{"id":153153,"date":"2026-07-01T10:00:12","date_gmt":"2026-07-01T08:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153153"},"modified":"2026-07-01T09:32:29","modified_gmt":"2026-07-01T07:32:29","slug":"quittung-fuer-die-doppelmoral-wie-der-westen-das-vertrauen-der-welt-verlor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153153","title":{"rendered":"Quittung f\u00fcr die Doppelmoral \u2013 Wie der Westen das Vertrauen der Welt verlor"},"content":{"rendered":"<p>Ausgerechnet die Daten eines pro-westlichen Thinktanks zeigen: Washingtons Kriege, seine Unterst&uuml;tzung Israels und seine Abkehr von einer regelbasierten Ordnung haben die Welt&ouml;ffentlichkeit gegen den Westen aufgebracht. Ein Artikel von <strong>Michael Holmes<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer <a href=\"https:\/\/146165116.fs1.hubspotusercontent-eu1.net\/hubfs\/146165116\/DPI%202026.pdf\"><em>Democracy Perception Index 2026<\/em><\/a> ist eine globale Erhebung, die mehr als 90 Prozent der Weltbev&ouml;lkerung abdeckt. Seine Ergebnisse stellen fast jede Grundannahme des westlichen au&szlig;enpolitischen Konsenses infrage. Die Vereinigten Staaten, selbsternannte H&uuml;terin der regelbasierten internationalen Ordnung, z&auml;hlen mittlerweile zu den am negativsten wahrgenommenen L&auml;ndern der Welt.<\/p><p>Wird die Welt aufgefordert, in aktuellen geopolitischen Konflikten Partei zu ergreifen, stellt sie sich immer wieder gegen Washington &ndash; &uuml;berw&auml;ltigend auf der Seite Pal&auml;stinas gegen&uuml;ber Israel und nahezu einhellig gegen US-Milit&auml;rbasen auf fremdem Boden. China genie&szlig;t in den meisten Teilen der Welt ein besseres Ansehen als die USA. Und nichts davon, so die Studie, sei Ausdruck einer Abkehr von der Demokratie als solcher &ndash; die Zustimmung zu demokratischer Regierungsf&uuml;hrung bleibt weltweit hoch. Was die Welt ablehnt, ist das Verhalten jener Staaten, die beanspruchen, sie anzuf&uuml;hren.<\/p><p>In der Geschichte von Imperien gibt es einen Moment, in dem die innere Logik der Macht f&uuml;r alle sichtbar wird &ndash; au&szlig;er f&uuml;r jene, die sie aus&uuml;ben. Dieser Moment, mit klinischer Pr&auml;zision dokumentiert in der neunten Ausgabe des <em>Democracy Perception Index (DPI)<\/em>, erschienen 2026 von <em>Nira Data<\/em> in Zusammenarbeit mit der <em>Alliance of Democracies Foundation<\/em>, ist nun f&uuml;r die Vereinigten Staaten und ihre engsten Verb&uuml;ndeten gekommen.<\/p><p>Die Studie &ndash; die gr&ouml;&szlig;te j&auml;hrliche Erhebung ihrer Art, gest&uuml;tzt auf national repr&auml;sentative Interviews mit mehr als 94.000 Befragten in 98 L&auml;ndern, die &uuml;ber neunzig Prozent der Weltbev&ouml;lkerung repr&auml;sentieren &ndash; sollte vermutlich die anhaltende Anziehungskraft des von Washington und Br&uuml;ssel propagierten demokratischen Modells belegen. Stattdessen dokumentiert sie einen historischen Verfall des amerikanischen Ansehens, eine tiefe Ern&uuml;chterung gegen&uuml;ber westlich gef&uuml;hrten Institutionen und eine Welt&ouml;ffentlichkeit, die ihre moralischen Loyalit&auml;ten leise, aber unverkennbar neu geordnet hat.