{"id":153159,"date":"2026-07-01T11:56:49","date_gmt":"2026-07-01T09:56:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153159"},"modified":"2026-07-01T13:27:54","modified_gmt":"2026-07-01T11:27:54","slug":"deutschland-in-der-selbstfindungskrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153159","title":{"rendered":"Deutschland in der Selbstfindungskrise"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal beschleunigen so banale Dinge wie der Ausgang eines Fu&szlig;ballspiels nationale Denkprozesse. Das hat ein bisschen was von Andersens M&auml;rchen &bdquo;Des Kaisers neue Kleider&ldquo;. Einst erfolgreich, weltweit anerkannt und respektiert &ndash; heute eher Mittelma&szlig;. Es wird immer offensichtlicher, dass unser kollektives &bdquo;Wir&ldquo; ziemlich nackt dasteht. Freilich ist der Fu&szlig;ball nur eine Metapher, die auf unser ganzes Land &uuml;bertragbar ist. Es hat sich ausgeexportweltmeistert. Das Deutschland des 21. Jahrhunderts ist ein normaler Staat, ein mittelm&auml;&szlig;iges Land unter vielen. Das ist ja erst mal gar nicht schlimm. Auch Mittelma&szlig; kann sch&ouml;n sein, wenn man konstruktiv damit umgeht. Gef&auml;hrlich wird es nur, wenn wir unsere &bdquo;neue&ldquo; Rolle in der Welt nicht annehmen. Ein Essay von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs muss irgendwann in den sp&auml;ten 1990ern gewesen sein. Ich sa&szlig; mit einem &auml;lteren, sehr klugen Mann in einem chinesischen Imbiss in G&ouml;ttingen und wir sprachen &uuml;ber den Lauf der Weltgeschichte. Ich hatte gerade Paul Kennedys Meisterwerk &bdquo;Aufstieg und Fall der gro&szlig;en M&auml;chte&ldquo; gelesen, in dem er messerscharf die &ouml;konomischen Hintergr&uuml;nde f&uuml;r den Auf- und Abstieg der gro&szlig;en Hegemonialm&auml;chte seit dem Ende des Mittelalters analysiert. Das Buch ist von 1987 und Kennedy prophezeite darin das Ende des bipolaren Systems, den Abstieg der damaligen Sowjetunion und dann sp&auml;ter des Westens und den Aufstieg Chinas zur &ouml;konomischen Supermacht. Mein Gegen&uuml;ber nahm dies mit einem Schulterzucken hin. Er verwies auf die Geschichte Chinas, dessen Dem&uuml;tigung durch den Westen w&auml;hrend der Zeit der kolonialen Expansion und sagte im China-Imbiss einen Satz, den ich nie vergessen werde: &bdquo;Wenn in 50 Jahren meine Enkel auswandern und als Kellner in einem deutschen Brauhaus in Shanghai arbeiten m&uuml;ssen, dann ist das vor allem eins: historische Gerechtigkeit&ldquo;.  <\/p><p>Wer sollte diesem Satz widersprechen? Seit Beginn der Geschichtsschreibung gab es ein stetiges Auf und Ab. Weltreiche kamen und gingen. Wirtschaftliche und milit&auml;rische Vormacht sind keine ewigen Konstanten. Und Europa hatte seine Zeit. Zu glauben, daran w&uuml;rde sich niemals etwas &auml;ndern, ist naiv und geschichtsvergessen. Eine umfassende Analyse w&uuml;rde hier den Raum sprengen. Aber konzentrieren wir uns doch besser auf Deutschland. <\/p><p>Das junge Deutschland lag nach dem durch deutsche Gro&szlig;mannssucht ausgel&ouml;sten Zweiten Weltkrieg physisch, aber auch moralisch am Boden. Von nun an konnte es eigentlich nur bergauf gehen. Und so kam es ja auch. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Und da die alten Eliten dies nicht allein stemmen konnten, wurden die gesellschaftlichen Strukturen durchl&auml;ssiger. Der Traum vom Aufstieg war real. Wer sich anstrengte, wurde belohnt. Eine solche Aufstiegsgesellschaft entwickelt nat&uuml;rlich eine ganz andere Dynamik als eine ges&auml;ttigte Gesellschaft, in der es vor allem darum geht, Privilegien und Pfr&uuml;nde gegen Aufsteiger zu verteidigen. Das war es, was Deutschland Jahrzehnte auszeichnete: Gute Bildung, hohe soziale Mobilit&auml;t, preiswerte Energie und keine machtpolitischen Ambitionen, die dies konterkarieren. Wir waren ein Volk der guten Nachbarn, das sich &ndash; zumindest f&uuml;r deutsche Ma&szlig;st&auml;be &ndash; harmonisch in das Weltgeschehen einf&uuml;gte.  <\/p><p>Diese Erfolgsgeschichte ist Vergangenheit. Unser Bildungssystem ist heute weder gut noch gerecht. Die soziale Mobilit&auml;t ist zunehmend undurchl&auml;ssigeren Klassengrenzen gewichen. Der Zugang zu preiswerter Energie liegt in Tr&uuml;mmern auf dem Boden der Ostsee und das ehemalige Volk der guten Nachbarn will lieber im Konzert der Gro&szlig;m&auml;chte mitspielen und die Welt nach seiner Pfeife tanzen lassen. Zumindest das hatten wir ja schon mal und es ging nicht gut aus.  <\/p><p>Ebenso problematisch ist jedoch, dass durch diese Entwicklungen eine immer gr&ouml;&szlig;ere Kluft zwischen unserem Selbstbild und der Realit&auml;t entstanden ist. Um es mit Paul Kennedy zu sagen: Wir denken immer noch, wir seien in einer Phase des endlosen Aufstiegs, befinden uns aber schon l&auml;nger in einer Phase der Ersch&ouml;pfung, die langsam in eine Phase des relativen Abstiegs &uuml;bergeht. Und hier lohnt dann auch wieder der Ausflug in den Fu&szlig;ball, der als Metapher herhalten kann. Alle vier Jahre reisen wir als gef&uuml;hlte Favoriten zur WM, scheiden dann sang- und klanglos gegen ehemalige Underdogs aus und verstehen die Welt nicht mehr. Warum wollen wir uns nicht eingestehen, dass die Welt sich weitergedreht hat und wir nicht Weltklasse, sondern Mittelma&szlig; sind? Historische Gerechtigkeit? Vielleicht. <\/p><p>Ist es denn so f&uuml;rchterlich schlimm, Mittelma&szlig; zu sein? Ach was. Schauen wir doch mal auf den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/World_Happiness_Report\">&bdquo;Welt-Gl&uuml;cks-Report&ldquo; der UN<\/a> &ndash; ja, so was gibt es tats&auml;chlich. Seit Ewigkeiten wird dieses Ranking von L&auml;ndern wie Finnland, D&auml;nemark und Island angef&uuml;hrt &ndash; L&auml;nder, die sich noch nicht einmal f&uuml;r die Endrunde internationaler Fu&szlig;ballturniere qualifizieren, keine Exportweltmeister sind und auch nicht auf die Idee kommen, einen st&auml;ndigen Sitz im Weltsicherheitsrat zu bekommen oder China eine Lektion in Sachen Menschenrechten zu erteilen. Man muss nicht gro&szlig; sein, um gl&uuml;cklich zu sein. Viel wichtiger ist &ndash; auch wenn sich das jetzt arg nach Motivationstraining anh&ouml;rt &ndash;, im Einklang mit sich selbst zu leben. Und genau das fehlt Deutschland. Wenn wir das wieder hinbekommen und vielleicht sogar wieder harmonisch im Einklang mit unseren Nachbarn leben k&ouml;nnen, w&auml;re schon viel gewonnen. <\/p><p>Wir m&uuml;ssen nicht Weltmeister sein. Weder im Fu&szlig;ball noch in der Wirtschaft. Deutschland ist im globalen Ma&szlig;stab ein mittelm&auml;&szlig;iges Land. Da k&ouml;nnen wir Bundestrainer und Bundeskanzler austauschen, so viel wir wollen &ndash; daran &auml;ndern wird sich nichts. Auch Finnland, D&auml;nemark und Island sind in den Ma&szlig;st&auml;ben, in denen wir gerne denken, nur mittelm&auml;&szlig;ig. Anders als Deutschland haben diese L&auml;nder jedoch auch gar nicht den Anspruch, machtpolitisch oder wirtschaftlich in der Champions League mitzuspielen. Vielleicht ist das ja das Rezept, um mit sich selbst ins Reine zu kommen?  <\/p><p>Und wenn wir das hinbekommen haben, k&ouml;nnten wir uns ja endlich damit besch&auml;ftigen, die wirklich wichtigen Dinge anzupacken. Wir brauchen nicht &ndash; wie Kanzler Merz es vorgegeben hat &ndash; die gr&ouml;&szlig;te Armee Europas, sondern ein Bildungssystem, das zumindest das zweifelsohne vorhandene Potenzial unserer Kinder aussch&ouml;pft. Wir m&uuml;ssen nicht mehr G&uuml;ter und Dienstleistungen exportieren als Staaten, die fast zwanzigmal so gro&szlig; wie Deutschland sind. Was exportieren eigentlich Finnland, D&auml;nemark und Island? Wir brauchen eine Gesellschaftsordnung, in der Leistung, Talent und Potenzial mehr wert sind als Klassenzugeh&ouml;rigkeit und in der Kinder gleich welcher Herkunft eine gerechte Chance auf eine gute Zukunft haben k&ouml;nnen. Das alles schaffen wir aber nur, wenn wir lernen, dass Gr&ouml;&szlig;e nicht alles ist &ndash; vielleicht sogar ein Problem darstellt. Wir m&uuml;ssen daf&uuml;r nicht mittelm&auml;&szlig;ig werden. Das sind wir ja schon. Wir m&uuml;ssen dies aber endlich akzeptieren und konstruktiv das Beste daraus machen. Auf geht&rsquo;s, es gibt viel zu tun.  <\/p><p><small>Titelbild: Monkey Business Images \/ shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e9cd09d845514714b87b91080fcf6b38\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal beschleunigen so banale Dinge wie der Ausgang eines Fu&szlig;ballspiels nationale Denkprozesse. Das hat ein bisschen was von Andersens M&auml;rchen &bdquo;Des Kaisers neue Kleider&ldquo;. Einst erfolgreich, weltweit anerkannt und respektiert &ndash; heute eher Mittelma&szlig;. Es wird immer offensichtlicher, dass unser kollektives &bdquo;Wir&ldquo; ziemlich nackt dasteht. 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