{"id":152925,"date":"2026-06-27T12:00:09","date_gmt":"2026-06-27T10:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152925"},"modified":"2026-06-26T14:23:46","modified_gmt":"2026-06-26T12:23:46","slug":"der-krieg-am-persischen-golf-eine-iranische-perspektive-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152925","title":{"rendered":"Der Krieg am Persischen Golf \u2013 eine iranische Perspektive (1)"},"content":{"rendered":"<p>Ein Interview mit dem iranischen Analysten <strong>Dr. Sajjad Safaei<\/strong> &uuml;ber die Eskalation, die verschiedenen Interessen der Akteure und das neue Abkommen mit den USA &ndash; eine andere Perspektive auf die Ereignisse als die westlicher Experten und im Westen lebender iranischer Dissidenten. Dr. Sajjad Safaei ist multidisziplin&auml;rer Forscher, Dozent und Analyst mit Sitz in Deutschland. Er war Postdoktorand am Max-Planck-Institut f&uuml;r ethnologische Forschung und lehrte unter anderem an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin sowie an der Universit&auml;t Z&uuml;rich. Seine Analysen zu iranischer Innen- und Au&szlig;enpolitik, zur Geopolitik des Nahen Ostens, zur US-Au&szlig;enpolitik sowie zu Fragen internationaler Sicherheit erschienen unter anderem in <em>Foreign Policy<\/em>, <em>Responsible Statecraft<\/em>, <em>Al Jazeera<\/em>, <em>DAWN<\/em> und <em>The National Interest<\/em>. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Alexander Neu<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Teil 1<\/strong><\/p><p><strong>Alexander Neu: Dem Krieg zwischen den USA\/Israel und dem Iran ging eine lange Geschichte von Anschuldigungen, Unterstellungen, Sanktionen und Isolationsversuchen des Iran voraus. Im Sommer letzten Jahres kam es zum Zw&ouml;lf-Tage-Krieg zwischen den USA\/Israel und dem Iran. Ende Februar dieses Jahres griffen diese beiden Staaten erneut den Iran an. Erkl&auml;ren Sie den Lesern den aus Ihrer Sicht wirklichen Grund f&uuml;r den erneuten Waffengang der USA und Israels &ndash; was sind die Motive?<\/strong><\/p><p><strong>Dr. Sajjad Safaei:<\/strong> Wenn wir &uuml;ber die Gr&uuml;nde f&uuml;r diesen Krieg sprechen, ist es wichtig, zwischen Absichten &ndash; oder Motiven, wie Sie es nennen &ndash; auf der einen Seite und Bedingungen auf der anderen zu unterscheiden. Motive beziehen sich darauf, was die einzelnen Akteure erreichen wollten.<\/p><p>Im Fall Israels war die Absicht mehr oder weniger klar. Es ist viel dar&uuml;ber gesagt worden, dass das iranische Atomprogramm der Hauptgrund f&uuml;r Israels Krieg gegen den Iran gewesen sei. Wenn es den israelischen Entscheidungstr&auml;gern jedoch wirklich darum gegangen w&auml;re, das iranische Atomprogramm einzud&auml;mmen, h&auml;tte es einen weit weniger kostspieligen, schnelleren und verl&auml;sslicheren Weg gegeben, um sicherzustellen, dass der Iran so weit wie m&ouml;glich von einer Atombombe entfernt bleibt: Diplomatie.