{"id":152919,"date":"2026-06-28T13:00:19","date_gmt":"2026-06-28T11:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152919"},"modified":"2026-06-26T15:02:48","modified_gmt":"2026-06-26T13:02:48","slug":"leserbeitraege-erinnerungen-gegen-den-krieg-aufruf-zum-8-mai-27","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152919","title":{"rendered":"Leserbeitr\u00e4ge \u201eErinnerungen gegen den Krieg\u201c &#8211; Aufruf zum 8. Mai (27)"},"content":{"rendered":"<p>In dieser 27. Folge der Reihe &bdquo;Erinnerungen gegen den Krieg&ldquo; h&ouml;ren wir von den Erlebnissen eines Pfarrers der &bdquo;Bekennenden Kirche&ldquo; und seiner Verfolgung und die eindrucksvolle Geschichte &uuml;ber eine kleine Puppe. In der zweiten Geschichte erfahren wir von dem gesellschaftlichen Absturz eines U-Boot-Kommandanten, der sich nicht entnazifizieren lassen will, und von der Emanzipationsgeschichte seiner Tochter im Deutschland der Nachkriegszeit.<\/p><p>Wir bedanken uns weiterhin von Herzen f&uuml;r die zahlreichen und ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<br>\n<!--more--><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150403\">ersten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150464\">zweiten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486\">dritten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150605\">vierten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632\">f&uuml;nften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150671\">sechsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150740\">siebenten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150816\">achten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150812\">neunten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150802\">zehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151038\">elften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151098\">zw&ouml;lften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151156\">dreizehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151209\">vierzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151229\">f&uuml;nfzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151393\">sechzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151418\">siebzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151461\">achtzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151530\">neunzehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151546\">zwanzigsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151551\">einundzwanzigsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151731\">zweiundzwanzigsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151881\">dreiundzwanzigsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152445\">vierundzwanzigsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152535\">f&uuml;nfundzwanzigsten Teil<\/a> sowie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152546\">sechsundzwanzigsten Teil<\/a> der Zusendungen unserer Leser nachlesen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Das P&uuml;ppchen<\/strong><\/p><p>Sehr geehrtes NachDenkSeiten Team,<\/p><p>meine Frau und ich (Jahrgang 1955\/1954) k&ouml;nnen aus den Erz&auml;hlungen unserer Eltern und Geschwister nur erahnen, wie sich die Angst der Kinder im Krieg anf&uuml;hlen muss.<\/p><p>Mein Vater, evangelischer Pfarrer, war als Mitglied der &bdquo;Bekennenden Kirche&rdquo; den Schikanen durch den NS-Staat ausgeliefert. Seine Gottesdienste wurden von Spitzeln der Nazis &uuml;berwacht. Ein dickes Aktenb&uuml;ndel veranlasste die Geheime Staatspolizei (&bdquo;Gestapo&rdquo;), ihn zum Verh&ouml;r nach Darmstadt in das Gro&szlig;herzogliche Palais, dem Sitz der Gestapo, vorzuladen. Ein gef&uuml;rchteter Ort f&uuml;r alle, die sich nicht staatskonform verhielten und &ouml;ffentlich gegen die Politik der Nazis Stellung bezogen.