{"id":152888,"date":"2026-06-26T09:00:53","date_gmt":"2026-06-26T07:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152888"},"modified":"2026-06-26T10:26:00","modified_gmt":"2026-06-26T08:26:00","slug":"einerseits-beklagen-staedte-und-gemeinden-gehen-am-stock-andererseits-wahre-ursachen-verschweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152888","title":{"rendered":"Einerseits beklagen, St\u00e4dte und Gemeinden gehen am Stock, andererseits wahre Ursachen verschweigen"},"content":{"rendered":"<p>Diese Woche fand bundesweit eine Protestaktion &bdquo;Kommunen am Limit&ldquo; (22. Juni) statt. Organisiert vom Deutschen St&auml;dtetag, Deutschen Landkreistag und Deutschen St&auml;dte- und Gemeindebund, wurde in zahlreichen St&auml;dten, Landkreisen und Gemeinden auf deren katastrophale Finanzlage aufmerksam gemacht und gefordert, dass der Bund und die L&auml;nder endlich handeln sollten. Gut und richtig. Auff&auml;llig war jedoch auch, dass die Protestierer keinen Mumm hatten, den Zusammenbruch der Zivilgesellschaft in Zusammenhang mit ihrer Militarisierung zu setzen. Grotesk wirkte weiter, dass viele kommunale Entscheidungstr&auml;ger denselben Parteien angeh&ouml;ren, die diese uns&auml;gliche asoziale Politik auf Bundes- und Landesebene zu verantworten haben und eifrig mitwirken, den Umbau zu einer wehrhaften Gesellschaft zu forcieren. Ein Kommentar von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zivilgesellschaft wird seit Langem demontiert &ndash; auch deshalb sind Kommunen am Limit<\/strong><\/p><p>Auf zahlreichen kommunalen Seiten in sozialen Medien zeigten sich B&uuml;rgermeister und Stadtangestellte dieser Tage k&auml;mpferisch. Unter dem Motto &bdquo;Kommunen am Limit&ldquo;, optisch chic in gelb-schwarzes Baustellen-Absperrband geh&uuml;llt, klagten sie &uuml;ber den finanziellen Zustand unserer St&auml;dte und Gemeinden. Auch das Oberhaupt meines Heimatortes Plauen war mit von der Partie, scheinbar ohne Umschweife die Lage beschreibend:<\/p><blockquote><p><em>Wenn Kommunen sparen m&uuml;ssen, fehlen Leistungen im Alltag. Plauen befindet sich in einer prek&auml;ren Finanzsituation, Mehrausgaben nehmen zu. Wenn die Kommune nicht gen&uuml;gend Finanzmittel hat, geht das zu Lasten der Allgemeinheit. Im worst case bedeutet das &ndash; gek&uuml;rzte Musikschulangebote, weniger Jugendangebote, unsanierte Stra&szlig;en, Gefahr f&uuml;r den Fortbestand der Stra&szlig;enbahn, l&auml;ngere Wartezeiten, schlechter gepflegte Parks, weniger Kultur &hellip;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Was mein Oberb&uuml;rgermeister als <em>worst case <\/em>bezeichnete, also ein Szenario, dass eintreten k&ouml;nnte, falls &hellip;, das erleben seine Mitb&uuml;rger wie ich aber schon einige Jahre. Dass mit dem bundesweiten Aktionstag auf eine schlimme Lage aufmerksam gemacht wurde, ist zwar l&ouml;blich. Doch erscheint mir dieser eher wie eine PR-Aktion, der an der Oberfl&auml;che allenfalls etwas Aktivit&auml;t simulierte. Tats&auml;chliche Ursachen blieben hingegen unerw&auml;hnt wie auch die Tatsache, dass die Zivilgesellschaft schleichend demontiert und umgebaut wird &ndash; seit Langem. Aus einer sich soziale Marktwirtschaft und freiheitlich-demokratische Grundordnung nennenden Gemeinschaft wurde und wird eine Gesellschaft modelliert, die immer und immer weiter eines praktiziert: zivilisatorische, soziale, kulturelle, gemeinwohlorientierte Errungenschaften infrage und\/oder auf den Pr&uuml;fstand zu stellen und abzubauen. Umverteilung inklusive, aber nicht f&uuml;r die vielen Menschen. Dass die Politik den Menschen dienen soll und nicht umgekehrt, wird von ihr tagt&auml;glich missachtet.