{"id":15338,"date":"2012-12-03T12:00:07","date_gmt":"2012-12-03T11:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15338"},"modified":"2015-05-10T09:33:03","modified_gmt":"2015-05-10T07:33:03","slug":"betrieb-eines-eigenen-geheimdienstes-bei-cdu-und-csu-heiligte-der-zweck-schon-immer-alle-mittel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15338","title":{"rendered":"Betrieb eines eigenen Geheimdienstes &#8211; bei CDU und CSU heiligte der Zweck schon immer alle Mittel"},"content":{"rendered":"<p>Das Zeit-Magazin berichtete am 29. November unter der &Uuml;berschrift &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/49\/Spionage-CDU-CSU-Willy-Brandt\/komplettansicht\">Die Verschw&ouml;rung gegen Brandt<\/a>&ldquo;. &bdquo;Nachdem 1969 erstmals ein SPD-Politiker Bundeskanzler wurde, bauten CDU- und CSU-Anh&auml;nger einen eigenen Nachrichtendienst auf. Ein unglaublicher Spionagefall&ldquo;, so die Autorin und Politikwissenschaftlerin Stefanie Waske. &bdquo;Das beste St&uuml;ck aus der Mainstream-Presse seit Jahren&ldquo;, kommentiert ein Nachdenkseitenleser. &Uuml;berrascht hat mich dieser Bericht nicht. Es &uuml;berrascht mich auch nicht, wie wenig dieser Beitrag von anderen Medien aufgenommen wurde. CDU und CSU gelten heute wie damals als Staatspartei, der quasi alles erlaubt ist. Wenn etwas &Auml;hnliches auf der linken Seite des politischen Spektrums passiert w&auml;re, dann h&auml;tten sich die Medien von Springer bis zum ZDF wochenlang damit besch&auml;ftigt. Ich weise im Folgenden auf bemerkenswerte Elemente des Berichtes von Stephanie Waske hin und versuche, diese einzuordnen. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li><strong>Der Regierungswechsel von 1969 wurde als Schock empfunden &ndash; als &bdquo;Kr&auml;nkung&ldquo;, wie <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/121203_SZ_heute_Verschwoerung_gegen_Brandt.pdf\">Willi Winkler in der SZ schreibt [PDF &ndash; 80 KB]<\/a>, weil die rechtskonservativen Kr&auml;fte in und au&szlig;erhalb der Union den Besitz der Staatsmacht als selbstverst&auml;ndlich betrachten.<\/strong>\n<p>Im Herbst 1969 haben der abgew&auml;hlte Bundeskanzler Kiesinger (CDU, fr&uuml;her NSDAP), Franz Josef Strau&szlig; (CSU) und der Gro&szlig;vater des sp&auml;teren Verteidigungsministers Guttenberg (CSU) mit Beistand des fr&uuml;heren Chefs des Bundeskanzleramtes bei Adenauer, Hans Globke, die Gr&uuml;ndung eines geheimen Informationsdienstes f&uuml;r die neue Opposition aus CDU und CSU beschlossen.<\/p>\n<p>Nachdem im Fr&uuml;hjahr 1969 mit Gustav Heinemann schon ein Sozialdemokrat zum Bundespr&auml;sidenten gew&auml;hlt worden war, wurde in den bis dahin herrschenden Kreisen die Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler als eine Art Enteignung empfunden. Es gab so etwas wie eine Untergangsstimmung der bis dahin herrschenden Schicht. Die sich abzeichnenden neuen Linien der Politik st&uuml;tzten das Schockerlebnis: die neue Ostpolitik mit dem Versuch der Verst&auml;ndigung mit dem Erzfeind im Osten, der Sowjetunion und den Kommunisten, mehr Demokratie wagen und das Verst&auml;ndnis Willy Brandts und der ihm Nahestehenden einschlie&szlig;lich des Bundespr&auml;sidenten Heinemann f&uuml;r die protestierende Jugend, der dem&uuml;tigende Verlust der Wirtschaftskompetenz, sichtbar in der Wahlauseinandersetzung um das exotische Thema Aufwertung der D-Mark.<\/p><\/li>\n<li><strong>Der Zweck heiligt alle Mittel<\/strong>\n<p>Die Wahl eines sozialdemokratischen Bundeskanzlers sollte ein Betriebsunfall bleiben. Offensichtlich ohne Gewissensbisse, die jeden anst&auml;ndigen Demokraten h&auml;tten plagen m&uuml;ssen, brachten die Initiatoren und Organisatoren des geheimen Informationsdienstes ehemalige Mitarbeiter des BND und Informanten aus Diplomatenkreisen zusammen. Sie benutzten ein im BND gef&uuml;hrtes Informationsbeschaffungssystem.<\/p>\n<p>Es passt gut ins Bild, dass jener Industrieeigner und CDU-Politiker, der Jahrzehnte sp&auml;ter daf&uuml;r ber&uuml;hmt wurde, dass er rund 20 Millionen f&uuml;r die hessische CDU in die Schweiz gebracht hatte und als j&uuml;dische Verm&auml;chtnisse zu deklarieren versuchte, auch bei der Beschaffung der Finanzen f&uuml;r den Informationsdienst der Union t&auml;tig war: Sayn-Wittgenstein.