{"id":153262,"date":"2026-07-03T11:30:11","date_gmt":"2026-07-03T09:30:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153262"},"modified":"2026-07-03T12:23:59","modified_gmt":"2026-07-03T10:23:59","slug":"krankschreibung-ab-tag-1-ein-schuss-ins-eigene-knie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153262","title":{"rendered":"Krankschreibung ab Tag 1 \u2013 ein Schuss ins eigene Knie"},"content":{"rendered":"<p>Friedrich Merz h&auml;lt die Deutschen bekanntlich f&uuml;r faule Blaumacher. Nun will er den angeblich explodierenden Krankenstand senken, indem die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden soll und Arbeitnehmer k&uuml;nftig bereits f&uuml;r den ersten Krankheitstag eine Arbeitsunf&auml;higkeitsbescheinigung von ihrem Arzt einreichen m&uuml;ssen. Selbst wenn man einmal die echten Krankheitsf&auml;lle herausl&auml;sst und sich nur auf die &bdquo;Blaumacher&ldquo; konzentriert, ist dies eine kontraproduktive Schnapsidee. Ein Kommentar von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNachdem die neue Regelung gestern bereits in zahlreichen Medienberichten von <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article6a461b8dc154597ea93e59fe\/reformpaket-grenzt-an-irrsinn-aerzte-sind-empoert-ueber-koalitionsplaene-zu-krankschreibungen.html\">Vertretern der &Auml;rzteschaft<\/a> bis hin zu <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/innenpolitik\/id_101325430\/ricarda-lang-warnt-vor-schaden-durch-attestpflicht-ab-dem-ersten-tag.html\">Ricarda Lang<\/a> scharf kritisiert wurde, m&ouml;chte ich auf die bereits genannten, offensichtlichen Kritikpunkte gar nicht mehr eingehen. Nur so viel: Telefonische Krankschreibungen machen in Deutschland rund ein Prozent der Arbeitsunf&auml;higkeitsbescheinigungen aus. Wir haben es also mit einem Randph&auml;nomen zu tun, das eher geeignet ist, um auf emotionaler Ebene zu wirken. Klar, wer kennt ihn nicht, den notorischen Blaumacher, der keine Lust aufs B&uuml;ro hat und sich lieber am Telefon krankmeldet und Siesta macht? Nun gut, auch wenn Sie diese fleischgewordene Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral nicht pers&ouml;nlich kennen &ndash; da ja so viel &uuml;ber ihn gesprochen und geschrieben wird, muss es ihn ja geben.<\/p><p>Da es schon lange her und strafrechtlich sicher l&auml;ngst verj&auml;hrt ist, kann ich es ja zugeben: Als ich noch jung war, gab es auch &ndash; wenn auch selten &ndash; Tage, an denen ich mir &ndash; freundlich formuliert &ndash; meine vorhandenen Zipperlein ein wenig gr&ouml;&szlig;er eingeredet habe, als sie waren und den Vormittag dann doch lieber im Bett als im B&uuml;ro verbracht habe; und ja, meist war ein feuchtfr&ouml;hliches Treffen mit Freunden und nicht ein b&ouml;ses Virus der eigentliche Grund daf&uuml;r. Mea culpa. Ich hoffe, das Bruttosozialprodukt kann mir vergeben. Hatte ich ein schlechtes Gewissen? Jein. Ob es dem Arbeitgeber so viel weiterhilft, wenn ich nun verkatert und demotiviert im B&uuml;ro meine Zeit absitze? Am n&auml;chsten Tag ging&rsquo;s ja wieder bestens gelaunt ins B&uuml;ro und meine Motivation war wie neu geboren. Ratschlag an alle Kinder: Bitte nicht nachmachen, der Herr Berger ist kein Vorbild f&uuml;r Euch.<\/p><p>W&auml;re es f&uuml;r die Volkswirtschaft besser gewesen, wenn ich mir damals einen gelben Schein vom Arzt h&auml;tte besorgen m&uuml;ssen? Meines Erachtens nicht. Rein anekdotisch habe ich da n&auml;mlich ganz andere Erfahrungen. Immer wenn ich &ndash; was zum Gl&uuml;ck sehr selten vorkam &ndash; mal wirklich erkrankt war, mir zum Beispiel einen grippalen Infekt oder eine l&auml;stige Magenverstimmung eingefangen habe, und mir tats&auml;chlich eine Krankschreibung vom Arzt holen musste, wurde ich deutlich l&auml;nger krankgeschrieben, als es eigentlich n&ouml;tig war.