<\/p><p>Das Ergebnis des Verh&ouml;rs meines Vaters durch Georg Albert Dengler: <em>&bdquo;Eigentlich wollten wir Sie ja ins KZ stecken. Wir haben uns aber entschlossen, Sie noch einmal laufen zu lassen.&rdquo;<\/em> Unter Auflagen durfte er stattdessen als Sanit&auml;tssoldat am Russland-Feldzug teilnehmen.<\/p><p>Er hat, wie durch ein Wunder, die Schrecken des Krieges und auch 3 Jahre russische Kriegsgefangenschaft &uuml;berlebt. Er hat die Russen nie gehasst. Im Gegenteil! Er hat sich nach dem Krieg f&uuml;r dieses Land und seine Geschichte sehr interessiert. B&uuml;cher in seinem B&uuml;cherregal zeugten davon. Die Politik Willy Brandts <em>(&bdquo;Vorbehaltloses Erkennen der Verbrechen, die von Deutschen und im Namen Deutschlands an anderen V&ouml;lkern ver&uuml;bt worden sind, ist die erste Vorbedingung f&uuml;r eine Gesundung des deutschen Volkes.&rdquo;<\/em>) hat er mit vollem Herzen unterst&uuml;tzt. Ihm war sehr wohl bewusst, was die Deutschen den Russen angetan hatten.<\/p><p>Meine Geschwister hat die Angst, die sie w&auml;hrend der Abwesenheit ihres Vaters bei den n&auml;chtlichen Bombenangriffen durchlebten, die sie im Keller des Hauses verbracht haben (zusammen mit Nachbarn, die sich in diesem Keller immer einfanden), f&uuml;r ihr Leben gezeichnet. <\/p><p>Unvergesslich ist mir eine kleine Geschichte, die sie bei passenden Gelegenheiten immer wieder erz&auml;hlten: Sie waren auf dem Weg zur Schule. Sie sa&szlig;en, zusammen mit anderen Kindern aus dem Dorf, auf der Ladefl&auml;che eines Milchautos, das sie zur Schule bef&ouml;rderte. Auf offener Stra&szlig;e wurde das Milchauto von Tieffliegern unserer heutigen &bdquo;Amerikanischen Freunde&rdquo; mit MGs beschossen. Das Milchauto stoppte. Die Kinder, in ihrer Todesangst, sprangen von der Ladefl&auml;che, krochen unter den Laster und suchten dort Schutz vor den Kugeln aus den MGs.<br>\nSie haben die Angriffe der Bomber im Keller sowie die Angriffe auf das Milchauto wie durch ein Wunder &uuml;berlebt. Aber die Angst hat sie gezeichnet. Sie sind diese Angst ihr ganzes Leben lang nicht mehr losgeworden.<\/p><p>Meine Mutter hat die erlebte Angst noch tiefer gepr&auml;gt. Sie hatte die Hausdurchsuchungen durch die Nazis erlebt. Spitzel, die die Gottesdienste ihres Mannes &uuml;berwachten, hatten diese durch entsprechende Meldungen an die Gestapo veranlasst. Besonders schlimm war es f&uuml;r meine Mutter, als sie bei einer dieser Durchsuchungen alleine mit den beiden Kindern war. Ein Buch von Martin Niem&ouml;ller (&bdquo;Vom U-Boot zur Kanzel&rdquo;) lag auf dem Nachttisch ihres Mannes. Vorn im Buch stand folgende Widmung: &bdquo;W&auml;hrend der Haft des Verfassers und trotz polizeilichem Verbot in Pforzheim erstanden und seinem lieben Freund und Kollegen Friedel May zum 29. Juli 37 geschenkt&rdquo;. Das Buch war also verboten, und w&auml;re es den Nazis in die H&auml;nde gefallen, w&auml;ren gleich zwei &bdquo;dran gewesen&rdquo;.<\/p><p>Die Fenster des Pfarrhauses waren im ganzen unteren Stock mit starkem Eisen vergittert. Diese Eisengitter boten meinen Eltern und Geschwistern in den Zeiten des braunen Terrors einen gewissen Schutz. Die erlebten &Auml;ngste meiner Mutter hat diese f&uuml;r ihr weiteres Leben gezeichnet. Sie haben das ausgel&ouml;st, was man heute als eine schwere Angstst&ouml;rung bezeichnet. Im Haus, das mein Vater nach seiner Pensionierung bauen lie&szlig;, mussten einige Fenster vergittert werden. Nur so konnte sie sich einigerma&szlig;en sicher darin f&uuml;hlen!<\/p><p>Die Erz&auml;hlungen meines Vaters haben dazu gef&uuml;hrt, dass ich den Kriegsdienst verweigert habe.<\/p><p>Meine Frau kennt aus Erz&auml;hlungen ihrer Mutter ebenfalls &bdquo;Geschichten der Angst&rdquo;. Ihre hochbetagte Mutter (89) erz&auml;hlte ihr vor Wochen folgende Geschichte:<\/p><p>&bdquo;Ich erinnere mich an einen eher traurigen Tag, irgendwann im Jahr 1944. Ich war damals 7 Jahre alt. Bombenalarm! Die Menschen, meist Frauen und Kinder, gingen zum Schutz in den Keller.