<\/p><\/li>\n<li><strong>&bdquo;Staatsparteien&ldquo; CDU und CSU<\/strong>\n<p>CDU und CSU nehmen zum Aufbau ihres Informationsdienstes nicht nur Mitarbeiter des BND und Informationsstrukturen des BND in Anspruch, sie bringen den von dort kommenden Leiter ihres Dienstes samt B&uuml;ro auch in einer &ouml;ffentlichen Einrichtung unter: in der Bayerischen Staatskanzlei wird der ab Sommer 1970 den Informationsdienst f&uuml;hrende Hans Christoph von Stauffenberg untergebracht, auch zur Sicherung seiner beim BND erworbenen Pensionsanspr&uuml;che. Staatliche Einrichtungen wurden damals wie heute selbstverst&auml;ndlich f&uuml;r parteipolitische Zwecke genutzt.<\/p>\n<p>Das galt auch f&uuml;r die staatlichen Geheimdienste. Sie wurden von den &bdquo;Staatsparteien&ldquo; CDU und CSU auch parteipolitisch genutzt &bdquo;Der Bundesnachrichtendienst (BND), eigentlich f&uuml;r Spionage im Ausland zust&auml;ndig, hat zumindest bis zum Regierungsantritt der SPD\/FDP-Koalition auftragswidrig mindestens 54 namentlich bekannte bundesdeutsche Politiker bespitzelt und &uuml;ber sie Akten angelegt.&ldquo; Nachzulesen in einer guten Darstellung in der Zeitschrift Kritische Justiz, Nr. 1\/1975, S. 90 ff.: <a href=\"http:\/\/www.kj.nomos.de\/fileadmin\/kj\/doc\/1975\/19751Damm_S_90.pdf\">&ldquo;Die Praktiken des BND, oder: Was man aus dem Guilleaume-Untersuchungsausschuss lernen kann&rdquo; [PDF &ndash; 760 KB]<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn man sich die dort beschriebenen Praktiken vergegenw&auml;rtigt, dann kann man sich allerdings fragen, warum CDU und CSU dann zus&auml;tzlich einen eigenen Geheimdienst brauchten. Wahrscheinlich wollten sie auf Nummer sicher gehen. Sie wussten ja nicht genau, ob die von ihren Parteig&auml;ngern wie auch von alten Nazis durchsetzten Geheimdienste weiter parteipolitisch genutzt werden k&ouml;nnen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Ostpolitik erschien den Initiatoren des geheimen Informationsdienstes als eine Art Landesverrat<\/strong>\n<p>Aus diesem Glauben leiteten die Macher vermutlich die Berechtigung f&uuml;r ihre Machenschaften ab. Willy Brandt und seine Leute hatten Gl&uuml;ck, dass die Ostpolitik schon in den ersten Jahren Erfolge zeitigte. Die Grenzen wurden durchl&auml;ssiger, Ost und West sprachen miteinander, die Situation Berlins wurde besser.<\/p><\/li>\n<li><strong>Zugang zum US-amerikanischen Au&szlig;enminister US-Sicherheitsberater und sp&auml;teren Au&szlig;enminister Henry Kissinger<\/strong>\n<p>Die Emiss&auml;re des Geheimdienstes der Union hatten direkten Zugang zu Henry Kissinger. Das ist beachtlich. Man muss schlie&szlig;lich zu Recht unterstellen, dass der Sicherheitsberater des amerikanischen Pr&auml;sidenten Nixon wusste, woher die Kontaktpersonen kamen, die ihn in Washington aufsuchten, um von ihm Informationen &uuml;ber die Haltung seiner Regierung und vermutlich auch der deutschen Regierung zu den Verhandlungen mit der Sowjetunion und anderen Staaten des damaligen Ostblocks zu erhalten.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Verschw&ouml;rung endete erst, als die Union 1982 wieder den Bundeskanzler stellte und damit auch offiziell wieder &uuml;ber die Geheimdienste herrschte.<\/strong>\n<p>Helmut Kohl beendete die Arbeit des parteieigenen Geheimdienstes. Immerhin zw&ouml;lf Jahre hat er gearbeitet.<\/p><\/li>\n<li><strong>Das andere Aktionsfeld des gro&szlig;en Geldes: 34 Millionen und 100 Anzeigen anonymer Organisationen im Wahlkampf 1972, um dann endlich die Kanzlerschaft Brandts zu beenden.