{"id":153500,"date":"2026-07-09T09:00:36","date_gmt":"2026-07-09T07:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153500"},"modified":"2026-07-09T09:06:28","modified_gmt":"2026-07-09T07:06:28","slug":"moderne-seeraeuberei-bruessels-jagd-nach-russischem-oel-auf-hoher-see","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153500","title":{"rendered":"Moderne Seer\u00e4uberei \u2013 Br\u00fcssels Jagd nach russischem \u00d6l auf hoher See"},"content":{"rendered":"<p>Weltpolitische Vorg&auml;nge mit pers&ouml;nlichen Geschichten vergleichen oder erkl&auml;ren zu wollen, geht gar nicht. Zu komplex ist das Ringen um Vorherrschaft im Weltma&szlig;stab, als dass man es auf individuelle Erfahrungen herunterbrechen k&ouml;nnte. Ich probier&rsquo;s trotzdem. Es ist einfach zu verlockend. Von <strong>Hannes Hofbauer<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMeine Gro&szlig;mutter hatte mir immer eingebl&auml;ut, nur ja nicht im Gesch&auml;ft gegen&uuml;ber einzukaufen. &bdquo;Der H&auml;ndler hat Dreck am Stecken, deshalb darf man dort sein Geld nicht hintragen&ldquo;, meinte sie. &bdquo;Du musst eine Gasse weiter gehen, um die Milch zu holen.&ldquo; Ich tat, wie mir gehei&szlig;en, auch deshalb, weil mein geliebtes Brausepulver &uuml;berall dasselbe war und gleich gut schmeckte. Als Gro&szlig;vater mir allerdings kurz darauf auftrug, meinen Klassenkameraden zu schlagen, weil dessen Familie beim H&auml;ndler einkauft, der bei uns auf der schwarzen Liste steht, weigerte ich mich. Es schien mir unlogisch, meinen Freund f&uuml;r ein Verbot zu bestrafen, das zwar mir galt, aber ihn nicht betraf.<\/p><p>Womit wir mitten im Thema angelangt sind. Seit September 2025 kapern Marinestreitkr&auml;fte aus mittlerweile einem halben Dutzend EU-Staaten Tanker, die unter lateinamerikanischen, karibischen oder afrikanischen Flaggen fahren. Sie transportieren russisches Erd&ouml;l, um ihre Ladung in Indien, &Auml;gypten, Israel oder sonst wo au&szlig;erhalb der EU l&ouml;schen zu lassen. Weil sich Schiffe aus Panama, den Marshallinseln, Kamerun oder Gabun nicht an Br&uuml;sseler Verbotslisten halten, werden sie unter meist fadenscheinigen Begr&uuml;ndungen auf Hoher See milit&auml;risch aufgebracht, in EU-H&auml;fen verschleppt und festgesetzt. Ihre aus aller Herren L&auml;nder stammenden Kapit&auml;ne werden verhaftet und die Crew schikaniert. Damit ist ein neues Zeitalter der Piraterie angebrochen, die im 18. Jahrhundert ihren H&ouml;hepunkt erreicht hatte.<\/p><p><strong>Es begann mit Sekund&auml;rsanktionen<\/strong><\/p><p>Mit dem 11. EU-Sanktionspaket gegen Russland, das am 24. Juni 2023 in Kraft trat, setzte Br&uuml;ssel Zwangsma&szlig;nahmen in Kraft, die kurz zuvor von europ&auml;ischen Politikern noch heftig abgelehnt worden waren. Die Rede ist von sogenannten Sekund&auml;rsanktionen, auch extraterritoriale Sanktionen genannt. Sie sollen alle Drittstaaten bzw. Unternehmen aus denselben treffen, die sich nicht an das gegen Russland gerichtete EU-Sanktionsregime halten und zu dessen Umgehung beitragen. Wer also von irgendwo in der Welt Waren nach Russland liefert, die auf schwarzen Listen der Europ&auml;ischen Union stehen, dem drohen ab sofort das Einfrieren s&auml;mtlicher Verm&ouml;genswerte sowie ein Einreiseverbot in die EU.<\/p><p>Noch wenige Jahre zuvor sprachen sich Politikerinnen wie die deutsche Justizministerin Brigitte Zypries heftig gegen die US-Praxis der Sekund&auml;rsanktionen aus. 2017 hatte n&auml;mlich Pr&auml;sident Trump in seiner ersten Amtszeit extraterritoriale Sanktionen gegen EU-Unternehmen verh&auml;ngt, die mit Iran Handel trieben. Eine nationale Regierung, so die SPD-Ministerin, d&uuml;rfe wohl eigene Unternehmen und B&uuml;rger sanktionieren, wenn sie sich nicht an Gesetze halten, nicht aber ausl&auml;ndische.