<\/p><p><strong>Dauerhafte Atmosph&auml;re des Infragestellens<\/strong><\/p><p>Wohl wahr ist, dass alles Geld kostet. Dies darf jedoch nicht zu einem verkniffenen Gesicht f&uuml;hren, wenn wir unser durchaus vorhandenes Geld &ndash; denn die Bundesrepublik ist dank ihrer Menschen ein reiches Land &ndash; f&uuml;r all die Dinge ausgeben, die unsere Zivilgesellschaft auszeichnen. Doch genau das ist g&auml;ngige Praxis. Mehr noch, diese Art neoliberale Erziehung ist aufgegangen, dass ohne Gegenwind gefragt werden kann: K&ouml;nnen und\/oder wollen wir uns ein Theater, eine Stra&szlig;enbahn, ein Krankenhaus, sch&ouml;ne Schulen und Kinderg&auml;rten, Jugendtreffs, Parks (noch) leisten? In der Tat bringen genannte Einrichtungen keinen Profit, der monet&auml;r denkenden Profiteuren ein L&auml;cheln abgewinnen k&ouml;nnte. Doch bei genauem Hinsehen bringen sie viel mehr als Profit: Lebensqualit&auml;t und Lebensgrundlage. Und diese essenziellen Dinge sind finanzierbar, g&auml;be es allein den politischen Willen; w&auml;ren wir B&uuml;rger einschlie&szlig;lich der Politiker, Denker und Lenker in unserem Land so erzogen, dass man die Zivilgesellschaft nicht anzweifelt, sondern Tag f&uuml;r Tag gestaltet, sichert und weiterentwickelt.<\/p><p><strong>Keiner sagt es: Feiges Durchwinken irrsinniger Ausgaben<\/strong><\/p><p>Sowas kommt von sowas, hei&szlig;t ein Spruch, der Ursache und Wirkung in Zusammenhang setzt. Doch wenn Ursachen verschwiegen werden und die B&uuml;rger das merken, ger&auml;t selbst die sch&ouml;nste Protestaktion ins Abseits. So wie bei Kommunen am Limit. Beim Durchforsten zahlreicher Stellungnahmen von B&uuml;rgermeistern auf <em>Facebook<\/em> las ich kein Wort dar&uuml;ber, dass sich die Kommunalpolitiker &uuml;ber Deutschlands Aufr&uuml;stung aufregen, die so massiv ist, dass man den Bundeshaushalt bald in Militarisierungshaushalt umbenennen kann. Kein Wort las ich etwa dar&uuml;ber, dass die gro&szlig;e Bundespolitik nach und nach bald f&uuml;nf Prozent des Bruttosozialprodukts f&uuml;r R&uuml;stung ausgeben wird, dass irrsinnige Summen in die Ert&uuml;chtigung und Wehrhaftigkeit des Landes, Infrastruktur, Zivilverteidigung, Bunker, Milit&auml;rkrankenh&auml;user investiert werden. B&uuml;rgermeister freuen sich auch schon mal, dass Firmen in ihren Kommunen Auftr&auml;ge der Bundeswehr bekommen, auf dass die Zukunft genau damit gesichert wird, einzig kriegst&uuml;chtig zu sein.<\/p><p>In einem Kommentar unter einer der vielen B&uuml;rgermeister-Stellungnahmen sp&uuml;rte ich die Wut dar&uuml;ber, warum Kommunalpolitiker nicht schon vor zehn Jahren auf die Barrikaden gegangen sind, warum man schwieg und all die fatalen Entwicklungen hingenommen wurden. Eine Antwort hatte der Kommentator zu diesem Verhalten auch parat: Sie (die Kommunalpolitiker) geh&ouml;rten ja dazu, zu den Altparteien, sie denken so, sie sind bequem und einzig bedacht, an der Macht zu sein. Eine weitere Wortmeldung h&auml;tte unbedingt in einen Text der Aktion &bdquo;Kommunen am Limit&ldquo; geh&ouml;rt:<\/p><blockquote><p><em>Ich lehne diese wahnsinnige und obendrein durch Schulden unvorstellbaren Ausma&szlig;es finanzierte Hochr&uuml;stungsorgie ab. Manche Leute sagen, dass dies nicht in die Zust&auml;ndigkeit der Kommunalpolitik falle. Das sehe ich anders. Die R&uuml;stungsausgaben in Milliardenh&ouml;he betreffen uns alle direkt und sie sind auch ein ganz wesentlicher Grund f&uuml;r die finanzielle Notlage in vielen St&auml;dten, Gemeinden und Landkreisen.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Nochmal: Von B&uuml;rgermeistern kam dazu kein Wort. Auch auf der Seite <em>kommunenamlimit.de<\/em> belie&szlig;en es die Autoren bei Allgemeinpl&auml;tzen. Zumindest wurde die Frage gestellt, warum die Kommunen am Limit seien, beantwortet wurde sie aber halbherzig und schwammig:<\/p><blockquote><p>\n    <em>Warum die Kommunen am Limit sind<\/em><\/p>\n<p>    <em>St&auml;dte, Landkreise und Gemeinden stecken in einer historischen Finanzkrise, haben sie aber nicht selbst verursacht. Sie haben immer mehr gesetzliche Pflichtaufgaben, die auch immer teurer werden. Das Problem: Bund und L&auml;nder legen die Aufgaben fest, sorgen aber nicht dauerhaft f&uuml;r ausreichende Finanzierung. Das Ergebnis: Das allermeiste Geld, das die Kommunen zur Verf&uuml;gung haben, m&uuml;ssen sie f&uuml;r diese Pflichtaufgaben ausgeben. F&uuml;r die sogenannten &bdquo;freiwilligen Aufgaben&ldquo;, aber auch den laufenden Verwaltungsbetrieb ist immer weniger Geld da.