<\/strong>\n<p>F&uuml;r mich &ndash; ich war damals Leiter der Abteilung &Ouml;ffentlichkeitsarbeit der SPD und zust&auml;ndig f&uuml;r Wahlk&auml;mpfe &ndash; sind die Informationen &uuml;ber den Geheimdienst der Unionsparteien wie ein Steinchen mehr im schwarz eingef&auml;rbten Mosaik. In den drei Jahren zwischen der Regierungs&uuml;bernahme durch Brandt im Oktober 1969 und der n&auml;chsten Bundestagswahl am 19. November 1972 hatten wir es unentwegt mit massiven Interventionen von m&auml;chtigen Kreisen im Hintergrund der Bonner Politik zu tun: Abgeordnete wurden abgeworben, geheime Papiere bzw. angebliche geheime Papiere aus den Verhandlungen zu den Ostvertr&auml;gen sickerten durch, Berichte &uuml;ber angebliche fr&uuml;here kriminelle Verstrickungen von Wehner und Brandt wurden gestreut und dann meldeten sich im Wahlkampf zur Bundestagswahl 1972 unz&auml;hlige Initiativen und angebliche Aktions- und Arbeitskreise zu Wort. Sie griffen mit rund 100 Anzeigen in deutschen Zeitungen und Zeitschriften in den Bundestagswahl ein. Meist anonym. Die Absender hatten &auml;hnliche Namen wie der &bdquo;Arbeitskreis f&uuml;r das Studium internationaler Fragen&ldquo;, der der Tr&auml;ger des Geheimdienstes der Unionsparteien war. Ein paar Beispiele: &bdquo;B&uuml;rgerinitiative f&uuml;r klare Entscheidungen 874 Bad Neustadt, Postfach 1673&ldquo;, oder: &bdquo;Konzentration demokratischer Kr&auml;fte 53000 Bonn, Endenicher Allee 18&ldquo;, oder: &bdquo;Vereinigung zur F&ouml;rderung der politischen Willensbildung E.V. 874 Neustadt (Saale), Postfach 1673&ldquo;. Die Anzeigen zu schalten hat &uuml;brigens rund 34 Millionen DM gekostet. Das war ungef&auml;hr so viel, wie SPD und auch die CDU f&uuml;r den Wahlkampf ausgegeben haben.<\/p>\n<p>Es ist ein interessanter &bdquo;Zufall&ldquo;, dass auch im Bericht &uuml;ber den unionseigenen Geheimdienst die Stadt Neustadt an der Saale vorkommt. Ich bin dessen sicher, keinesfalls nicht nur wegen Neustadt, dass die Initiatoren und Finanziers des eigenen Geheimdienstes mit den sp&auml;teren Initiatoren der anonymen Anzeigenkampagnen eng verbunden waren.<\/p>\n<p>Ein paar <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/121203_Anzeigen_Grosses_Geld.pdf\">Beispiele sind hier [PDF &ndash; 2 MB]<\/a>. Die Dokumentation aller Anzeigen in den NDS wird angestrebt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Medien wie auch die Geschichtsschreibung nehmen von beidem kaum Notiz<\/strong>\n<p>Die damalige Kampagne anonymer Gruppen mit viel Geld war in den damaligen Medien kein relevantes Thema und hat sich auch in den Geschichtsb&uuml;chern &uuml;ber jene Zeit nicht niedergeschlagen. Obwohl dies ein beachtlicher antidemokratischer Vorgang war und wahlentscheidend h&auml;tte sein k&ouml;nnen, haben sich die Historiker damit nicht besch&auml;ftigt. Sie haben sich bisher auch nicht mit dem Geheimdienst der CDU und CSU besch&auml;ftigt. Warum nicht?<\/p>\n<p>Dass sich CDU und CSU zu den aufgedeckten Geheimdienst-Machenschaften der Zeit 1969 bis 1982 nicht &auml;u&szlig;ern wollen, wie die Autorin des Berichtes hat feststellen m&uuml;ssen, ist ja gerade noch verst&auml;ndlich. Dass die Recherchen und der Bericht von Stefanie Waske nicht zu einem gro&szlig;en Thema der deutschen Medien werden, l&auml;sst tief blicken. Schweigen ist eine elegante Form der Meinungsmache. Und diese ist bei diesem Thema auch im Blick auf den n&auml;chsten Wahltermin angesagt.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Zeit-Magazin berichtete am 29. November unter der &Uuml;berschrift &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/49\/Spionage-CDU-CSU-Willy-Brandt\/komplettansicht\">Die Verschw&ouml;rung gegen Brandt<\/a>&ldquo;. &bdquo;Nachdem 1969 erstmals ein SPD-Politiker Bundeskanzler wurde, bauten CDU- und CSU-Anh&auml;nger einen eigenen Nachrichtendienst auf. Ein unglaublicher Spionagefall&ldquo;, so die Autorin und Politikwissenschaftlerin Stefanie Waske. &bdquo;Das beste St&uuml;ck aus der Mainstream-Presse seit Jahren&ldquo;, kommentiert ein Nachdenkseitenleser. &Uuml;berrascht hat mich dieser Bericht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15338\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[192,126],"tags":[329,901],"class_list":["post-15338","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cducsu","category-erosion-der-demokratie","tag-brandt-willy","tag-geheimdienste"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15338"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26039,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15338\/revisions\/26039"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}