<\/p><p>Die Vereinigten Staaten geh&ouml;ren nun zu den f&uuml;nf am negativsten wahrgenommenen L&auml;ndern der Erde &ndash; neben Nordkorea, Afghanistan, dem Iran und Israel, ihrem engsten milit&auml;rischen Klientelstaat. Sie verlieren drei der f&uuml;nf geopolitischen Konflikte, zu denen die Studie die Weltbev&ouml;lkerung befragt. In 86 von 97 L&auml;ndern lehnt die Mehrheit US-Milit&auml;rbasen auf eigenem Boden ab. Erstmals in der Geschichte der Erhebung werden die Vereinigten Staaten geringf&uuml;gig negativer wahrgenommen als Russland. China wiederum genie&szlig;t in 63 von 83 untersuchten L&auml;ndern ein besseres Ansehen als die USA &ndash; darunter in weiten Teilen Europas.<\/p><p><strong>Die Welt vertraut dem Westen nicht<\/strong><\/p><p>Die <em>Alliance of Democracies Foundation<\/em>, Mitherausgeberin des Index, wurde von Anders Fogh Rasmussen gegr&uuml;ndet, dem ehemaligen NATO-Generalsekret&auml;r und d&auml;nischen Ministerpr&auml;sidenten, und verfolgt ausdr&uuml;cklich das Ziel, die westlich-liberale Demokratie zu f&ouml;rdern. Nira Data, das d&auml;nische Marktforschungsunternehmen hinter der Studie, beschreibt seine Mission damit, der Welt&ouml;ffentlichkeit im Dienst demokratischer Werte eine Stimme zu geben. Hier schreiben also keine Kritiker des Westens. Hier schreiben seine institutionellen F&uuml;rsprecher &ndash; und genau das verleiht den Befunden eine eigent&uuml;mliche Autorit&auml;t: Sie kommen nicht als Urteil von au&szlig;en, sondern als unfreiwilliges Gest&auml;ndnis von innen.<\/p><p>Rasmussens eigenes Vorwort nimmt die Zahlen zur Kenntnis, greift dabei aber fast verzweifelt nach Erkl&auml;rungen, die westliche Politik entlasten sollen &ndash; es ist von &bdquo;Bedrohungen&rdquo; die Rede, die Europ&auml;er angeblich nicht klar genug wahrnehmen, von der Notwendigkeit, dass demokratische F&uuml;hrungen wieder &bdquo;eine Vision von Optimismus und Hoffnung&rdquo; anbieten m&uuml;ssten. Was die Autoren der Studie nicht offen aussprechen wollen, sagen die Zahlen f&uuml;r sie: Die Welt vertraut dem Westen nicht &ndash; und die Gr&uuml;nde daf&uuml;r sind kein R&auml;tsel.<\/p><p>Anders als klassische Demokratie-Indizes, die auf Experteneinsch&auml;tzungen von Gesetzen und Institutionen beruhen, befragt der DPI die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger direkt nach ihrer politischen Erfahrung. Erhoben werden acht Dimensionen &ndash; der Einfluss von Wahlen, Meinungsfreiheit, politischer Pluralismus, staatsb&uuml;rgerliche Bildung, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Regierungstransparenz und friedliche Macht&uuml;bergaben &ndash;, erg&auml;nzt um die Wahrnehmung der Vereinigten Staaten, Chinas, Russlands und der jeweils anderen L&auml;nder sowie die Frage, welche Seite die Befragten in f&uuml;nf akuten oder schwelenden geopolitischen Konflikten unterst&uuml;tzen. Das Ergebnis ist ein Bild der Welt, wie sie Milliarden Menschen tats&auml;chlich sehen &ndash; nicht, wie westliche Regierungen und ihre nahestehenden Thinktanks sie gerne gesehen h&auml;tten.<\/p><p><strong>Mehr als zwei Drittel der Menschen weltweit halten es f&uuml;r &auml;u&szlig;erst oder sehr wichtig, dass ihr Land demokratisch ist.<\/strong><\/p><p>Was dieses Bild vor allem zeigt: eine Welt&ouml;ffentlichkeit, die &ndash; quer durch fast alle Regionen und Kulturen &ndash; an Demokratie glaubt, sie aber deutlich anders definiert als Washington und seine Verb&uuml;ndeten. Mehr als zwei Drittel der Menschen weltweit halten es f&uuml;r &auml;u&szlig;erst oder sehr wichtig, dass ihr Land demokratisch ist. Der Wunsch nach Selbstbestimmung, nach fairen Institutionen, nach friedlichen Machtwechseln ist also nicht im R&uuml;ckzug.