<\/p><p>Wie Ihre Leser wissen, hat die Regierung von Benjamin Netanjahu jedoch nichts unversucht gelassen, um die Nukleardiplomatie zwischen Iran und den USA scheitern zu lassen &ndash; insbesondere das bekannte JCPOA oder Iran-Abkommen, das wohl umfassendste und strengste Inspektionsregime, das je einem Staat auferlegt wurde. Damit ist keineswegs gemeint, dass das iranische Atomprogramm in Israels Kalk&uuml;l keine Rolle gespielt h&auml;tte. Der Punkt ist vielmehr, dass dies nicht die zentrale, &uuml;bergeordnete Sorge der israelischen F&uuml;hrung war. Das &uuml;bergeordnete Ziel Israels war die dauerhafte Ausschaltung der F&auml;higkeit Irans, die regionale Dominanz Israels ernsthaft in Frage zu stellen. Aus israelischer Sicht konnten ganz unterschiedliche Szenarien dieses Ziel erf&uuml;llen: eine dauerhafte milit&auml;rische Schw&auml;chung Irans; die Verwandlung Irans in einen &bdquo;failed state&ldquo; wie Libyen oder Syrien; der Sturz der derzeitigen iranischen F&uuml;hrung und ihre Ersetzung durch ein Regime, das Israel gegen&uuml;ber gleichg&uuml;ltig oder wohlgesonnen ist; oder sogar die vollst&auml;ndige Aufteilung des iranischen Nationalstaats in kleinere Einheiten.<\/p><p>Nat&uuml;rlich war der israelischen F&uuml;hrung klar, dass keines dieser Szenarien ohne direkte wie indirekte milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung der USA in einem Krieg gegen den Iran realistisch war. Indirekte Unterst&uuml;tzung meint die Hilfe der USA beim Auftanken israelischer Kampfjets, die den Iran bombardieren, unsch&auml;tzbare nachrichtendienstliche Unterst&uuml;tzung sowie die Lieferung wichtiger milit&auml;rischer G&uuml;ter wie Munition und Ersatzteile. Direkte US-Unterst&uuml;tzung bezieht sich auf den offenen Einsatz amerikanischer Soldaten gegen und auf iranischem Territorium, den wir zum Teil bereits w&auml;hrend des letzten Krieges im Juni 2025 gesehen haben (die Bombardierung iranischer Nuklearanlagen in der Operation &bdquo;Midnight Hammer&ldquo;) sowie in der gro&szlig; angelegten Bombardierung Irans durch die USA von Kriegsbeginn Ende Februar 2026 bis zum Ende der gro&szlig;en US-israelischen Operationen im April.<\/p><p>W&auml;hrend Israels Strategie gegen&uuml;ber dem Iran relativ leicht zu erkennen war und ist, ist der amerikanische Ansatz deutlich weniger klar. Einiges wissen wir jedoch. Ich bin nicht &uuml;berzeugt, dass die USA tats&auml;chlich die Aufl&ouml;sung oder Zerschlagung des iranischen Staates anstrebten oder solche Szenarien ernsthaft f&uuml;r erreichbar hielten &ndash; hier unterscheidet sich die amerikanische Sicht klar von derjenigen Israels, wo solche Entwicklungen eher als w&uuml;nschenswert betrachtet w&uuml;rden. Vertreter der Trump-Regierung haben von dem Ziel gesprochen, die iranische Raketen- und Drohneninfrastruktur zu zerst&ouml;ren oder zumindest schwer zu besch&auml;digen &ndash; was nicht eingetreten ist. Wir haben au&szlig;erdem Figuren wie Pete Hegseth sagen h&ouml;ren, das Ziel sei, sicherzustellen, dass Iran niemals Nuklearwaffen entwickelt, was insofern merkw&uuml;rdig ist, als Trump selbst im Juni 2025 erkl&auml;rte, die Operation &bdquo;Midnight Hammer&ldquo; habe das iranische Atomprogramm vollst&auml;ndig &bdquo;ausgel&ouml;scht&ldquo;. Und wie bereits angedeutet: Wenn die Zerst&ouml;rung des iranischen Atomprogramms tats&auml;chlich das zentrale Ziel dieses Krieges gewesen w&auml;re, dann w&auml;re der diplomatische Weg f&uuml;r die USA sicherer, schneller, verl&auml;sslicher