{"id":153054,"date":"2026-06-29T10:11:13","date_gmt":"2026-06-29T08:11:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153054"},"modified":"2026-06-29T11:32:55","modified_gmt":"2026-06-29T09:32:55","slug":"und-nun-zum-wetter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153054","title":{"rendered":"Und nun zum Wetter"},"content":{"rendered":"<p>Fr&uuml;her hie&szlig; es immer, dass die Regierung die mittlerweile kurzen Zeitr&auml;ume, in denen die deutsche Fu&szlig;ballnationalmannschaft bei Europa- oder Weltmeisterschaften im Fokus des Interesses steht, ausnutzt, um dem Volk besonders bittere Gesetze unterzujubeln. In diesem Jahr waren dies wohl die Pl&auml;ne der Rentenkommission, die Rainer Heyse f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152855\">kunstvoll seziert hat<\/a>. Debattiert wurden sie kaum. Doch das lag nicht an K&ouml;nig Fu&szlig;ball, sondern an einer Hitzewelle, die nicht nur die Thermometer, sondern auch die Debattenr&auml;ume in den &bdquo;sozialen&ldquo; Netzwerken zum Kochen brachte. Und wie immer, wenn die virtuellen Stammtische der Neuzeit zum Kriegsschauplatz im allgemeinen Kulturkampf werden, kam dabei au&szlig;er Hauen und Stechen nicht viel raus. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Erst mal ein kleines Vorwort: Wenn ich nun sage, dass es 2026 ja schon undankbar ist, &uuml;berhaupt &uuml;ber das Wetter zu schreiben, bin ich schon mit Karacho auf die erste Tretmine gelatscht. &bdquo;Wetter&ldquo;, so wei&szlig; es die tendenziell eher junge und linke Bubble, sei eine Verharmlosung. Schuld an der Hitze sei ganz sicher der Klimawandel, den sie lieber Klimakatastrophe nennen. Von mir aus. Doch nun einfach &uuml;ber das &bdquo;Klima&ldquo; zu schreiben, w&auml;re der sichere Tritt auf die n&auml;chste Tretmine. Damit w&uuml;rde ich mir n&auml;mlich die offene Feindschaft der tendenziell eher &auml;lteren und rechten Bubble einfangen, die jede Extremtemperatur f&uuml;r ganz normales Wetter h&auml;lt, wie es das schon immer gegeben habe. Ohne dem zustimmen zu wollen, entscheide ich mich dennoch f&uuml;r den Begriff &bdquo;Wetter&ldquo;, da er mir im konkreten Kontext einfach sprachlich richtiger erscheint; vielleicht ja auch nur, weil ich alter wei&szlig;er Mann bin.<\/em><\/p><p>Und so begab ich mich frohgemut bei sch&ouml;nem Wetter &ndash; bitte kein Shitstorm, zu diesem Zeitpunkt waren es im traditionell eher k&uuml;hlen Harz wundersch&ouml;ne 32 Grad im reichlich vorhandenen Schatten &ndash; in meine Facebook-Blase und wollte mal schauen, was die Menschen so &uuml;ber die Rentendebatte denken. Offenbar gar nichts. Meine Timeline war stattdessen voll mit einem recht absurd wirkenden meteorologischen Kulturkampf. Was spielte sich da ab?<\/p><p><strong>Die Fraktion &bdquo;Klima-Alarmismus&ldquo;<\/strong><\/p><p>Gut ein Drittel meiner &bdquo;Facebook-Blase&ldquo; geh&ouml;rt zur eher jungen, eher weiblichen, eher linken Fraktion. W&auml;re ich der Amazon-Algorithmus, w&uuml;rde ich sagen: Kunden, die die Linkspartei w&auml;hlen, LGBTQ-Paraden prima finden und gerne gendern, empfinden die hohen Temperaturen der letzten Tage als Vorboten einer Klimakatastrophe, die uns ganz sicher alle t&ouml;ten wird. Schuld daran sind die Politik und nat&uuml;rlich &bdquo;die Boomer&ldquo;, die b&ouml;se Autos fahren, b&ouml;se Heizungen betreiben und oft sogar mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen. Klar, diese Vorw&uuml;rfe sind nicht neu. Sie unterliegen jedoch einer Saisonalit&auml;t. Mathematisch k&ouml;nnte man sagen: Der Alarmismus-Content korreliert positiv mit der Au&szlig;entemperatur.