<\/p><p>Doch wenn gefragt wird, worin der wichtigste Zweck der Demokratie besteht, kehren sich die Priorit&auml;ten um, die westliche Politikerinnen und Politiker gew&ouml;hnlich beschw&ouml;ren. In 62 Prozent der untersuchten L&auml;nder lautet die h&auml;ufigste Antwort: h&ouml;here Lebensstandards und Wohlergehen f&uuml;r alle.<\/p><p>Nur 18 Prozent der L&auml;nder setzen eine faire und friedliche Gesellschaft an erste Stelle, und gerade einmal neun Prozent &ndash; eine Zahl, die jedem Redenschreiber zu denken geben sollte, der &bdquo;Schutz individueller Rechte und Freiheiten&rdquo; als Kernzweck der Demokratie beschw&ouml;rt &ndash; nennen genau dieses Ziel zuerst. Nur in den Vereinigten Staaten selbst sowie in Deutschland, Italien und Kanada steht der Schutz individueller Freiheiten ganz oben.<\/p><p>Das ist &ndash; anders, als westliche Kommentatoren h&auml;ufig annehmen &ndash; kein Beleg f&uuml;r autorit&auml;re Pr&auml;gung oder politische Naivit&auml;t in &auml;rmeren Weltregionen. Es ist Ausdruck rationaler Priorit&auml;tensetzung. F&uuml;r Milliarden Menschen im Globalen S&uuml;den &ndash; in S&uuml;dasien, im subsaharischen Afrika, im Nahen Osten und Lateinamerika &ndash; ist die Frage, ob man die Regierung ungestraft in sozialen Medien kritisieren kann, weniger dr&auml;ngend als die Frage, ob die eigenen Kinder genug zu essen haben, medizinisch versorgt sind und vor Gewalt sicher leben k&ouml;nnen &ndash; einschlie&szlig;lich jener Gewalt, die nicht selten mit westlicher &bdquo;Unterst&uuml;tzung&rdquo; ins Land kommt.<\/p><p>Die DPI-Daten machen das an einem einzigen, verheerenden Vergleich deutlich. Die am positivsten wahrgenommenen L&auml;nder der Welt sind nicht die gr&ouml;&szlig;ten Demokratien oder die milit&auml;risch m&auml;chtigsten &ndash; es sind die Schweiz, Kanada, Japan, Schweden, Italien und Norwegen: L&auml;nder, die im globalen Bewusstsein f&uuml;r Neutralit&auml;t und Gewaltlosigkeit stehen, f&uuml;r soziale Absicherung, gute Bildung, ein funktionierendes Gesundheitssystem und Sicherheit. Am unbeliebtesten &ndash; in absteigender Reihenfolge der Ablehnung &ndash; sind Israel, Nordkorea, Afghanistan, der Iran und die Vereinigten Staaten. Was die einen von den anderen unterscheidet, ist nicht das Vorhandensein oder Fehlen von Wahlen. Es ist das Vorhandensein oder Fehlen von Gewalt.<\/p><p><strong>Der Verfall des amerikanischen Ansehens ist der dramatischste Befund der Studie, und sein Ausma&szlig; verdient genaue Betrachtung.<\/strong><\/p><p>Zwischen 2024 und 2026 fiel die globale Nettowahrnehmung der Vereinigten Staaten um fast 40 Punkte. 2022 und 2023 verzeichneten die USA weltweit noch ein positives Image. 2026 hat sich dies vollst&auml;ndig umgekehrt: minus 16 im globalen Durchschnitt, minus 25 im Nahen Osten und Nordafrika, minus 35 in Europa und minus 16 im asiatisch-pazifischen Raum. Nur in Subsahara-Afrika bleiben die USA geringf&uuml;gig positiv bewertet, in Nord- und S&uuml;damerika &ndash; der Region, die sie zwei jahrhundertelang politisch und wirtschaftlich dominiert haben &ndash; etwa neutral.