und weit weniger kostspielig gewesen. Unabh&auml;ngig davon, welches konkrete Ziel Washington verfolgte, l&auml;sst sich aber mit einiger Sicherheit sagen:<\/p><p>Die USA wollten dieses Ziel schnell und spektakul&auml;r erreichen &ndash; und sind daran gescheitert. Ironischerweise war das einzige klar erkennbare US-Kriegsziel die Wiederer&ouml;ffnung der Stra&szlig;e von Hormus &ndash; einer Wasserstra&szlig;e, die bis zum Beginn des US-israelischen Krieges gegen den Iran ohnehin offen war.<\/p><p>Die iranische Perspektive wiederum, die sich weitgehend als Reaktion auf die Aktionen Israels und der USA in den zwei Kriegen auf iranischem Territorium herausgebildet hat, war von einem &uuml;bergeordneten Ziel gepr&auml;gt. Anstatt um jeden Preis einen raschen Sieg oder ein schnelles Kriegsende anzustreben, verfolgte Teheran ein vor allem strukturelles Ziel: den wiederkehrenden Zyklus &bdquo;handhabbarer&ldquo; US- und Israel-Kriege auf iranischem Boden und gegen das weitverzweigte B&uuml;ndnisnetzwerk Irans in der Region zu durchbrechen. Eine zentrale S&auml;ule dieser Strategie bestand darin, jene weitreichende Infrastruktur zu zerst&ouml;ren oder funktionsunf&auml;hig zu machen, die die US-Milit&auml;rpr&auml;senz und -operationen im Nahen Osten tr&auml;gt: Flugpl&auml;tze, Logistikknoten, Radarstationen, Raketenabwehrsysteme sowie F&uuml;hrungs- und Kommandoeinrichtungen. Die Angriffe Teherans auf diese Infrastruktur waren mehr als blo&szlig;e Vergeltung; sie zielten darauf, jene F&auml;higkeiten irreversibel zu schw&auml;chen, die seit Jahrzehnten die F&auml;higkeit der USA st&uuml;tzen, Kriege zu f&uuml;hren, Macht zu projizieren und regionale Verb&uuml;ndete wie Israel zu sch&uuml;tzen.<\/p><p>Untrennbar mit dieser materiellen Dimension verbunden war eine ganz bewusst psychologische &ndash; man k&ouml;nnte sagen p&auml;dagogische &ndash; Komponente. Fast so, als orientiere sich Teheran an Friedrich Nietzsches Einsicht, dass &bdquo;Schmerz das wirkungsvollste Hilfsmittel des Ged&auml;chtnisses&ldquo; sei, verfolgte der Iran eine Art geopolitische &Ouml;konomie des Schmerzes mit dem Ziel, die strategischen Reflexe in Washington und Tel Aviv neu zu programmieren. In dem Wissen, dass die USA und Israel trotz ihrer milit&auml;rischen &Uuml;berlegenheit eine deutlich geringere Leidensf&auml;higkeit besitzen, trat der Iran in diesen Konflikt ein in dem Bewusstsein, die enormen menschlichen, wirtschaftlichen und milit&auml;rischen Kosten eines langen, zerm&uuml;rbenden Krieges eher tragen zu k&ouml;nnen als seine Gegner &ndash; und das globale Wirtschaftsgef&uuml;ge, dessen Teil sie sind. Genau deshalb lehnte Teheran &ndash; im scharfen Kontrast zum Zw&ouml;lf-Tage-Krieg im Juni 2025, als Iran rasch auf israelische Bitten um eine Waffenruhe einging &ndash; diesmal derartige Vorst&ouml;&szlig;e ab, bis man einigerma&szlig;en sicher sein konnte, dass allein der Gedanke an einen Krieg mit dem Iran in Zukunft eher l&auml;hmende Furcht als n&uuml;chterne Kalkulation ausl&ouml;sen w&uuml;rde.