{"id":15334,"date":"2012-12-03T08:59:21","date_gmt":"2012-12-03T07:59:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15334"},"modified":"2019-03-19T12:19:32","modified_gmt":"2019-03-19T11:19:32","slug":"putin-versucht-mit-anti-korruptions-kampagne-vertrauen-zuruckzugewinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15334","title":{"rendered":"Putin versucht mit Anti-Korruptions-Kampagne Vertrauen zur\u00fcckzugewinnen"},"content":{"rendered":"<p>Russische Ermittlungsbeh&ouml;rden decken im Verteidigungsministerium, im Landwirtschaftsministerium und der  Raumfahrt-Industrie massive Korruptionsf&auml;lle auf.<br>\nVon <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15334#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nIn dem f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit nicht zug&auml;nglichen Garnisons-St&auml;dtchen mit dem Code-Namen &bdquo;K 510&ldquo;, 100 Kilometer vor Moskau, funktioniert nach einem Bericht des staatlichen Fernsehsenders Rossija 1 &uuml;berhaupt nichts mehr. Die Banja und die Waschk&uuml;che sind geschlossen, die Fernw&auml;rmeversorgung funktioniert nicht, weil Reparaturarbeiten sich hinziehen, Offiziersheim und Schwimmbad sind geschlossen, die Wege verschlammt. Schuld an der Misere sei die wahnwitzige Modernisierungspolitik des Anfang November von Putin geschassten Verteidigungsministers Anatoli Serdkjuow, so das Res&uuml;mee konservativer Milit&auml;rs, die der Kreml-nahe Enth&uuml;llungsjournalist Arkadi Mamontow in der Fernseh-Sendung zu Wort kommen l&auml;sst.  <\/p><p>Die Bilder aus dem Garnisons-St&auml;dtchen waren f&uuml;r Mamontow allerdings nur die Einstimmung auf den neuesten russischen Korruptions-Skandal, bei dem sich Mitarbeiter der Firma Oboronservice um viele Millionen Euro bereichert haben sollen. Die Firma Oboronservice geh&ouml;rt dem Verteidigungsministerium und verwaltet Immobilien der Armee. Nun deckten staatliche Ermittler auf, dass viele Armee-Immobilien in bester Lage in den letzten  Jahren weit unter Marktwert verkauft wurden. Dem Staat sei so ein Schaden von umgerechnet 73 Millionen Euro entstanden. <\/p><p>Jewgenia Wasiljewna ist Juristin und kommt aus St. Petersburg. Mit ihren 33 Jahren hat sie es weit gebracht. Die junge Dame mit den langen blonden Haaren, die auf Betriebsfeiern gern ausgelassen tanzte, sa&szlig; im Direktorenrat von Oboronservice. Jetzt steht Frau Wasiljewna unter Hausarrest. In ihrer Wohnung, einem zehn Millionen Dollar teuren 13-Zimmer-Appartment im Zentrum von Moskau, beschlagnahmten Ermittler 1.500 pers&ouml;nliche Schmuckst&uuml;cke im Wert von drei Millionen Dollar, drei Millionen Rubel (73.000 Euro) in bar sowie antike Gem&auml;lde die aus dem Verteidigungsministerium stammen sollen. <\/p><p>Frau Wasiljewna ist nach Meinung der staatlichen Ermittler mit daf&uuml;r verantwortlich, dass zahlreiche Grundst&uuml;cke und Geb&auml;ude in Moskau, St. Petersburg und im S&uuml;den Russlands weit unter Preis verkauft wurden. F&uuml;r eine ehemalige Milit&auml;rbuchhandlung in der ber&uuml;hmten Moskauer Fu&szlig;g&auml;ngerzone Arbat zahlten die K&auml;ufer 730.000 Euro weniger als am Markt eigentlich zu holen gewesen w&auml;re. In dem Geb&auml;ude werden jetzt italienische K&uuml;chen verkauft.<\/p><p>Auch Datschen-Grundst&uuml;cke auf der der Krim und bei Astrachan sowie ein Armee-Sanatorium am Asowschen Meer gingen f&uuml;r Schn&auml;ppchen-Preise an neue Besitzer, unter ihnen Verwandte des ehemaligen Verteidigungsministers Anatoli Serdjukow. Der Minister war Anfang November von Putin entlassen worden, um eine &bdquo;objektive Ermittlung&ldquo; im Fall Oboronservice zu gew&auml;hrleisten, wie Putin erkl&auml;rte. Serdjukow wurde bisher jedoch nicht zur Vernehmung vorgeladen.<\/p><p><strong>Weitere F&auml;lle im Landwirtschaftsministerium und der Raumfahrt<\/strong><\/p><p>Der Fall der Firma Oboronservice ist nur einer von mehreren gro&szlig;en Korruptionsf&auml;llen in denen seit Wochen ermittelt wird. Fast t&auml;glich berichten russische Medien &uuml;ber neue Details. Immer wieder zeigen die Fernsehnachrichten die Berge von geb&uuml;ndelten Rubel-Scheinen, die man bei Hausdurchsuchungen fand.