<\/p><p>Besonders auff&auml;llig ist Europa: Hier liegen die Vereinigten Staaten bei minus 35, w&auml;hrend China &ndash; trotz der offiziell als strategische Rivalit&auml;t bezeichneten Haltung Europas gegen&uuml;ber Peking &ndash; nur bei minus 14 liegt. Russland steht in Europa bei minus 47, dem negativsten Wert der drei Gro&szlig;m&auml;chte. Doch dass die Vereinigten Staaten China inzwischen als Objekt europ&auml;ischen Misstrauens und Unmuts &uuml;berholt haben, ist eine seismische Verschiebung, die die westlichen politischen Eliten offenbar nur widerwillig zur Kenntnis nehmen.<\/p><p>Die st&auml;rksten Einbr&uuml;che im Ansehen der USA zwischen 2025 und 2026 ereigneten sich nicht in ohnehin feindselig gesinnten L&auml;ndern, sondern in zuvor weitgehend neutralen: Elfenbeink&uuml;ste, Senegal, Serbien, Vietnam, Ghana, Kamerun und Algerien verzeichneten allesamt starke R&uuml;ckg&auml;nge. Das sind keine Gesellschaften, die von ideologischer Gegnerschaft zu amerikanischen Werten getrieben werden. Es sind Gesellschaften, die amerikanisches Handeln beobachtet und ihre eigenen Schl&uuml;sse gezogen haben.<\/p><p><strong>Ein informelles weltweites Referendum &uuml;ber die Legitimit&auml;t amerikanischer Macht<\/strong><\/p><p>Die Fragen zu geopolitischen Konflikten ergeben ein informelles weltweites Referendum &uuml;ber die Legitimit&auml;t amerikanischer Macht, und die Ergebnisse verdienen es, langsam gelesen zu werden.<\/p><p>Im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine stellen sich 55 L&auml;nder auf die Seite der Ukraine, 30 auf die Seite Russlands &ndash; eine echte, wenn auch deutlich knappere Mehrheit f&uuml;r die westlich unterst&uuml;tzte Position, als westliche Regierungen gemeinhin annehmen; die MENA-Region (Middle East and North Africa, also: Naher Osten und Nordafrika) tendiert eher zu Russland, der asiatisch-pazifische Raum ist gespalten.<\/p><p>Im Konflikt zwischen Israel und Pal&auml;stina stehen 51 L&auml;nder auf der Seite Pal&auml;stinas, nur 17 auf der Seite Israels; einzig Nord- und S&uuml;damerika neigen leicht zu Israel, w&auml;hrend Europa, der asiatisch-pazifische Raum, die MENA-Region und Subsahara-Afrika entweder zu Pal&auml;stina tendieren oder gespalten sind.<\/p><p>Im Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran stellen sich 41 L&auml;nder hinter den Iran, nur 28 hinter die USA.<\/p><p>Im Streit um Gr&ouml;nland und D&auml;nemark stehen 85 L&auml;nder an der Seite Gr&ouml;nlands und D&auml;nemarks, nur zwei &ndash; die Dominikanische Republik und Israel &ndash; an der Seite der Vereinigten Staaten. Selbst die amerikanische Bev&ouml;lkerung selbst neigt in der Befragung mit zw&ouml;lf Punkten Vorsprung eher zu Gr&ouml;nland und D&auml;nemark als zur eigenen Regierung &ndash; ein Befund, der von etwas Tieferem zeugt als blo&szlig;er Skepsis gegen&uuml;ber dem Ausland: dem schwindenden Selbstvertrauen Amerikas in das eigene Machtprojekt.<\/p><p>Das Muster, das sich abzeichnet, ist keine simple Aufteilung der Welt in pro- und antiwestliche Lager. Es ist etwas Feineres und Belastenderes: Die Welt bewertet jeden Konflikt nach dem, was sie als seine jeweiligen Sachfragen wahrnimmt &ndash; und in Konflikt um Konflikt, in dem die Vereinigten Staaten unmittelbar Partei oder Hauptunterst&uuml;tzer einer Seite sind, stellt sich die Welt gegen sie.