{"id":15343,"date":"2012-12-03T15:42:38","date_gmt":"2012-12-03T14:42:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15343"},"modified":"2015-05-10T09:34:52","modified_gmt":"2015-05-10T07:34:52","slug":"griechenland-kauft-seine-anleihen-zuruck-europaischer-dilettantismus-in-reinkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15343","title":{"rendered":"Griechenland kauft seine Anleihen zur\u00fcck \u2013 europ\u00e4ischer Dilettantismus in Reinkultur"},"content":{"rendered":"<p>Vor nicht einmal einem Jahr f&uuml;hrte Griechenland seine erste gro&szlig;e Umschuldung durch. Teil dieser Umschuldung war es, dass die Anleihen im Besitz privater Gl&auml;ubiger &bdquo;freiwillig&ldquo; gegen einen bunten Strau&szlig; neuer Papiere umgetauscht wurden. Neben soliden Papieren des EFSF geh&ouml;rten auch die sogenannten &bdquo;neuen Griechenland-Anleihen&ldquo; zum obligatorischen Tauschangebot. Genau diese Papiere soll Griechenland nun nach Willen der Troika zu einem Preis zur&uuml;ckkaufen, der weit &uuml;ber dem Tauschwert vor einem Jahr liegt. Grund f&uuml;r den Preisanstieg ist das dilettantische Vorgehen der Troika. Grund f&uuml;r den R&uuml;ckkauf d&uuml;rfte die Angst vor Klagen der Hedge-Fonds sein. Europa verh&auml;lt sich wieder einmal absolut marktkonform und die Zeche zahlt der Steuerzahler. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Idee h&ouml;rt sich auf den ersten Blick ja verlockend an. Griechenland leiht sich 10 Mrd. Euro vom EFSF und kauft daf&uuml;r die eigenen Anleihen auf den Finanzm&auml;rkten zur&uuml;ck, die heute nur zu einem Bruchteil des Nennwertes gehandelt werden. Mit 10 Mrd. Euro, so die Theorie, kann Griechenland Papiere im Nennwert von rund 30 Mrd. Euro kaufen. Damit w&uuml;rde sich die Staatschuldenquote auf einen Schlag um zehn Prozentpunkte verringern. Wie so oft unterscheiden sich hier jedoch Theorie und Praxis grundlegend. Daher lohnt es sich auch, einen n&auml;heren Blick auf das R&uuml;ckkaufangebot zu werfen.<\/p><p><strong>Um welcher Anleihen geht es?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst ist es wichtig, zu betrachten, um welche Anleihen es beim R&uuml;ckkaufangebot &uuml;berhaupt geht. W&auml;hrend zwei Drittel der griechischen Staatsschulden mittlerweile beim sogenannten &bdquo;offiziellen Sektor&ldquo; liegen, ist Athen immer noch mit rund 100 Mrd. Euro bei privaten Investoren verschuldet. Mit rund 62 Mrd. Euro nehmen dabei die &bdquo;neuen Griechenland-Anleihen&ldquo; aus der Umschuldung in diesem Fr&uuml;hjahr den gr&ouml;&szlig;ten Teil ein. Diese Papiere sind aufgeteilt in zwanzig nahezu gleichgro&szlig;e Tranchen (&bdquo;Strips&ldquo;) mit Laufzeiten, die zwischen 2023 und 2042 enden. Die Zinsen f&uuml;r diese Papiere sind f&uuml;r Athen <a href=\"http:\/\/www.minfin.gr\/portal\/en\/resource\/contentObject\/id\/7ad6442f-1777-4d02-80fb-91191c606664\">&uuml;berschaubar<\/a> &ndash; bis 2015 sind sie mit 2,0%, bis 2021 mit 3,0% verzinst und danach fallen Zinsen in H&ouml;he von 4,3% pro Jahr an.<\/p><p><em>Wichtige Hintergrundinformationen und eine Erkl&auml;rung der Fachausdr&uuml;cke finden Sie im Artikel &bdquo;Erg&auml;nzungen und Erkl&auml;rungen zum Artikel <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11186\">&raquo;Der &bdquo;Schuldenschnitt&ldquo; und das Kleingedruckte&laquo;<\/a><\/em><\/p><p>F&uuml;r Spekulanten ist jedoch nicht der Zinssatz, sondern der niedrige Marktwert der Papiere von Interesse. Je nach Kaufdatum lassen sich mit diesen Papieren zwischen 13% und mehr als 25% Gewinn pro Jahr erzielen, wenn sie denn am Ende der Laufzeit voll bedient werden.<\/p><p><strong>Wer h&auml;lt diese Anleihen?