<\/p><p>Sie haben nach den Ursachen des Krieges gefragt, zu denen selbstverst&auml;ndlich die bereits angesprochenen Absichten und Motive geh&ouml;ren. Aber Motive allein erkl&auml;ren nicht, warum Kriege tats&auml;chlich ausbrechen. Es m&uuml;ssen auch bestimmte Bedingungen vorliegen; ohne sie w&auml;ren die beiden Kriege h&ouml;chst unwahrscheinlich, wenn nicht unm&ouml;glich gewesen. Eine solche Bedingung war die erhebliche Erosion der Normen, die bewaffnete Konflikte regulieren. Genauer gesagt geht es um die nachlassende Bereitschaft, das humanit&auml;re V&ouml;lkerrecht einzuhalten &ndash; einschlie&szlig;lich der Grunds&auml;tze der Unterscheidung, der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit und der Vorsorge. Diese Erosion ist kein neues Ph&auml;nomen, sie vollzieht sich seit Jahrzehnten.<\/p><p>Israels Milit&auml;roperationen in Gaza &ndash; von gro&szlig;en Teilen der internationalen Gemeinschaft als V&ouml;lkermord bezeichnet &ndash; und im Libanon haben jedoch wesentlich dazu beigetragen, diesen Prozess zu beschleunigen und Gewaltformen zu normalisieren, die fr&uuml;her als unvorstellbar und selbstverst&auml;ndlich inakzeptabel galten. Man denke nur an das schiere Ausma&szlig; der Feuerkraft, die seit 2023 in Gaza eingesetzt wurde, mit Sch&auml;tzungen, wonach die kumulative Sprengkraft der eingesetzten Waffen derjenigen der Atombombe auf Hiroshima nahekommt &ndash; wenn auch durch konventionelle Munition. Noch bedeutsamer aus v&ouml;lkerrechtlicher Sicht ist, dass Israel von zahlreichen Experten und Institutionen wiederholt beschuldigt wurde, etablierte IHL-Grenzen zu &uuml;berschreiten, ohne dass dies sp&uuml;rbare Konsequenzen f&uuml;r den Staat oder seine F&uuml;hrung hatte.<\/p><p>Eine naheliegende Folge dieser empfundenen Straflosigkeit ist eine Verschiebung dessen, was politisch und strategisch als &bdquo;akzeptabel&ldquo; gilt &ndash; bis hin zu gro&szlig; angelegten Angriffen auf den Iran, bei denen gezielt hochrangige milit&auml;rische und politische Entscheidungstr&auml;ger ins Visier genommen werden, und das sogar w&auml;hrend laufender Nuklearverhandlungen. Israelische Entscheidungstr&auml;ger scheinen zu dem Schluss gekommen zu sein, dass sie so gut wie jede grundlegende Norm des V&ouml;lkerrechts verletzen k&ouml;nnen, ohne dass die Welt &ndash; oder zumindest die meisten Regierungen &ndash; ernsthaft dagegen einschreiten.<\/p><p>Dies war jedoch nicht die einzige Bedingung, die die Kriege gegen den Iran m&ouml;glich machte. Bedeutende Verschiebungen in der geopolitischen Landschaft spielten ebenfalls eine entscheidende Rolle. Ende 2024 erlitt die Hisbollah &ndash; Irans f&auml;higster und verl&auml;sslichster regionaler Verb&uuml;ndeter &ndash; schwere R&uuml;ckschl&auml;ge, darunter die T&ouml;tung eines gro&szlig;en Teils ihrer F&uuml;hrungskader durch israelische Attentate sowie die ber&uuml;chtigte Pr&auml;parierung ihrer Funkmeldeger&auml;te. Damit wurde der &auml;u&szlig;ere Ring der iranischen Abschreckungsarchitektur geschw&auml;cht: die F&auml;higkeit, Israel durch Verb&uuml;ndete an dessen Grenzen zu vergelten. In der Folge sah sich Israel einem deutlich geringeren Risiko massiver Vergeltung aus dem Libanon ausgesetzt, wenn es direkte Schl&auml;ge gegen Iran erwog.