{"id":153076,"date":"2026-06-30T09:00:31","date_gmt":"2026-06-30T07:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153076"},"modified":"2026-06-30T09:45:27","modified_gmt":"2026-06-30T07:45:27","slug":"der-bundeskanzler-steht-auf-instagram-fuer-ein-starkes-deutschland-und-28-millionen-folgen-ihm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153076","title":{"rendered":"Der Bundeskanzler steht auf Instagram \u201ef\u00fcr ein starkes Deutschland\u201c \u2013 und 2,8 Millionen folgen ihm"},"content":{"rendered":"<p>Der Auftritt von Friedrich Merz bei <em>Instagram<\/em> erinnert an die Kommunikation der &bdquo;Aktuellen Kamera&ldquo; in der DDR. Die Realit&auml;t findet bei den Social-Media-Kan&auml;len des Bundeskanzlers in den Kommentarspalten statt. Von <strong>Dirk Engelhardt<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWer bis 1990 in Ostdeutschland lebte, kennt sie: die Aktuelle Kamera, die Nachrichtensendung, die jeden Abend im Fernsehen der DDR lief. Sie war sogar die &auml;lteste Nachrichtensendung Deutschlands, denn sie war f&uuml;nf Tage vor der Tagesschau gestartet. Sie war nicht unbedingt ausgewogen; der Chefredakteur wurde von der Agitationskommission des ZK der SED angeleitet. Die Realit&auml;t des Lebens, darin ist man sich heute weitgehend einig, wurde von der Aktuellen Kamera nur sehr bedingt wiedergegeben.<\/p><p>Vor allem die Sprache war es, die viele Zuschauer von jener Nachrichtensendung abschreckte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Hauptaufgabe des F&uuml;nfjahresplans besteht in der weiteren Erh&ouml;hung der F&auml;higkeiten und Talente der Arbeiterklasse und aller Werkt&auml;tigen&hellip;.&rdquo; Oder: &bdquo;Mit hohen Leistungen und sch&ouml;pferischer Initiative wurde die planm&auml;&szlig;ige Steigerung der Arbeitsproduktivit&auml;t gesichert und ein wichtiger Beitrag zur erfolgreichen Verwirklichung der Beschl&uuml;sse des XI. Parteitages der SED geleistet.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Das war politische Kommunikation, die weniger informieren als &uuml;berzeugen wollte.<\/p><p>Doch die Aktuelle Kamera hat einen Nachfolger gefunden. <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/bundeskanzler\/?hl=de\">#bundeskanzler hei&szlig;t die Sendung, sie l&auml;uft nonstop auf <em>Instagram<\/em><\/a> und hat tats&auml;chlich rund 2,8 Millionen Folgende, auch Follower genannt. Jeden Tag sind dort Fotos und kurze Videos zu sehen, in denen immer der Bundeskanzler die Hauptrolle spielt. <\/p><p>Die Bildsprache folgt einem klaren Muster. Auf jedem dieser Fotos ist der Bundeskanzler gut ins Licht gesetzt und fast immer umgeben von ehrf&uuml;rchtig l&auml;chelnden Menschen, die ihm sichtlich erfreut die Hand sch&uuml;tteln. Manchmal sind dabei auch ernst schauende Soldaten im Hintergrund, Friedrich Merz ist schlie&szlig;lich ein Staatsmann. <\/p><p>In was f&uuml;r einem Land wollen wir eigentlich leben, fragt der Bundeskanzler, um die Antwort darauf im n&auml;chsten Satz zu geben: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>F&uuml;r mich ist die Antwort klar: in einem Land, in dem sich Mut wieder lohnt. In dem Leistung anerkannt wird und in dem wir gut miteinander klarkommen.