<\/strong><\/p><p>Interessant ist daher zu wissen, wer diese Anleihen h&auml;lt. Nach <a href=\"http:\/\/www.ft.com\/intl\/cms\/s\/0\/1fd693a8-3a55-11e2-baac-00144feabdc0.html#axzz2Dyg9zw7M\">Aussagen<\/a> des griechischen Finanzministers Giannis Stournaras halten alleine die vier gr&ouml;&szlig;ten Banken des Landes Papiere im Nennwert von 17 Mrd. Euro. Offizielle Sch&auml;tzungen gehen davon aus, dass das griechische Bankensystem rund ein Drittel der &bdquo;neuen Griechenland-Anleihen&ldquo; h&auml;lt. Ein weiteres Drittel soll von griechischen Lebensversicherungen und Pensionsfonds gehalten werden. Wer die restlichen Papiere im Nennwert von rund 20 Mrd. Euro h&auml;lt, ist unbekannt. Experten gehen jedoch davon aus, dass diese Papiere mittlerweile nahezu komplett von Hedge-Fonds gehalten werden. Schaut man auf das <a href=\"http:\/\/www.ariva.de\/GR0128010676\/chart?t=all&amp;boerse_id=0\">Handelsvolumen<\/a>  einer solchen &bdquo;neuen Griechenland-Anleihe&ldquo;, erkennt man, dass sie vor allem kurz nach der Umschuldung im M&auml;rz dieses Jahres rege gehandelt wurden. Die Vermutung, dass sich bereits damals vor allem Spekulanten und Hedge-Fonds die Taschen gef&uuml;llt haben, d&uuml;rfte anl&auml;sslich der Zahlen schwer von der Hand zu weisen sein.<\/p><p><strong>Hedge-Fonds bestimmen den Preis<\/strong><\/p><p>Im Mai dieses Jahres als nach dem Erfolg der griechischen Linkspartei Syriza ein Schuldenschnitt noch eine realistische Option war, sank der Marktwert dieser Papiere auf bis zu 11,6% des Nennwertes. Hedge-Fonds, die damals kauften, k&ouml;nnen heute dank des &uuml;beraus gro&szlig;z&uuml;gigen und keineswegs freiwilligen R&uuml;ckkaufangebots der griechischen Regierung Kasse machen. Das <a href=\"http:\/\/www.pdma.gr\/attachments\/article\/248\/Press%20Release%20-%20December%2003.pdf\">heutige Angebot [PDF &ndash; 57,9 KB]<\/a> sieht vor, diese Papiere f&uuml;r bis zu 40,1% des Nennwertes zur&uuml;ckzukaufen. Wer die Papiere im Mai f&uuml;r (je nach Laufzeit) 11,6% bis 15% gekauft hat, kommt so auf eine Traumrendite von 267% bis 345%. Aber auch fast alle anderen privaten Gl&auml;ubiger gehen mit Gewinn aus dem R&uuml;ckkaufangebot. Die der Ausgabe der neuen Anleihen wurde im Rahmen der Umschuldung zu einem durchschnittlichen Marktpreis in H&ouml;he von 31,5% des Nennwertes <a href=\"http:\/\/online.wsj.com\/article\/SB10001424052702304537904577276923038574852.html\">vorgenommen<\/a>. Somit liegen die heute angebotenen R&uuml;ckkaufpreise noch &uuml;ber dem &bdquo;Emissionskurs&ldquo; vor wenigen Monaten. Warum hat man eigentlich nicht schon damals komplett umgeschuldet? Obgleich sich die Solvenz Griechenlands seit M&auml;rz dieses Jahres massiv verschlechtert hat, haben die wenigen verbliebenen privaten Gl&auml;ubiger ein ordentliches Gesch&auml;ft mit den Anleihen Griechenlands gemacht. Das ist Markwirtschaft paradox.<\/p><p>Ebenso paradox sollte es eigentlich sein, dass die meisten Hedge-Fonds dieses &uuml;beraus gro&szlig;z&uuml;gige Angebot wohl ablehnen werden. Doch paradox ist das Verhalten der Spekulanten keineswegs. Sie sind auf den Jackpot aus und spekulieren darauf, dass die Papiere am Ende der Laufzeit zum vollen Nennwert bedient werden. Und selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, spekuliert man auf ein weiteres, besseres Angebot der Troika. Wenn die Hedge-Fonds mit dieser Strategie durchkommen &ndash; wovon auszugehen ist &ndash; geh&ouml;ren sie zu den ganz gro&szlig;en Gewinnern der Griechenlandkrise. H&auml;tte sich Europa mit den Hedge-Fonds anlegen wollen, h&auml;tte es dies bereits zum Zeitpunkt der Umschuldung getan. Nichts dergleichen ist jedoch geschehen. Stattdessen hat man die Spekulanten Blut lecken lassen, als man im Mai eine exotische Anleihe aus dem Jahr 2002, die nicht Bestandteil der Umschuldung war, zum vollen Nennwert bedient hat. Sp&auml;testens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass weder Griechenland noch die Troika es wagt, sich mit den Hedge-Fonds anzulegen. Und bislang ging die Strategie der Spekulanten ja auch voll und ganz auf.