<\/p><p>Das ist kein reflexhafter Antiamerikanismus. Dieselben Teile der Welt&ouml;ffentlichkeit, die die Ukraine gegen&uuml;ber Russland unterst&uuml;tzen, zeigen keinerlei generelle Sympathie f&uuml;r Autoritarismus. Was sie offenbar ablehnen, ist ein bestimmtes, wiederkehrendes Muster amerikanischen Verhaltens: die Bereitschaft, internationales Recht selektiv anzuwenden, Staaten zu bewaffnen und zu decken, die gegen dieses Recht versto&szlig;en, und f&uuml;r sich selbst Ausnahmen vom V&ouml;lkerrecht zu beanspruchen, w&auml;hrend man von anderen Unterordnung verlangt.<\/p><p><strong>Die weltweite Unterst&uuml;tzung f&uuml;r eine regelbasierte internationale Ordnung w&auml;chst<\/strong><\/p><p>Dieser Befund wird durch ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie eindr&uuml;cklich best&auml;tigt. Die weltweite Unterst&uuml;tzung f&uuml;r eine regelbasierte internationale Ordnung schwindet nicht &ndash; sie w&auml;chst. 50 Prozent der Menschen in allen 98 untersuchten L&auml;ndern stimmen zu, dass Staaten internationales Recht und internationale Abkommen befolgen sollten, auch wenn dies ihren eigenen Handlungsspielraum einschr&auml;nkt; nur 31 Prozent widersprechen. Das ergibt eine Nettounterst&uuml;tzung von plus 19 Punkten &ndash; ein Anstieg gegen&uuml;ber plus 17 im Vorjahr. Die Welt w&uuml;nscht sich keine gesetzlose Beliebigkeit. Sie w&uuml;nscht sich Regeln, die f&uuml;r alle gleicherma&szlig;en gelten. Abgelehnt wird zunehmend eine Welt, in der sich ein einzelnes Land das Recht herausnimmt, &uuml;ber diesen Regeln zu stehen.<\/p><p><strong>Die Mehrheit lehnt US-Milit&auml;rbasen auf eigenem Boden ab<\/strong><\/p><p>In diesem Licht sind auch die Daten zu Milit&auml;rbasen zu lesen. In 86 von 97 L&auml;ndern lehnt die Mehrheit US-Milit&auml;rbasen auf eigenem Boden ab &ndash; ein Zustand, der nicht durch &ouml;ffentliche Zustimmung, sondern durch zwischenstaatliche Vereinbarungen aufrechterhalten wird, die regelm&auml;&szlig;ig &uuml;ber den Willen der eigenen Bev&ouml;lkerung hinweggehen. Dass verb&uuml;ndete Regierungen solche Vereinbarungen gegen den erkl&auml;rten Willen ihrer eigenen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger aufrechterhalten, ist selbst ein Indiz daf&uuml;r, wie tief amerikanische Macht demokratische Rechenschaftspflicht verzerrt &ndash; selbst innerhalb formal demokratischer Staaten.<\/p><p>Auch bei den Verteidigungspriorit&auml;ten zeigt sich ein konsistentes Bild: In 80 von 98 L&auml;ndern gilt die St&auml;rkung von B&uuml;ndnissen und internationalen Partnerschaften als oberste Priorit&auml;t f&uuml;r die nationale Sicherheit &ndash; nicht milit&auml;rische Aufr&uuml;stung, nicht nukleare Abschreckung, nicht Wehrpflicht.<\/p><p>Weltweit ist die Bereitschaft, f&uuml;r das eigene Land zu k&auml;mpfen, innerhalb eines einzigen Jahres von 53 auf 45 Prozent gesunken &ndash; ein Befund, der weniger von Feigheit zeugt als von einer generellen Ersch&ouml;pfung gegen&uuml;ber der Logik der Militarisierung, die die Zeit seit 2001 gepr&auml;gt hat.<\/p><p>Der Vergleich mit Chinas Ansehen verdient eine genauere Betrachtung, denn er offenbart etwas Komplexeres als eine blo&szlig;e Verschiebung globaler Sympathien von einer Gro&szlig;macht zur anderen. China wird inzwischen in 63 von 83 untersuchten L&auml;ndern positiver wahrgenommen als die Vereinigten Staaten. In Europa, wo die offizielle Politik China als systemischen Rivalen behandelt, genie&szlig;t China dennoch in 20 von 23 erhobenen L&auml;ndern ein besseres Ansehen als die USA. Im Nahen Osten und in Nordafrika ist der Abstand besonders gro&szlig;: Algerien, Tunesien, Libyen und &Auml;gypten bewerten China deutlich positiver als die Vereinigten Staaten &ndash; ein Ausdruck nicht nur von Chinas milit&auml;rischer Zur&uuml;ckhaltung in der Region, sondern auch der gesammelten Erinnerung daran, was amerikanische Interventionen dort tats&auml;chlich angerichtet haben.