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>F&uuml;r den B&uuml;rger gab&acute;s dann noch eine Antwort auf diese Frage:<\/p><blockquote><p>\n    <em>Was die Kommunen brauchen<\/em><\/p>\n<p>    <em>Zun&auml;chst m&uuml;ssen Bund und L&auml;nder das historische Defizit der Kommunen unverz&uuml;glich beseitigen. So bekommen St&auml;dte, Landkreise und Gemeinden wieder Luft zum Atmen und sind nicht gezwungen, weiter massiv zu sparen und Leistungen zur&uuml;ckfahren zu m&uuml;ssen.<\/em><\/p>\n<p>    <em>Und es braucht unbedingt strukturelle Reformen. Die Kommunen leisten mehr als ein Viertel der staatlichen Ausgaben, erhalten aber nur ein Siebtel der staatlichen Einnahmen.<\/em><\/p>\n<p>    (Quelle: <a href=\"https:\/\/kommunenamlimit.de\/?fbclid=IwY2xjawSoT8NleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBLcmVQMm5CaFZVWURCaWtVc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHiNjrD7OJ1h7E3sEM_9fsIsrw_NFbFm0B2_MnRZZeHV7fjgb4XncyN3CTM4w_aem_0GAju6OBQ7-NZmu9zwxx3Q\">Kommunenamlimit.de<\/a>)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ist das eine versteckte Forderung?<\/strong><\/p><p>Dass die Protestierenden der Aktion &bdquo;Kommunen am Limit&ldquo; das Wort R&uuml;stungsausgaben nicht in den Mund nahmen, kritisiere ich weiter. Doch will ich die Hoffnung nicht aufgeben, denn jede schlimme Entwicklung kann abgewendet werden.<\/p><p>Manchmal scheint es, dass zwischen den Zeilen, die scheinbar wichtige Dinge nicht beim Namen, also Ross und Reiter nennen, doch etwas wie ein &bdquo;Haltet ein, der Irrsinn f&uuml;hrt ins Unheil&ldquo; herauszulesen ist: So auch bei <em>kommunenamlimit.de<\/em>, wo formuliert wurde, dass alle Aufgaben, die Bund und L&auml;nder den Kommunen &uuml;bertragen, ausreichend finanziert sein m&uuml;ssten. Es wird mehr als angemahnt, dass die kommunale Finanzkrise sehr konkret vor Ort sp&uuml;rbar sei und Bund und L&auml;nder f&uuml;r die B&uuml;rger handeln m&uuml;sse. Die Ansage lautete: Rettet die Kommunen! Und das geht eben nur, wenn das (durchaus vorhandene, von uns allen erwirtschaftete) Geld entsprechend und ohne Infragestellen bereitgestellt wird. Ich lese heraus: Was brauchen wir Panzer, Raketen, Patronen?<\/p><p><small>Titelbild: Sandra Alkado<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Woche fand bundesweit eine Protestaktion &bdquo;Kommunen am Limit&ldquo; (22. Juni) statt. Organisiert vom Deutschen St&auml;dtetag, Deutschen Landkreistag und Deutschen St&auml;dte- und Gemeindebund, wurde in zahlreichen St&auml;dten, Landkreisen und Gemeinden auf deren katastrophale Finanzlage aufmerksam gemacht und gefordert, dass der Bund und die L&auml;nder endlich handeln sollten. Gut und richtig. Auff&auml;llig war jedoch auch, dass<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152888\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":152889,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[135,205,156],"tags":[423,282,2434,327,893,1367],"class_list":["post-152888","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-finanzpolitik","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-schulden-sparen","tag-austeritaetspolitik","tag-buergerproteste","tag-kommunalpolitik","tag-kommunen","tag-militarisierung","tag-ruestungsausgaben"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/shutterstock_2601292239.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152888","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152888"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152888\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152902,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152888\/revisions\/152902"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/152889"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152888"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152888"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152888"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}