<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Phrasen gehen dann im gleichen Stil weiter &uuml;ber die Themen Frieden, Sicherheit, Arbeitspl&auml;tze und das Rentensystem. Das Social-Media-Team des Bundeskanzleramtes, sicherlich ein ganzes B&uuml;ro voller hochqualifizierter Leute, leistet dazu ganze Arbeit und zeigt den Bundeskanzler in Hochglanzfotos im grauen Anzug mit wei&szlig;em Hemd und rot gemusterter Krawatte, wie er ein Bad in der Menge nimmt, wobei die Menschen ihm aufmerksam zul&auml;cheln. Ein sympathischer junger Mann in Gro&szlig;aufnahme streckt sogar den Daumen nach oben, ein Zeichen, das international verstanden wird. <\/p><p>Auff&auml;llig ist die Diskrepanz zwischen Reichweite und Resonanz: Das Foto hat rund 1.900 Likes, bei 2,8 Millionen Followern eine verschwindend kleine Menge.<\/p><p>Noch prek&auml;rer wird es dann allerdings in den Kommentarspalten. &bdquo;Treten Sie endlich zur&uuml;ck!&ldquo; oder &bdquo;Lassen Sie unsere Kinder in Ruhe&ldquo;, sind noch die h&ouml;flicheren Kommentare. &bdquo;Sch&auml;men Sie sich, all dieser Dreck, den Sie als gute Ideen abstempeln. Tun sie der Bev&ouml;lkerung einen Gefallen und verschwinden Sie endlich&ldquo;, schreibt eine Nutzerin. <\/p><p>Tats&auml;chlich sind bei den mehr als 600 Kommentaren so gut wie keine positiven Wertungen auffindbar. <\/p><p>Das Foto, das Friedrich Merz zeigt, als er Donald Trump ein Fu&szlig;ballhemd zum Geburtstag schenkt, haben immerhin 41.000 Nutzer gelikt, dazu gab es fast 5.000 Kommentare. Hier l&auml;sst sich das Social-Media-Team des Kanzleramtes immerhin herab, auf neutral gestellte Fragen zu antworten. &bdquo;Warum 47?&ldquo;, fragt ein Nutzer, worauf ihm erkl&auml;rt wird, dass die R&uuml;ckennummer 47 sich darauf bezieht, dass Donald Trump der 47. Pr&auml;sident der USA sei. Auf Kommentare wie &bdquo;Ein Buch, in dem das V&ouml;lkerrecht erkl&auml;rt wird, w&auml;re auch ne gute Idee gewesen &hellip;&ldquo; erhalten die Nutzer indes keinerlei Antwort. Ebensowenig wie auf den am h&auml;ufigsten gelikten Kommentar: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Dass sich unser Bundeskanzler im selben Team wie Trump sieht, sollte uns sp&auml;testens jetzt Angst machen.<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ein Kommentator ist besonders eifrig und schreibt fast t&auml;glich den gleichen Kommentar und droht an, &bdquo;bis zu seinem R&uuml;cktritt&ldquo; weiterzumachen. &bdquo;Warum gehen Sie nicht auf die Umfragewerte von Herrn Merz ein? Er selbst hat gegen&uuml;ber Scholz eine Aussage getroffen, die er nun auch in die Tat umsetzen m&uuml;sste &hellip;&ldquo; Er bezieht sich auf ein Zitat von Friedrich Merz aus dem Jahr 2024, als Merz dem Kanzler &bdquo;mit derart niedrigen Umfragewerten&ldquo; riet, dass er den Anstand haben sollte, zur&uuml;ckzutreten.<\/p><p>Auf jene Kommentare antwortet das Social-Media-Team nicht. &Uuml;berhaupt, und damit ist eine weitere Parallele zur Aktuellen Kamera hergestellt, klammert der Instagram-Auftritt von Merz eine breite Palette von Themen aus, die den Kanzler aller Voraussicht nach in ein ung&uuml;nstiges Licht r&uuml;cken w&uuml;rden. Dazu z&auml;hlen Streitigkeiten in der Koalition, die jeden Tag neue Facetten zeigen, steigende Armut in Deutschland, steigende Zahl der Multimillion&auml;re, Wohnungsnot, prek&auml;re