<\/p><p>Kerzenlicht. Wir sitzen auf Matratzen. Hier, in dieser angstvollen Atmosph&auml;re, entsteht ein kleines Kunstwerk f&uuml;r mich, das mich ablenken und gegen meine Angst helfen soll: Mama bastelt mir, w&auml;hrend die Menschen im Keller auf das Ende des n&auml;chtlichen Terrors warten, ein kleines P&uuml;ppchen. Mama und ich haben das P&uuml;ppchen zusammen gefertigt.<\/p><p>Der Puppenk&ouml;rper wurde aus Stoffresten in Wickeltechnik gefertigt. Das Gesichtchen wurde aufgestickt. Die Haare wurden aus ausgedienten Nylonstr&uuml;mpfen gefertigt. F&uuml;r die Kleidung fand vieles Verwendung. Aus einem Taschentuch, das abk&ouml;mmlich war, wurde z. B. ein R&ouml;ckchen gen&auml;ht, vielleicht auch noch ein Oberteilchen dazu. Auch ein geh&auml;keltes R&ouml;ckchen und Oberteilchen zum Wechseln bekam das P&uuml;ppchen noch. Auch damals war man schon sehr kreativ. War kein H&auml;kelgarn da, wurde zum H&auml;keln eben einfach Stopfgarn verwendet, das war fast immer verf&uuml;gbar, da man es zum Stopfen von Socken verwendet hat.<\/p><p>Trotz gro&szlig;er Sorgen, trotz Angst und Traurigkeit hat meine Mama es geschafft, diesen Tag f&uuml;r mich zu einem ganz besonderen Tag zu machen und mir ein L&auml;cheln ins Gesicht zu zaubern! Mein Papa ist nicht mehr aus dem Krieg zur&uuml;ckgekommen. Er war lange vermisst und wurde dann f&uuml;r tot erkl&auml;rt. Sein Name steht in einer Chronik der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Sie liegt in der Friedhofskapelle.&rdquo;<\/p><p>82 Jahre sp&auml;ter, in lieber Erinnerung an ihre Mama und &bdquo;ihr P&uuml;ppchen&rdquo;, hat meine Mama, nachdem sie mir, ihrer &auml;ltesten Tochter, ihre Geschichte erz&auml;hlt hatte, f&uuml;r ihre kleine Urenkelin (4 Jahre) ein solches P&uuml;ppchen gefertigt.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260626-das-Pueppchen.jpg\" alt=\"Das P&uuml;ppchen\" title=\"Das P&uuml;ppchen\"><\/div><p>Die Angst der M&uuml;tter und Kinder hat diese gezeichnet. Viele f&uuml;r ihr ganzes Leben.<\/p><p>Was Krieg wirklich bedeutet, haben sie am eigenen Leib bitter erfahren m&uuml;ssen. So, wie meine Eltern und meine beiden Geschwister. Und die Mama meiner Frau. V&auml;ter kamen nicht mehr heim. So, wie der Papa meiner Schwiegermutter. Wenn sie mehr Gl&uuml;ck hatten und zur&uuml;ckkamen, dann nicht selten verkr&uuml;ppelt. Oder traumatisiert. Oder beides.<\/p><p>Wir fragen die f&uuml;r die Menschen in diesem Land Verantwortung tragenden Politikerinnen und Politiker und vor allem auch die Kirchen: Sollen unsere Kinder und Enkel erneut das durchleben und durchleiden, was ihre Vorfahren durchleben und erleiden mussten? Sollen sie wieder in Kellern Zuflucht suchen und Todes&auml;ngste aushalten m&uuml;ssen, wenn die Bomber ihre vernichtende und zerst&ouml;rende Fracht abwerfen? Soll diese H&ouml;lle erneut &uuml;ber sie hereinbrechen? Und soll dann, wenn gen&uuml;gend Menschenopfer dargebracht wurden und der Blutzoll als gen&uuml;gend hoch bemessen wurde, auf den Gefallenendenkm&auml;lern und -Chroniken erneut stehen, was eine gro&szlig;e, unversch&auml;mte L&uuml;ge ist: &bdquo;F&uuml;r Volk und Vaterland&rdquo;? Soll sinnloser Tod erneut gerechtfertigt werden?<\/p><p>Uns scheint, etliche Damen und Herren, die nie selbst erleben mussten, was Krieg bedeutet, arbeiten mit Hochdruck daran &hellip;<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nCarmen und Ekkehard May<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft kam der gesellschaftliche Absturz<\/strong><\/p><p>Liebes Team von den NDS &ndash; Ich habe lange gez&ouml;gert, meine Erinnerungen aufzuschreiben &ndash; und dann schien es &bdquo;zu sp&auml;t&ldquo;. Nun haben sie gestern einen neuen Bericht ver&ouml;ffentlicht, und das hat mich dann doch veranlasst, meine &bdquo;Geschichte&ldquo; aufzuschreiben. (&hellip;)<\/p><p>Geboren wurde ich 1950 als siebtes Kind in einer Zweizimmerwohnung in der &bdquo;Wohnk&uuml;che&ldquo; auf dem Sofa. An meine ersten Lebensjahre kann ich mich wenig erinnern, au&szlig;er an die Armut.