<\/p><p>Selbst Russland erzielt inzwischen im globalen Durchschnitt ein leicht besseres Ansehen als die Vereinigten Staaten &ndash; ein Ergebnis, das die Studienautoren selbst als beispiellos kennzeichnen und das sie sichtlich beunruhigt. Doch die eigenen Daten des DPI widersetzen sich der Schlussfolgerung, dies sei eine globale Hinwendung zum Autoritarismus. Was die Autoren &bdquo;globale Entkopplung, nicht globale Neuausrichtung&rdquo; nennen, trifft den Sachverhalt redlicher: Die Welt entscheidet sich nicht f&uuml;r China, weil sie sich in Pekings Regierungsmodell verliebt h&auml;tte. Sie entscheidet sich gegen die Vereinigten Staaten wegen all dem, was diese getan haben. Dieser Unterschied ist von erheblicher Bedeutung &ndash; denn er bedeutet, dass der Schaden selbstverschuldet und im Prinzip umkehrbar ist.<\/p><p><strong>Frankreich und Deutschland am wenigsten optimistisch<\/strong><\/p><p>Auch die innenpolitische Dimension dieser Krise findet sich in den Daten, auch wenn die Studie nicht n&auml;her darauf eingeht. B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger etablierter westlicher Demokratien geh&ouml;ren zu den pessimistischsten der Welt, was die Entwicklung ihrer eigenen L&auml;nder betrifft. Europa ist mit deutlichem Abstand die pessimistischste Region; Frankreich und Deutschland z&auml;hlen zu den am wenigsten optimistischen L&auml;ndern weltweit &uuml;berhaupt.<\/p><p>Die Transparenz von Regierungshandeln ist die in jeder Region am negativsten bewertete Dimension demokratischen Lebens: B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger glauben &uuml;berw&auml;ltigend, dass ihre Regierungen wichtige Informationen zur&uuml;ckhalten.<\/p><p>Paradoxerweise stammen die positivsten Bewertungen zur Transparenz aus Oman, &Auml;thiopien, Vietnam und China &ndash; was teilweise die einschr&auml;nkenden Wirkungen staatlich kontrollierter Medienlandschaften widerspiegelt, teils aber auch die Erfahrung von Bev&ouml;lkerungen erfasst, die das Gef&uuml;hl haben, ihre Regierungen w&uuml;rden zu ihnen sprechen.<\/p><p>Unter den L&auml;ndern mit den h&ouml;chsten Werten im Wahrnehmungsindex des DPI rangiert China nahe der Spitze des asiatisch-pazifischen Raums, neben Indien und Sri Lanka. Die Studie betont ausdr&uuml;cklich, dass dies eher eingeschr&auml;nkte Informationsumgebungen als echte demokratische Gesundheit widerspiegele. Das l&ouml;st jedoch ein grundlegenderes Problem nicht auf: In vielen L&auml;ndern, in denen der Westen sein demokratisches Modell gef&ouml;rdert oder aufgezwungen hat, waren die materiellen Ergebnisse so schwach, dass deren Bev&ouml;lkerungen ihr eigenes System schlechter bewerten, als chinesische B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger das ihre bewerten. Wenn der DPI feststellt, dass die meisten Menschen der Welt den h&ouml;heren Lebensstandard als wichtigsten Zweck der Demokratie betrachten, und dann feststellt, dass viele formale Demokratien weder anst&auml;ndige Lebensstandards noch wirksames Regieren liefern, l&auml;sst sich die Kluft zwischen demokratischem Versprechen und demokratischer Wirklichkeit nicht l&auml;nger &uuml;berdecken.