<\/p><p>Wer kennt es nicht? Man f&uuml;hlt sich schlapp, die Nase trieft, der Verstand arbeitet auf Sparflamme. Man h&ouml;rt in sich rein und ahnt, dass es besser w&auml;re, den Tag auf der Couch zu verbringen und sich erst einmal auszukurieren. Vielleicht geht es einem morgen besser; ganz sicher aber &uuml;bermorgen. Schlaf ist die beste Medizin. Und in einem gut aufgestellten Betrieb wird die Welt schon nicht untergehen, wenn man sich mal ein oder zwei Tage auskuriert. Man will die lieben Kollegen ja auch nicht anstecken.<\/p><p>Doch diese Eigendiagnose grenzt wohl schon fast an Selbstausbeutung. Immer wenn ich wegen solcher eher leichten Mal&auml;sen bei meinem Arzt war, wurde ich dann erst mal mehrere Tage, meist eine ganze Woche, krankgeschrieben. Medizinisch ist das sicher gar nicht mal zu kritisieren. Aber es war nie so, dass ich diese l&auml;ngere Auszeit auch wirklich ben&ouml;tigte. Und bitte nicht falsch verstehen: Mir geht es hier nicht um schwere Erkrankungen, sondern um die kleineren Erk&auml;ltungen und Zipperleins, die zumindest nach meinem Eindruck einen Gro&szlig;teil der Krankschreibungen ausmachen.<\/p><p>Lange Rede, kurzer Sinn: Mit der M&ouml;glichkeit, sich selbst mal einen Tag Auszeit zu nehmen und sich auszukurieren, sinkt der Krankenstand nicht, sondern er steigt. Warum? Weil man gezwungen ist, zum Arzt zu gehen, der einen dann nicht einen Tag, sondern gleich mehrere Tage krankschreibt. Das sagt zumindest die empirische Evidenz.<\/p><p>Und wie sieht es mit den Blaumachern aus? Wird ihnen dadurch das sch&auml;bige Handwerk gelegt? Ach was. Ich kenne die Geschichten doch von fr&uuml;her. Da hat man sich unter der Hand Tipps gegeben, zu welchem Arzt man gehen soll. Geh mal lieber nicht zu Dr. X, der schreibt einen immer nur drei Tage krank. Dr. Y. ist besser, bei dem gibt&rsquo;s immer eine Woche, wenn man sagt, man h&auml;tte Kopfschmerzen und Durchfall.<\/p><p>Fassen wir zusammen: Die Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag bringt nichts gegen Blaumacher, verl&auml;ngert den Krankenstand bei der gro&szlig;en Mehrheit der Gesunden, die hin und wieder mal eine kleinere Krankheit auskurieren m&uuml;ssen, und sch&auml;digt ganz besonders diejenigen, die wirklich gesundheitlich angeschlagen oder gar chronisch krank sind, weil sie nun noch l&auml;nger im Wartezimmer sitzen m&uuml;ssen, da die &Auml;rzte ja nun voll damit ausgelastet sind, eigentlich unn&ouml;tige Krankmeldungen f&uuml;r Menschen auszustellen, die sich viel lieber selbst kurieren w&uuml;rden. Ein Schuss ins eigene Knie, der nur Friedrich Merz dabei hilft, seinen D&auml;mon vom faulen Deutschen zu bek&auml;mpfen. Vielleicht sollte man besser ihn erst mal f&uuml;r l&auml;ngere Zeit krankschreiben.<\/p><p><small>Titelbild: Chaikom\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e9cd09d845514714b87b91080fcf6b38\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich Merz h&auml;lt die Deutschen bekanntlich f&uuml;r faule Blaumacher. Nun will er den angeblich explodierenden Krankenstand senken, indem die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden soll und Arbeitnehmer k&uuml;nftig bereits f&uuml;r den ersten Krankheitstag eine Arbeitsunf&auml;higkeitsbescheinigung von ihrem Arzt einreichen m&uuml;ssen. 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