<br>\nDie russischen Ermittler wurden in verschiedenen Ministerien und staatlichen Unternehmen f&uuml;ndig. Bei der Entwicklung des russischen Navigationssystems &bdquo;Glonass&ldquo; sollen 150 Millionen Euro durch Betr&uuml;gereien in private Taschen geflossen sein. Bei den Bauarbeiten im Rahmen des APEC-Gipfels in Wladiwostok wurden vier Millionen Euro veruntreut.<br>\nErmittelt wird auch gegen die ehemalige Landwirtschaftsministerin Jelena Skrynnik. Die Ministerin habe durch betr&uuml;gerische Leasing-Operationen, die &uuml;ber die Firma Rosagrolizing liefen, dem Staat einen Schaden von 16 Millionen Dollar zugef&uuml;gt, so die Ermittler. Skrynnik widersprach den Anschuldigungen und erkl&auml;rte, die Firma sei mit 32.000 Dollar verschuldet.<\/p><p><strong>Putin h&auml;lt sich mit &Auml;u&szlig;erungen zur&uuml;ck<\/strong><\/p><p>Wladimir Putin hat sich mit &Auml;u&szlig;erungen zu der laufenden Anti-Korruptions-Kampagne bisher zur&uuml;ckgehalten. Doch zweifellos ist der russische Pr&auml;sident der Nutznie&szlig;er der Kampagne. Denn nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes WZIOM sind 75 Prozent der Russen der Meinung, dass das Ausma&szlig; der Korruption in der russischen Gesellschaft &bdquo;sehr hoch&ldquo; ist.<\/p><p>Doch die Kampagne habe bisher nicht den Charakter einer &bdquo;Total-Reinigung&ldquo;, meint der Direktor des Internationalen Instituts f&uuml;r politische Gutachten, Jewgeni Mintschenko. Dass bisher nicht die Minister der betroffenen Ministerien auf der Anklagebank sitzen sondern unbekannte Beamte, sei ein Hinweis darauf, dass Putin die russische Elite &bdquo;nicht erschrecken&ldquo; will, denn es g&auml;be f&uuml;r diese Elite &bdquo;keinen Ersatz&ldquo;. F&uuml;r neue F&uuml;hrungskr&auml;fte g&auml;be es kaum Aufstiegschancen. Mit der derzeitigen Antikorruptionskampagne solle den Beamten, die Haushaltsgelder und staatliches Eigentum verwalten, vor allem bedeutet werden, &bdquo;ihren Appetit zu z&uuml;geln&ldquo;, so der Politologe.<\/p><p>Auff&auml;llig an der Kampagne ist zudem, dass ausgerechnet Minister betroffen sind, die bei den konservativen Milit&auml;rs und Vertretern der Sicherheitsstrukturen nicht gut angesehen waren. Insbesondere der Anfang November entlassene ehemalige Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow war wegen seiner Modernisierungspl&auml;ne, die zu einer Verkleinerung der Armee f&uuml;hrten, f&uuml;r konservative Milit&auml;rs ein rotes Tuch. Serdjukow hatte Dienstleistungen in den Kasernen &ndash; wie Kantinen-Versorgung und Kleiderw&auml;sche  &ndash; an Privatfirmen vergeben. Au&szlig;erdem hatte der Minister gr&ouml;&szlig;ere Mengen an Milit&auml;rtechnik im Ausland eingekauft, nach Meinung der konservativen Milit&auml;rs zum Schaden der russischen R&uuml;stungsindustrie.<\/p><p>Doch wie zu h&ouml;ren war, wird der neue Verteidigungsminister, Sergej Schojgu, die Modernisierung der Streitkr&auml;fte mit kleinen Korrekturen fortf&uuml;hren. Auch Schojgu will Milit&auml;rausr&uuml;stung im Ausland einkaufen, solange russische Betriebe nichts qualitativ Vergleichbares liefern.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15334#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Ulrich Heyden, Journalist und Buchautor, ist seit 1992 freier Korrespondent f&uuml;r deutschsprachige Medien in Moskau. Ulrich Heyden\/Ute Weinmann, Opposition gegen das System Putin, Herrschaft und Widerstand im modernen Russland, Rotpunktverlag 2009.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russische Ermittlungsbeh&ouml;rden decken im Verteidigungsministerium, im Landwirtschaftsministerium und der Raumfahrt-Industrie massive Korruptionsf&auml;lle auf.<br \/> Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15334#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,127],"tags":[915,259],"class_list":["post-15334","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-putin-wladimir","tag-russland"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15334","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15334"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15334\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50309,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15334\/revisions\/50309"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15334"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15334"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15334"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}