<\/p><p><strong>51 L&auml;nder stehen an der Seite Pal&auml;stinas, nur 17 an der Seite Israels<\/strong><\/p><p>Die Daten zu Israel und Pal&auml;stina verdienen besondere Aufmerksamkeit, denn sie offenbaren wom&ouml;glich deutlicher als jeder andere Befund der Studie, durch welchen Mechanismus genau das amerikanische Ansehen eingebrochen ist. Die Befragung wurde zwischen M&auml;rz und April 2026 durchgef&uuml;hrt &ndash; w&auml;hrend eines andauernden V&ouml;lkermords in Gaza, der zu diesem Zeitpunkt bereits Zehntausende pal&auml;stinensische Zivilistinnen und Zivilisten das Leben gekostet und die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung des Gebiets vertrieben hatte.<\/p><p>Die Vereinigten Staaten sind dabei nicht blo&szlig; Zuschauer, sondern Haupterm&ouml;glicher dieser Kampagne: Sie liefern Waffen, bieten diplomatische Deckung im UN-Sicherheitsrat und halten die &ouml;ffentliche Unterst&uuml;tzung f&uuml;r israelische Operationen aufrecht, selbst w&auml;hrend internationale Gerichte formale Fragen eines V&ouml;lkermords aufgeworfen haben. 51 L&auml;nder stehen an der Seite Pal&auml;stinas, nur 17 an der Seite Israels. Jede Weltregion au&szlig;er Nord- und S&uuml;damerika neigt zu Pal&auml;stina. Das ist &ndash; anders, als manche amerikanischen Kommentatoren behaupten &ndash;, kein Produkt von Antisemitismus oder Manipulation. Es ist ein Produkt von Sichtbarkeit. Die Vernichtungskampagne wurde in Echtzeit auf Plattformen dokumentiert, die Milliarden Menschen zug&auml;nglich sind &ndash; Menschen, die das Gesehene an den Ma&szlig;st&auml;ben jenes V&ouml;lkerrechts messen, das die Vereinigten Staaten dem Anspruch nach verteidigen: die Zerst&ouml;rung von Krankenh&auml;usern, die Blockade humanit&auml;rer Hilfe, die Vertreibung ganzer Zivilbev&ouml;lkerungen, Folter und Vergewaltigung, das gezielte T&ouml;ten von Kindern, Frauen, &Auml;rztinnen und Journalisten.<\/p><p>Das Ergebnis zu den Vereinigten Staaten und dem Iran folgt derselben Logik: 41 L&auml;nder stehen an der Seite des Iran, nur 28 an der Seite der USA &ndash; Ausdruck der gesammelten Erinnerung an Kriege, Besatzungen und Sanktionen, die die Vereinigten Staaten f&uuml;r gro&szlig;e Teile der Weltbev&ouml;lkerung zu einer plausibleren Gefahrenquelle gemacht haben als jenen Staat, den sie selbst als gro&szlig;e Bedrohung bezeichnen.<\/p><p>Der DPI selbst rahmt seine Befunde nicht so. Sein Vorwort lenkt die Leserschaft eher zu dem Schluss, die Wahrnehmungen w&uuml;rden durch feindliche Desinformationskampagnen verzerrt &ndash; die Welt werde eher in die Irre gef&uuml;hrt, als dass sie selbst zu ihren Schl&uuml;ssen k&auml;me. Die Daten st&uuml;tzen eine andere, einfachere Erkl&auml;rung. Die L&auml;nder, in denen das Ansehen der USA am st&auml;rksten gefallen ist, stehen nicht im Zentrum intensiver chinesischer oder russischer Propaganda &ndash; es sind Senegal, Ghana, die Elfenbeink&uuml;ste und Vietnam: Gesellschaften mit eigenen Medienlandschaften, eigenen kolonialen und postkolonialen Erinnerungen und eigener F&auml;higkeit, das Beobachtete zu bewerten. Die Behauptung, die globale &ouml;ffentliche Meinung werde in erster Linie durch ausl&auml;ndische Desinformation und nicht durch den Inhalt westlicher Politik bewegt, ist selbst eine Form der Herablassung &ndash; eine Weigerung, die rationalen Urteile von Milliarden Menschen ernst zu nehmen, die entschieden haben, dass die vor ihnen liegende Beweislage die Schl&uuml;sse rechtfertigt, die sie ziehen.