<\/p><p>Verst&auml;rkt wurde diese Verschiebung durch den anschlie&szlig;enden Sturz Baschar al-Assads in Syrien. Der Zusammenbruch des syrischen Staates unterbrach die zentrale logistische Versorgungs- und Koordinationsachse, &uuml;ber die der Iran seit Jahren die Hisbollah unterst&uuml;tzt hatte. Zudem nutzte Israel kurz nach Assads Sturz die Gelegenheit, die syrische Luftabwehr weitgehend zu zerst&ouml;ren, was es israelischen Jets nat&uuml;rlich erheblich erleichterte, nahezu risikofrei &uuml;ber Syrien und dem Irak zu operieren. Zusammengenommen senkten die Schw&auml;chung der Hisbollah und der Verlust Syriens als verl&auml;sslicher Transit- und Pufferstaat die milit&auml;rischen wie strategischen Kosten eines israelischen Angriffs auf den Iran und machten einen solchen Krieg f&uuml;r Israel weitaus weniger unvorstellbar als zuvor.<\/p><p>Ein weiterer entscheidender Faktor war die Wahl Donald Trumps im Jahr 2024. Pr&auml;sident Biden hatte Israels Milit&auml;reins&auml;tze in Gaza und im Libanon nur sehr begrenzt eingeschr&auml;nkt, setzte gegen&uuml;ber dem Iran jedoch deutlichere Grenzen &ndash; aus einem einfachen Grund: Er wollte weder einen direkten US-Krieg gegen den Iran noch einen israelischen Krieg, der die USA in eine solche Auseinandersetzung hineinziehen w&uuml;rde. So gibt es etwa starke Hinweise darauf, dass die Tatsache, dass Israel im Oktober 2024 keine iranischen Nuklearanlagen angriff, ma&szlig;geblich auf rote Linien zur&uuml;ckging, die die Biden-Administration gezogen hatte. Trump wiederum weitete diesen permissiven Ansatz aus und vertiefte ihn. Er beseitigte verbleibende Restriktionen bei Waffenlieferungen und hob vor allem Beschr&auml;nkungen f&uuml;r israelische Angriffe auf den Iran auf. Kurz gesagt: Der &bdquo;Trump-Faktor&ldquo; war ein wesentlicher Erm&ouml;glicher beider Kriege gegen den Iran &ndash; im Juni 2025 und dann erneut 2026.<\/p><p>Schlie&szlig;lich gab es noch einen weiteren wichtigen Faktor, der diesen Krieg m&ouml;glich gemacht hat: eine konzertierte Anstrengung israelischer F&uuml;hrungspersonen und ihrer Unterst&uuml;tzer in Washington, den Iran als schwach darzustellen. Zwar ist es richtig, dass der Iran und seine Verb&uuml;ndeten 2024 R&uuml;ckschl&auml;ge erlitten, aber von v&ouml;lliger Schw&auml;che konnte keine Rede sein. Dennoch setzte in westlichen Politik- und Medienkreisen &ndash; insbesondere nach den israelischen Angriffen auf iranische Milit&auml;rinfrastruktur im Oktober 2024 &ndash; eine dauerhafte Erz&auml;hlung ein, wonach der Iran und die breitere &bdquo;Achse des Widerstands&ldquo; so schwer geschw&auml;cht seien, dass bereits begrenzte milit&auml;rische Schl&auml;ge gen&uuml;gen w&uuml;rden, um einen strategischen Zusammenbruch des Irans herbeizuf&uuml;hren.<\/p><p>Dieses Bild eines Iran am Rand des Zusammenbruchs war &uuml;bertrieben, erf&uuml;llte aber eine klare Funktion: Die Aussicht auf eine milit&auml;rische Konfrontation sollte als kosteng&uuml;nstig, schnell und beherrschbar erscheinen. In einem Land wie den USA, das durch die Desaster im Irak und in Afghanistan traumatisiert ist, machte die Darstellung Irans als geschw&auml;chter Gegner die Idee eines direkten oder indirekten Engagements politisch leichter vermittelbar. Diese Bem&uuml;hungen, den Iran als milit&auml;risch schwach zu zeichnen, wurden durch innenpolitische Entwicklungen im Iran zus&auml;tzlich befeuert. Als im Sp&auml;tjahr 2025 und Anfang 2026 iranische Demonstrierende auf die Stra&szlig;e gingen, nutzte Netanjahu dies, um in Washington zu argumentieren, Iran sei innerlich fragil und k&ouml;nne durch &auml;u&szlig;eren Druck in den Zusammenbruch gedr&auml;ngt werden.