biologischen Kriegsf&uuml;hrung, gewisserma&szlig;en kulinarische Massenvernichtungswaffen, keine Lebensmittel. Der K&ouml;nig Herodes war jedenfalls ein St&uuml;mper im Vergleich zu diesen Fastfood-Ketten.<\/p><p>Es ist ja alles bekannt und man kann es im Internet recherchieren oder in den B&uuml;chern von Karen Duve: Anst&auml;ndig essen und Jonathan Safran Foer: Tiere essen nachlesen. <em>Kentucky Fried Chicken<\/em> kauft jedes Jahr fast eine Milliarde H&uuml;hner: &bdquo;W&uuml;rde man die alle dicht an dicht packen, w&uuml;rden sie die gesamte Halbinsel Manhattan bedecken.&ldquo; (Safran Foer) Die Tiere stammen aus Massentierhaltung und werden unter barbarischen Bedingungen aufgezogen. Sie werden mit Antibiotika gef&uuml;ttert, die &uuml;ber das Fleisch in den menschlichen K&ouml;rper gelangen und so daf&uuml;r sorgen, dass immer mehr Menschen gegen gewisse Medikamente resistent werden. Die Zust&auml;nde in den Schlachth&ouml;fen, in denen die Tiere flie&szlig;bandm&auml;&szlig;ig get&ouml;tet werden, sind ekelerregend und absto&szlig;end. Die <a href=\"http:\/\/www.peta.de\/web\/kfc.601.html\">Tierschutzorganisation PETA<\/a> hat ein Video &uuml;ber einen solchen Schlachthof ins Netz gestellt, nach dessen Betrachten man sich schw&ouml;rt, nie wieder H&uuml;hnerfleisch zu essen. Zu den Lieferanten von KFC in Deutschland geh&ouml;rt der Gefl&uuml;gel-Gigant Wiesenhof, der f&uuml;r seine Skandale ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigt ist. Ende August 2011 zeigte die ARD die Reportage &bdquo;Das System Wiesenhof&ldquo;, die <a href=\"http:\/\/www.ardmediathek.de\/das-erste\/reportage-dokumentation\/ard-exclusiv-das-system-wiesenhof?documentId=8068044\">Tierqu&auml;lerei, mangelnde Hygiene und Lohndumping aufdeckte<\/a>.<\/p><p>Warum blo&szlig; f&auml;llt der Kinderschutzbund auf eine derart durchsichtige PR-Aktion herein? F&uuml;r ein paar &bdquo;Kr&ouml;ten&ldquo; verhilft der Kinderschutzbund der Fastfood-Kette zu einem positiven, kinderfreundlichen Image, verleiht ihr quasi ein Unbedenklichkeits-Zertifikat und erschlie&szlig;t ihr neue, bisher skeptische Kundenschichten. &bdquo;Wenn KFC eine Sozialpartnerschaft mit dem Kinderschutzbund unterh&auml;lt, dann feiern Anna und Sebastian dort ihren n&auml;chsten Geburtstag&ldquo;, h&ouml;rt man Eltern nach der Lekt&uuml;re des Artikels sagen. Dabei h&auml;tte der Kinderschutzbund nicht nur auf die Gefahren hinzuweisen, die Kindern in Form von Gewalt und sexuellen &Uuml;bergriffen in ihrem Nahbereich drohen, sondern sie auch vor dem Zugriff der Konsumgesellschaft zu sch&uuml;tzen, die sie mit Haut und Haaren in Beschlag nehmen und ihren Bed&uuml;rfnissen Warenform geben will. Durst wird umgeformt in Nachfrage nach Coca-Cola, Hunger in den Kauf von Hamburgern, gegrilltem H&auml;hnchenfleisch und Pommes.<\/p><p>Solche um sich greifenden Formen von &ldquo;Social Sponsering&rdquo; quittieren sicher auch den Umstand, dass sich die Politik unter dem Druck vermeintlich unabweisbarer Sparzw&auml;nge aus wichtigen Feldern der &ouml;ffentlichen Daseinsf&uuml;rsorge zur&uuml;ckzieht und sie der karitativen Mildt&auml;tigkeit von &ldquo;denen da oben&rdquo; f&uuml;r &ldquo;die da unten&rdquo; &uuml;berantwortet. Das rechtfertigt aber nicht derart unappetitliche Allianzen. Sonst k&ouml;nnten die Hells Angels einem Frauenhaus eine Sozialpartnerschaft antragen, das Medellin-Kartell einer Drogenberatungsstelle, ein &Ouml;lkonzern Greenpeace, eine Gro&szlig;brauerei den Anonymen Alkoholikern. Es handelt sich um eine zeitgen&ouml;ssische Form des Ablasshandels: Firmen m&ouml;chten sich von ihren S&uuml;nden freikaufen und sich Jahrhunderte im Fegefeuer ersparen, in das die Verantwortlichen geworfen w&uuml;rden, wenn es eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits g&auml;be. Im Falle von KFC best&uuml;nde das Fegefeuer aus einer Fritteuse oder einem Grill.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15286#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] G&ouml;tz Eisenberg (* 1951), Sozialwissenschaftler und Publizist, arbeitet als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. Neben der Arbeit mit den Gefangenen schreibt er Essays, die in &ldquo;Der Freitag&rdquo;, der Zeitschrift &ldquo;psychosozial&rdquo;, der &bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo;, im Online-Magazin &bdquo;Auswege&ldquo; und auf den &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo; erscheinen. Als einer der ersten Autoren in Deutschland wandte er sich dem Thema &bdquo;Amok&ldquo; zu und ver&ouml;ffentlichte zu diesem Thema zuletzt 2010 im M&uuml;nchner Pattloch-Verlag den Band &ldquo;Damit mich kein Mensch mehr vergisst! Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind&rdquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der <em>Gie&szlig;ener Anzeiger<\/em> berichtet in seiner Ausgabe vom 24. November 2012 &uuml;ber die Er&ouml;ffnung einer Filiale der Fastfood-Kette <em>Kentucky Fried Chicken<\/em> (KFC). Dreihundert geladene G&auml;ste h&auml;tten am Tag vor der offiziellen Er&ouml;ffnung an einem sogenannten <em>Pre-Dinner<\/em> teilgenommen und dabei f&uuml;r einen wohlt&auml;tigen Zweck gespendet. 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