<\/p><p>Und da wir ja nun ein paar Jahre selbst im Sommer &uuml;berschaubare H&ouml;chsttemperaturen hatten, hat man als Otto Normaldebattenbeobachter die schrillen Weltuntergangsszenarien der &bdquo;Klima-Alarmisten&ldquo; schon beinahe wieder vergessen. In den letzten Tagen kehrten sie mit voller Wucht zur&uuml;ck und kannten keine Gnade. Schon beim Lesen bekam ich, obwohl ich noch nicht einmal zu den Boomern geh&ouml;re, als doch schon etwas &auml;lterer wei&szlig;er Mann, der das anfangs sch&ouml;ne Wetter auf seiner Terrasse genie&szlig;t, ein schlechtes Gewissen. Darf ich mir ein k&uuml;hles Bier aufmachen, wenn in den H&auml;userschluchten Berlins Millennials leiden?<\/p><p>Putzig finde ich hingegen den L&ouml;sungsansatz der &bdquo;Klima-Alarmisten&ldquo;. Denn wenn ich deren Schimpftiraden richtig verstehe, bin auch ich f&uuml;r die &bdquo;Katastrophe&ldquo; verantwortlich. Ich fahre Auto &ndash; wenn auch Hybrid. Ich heize mit Gas. Und ja, ich trinke meine Cocktails mit einem Kunststoffstrohhalm. Aber Spa&szlig; beiseite. Ich pers&ouml;nlich empfinde es als Hybris, zu denken, ein globales Ph&auml;nomen wie der Treibhauseffekt durch Emissionen sei durch das im globalen Ma&szlig;stab geradezu winzige Deutschland zu stoppen. Und das Klima? Inshallah. Wir werden wohl Mittel und Wege finden m&uuml;ssen, damit besser klarzukommen.<\/p><p><strong>Die Fraktion &bdquo;Fr&uuml;her war&rsquo;s auch warm&ldquo;<\/strong><\/p><p>Es ist jedoch keinesfalls so, dass die &bdquo;Klima-Alarmisten&ldquo; nun die hegemoniale Deutungshoheit in den &bdquo;sozialen&ldquo; Medien h&auml;tten. Im Gegenteil. Der Zeitgeist ist rechts und gerade bei <em>Facebook<\/em> &ndash; der virtuellen Alterstagesst&auml;tte &ndash; will eine Fraktion den Diskurs f&uuml;r sich bestimmen. Hier w&uuml;rde der Amazon-Algorithmus sagen: Kunden, die die AfD w&auml;hlen, Windr&auml;der niederrei&szlig;en wollen und sich ihr Zigeunerschnitzel nicht verbieten lassen wollen, sind tendenziell der &Uuml;berzeugung, dass es auch fr&uuml;her schon hei&szlig;e Sommer gegeben habe und so was im Sommer halt vollkommen normal sei. Gerne begleiten sie ihre oft h&auml;mischen Selbstaffirmationen mit dem alten Carell-Schlager &bdquo;Wann wird&rsquo;s mal wieder richtig Sommer&ldquo;, mal mit &ndash; man glaubt es ja kaum &ndash; Schlagzeilen der <em>BILD<\/em> von neunzehnhundertdr&ouml;lf, die jedoch allesamt keiner n&auml;heren Pr&uuml;fung standhalten.<\/p><p>Es sollte &uuml;berfl&uuml;ssig sein, zu erw&auml;hnen, dass diese Fraktion inhaltlich falsch liegt. Nun genie&szlig;e ich zwar &ndash; wie Helmut Kohl es mal in einem anderen Kontext sagte &ndash; die Gnade der sp&auml;ten Geburt. Aber in meiner Jugend haben wir &ndash; zumindest in den Breitengraden, in denen ich aufwuchs &ndash; nicht bei 40 Grad plus Datteln geerntet, sondern sprachen &bdquo;schon&ldquo; bei 32 bis 34 Grad von einer unglaublichen &bdquo;Jahrhunderthitze&ldquo;. Als ich Kind war, galt bei uns in