<\/p><p>Wie wir gesehen haben, trat dieser Zusammenbruch nicht ein. Im Gegenteil: Trotz aller bestehenden Beschwerden &uuml;ber den eigenen Staat schlossen sich Iranerinnen und Iraner angesichts der milit&auml;rischen Aggression gegen ihr Land zusammen. Inzwischen deutet einiges darauf hin, dass der Krieg, der im Februar 2026 begann, urspr&uuml;nglich erst f&uuml;r sp&auml;ter im Jahr vorgesehen war, aber vorgezogen wurde, nachdem Netanjahu die Trump-Regierung &uuml;berzeugt hatte, die Proteste signalisierten ein Fenster maximaler Verwundbarkeit des iranischen Staates &ndash; und dass jetzt der richtige Zeitpunkt zum Angriff sei.<\/p><p><strong>Wie ist das gegenw&auml;rtige Stimmungsbild im Iran &ndash; einen Regime Change (eines der Ziele) konnten die USA nicht erreichen? Wie viele Menschen wurden durch den US-israelischen Angriff get&ouml;tet, wie viele haben ihre Wohnungen und H&auml;user verloren? Wurde durch den Angriff die Legitimit&auml;t des herrschenden Systems geschw&auml;cht oder gest&auml;rkt? Haben die Revolutionsgarden durch den Krieg ihre Position st&auml;rken k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Der von zwei atomar bewaffneten Milit&auml;rm&auml;chten gef&uuml;hrte Krieg hat im Iran erwartbare gesellschaftliche und politische Dynamiken ausgel&ouml;st, darunter eine verst&auml;rkte gesellschaftliche Geschlossenheit und eine Konsolidierung der &ouml;ffentlichen Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die milit&auml;rische Verteidigungshaltung des Landes. Das bedeutet nicht, dass iranischer Nationalismus vor dem Krieg schwach oder nicht vorhanden gewesen w&auml;re. Vielmehr ist ein latenter Nationalismus infolge dieses nicht provozierten Krieges auf iranischem Boden wieder aufgebrochen.<\/p><p>Diese nationale Einheit zeigt sich sichtbar in weitgehend spontanen Stra&szlig;enkundgebungen zur Unterst&uuml;tzung der Verteidigungsanstrengungen des Landes. Wir sehen eine wachsende Wertsch&auml;tzung f&uuml;r die Streitkr&auml;fte, einschlie&szlig;lich der Revolutionsgarden (IRGC), und ihre milit&auml;rischen F&auml;higkeiten. Man erinnere sich an die Menschenketten, die einfache Iranerinnen und Iraner um kritische Infrastrukturen bildeten, nachdem Trump mit der Zerst&ouml;rung der iranischen Zivilisation und von Infrastruktur &ndash; etwa Br&uuml;cken und Kraftwerken &ndash; gedroht hatte.<\/p><p>All dies bedeutet keineswegs, dass die sehr realen und ernsthaften Beschwerden breiter Bev&ouml;lkerungsschichten gegen&uuml;ber der politischen F&uuml;hrung verschwunden w&auml;ren &ndash; etwa &uuml;ber den desolaten Zustand der Wirtschaft, der ma&szlig;geblich durch US-Sanktionen versch&auml;rft wurde, oder &uuml;ber die wachsende Entfremdung zwischen Gesellschaft und Staat. Selbst die &uuml;berzeugtesten Anh&auml;nger des Systems w&uuml;rden wohl nicht bestreiten, dass es verbreitete Unzufriedenheit gibt. Aber sowohl im Krieg im Juni 2025 als auch im j&uuml;ngsten Krieg hat sich gezeigt: Unabh&auml;ngig vom Ausma&szlig; der Unzufriedenheit mit den Eliten f&uuml;hrt jeder Angriff einer ausl&auml;ndischen Macht auf zentrale Symbole iranischer Staatlichkeit &ndash; die Grenzen und die Soldaten des Landes &ndash; dazu, dass sich die Menschen gegen diesen Angriff zusammenschlie&szlig;en.