<\/p><p><strong>Dilettantismus in Reinkultur<\/strong><\/p><p>Der Dilettantismus, mit dem das heutige R&uuml;ckkaufangebot vorbereitet wurde, ist himmelschreiend. Bereits vor Wochen sickerte durch, dass ein R&uuml;ckkauf der Anleihen eine Grundbedingung f&uuml;r die Bereitstellung der n&auml;chsten Auszahlungstranche der Troika sein wird. Seitdem ist der Marktwert der Papiere um rund 50% gestiegen. H&auml;tte man es ganz einfach unterlassen, die Spekulanten im Vorfeld zu informieren, h&auml;tte Griechenland viel Geld sparen k&ouml;nnen. Anfang November lag der Marktwert der neuen Anleihen im Schnitt bei rund 20% des Nennwerts. Mit dem geplanten Volumen von 10 Mrd. Euro h&auml;tte man demnach Anleihen im Nennwert von 50 Mrd. Euro kaufen k&ouml;nnen &ndash; und somit 80% der ausstehenden Papiere. H&auml;tte man den R&uuml;ckkauf bereits im Mai dieses Jahres vorgenommen, h&auml;tte man s&auml;mtliche Papiere im vollen Nennwert von 62 Mrd. Euro f&uuml;r vergleichsweise g&uuml;nstige 8 Mrd. Euro zur&uuml;ckkaufen k&ouml;nnen. Darauf hat man jedoch wohlweislich verzichtet. Sollten die Gl&auml;ubiger auf das aktuelle Angebot eingehen, wird man die Papiere zu einem Preis, der ungef&auml;hr 33% des Nennwertes entsprich, zur&uuml;ckkaufen &ndash; f&uuml;r 10 Mrd. Euro erh&auml;lt man somit Papiere im Nennwert von 33 Mrd. Euro. Ohne dieses marktkonforme Gebaren h&auml;tte Griechenland somit bis zu 31 Mrd. Euro sparen k&ouml;nnen. Dilettantismus hat seinen Preis und dieser Preis wird einmal mehr dem Steuerzahler aufgeb&uuml;rdet.<\/p><p>Doch nicht nur der Troika ist Dilettantismus in Reinkultur vorzuwerfen &ndash; die griechische Regierung agiert um kein Jota kl&uuml;ger. Bereits vor einigen Tagen erkl&auml;rte der griechische Finanzminister die Annahme des R&uuml;ckkaufangebots f&uuml;r die griechischen Banken zur &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.ft.com\/intl\/cms\/s\/0\/1fd693a8-3a55-11e2-baac-00144feabdc0.html#axzz2Dyg9zw7M\">patriotischen Pflicht<\/a>&ldquo;, w&auml;hrend Staatschef Samaras gleichzeitig eine Beteiligung der griechischen Pensionsfonds <a href=\"http:\/\/www.cnbc.com\/id\/100268675\">ausschloss<\/a>. Die Botschaft an die Spekulanten k&ouml;nnte klarer nicht sein: Athen plant, das Volumen der &bdquo;neuen Griechenland-Anleihen&ldquo; zu reduzieren und sie in voller H&ouml;he zu bedienen. Dies werden die Hedge-Fonds gerne h&ouml;ren und das gro&szlig;z&uuml;gige R&uuml;ckkaufangebot ignorieren. Warum sollten sie sich mit einem ordentlichen Gewinn abspeisen lassen, wenn Athen und Br&uuml;ssel ihnen den Jackpot feilbieten?<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/46874ff635e74d2e8c733142fc102d74\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor nicht einmal einem Jahr f&uuml;hrte Griechenland seine erste gro&szlig;e Umschuldung durch. Teil dieser Umschuldung war es, dass die Anleihen im Besitz privater Gl&auml;ubiger &bdquo;freiwillig&ldquo; gegen einen bunten Strau&szlig; neuer Papiere umgetauscht wurden. Neben soliden Papieren des EFSF geh&ouml;rten auch die sogenannten &bdquo;neuen Griechenland-Anleihen&ldquo; zum obligatorischen Tauschangebot. 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