Niedersachsen die Regel, dass es in der Schule hitzefrei gibt, wenn um 11 Uhr morgens mehr als 25 Grad sind. Das war so ungef&auml;hr drei oder viermal w&auml;hrend meiner Schulzeit der Fall. Am Wochenende fiel mein Au&szlig;enthermometer auch nachts nicht unter 26 Grad. Es mag ja sein, dass es irgendwann im Pal&auml;ozoikum tats&auml;chlich in Deutschland w&auml;rmer war als heute &ndash; aber so alt sind die Boomer, die heute auf <em>Facebook<\/em> davon &uuml;berzeugt sind, dass es fr&uuml;her genau so warm war, ja auch noch nicht.<\/p><p>Ich pers&ouml;nlich empfinde diese Spr&uuml;che &uuml;brigens auch als sch&auml;big. Sicher, wenn man Rentner ist und ein sch&ouml;nes schattiges Einfamilienhaus, vielleicht ja sogar mit Planschbecken bzw. Pool, besitzt, kann man auch 40 Grad mal &uuml;ber ein paar Tage gut aushalten. Was aber ist mit den Rentnern, die in den kleinen Dachgeschosswohnungen der oft auch schlecht isolierten Mietskasernen leben? Was ist mit meiner Frau, die an diesem Wochenende im Krankenhaus ihren Dienst verrichten musste &ndash; bei Innentemperaturen &uuml;ber 35 Grad, ohne Klimaanlage, ohne L&uuml;ftung? Ich w&uuml;rde mir ja mal w&uuml;nschen, dass die Gro&szlig;m&auml;uler der &bdquo;Fr&uuml;her war&rsquo;s auch warm&ldquo;-Fraktion mal eine freiwillige Schicht Sozialarbeit in einem deutschen Krankenhaus oder Altersheim ohne Klimaanlage verrichten. Mal schauen, ob sie danach auch davon schw&auml;rmen, wie &bdquo;sch&ouml;n&ldquo; der Sommer in diesem Jahr ist.<\/p><p><strong>In einem Kulturkampf bestimmen die R&auml;nder den Diskurs<\/strong><\/p><p>Vielleicht sind die extremen Aussagen der einen sowie der anderen Seite ja sogar verst&auml;ndlich. Unser Diskurs ist, zumindest dann, wenn er online auf <em>Facebook<\/em> und Co. stattfindet, ja nicht wirklich konstruktiv und ergebnisoffen. Es wird gep&ouml;belt, was das Zeug h&auml;lt, und je extremer die Meinung, desto mehr Likes. Fr&uuml;her gab es das, was Elisabeth Noelle-Neumann als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schweigespirale\">&bdquo;Schweigespirale&ldquo;<\/a> bezeichnet hat &ndash; aus Angst, sozial isoliert zu werden, hat man sich die d&uuml;mmsten Kommentare lieber verkniffen und seine Meinung tendenziell dem Mainstream angepasst.<\/p><p>Heute scheint das Gegenteil zu gelten. Keine Meinung &ndash; egal in welche Richtung &ndash; ist dumm genug, um sie nicht auf <em>Facebook<\/em> und Co. herauszuposaunen. Wer dummes Zeug postet, kriegt Likes. Wer versucht, eine abw&auml;gende Position zwischen den Extremen zu finden, kriegt am Ende von beiden Fraktionen an den Au&szlig;enseiten des Spektrums virtuell eine Keule &uuml;ber den Sch&auml;del gezogen. Sch&ouml;ne neue Welt.<\/p><p><strong>Absurdit&auml;ten im politischen Spektrum<\/strong><\/p><p>Dass die Parteien sich schwertun, bei dieser chaotischen Gemengelage selbst Position zu beziehen, ist klar. Aber es ist ja wieder einmal Wahlkampf und ganz schweigen kann man da doch nicht. Zu meinen pers&ouml;nlichen Highlights z&auml;hlte an diesem Wochenende die Kommunikations-Volte der AfD. Klar, die AfD zeichnet sich in klimapolitischen Fragen eher durch Verharmlosung aus, aber wenn gerade in Sachsen-Anhalt, wo die AfD im September ja die absolute Mehrheit holen will, die Temperaturen fl&auml;chendeckend die 40-Grad-Marke &uuml;berschreiten, ist diese Position schwer zu halten. Was tat also die AfD? Sie startete eine Kampagne f&uuml;r Klimaanlagen. Deutschland braucht Klimaanlagen?