<\/p><p>Der Krieg hat der iranischen Gesellschaft erneut die Bedeutung von Souver&auml;nit&auml;t, Grenzen, nationaler Sicherheit und milit&auml;rischer St&auml;rke vor Augen gef&uuml;hrt. Ich glaube au&szlig;erdem, dass die Zahl der Iranerinnen und Iraner, die strikt gegen einen eigenen Besitz von Atomwaffen sind, abgenommen hat. Die Tatsache, dass Iran nicht nur einmal, sondern zweimal angegriffen wurde &ndash; und das jeweils w&auml;hrend Nukleardiplomatie &ndash; hat mehr Menschen davon &uuml;berzeugt, dass ihr Land nukleare Abschreckung ben&ouml;tigt, &auml;hnlich wie Israel, Nordkorea oder Pakistan. Das bedeutet nicht, dass der Iran nun im Eiltempo zur Bombe greift, aber der Widerstand gegen den Besitz von Nuklearwaffen hat sich vermutlich abgeschw&auml;cht.<\/p><p>Sie fragen nach den Opferzahlen und den Angriffen auf zivile Infrastruktur. Meines Erachtens hat der hohe zivile Blutzoll des US-israelischen Krieges gegen den Iran entscheidend dazu beigetragen, die Propagandabehauptung zu entlarven, es handle sich um einen Krieg ausschlie&szlig;lich gegen das sogenannte &bdquo;Regime&ldquo; und nicht gegen das iranische Volk &ndash; als lie&szlig;e sich diese Trennlinie in der Praxis sauber ziehen. Offiziellen Angaben zufolge wurden landesweit rund 3.400 bis 3.500 Menschen get&ouml;tet und etwa 40.000 verletzt. Das Gesundheitsministerium teilte Mitte Mai mit, das medizinische Personal habe etwa 40.000 kriegsbedingte Verletzungen behandelt, weniger als 40 Personen seien zu diesem Zeitpunkt noch im Krankenhaus gewesen. Was die Zahl ziviler Opfer angeht, erkl&auml;rte ein ranghoher Beamter Ende April, dass 1.460 der Get&ouml;teten Zivilisten gewesen seien, der Rest Milit&auml;r- oder Sicherheitskr&auml;fte. In der dicht besiedelten Hauptstadt Teheran meldeten Rettungsdienste 8.700 Verletzte, von denen 93 Prozent Zivilisten waren. Mitte Mai erkl&auml;rte ein Vertreter der staatlichen Wohnungsbauorganisation, dass im Verlauf des Krieges landesweit rund 122.000 Wohn- und Gesch&auml;ftseinheiten besch&auml;digt worden seien, davon 2.300 vollst&auml;ndig zerst&ouml;rt.<\/p><p>Ende Teil 1<\/p><p><strong>Teil 2<\/strong> folgt morgen.<\/p><p><small>Titelbild: Nick N A \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152282\">Trumps Iran-Deal &ndash; Rechnung ohne den Wirt<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/3f51836f57c44b878dfdb60a3b394d34\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit dem iranischen Analysten <strong>Dr. Sajjad Safaei<\/strong> &uuml;ber die Eskalation, die verschiedenen Interessen der Akteure und das neue Abkommen mit den USA &ndash; eine andere Perspektive auf die Ereignisse als die westlicher Experten und im Westen lebender iranischer Dissidenten. 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