{"id":153291,"date":"2026-07-05T15:00:45","date_gmt":"2026-07-05T13:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153291"},"modified":"2026-07-05T15:08:01","modified_gmt":"2026-07-05T13:08:01","slug":"drei-monate-vor-der-wahl-in-russland-wird-platz-zwei-immer-relevanter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153291","title":{"rendered":"Drei Monate vor der Wahl in Russland wird Platz zwei immer relevanter"},"content":{"rendered":"<p>Im September w&auml;hlt Russland eine neue Staatsduma. Nach aktuellen Prognosen ist bei Platz eins weiterhin keine &Uuml;berraschung zu erwarten und Geeintes Russland wird diesen mit gro&szlig;em Abstand einnehmen. Spannend wird der Kampf um Platz zwei, weil es 2030 eine sehr gro&szlig;e Ver&auml;nderung geben k&ouml;nnte. Ein Gastbeitrag von <strong>Armin Langer<\/strong>.<\/p><p><!--more--><\/p><p>Die Regierungspartei Geeintes Russland profitiert weiter von der Wahrnehmung und bewussten Selbstdarstellung als &bdquo;Putin-Partei&ldquo;. Die Partei ist in der &ouml;ffentlichen Kommunikation bislang relativ erfolgreich darin, unbeliebte Ma&szlig;nahmen oder Probleme nicht als ihren Fehler, sondern als Verantwortlichkeit von Teilen der Regierung oder Schuld des Westens darzustellen. Gleichzeitig nimmt sie den russischen Pr&auml;sidenten in Schutz mit der Argumentation, er k&ouml;nne sich auch nicht um alles gleichzeitig k&uuml;mmern und sei vor allem mit den gro&szlig;en Themen Au&szlig;enpolitik und Konflikt mit dem Westen besch&auml;ftigt.<\/p><p>Dies ist nicht immer ganz konsistent oder faktenbasiert, aber die Stellung als Regierungspartei erm&ouml;glicht es Geeintes Russland, ihr Narrativ in den Medien dominant zu platzieren. Also &auml;hnlich wie in Deutschland, wo in der Theorie alle Parteien gleich sind, aber in der Praxis dann doch einige gleicher. Und tats&auml;chlich spielt der Westen hierbei eine signifikante Rolle, weil der Druck von au&szlig;en zur Konsolidierung im Inneren f&uuml;hrt. Auch deshalb, weil die Politik des Westens immer weniger als Konflikt mit der russischen Regierung wahrgenommen wird und zunehmend als Krieg gegen die russische Bev&ouml;lkerung. Der eigentliche Kampf findet deshalb nicht um den ersten Platz statt. Dort hat Geeintes Russland einen viel zu gro&szlig;en Vorsprung und bleibt auch nach der Wahl die dominierende Kraft in der Staatsduma.<\/p><p><strong>Platz zwei ist wichtiger als zuvor<\/strong><\/p><p>Den Kampf um Platz zwei f&uuml;hren die Kommunistische Partei der Russischen F&ouml;deration (KPRF) und die Liberal-Demokratische Partei Russlands (LDPR). Dabei hat die KPRF die besseren Chancen, denn sie verf&uuml;gt &uuml;ber eine feste Stammw&auml;hlerschaft, &uuml;ber starke regionale Strukturen und ein klares soziales Profil. Vor allem aber bleibt sie die einzige gro&szlig;e Partei, die Fragen sozialer Gerechtigkeit, der Privatisierung und der gesellschaftlichen Spaltung in Russland konsequent thematisiert &ndash; zudem hochaktuelle und eher jugendliche Themen wie die unbeliebten Einschr&auml;nkungen bei der Kommunikation im Internet.<\/p><p>Die entgegen dem Parteinamen eher rechtspopulistische LDPR hat dagegen weiterhin ein Problem, das man nicht untersch&auml;tzen sollte: Sie hat keinen Parteichef Schirinowski mehr. Der im April 2022 verstorbene Schirinowski war nicht einfach nur Vorsitzender dieser Partei, sondern ihre politische Form, ihre Stimme und ihr Spektakel. Ohne ihn wirkt die LDPR deutlich blasser. <\/p><p>&Uuml;berraschungen sind in diesem Duell dennoch nicht ausgeschlossen, aber strukturell spricht mehr daf&uuml;r, dass sich die KPRF den zweiten Platz sichern wird. Warum der zweite Platz bei dieser Wahl deutlich wichtiger ist als fr&uuml;her, liegt daran, dass die Legislaturperiode dieser Staatsduma sich mit dem Ende der Amtsperiode des russischen Pr&auml;sidenten &uuml;berschneiden wird. Die n&auml;chste Staatsdumawahl ist dann 2031 und die n&auml;chste Pr&auml;sidentschaftswahl bereits 2030. Zur Wahl 2030 ist Wladimir Putin aber bereits 77 Jahre alt, und es spricht einiges daf&uuml;r, dass er auf eine erneute Kandidatur verzichten k&ouml;nnte. Nat&uuml;rlich ist das nicht sicher, aber ausschlie&szlig;en kann man ein solches Szenario nicht. Je besser also die Platzierung (und im Allgemeinen das Resultat) bei dieser Wahl, umso st&auml;rker die Positionierung der Parteien f&uuml;r die Zeit ab 2030.