Besch&auml;ftigung, hohe Energiepreise, stark steigende Insolvenzen, stark fallende Geburtenzahlen, K&uuml;rzungen im Kulturbereich, schwache Zahlen zur Bildung und Schule, um nur einige Punkte zu nennen. Auch Kritik an Regierungsentscheidungen, die in diesen Tagen von einer breiten Masse thematisiert wird, kommt beim Kanzler auf <em>Instagram<\/em> praktisch nicht vor. <\/p><p>Gerne zeigt sich Merz dagegen mit Soldaten der Bundeswehr. Dazu textet die Social-Media-Redaktion kernige Bildunterschriften wie: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Digital, schlagkr&auml;ftig und bereit. Das ist die Bundeswehr der Zukunft &ndash; eine starke Truppe.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Hier muss der Kanzler auf den Fotos auch nicht l&auml;cheln, sondern staatsm&auml;nnisch auf das &bdquo;Schlachtfeld&ldquo; blicken. Doch auch dies gef&auml;llt den Kommentatoren nicht: &bdquo;Weg mit Ihnen!&ldquo; oder ironisch: &bdquo;Wissen Sie, was auch stark w&auml;re: Die Vertrauensfrage!&ldquo;, ist unter dem Beitrag zu lesen. Weil das Thema Bundeswehr auffallend h&auml;ufig auf <em>Instagram<\/em> thematisiert wird, lie&szlig; sich ein Kommentator zu der Bemerkung &bdquo;Krieg, Krieg, Krieg &hellip; Ich h&ouml;re und lese nichts anderes mehr. Die Regierung scheint ja richtig scharf auf einen bewaffneten Konflikt zu sein&ldquo; hinrei&szlig;en. Auch hier keine Antwort.<\/p><p>&bdquo;Aus Sachsen-Anhalt kommen gro&szlig;artige Impulse f&uuml;r die Zukunft unseres Landes&ldquo;, schreibt das Social-Media-Team, doch die Kommentare wissen es besser: &bdquo;38% f&uuml;r die AfD in Sachsen-Anhalt, und der Kanzler postet hier diesen v&ouml;lligen Nonsense &hellip;&ldquo; <\/p><p>Auch auf <em>TikTok<\/em> ist der Bundeskanzler vertreten, wenn auch &bdquo;nur&ldquo; mit 747.000 Followern. Einer der reichweitenst&auml;rksten Posts war hier ein Videotelefonat des Kanzlers mit der deutschen Fu&szlig;ball-Nationalmannschaft. Meistgelikter Kommentar: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Bitte lass die Spieler in Ruhe!&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>In den digitalen Medien entsteht ein Kommunikationsraum, in dem vor allem die gew&uuml;nschte Selbstdarstellung der Regierung sichtbar wird. Die kritischen Reaktionen der Nutzer sind zwar &ouml;ffentlich lesbar, flie&szlig;en aber praktisch nicht in die Kommunikation ein.<\/p><p>Welchen Betrag das Bundeskanzleramt f&uuml;r <em>Instagram<\/em> ausgibt, ist nicht n&auml;her bekannt. Insgesamt hatte das Bundeskanzleramt f&uuml;r 2025 einen Etat von 240 Millionen Euro. Die Zahl der W&auml;hler in Deutschland, die dem Bundeskanzler nicht unbedingt zugetan ist, ist dagegen bekannt. Die Frage ist: Werden sie mit dem digitalen Auftritt des Bundeskanzlers umgestimmt? Oder wirkt er gar kontraproduktiv?<\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/bundeskanzler\/?hl=de\">Screenshot\/Instagram<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Auftritt von Friedrich Merz bei <em>Instagram<\/em> erinnert an die Kommunikation der &bdquo;Aktuellen Kamera&ldquo; in der DDR. Die Realit&auml;t findet bei den Social-Media-Kan&auml;len des Bundeskanzlers in den Kommentarspalten statt. 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