<\/p><p>Inhaltlich will ich dem ja gar nicht widersprechen. Nur dass man wissen muss, dass Klimaanlagen und W&auml;rmepumpen ein und dasselbe sind. Und sp&auml;testens hier wird es unfreiwillig komisch. H&auml;tte die AfD nun mehr W&auml;rmepumpen gefordert, w&auml;re sie wohl von der eigenen Sympathisantenschaft mit Fackeln und Forken vom Hof gejagt wurden. Es kommt halt auf das &bdquo;Wording&ldquo; an. Umgekehrt w&auml;ren jedoch sicher auch die Gr&uuml;nen mit Strohhalmen aus Pappe von ihren Fans vom Hof gejagt worden, h&auml;tten sie nun mehr Klimaanlagen gefordert. Wenn zwei das Gleiche sagen, ist es nicht Dasselbe. Und wenn zwei das Gleiche meinen, es aber anders formulieren, schon gleich gar nicht.<\/p><p>Ist der Kulturkampf noch so schrill &ndash; es ist ja auch schon fast beruhigend, dass alle gr&ouml;&szlig;eren Parteien eine &bdquo;L&ouml;sung&ldquo; f&uuml;r das Problem haben, die auf den gleichen Mechanismus setzt: individueller Konsum. Egal ob W&auml;rmepumpe, E-Auto, Solaranlage, Klimaanlage oder Notstromaggregat &ndash; Hauptsache, irgendwas kaufen. Mit welchem Geld, bleibt unbeantwortet, und die Verantwortung wird dabei mehr oder weniger geschickt von der politischen auf die pers&ouml;nliche Ebene verlagert.<\/p><p>Das ist fatal. Denn gerade eben deshalb, weil die Sommer auch in Zukunft nicht so sein werden wie die Sommer unserer Kindheit, w&auml;re politisches Handeln dringend n&ouml;tig. Und keine Angst, es soll hier nicht um die typisch deutsche Hybris gehen, die suggeriert, dass Oma Erna die Welt retten kann, wenn sie sich eine neue Heizung einbauen l&auml;sst. Nein, es sollte darum gehen, wie wir durch infrastrukturelle Ma&szlig;nahmen, wie beispielsweise Aufforstung, Renaturierung versiegelter Fl&auml;chen, Begr&uuml;nung st&auml;dtischer Gebiete und eine zeitgem&auml;&szlig;e Geb&auml;udetechnik, die im Winter heizen und im Sommer k&uuml;hlen kann, das Land fit f&uuml;r hei&szlig;e Tage machen. Denn auch wenn wir davon sicher nicht aussterben &ndash; es wird sie k&uuml;nftig h&auml;ufiger geben.<\/p><p>Aber jetzt regnet es ja zum Gl&uuml;ck erst einmal und der Hitzespuk ist vorbei. Ich bin ja mal gespannt, wor&uuml;ber sich die Leute auf <em>Facebook<\/em> in dieser Woche die K&ouml;pfe einschlagen. Fu&szlig;ball? Vielleicht. &Uuml;ber die Rente werden sie jedenfalls sicher wieder einmal nicht diskutieren. Es ist zum M&auml;usemelken.<\/p><p><small>Titelbild: ChatGPT, mit k&uuml;nstlicher Intelligenz erstellt<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e9cd09d845514714b87b91080fcf6b38\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr&uuml;her hie&szlig; es immer, dass die Regierung die mittlerweile kurzen Zeitr&auml;ume, in denen die deutsche Fu&szlig;ballnationalmannschaft bei Europa- oder Weltmeisterschaften im Fokus des Interesses steht, ausnutzt, um dem Volk besonders bittere Gesetze unterzujubeln. In diesem Jahr waren dies wohl die Pl&auml;ne der Rentenkommission, die Rainer Heyse f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=152855\">kunstvoll seziert hat<\/a>. 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