<\/p><p><strong>Die &bdquo;Neuen Leute&ldquo; haben sich etabliert<\/strong><\/p><p>Aktuelle Daten, unter anderem von FOM und WZIOM, deuten auf einen stabilen vierten Platz f&uuml;r die junge Partei &bdquo;Neue Leute&ldquo;. Diese tendenziell liberalkonservativ-technokratische Partei wurde erst 2020 gegr&uuml;ndet und hat beim ersten Wahlantritt zur Staatsduma 2021 etwas &uuml;ber f&uuml;nf Prozent erreicht. Sie konnte sich in der Parteienlandschaft etablieren und liegt aktuell irgendwo zwischen sechs und acht Prozent. Damit scheint ihr Wahlpotenzial aber ausgesch&ouml;pft zu sein, denn W&auml;hler der anderen Parteien kann sie kaum erreichen und auch nur ein Teil der Nichtw&auml;hler ist f&uuml;r sie ansprechbar. Die &bdquo;Neuen Leute&ldquo; werden von eigenen Beobachtern im Westen als &bdquo;Kreml-Projekt&ldquo; eingeordnet, um Proteststimmung gegen die Regierungspolitik in legale Bahnen des Partei- und Parlamentssystems zu lenken. In jedem Fall scheint es in Russland eine solche, j&uuml;ngere und gro&szlig;st&auml;dtische W&auml;hlerschaft zu geben, die mit der Politik nicht zufrieden ist und diese Unzufriedenheit auf dem Wahlzettel in eine bestimmte Richtung &auml;u&szlig;ern will, aber das System nicht grunds&auml;tzlich ablehnt. F&uuml;r diese sind die &bdquo;Neuen Leute&ldquo; eine realistische Wahlalternative.<\/p><p>F&uuml;r eine Partei wird es eng: Die Etablierung der &bdquo;Neuen Leute&ldquo; ist vor allem eine schlechte Nachricht f&uuml;r die traditionell schw&auml;chste Kraft in der Staatsduma, die Partei Gerechtes Russland. Sie wird um den Einzug in die Staatsduma k&auml;mpfen m&uuml;ssen. Auch dieser Partei wurde nachgesagt, urspr&uuml;nglich als &bdquo;Kreml-Projekt&ldquo; gegen die KPRF gegr&uuml;ndet worden zu sein. Ihre Zielw&auml;hlerschaft waren immer links bis sozialistisch orientierte W&auml;hler, jedoch ohne die kommunistische H&auml;rte und Sowjetnostalgie der KPRF.<\/p><p>Tats&auml;chlich konnte diese Linie aber nicht gehalten werden, und auch bei Gerechtes Russland gibt es einige, allerdings weniger konkrete, UdSSR-Nostalgie. F&uuml;r die W&auml;hler stellte sich hier zunehmend die Frage, ob man nicht lieber zum Original geht &ndash; auch, weil die KPRF die F&auml;higkeit zur Modernisierung gezeigt hat und aktiv Themen wie das Internet sowie Neue Medien bearbeitet.<\/p><p>Damit zeigt sich erneut: Die russische Parteienlandschaft ist keineswegs so eindimensional, wie sie im Westen dargestellt wird. Es gibt Konflikte, es gibt soziale Gegens&auml;tze, es gibt scharfe Kritik an der Innenpolitik der Regierung. Nur verlaufen diese Konflikte nicht entlang jener Linien, die sich die &bdquo;westliche Wertegemeinschaft&ldquo; w&uuml;nscht. Das prowestliche und neoliberale Narrativ wird von den russischen W&auml;hlern aktuell, quer durch das politische Spektrum, abgelehnt.<\/p><p><small>Titelbild: Ultraskrip \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September w&auml;hlt Russland eine neue Staatsduma. Nach aktuellen Prognosen ist bei Platz eins weiterhin keine &Uuml;berraschung zu erwarten und Geeintes Russland wird diesen mit gro&szlig;em Abstand einnehmen. Spannend wird der Kampf um Platz zwei, weil es 2030 eine sehr gro&szlig;e Ver&auml;nderung geben k&ouml;nnte. 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