<\/p><p>Nun zu dem, was ich eigentlich berichten will: Mein Vater war &uuml;berzeugter Nazi &ndash; bis zu seinem Tod -, erst beim Reichsarbeitsdienst, dann als gelernter Seemann, hoher Offizier bei der Armee &ndash; erst auf einem Zerst&ouml;rer vor Norwegen, zuletzt U-Boot-Kommandant in Asien, einer der wenigen, die es geschafft haben, wieder nach Europa zu kommen. (Viele von seiner Mannschaft haben Dankschreiben geschickt &ndash; einige habe ich in meinem Erinnerungskarton aufbewahrt &ndash; f&uuml;r wen?) <\/p><p>Nach dem Krieg war er in franz&ouml;sischer Gefangenschaft, wo es ihm, so seine Schilderungen, offensichtlich &bdquo;ganz gut&rdquo; ging im Lager, gemeinsam mit anderen Offizieren &ndash; den gemeinen Soldaten ging es offensichtlich nicht so gut!<\/p><p>Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1948 kam der gesellschaftliche &bdquo;Absturz&ldquo;, zumal sich mein Vater nicht hatte entnazifizieren lassen wollen (es gab f&uuml;r ihn zwei Sorten von Vaterlandsverr&auml;tern &ndash; die einen, die gefl&uuml;chtet waren, wie Willi Brandt zum Beispiel, die anderen, die sich nach dem Krieg haben entnazifizieren lassen (oder wie es das gefl&uuml;gelte Wort damals war, sich den &bdquo;Persilschein&ldquo; geholt hatten), wie z. B. Filbinger).  So konnte er in seinen Beruf bei der Handelsmarine nicht zur&uuml;ck und erst recht nicht in der &bdquo;Ostzone&ldquo;, da w&auml;re er als Kriegsverbrecher (so seine Worte) verhaftet worden. <\/p><p>Er holte seine Frau und die vier Kinder aus Th&uuml;ringen (dahin war meine Mutter mit den vier Kindern aus Bayern gefl&uuml;chtet und bei ihrer Familie untergekommen) nach Bielefeld in die Zweizimmerwohnung, wo ich dann &ndash; nach den Zwillingen 1949 &ndash; geboren wurde. (Seine Maxime &ndash; wo vier Kinder (es wurden dann gleich f&uuml;nf) satt werden, da werden auch sieben satt. Wir wurden oft nicht satt!<\/p><p>Mein Vater arbeitete dann als Bauarbeiter, stieg aber schon bald auf als Schachtmeister. Er war offensichtlich ein &bdquo;guter Vorgesetzter&ldquo;.<\/p><p>Woran ich mich noch erinnern kann, war unser Umzug aus der Zweizimmerwohnung in ein &bdquo;Behelfsheim&ldquo; an den Rand des Teutoburger Waldes. Eine spezielle Wohngegend &ndash; f&uuml;nf\/sechs Behelfsheime, ein umgebauter Bunker (Haus der 1.000 Betten), eine Siedlung f&uuml;r Ostaussiedler, die vor den &bdquo;Russen&ldquo; gefl&uuml;chtet waren, eine Neubausiedlung f&uuml;r die Familien englischer Soldaten und eine paar ganz normale H&auml;user. <\/p><p>Angesichts der vor den Russen gefl&uuml;chteten Ostaussiedler bl&uuml;hten die Ger&uuml;chte &uuml;ber die Gr&auml;ueltaten der Russen, insbesondere gegen die Frauen. Der &bdquo;Russenhass&rdquo; blieb mir und meinen Geschwistern erspart, weil meine Mutter in Th&uuml;ringen dem Einmarsch der russischen Soldaten ihr Leben verdankte. Aufgeben und die letzte &Ouml;lung erhalten, kam ein junger Offizier und sagte &ndash; so meine Mutter: diese Frau soll nicht sterben. Offensichtlich gab es auch unter den Russen gute Menschen! <\/p><p>Wir Kinder mischten uns &ndash; nur die &bdquo;Tommi&rsquo;s&ldquo; (ver&auml;chtlich &bdquo;Inselaffen&ldquo; genannt) nicht und die beh&uuml;teten Kinder der &bdquo;Alteingesessen&ldquo;, die wurden von den anderen ferngehalten. Die meisten von denen gingen dann nach der vierten Klasse auf weiterf&uuml;hrende Schulen. Ich durfte das trotz guter schulischer Leistung nicht, weil Frauen ja sowieso heiraten und f&uuml;r die Familie (Mann, Kinder, Haushalt) &bdquo;bestimmt&ldquo; sind, so die ideologische Haltung meines Vaters &ndash; ganz im Nationalsozialismus verhaftet.