<\/p><p>Der DPI 2026 ist letztlich ein au&szlig;ergew&ouml;hnliches Dokument &ndash; nicht weil er etwas behauptet, das aufmerksame Beobachter der Weltpolitik nicht schon geahnt h&auml;tten, sondern wegen der Urheberschaft und der institutionellen Interessen, in deren Dienst er entstand. Die <em>Alliance of Democracies Foundation<\/em> existiert, um f&uuml;r die westliche demokratische Ordnung zu werben. Die Studie, die sie mitherausgegeben hat, liefert stattdessen das Pl&auml;doyer gegen das Verhalten jener Staaten, die beanspruchen, diese Ordnung anzuf&uuml;hren. Rasmussen schreibt in seinem Vorwort, der Verfall der amerikanischen Wahrnehmung sei &bdquo;traurig, aber nicht &uuml;berraschend&rdquo;. Damit hat er recht &ndash; &uuml;berraschend ist es nicht. Der Schock liegt anderswo: in der Distanz zwischen dem, was westliche Regierungen sagen, und dem, was sie tun &ndash; und in der wachsenden, nun &uuml;ber 98 L&auml;nder und 90 Prozent der Menschheit hinweg messbaren Erkenntnis, dass diese Distanz mit Rhetorik allein nicht mehr zu &uuml;berbr&uuml;cken ist.<\/p><p>Die Krise der westlichen Glaubw&uuml;rdigkeit ist kein Kommunikationsproblem. Sie ist kein Versagen der Botschaften, keine Folge ausl&auml;ndischer Desinformation und kein Missverst&auml;ndnis, das sich durch bessere &ouml;ffentliche Diplomatie beheben lie&szlig;e. Es ist eine Krise des Handelns &ndash; dessen, wof&uuml;r die Vereinigten Staaten und ihre engsten Verb&uuml;ndeten ihre Macht eingesetzt haben, im eigenen Land und in der Welt.<\/p><p>Die Welt hat zugesehen. Sie hat die Toten gez&auml;hlt, die Vertriebenen erfasst, die Waffenstr&ouml;me nachverfolgt, beobachtet, wer im Sicherheitsrat Rechenschaft verhindert und wer sie einfordert.<\/p><p>Der DPI liefert, mit pr&auml;ziser Methodik und globaler Reichweite, die Antwort der Welt &ndash; und diese Antwort, in ihrer Breite, ihrer Konsequenz und ihrer moralischen Klarheit, l&auml;sst sich von keinem Demokratiegipfel und keinem Thinktank-Bericht der Nutznie&szlig;er der bestehenden Ordnung mehr wegreden: der Moment, in dem die Kluft zwischen den verk&uuml;ndeten Werten einer Zivilisation und ihrem tats&auml;chlichen Handeln nicht mehr nur f&uuml;r ihre Opfer offensichtlich wird, sondern f&uuml;r die gesamte zusehende Welt.<\/p><p><em>Der <a href=\"https:\/\/146165116.fs1.hubspotusercontent-eu1.net\/hubfs\/146165116\/DPI%202026.pdf\">Democracy Perception Index 2026<\/a> wurde von Nira Data in Zusammenarbeit mit der Alliance of Democracies Foundation erstellt, anl&auml;sslich des Copenhagen Democracy Summit 2026 ver&ouml;ffentlicht und basiert auf 94.146 national repr&auml;sentativen Interviews in 98 L&auml;ndern, durchgef&uuml;hrt zwischen dem 19. M&auml;rz und dem 21. April 2026.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Meryll \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgerechnet die Daten eines pro-westlichen Thinktanks zeigen: Washingtons Kriege, seine Unterst&uuml;tzung Israels und seine Abkehr von einer regelbasierten Ordnung haben die Welt&ouml;ffentlichkeit gegen den Westen aufgebracht. 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