<\/p><p>Also beendete ich die Volksschule nach acht Schuljahren, war dann &bdquo;Haustochter&ldquo; bei einem Arztehepaar in Dortmund und war tags&uuml;ber mit einem zweij&auml;hrigen Kind und dem Haushalt besch&auml;ftigt, durfte also schon mal &bdquo;meine Bestimmung&ldquo; ein&uuml;ben.<\/p><p>Mein Taschengeld gab ich dann f&uuml;r einen Schreibmaschinenkurs aus und lernte Stenographie. Anschlie&szlig;end eine dreij&auml;hrige Ausbildung zur Kinderpflegerin.<\/p><p>In dieser Zeit hatte ich das gro&szlig;e Gl&uuml;ck, zur Disco in die &bdquo;linke Baracke&ldquo; eingeladen zu werden &ndash; und lernte hier, die Welt neu zu sehen. Ich besuchte abends Vortr&auml;ge zur Geschichte und zum historischen und dialektischen Materialismus. Und ich fasste den Entschluss, weiter zur Schule zu gehen. Erst die mittlere Reife nachholen, dann am Kolleg Abitur. Dies war mir durch den Bau der Mauer m&ouml;glich: Weil keine oder viel weniger Fachkr&auml;fte mehr aus der DDR in die BRD kamen, hat der Staat das elternunabh&auml;ngige BAf&ouml;G eingef&uuml;hrt, das hat mir diesen Weg er&ouml;ffnet. Mein Vater h&auml;tte das niemals erm&ouml;glicht!<\/p><p>Danach ein Stipendium der Stiftung Mitbestimmung &ndash; es war geschafft.<\/p><p>Auf Studium und meinen weiteren Weg gehe ich hier nicht ein &ndash; es geht ja um die Nachkriegszeit!<\/p><p>So viel noch: Mein ganzes Leben war ich in der Friedensbewegung aktiv und bin entsetzt, wie unser Staat die &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; propagiert. <\/p><p>Noch eine Anmerkung zur aktuell wieder gef&uuml;hrten Rentendebatte: Mein Vater war als Rentner gut &bdquo;versorgt&ldquo;, er bekam zus&auml;tzlich zu seiner &bdquo;erarbeiteten&ldquo; Rente die sogenannte &bdquo;Ausgleichsrente&ldquo;, also die Differenz, die er als Offizier bekommen h&auml;tte. Ja, die BRD hat die Offiziere des Nazi-Regimes gut versorgt, die einfachen Soldaten hingegen nicht. In diesem Zusammenhang kommt mir die Erinnerung an das Buch von Roger Willemsen &bdquo;Das hohe Haus&ldquo; und die Debatte zu den Rentenanspr&uuml;chen der Zwangsarbeiter &ndash; besch&auml;mend!<\/p><p>Soweit zu mir, ich danke den NachDenkSeiten f&uuml;r diese Initiative und die insgesamt gute Berichterstattung.<\/p><p>Mit friedvollen Gr&uuml;&szlig;en,<br>\n(Anonym)<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small>Titelbild: Gorodenkoff \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser 27. Folge der Reihe &bdquo;Erinnerungen gegen den Krieg&ldquo; h&ouml;ren wir von den Erlebnissen eines Pfarrers der &bdquo;Bekennenden Kirche&ldquo; und seiner Verfolgung und die eindrucksvolle Geschichte &uuml;ber eine kleine Puppe. In der zweiten Geschichte erfahren wir von dem gesellschaftlichen Absturz eines U-Boot-Kommandanten, der sich nicht entnazifizieren lassen will, und von der Emanzipationsgeschichte seiner Tochter<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152919\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":152920,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[171],"tags":[3652,1055,3390,2394,2250,1744,966],"class_list":["post-152919","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-militaereinsaetzekriege","tag-erinnerungen-gegen-den-krieg-serie","tag-fluechtlinge","tag-kriegsgefangene","tag-kriegstrauma","tag-nachkriegszeit","tag-weiterbildung","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/shutterstock_2253550973.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152919"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152919\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152958,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152919\/revisions\/152958"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/152920"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}