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Damals legte Br&uuml;ssel sogar noch einen Fonds auf, um jene Betriebe zu entsch&auml;digen, die wegen der US-Sanktionen Einbu&szlig;en erlitten. Die USA lie&szlig;en sich davon nicht beeindrucken, und die meisten europ&auml;ischen Unternehmen gaben letztlich den Sekund&auml;rsanktionen nach.<\/p><p>Im Juni 2023 &uuml;bernahm Br&uuml;ssel also das neokolonial anmutende Zwangsregime, mit dem B&uuml;rgern und Unternehmen aus Nicht-EU-Staaten EU-Verordnungen &uuml;bergest&uuml;lpt werden. Unter Punkt 9 des 11. Sanktionspakets hei&szlig;t es dazu in leicht verklausuliertem Beamtendeutsch: &bdquo;Weitere Ma&szlig;nahmen sollten rasch in F&auml;llen ergriffen werden, in denen die Bem&uuml;hungen der Union im Rahmen der bilateralen und multilateralen Zusammenarbeit nicht zu den beabsichtigten Ergebnissen f&uuml;hren, die Umgehung der restriktiven Ma&szlig;nahmen, die die Union als Reaktion auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine erlassen hat, durch Personen oder Organisationen in Drittl&auml;ndern zu verhindern.&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Der Weg war frei, auch Erd&ouml;llieferungen Russlands ins Visier zu nehmen, die auf international beflaggten Tankern Kunden &uuml;berall auf der Welt mit dem Rohstoff versorgen. Der Aktionsraum der EU-Sekund&auml;rsanktionen erweiterte sich schlagartig auf die Weltmeere.<\/p><p>Das UN-Seerechts&uuml;bereinkommen sichert seit 1994 allen L&auml;ndern eine freie Fahrt in internationalen Gew&auml;ssern zu und gew&auml;hrleistet das Recht auf friedliche Durchfahrt. In seinem Kampf gegen den Handel mit russischem Erd&ouml;l h&ouml;hlt die EU-Kommission dieses Recht aus, indem sie Tanker, die verd&auml;chtigt werden, einen solchen Handel zu betreiben, auf schwarze Listen setzt.<\/p><p>Die erste diesbez&uuml;gliche Schiffslistung taucht im 14. EU-Paket vom 24. Juni 2024 auf. Den damals genannten 27 Tankern wird nicht wortw&ouml;rtlich mit der Aufbringung auf hoher See gedroht. Es ist auch gar nicht notwendig, die Attacken direkt zu lancieren. Vorerst gen&uuml;gt es, im Punkt 13 des Pakets das Verbot von &bdquo;Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Seeverkehr&ldquo; zu erlassen.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Im Klartext: Schiffen, die von der EU sanktionierte russische Waren transportieren, d&uuml;rfen nicht mehr versichert werden. Alle gro&szlig;en im Westen angesiedelten Versicherungsgesellschaften halten sich an diese Sanktionsma&szlig;nahme. In den kommenden Monaten wird dieser Passus als einer der Hauptgr&uuml;nde f&uuml;r die Kaperung von Tankern herhalten, indem ein m&ouml;glicherweise fehlender Versicherungsschutz die milit&auml;rische Aufbringung rechtfertigt, um die entsprechenden Papiere zu kontrollieren und die Sicherheit der Weltmeere zu garantieren.<\/p><p>Der Begriff der russischen &bdquo;Schattenflotte&ldquo; findet sich erstmals im 17. Sanktionspaket vom 20. Mai 2025. Es hei&szlig;t dort: &bdquo;Um die Aktivit&auml;t von Schiffen, die zur &sbquo;Schattenflotte&lsquo; von &Ouml;ltankschiffen geh&ouml;ren oder zu den Energieeinnahmen Russlands beitragen, weiter einzuschr&auml;nken, werden mit dem Beschluss (GASP) 2025\/931 189 Schiffe in die Liste der Schiffe in Anhang XVI des Beschlusses 2014\/512\/GASP aufgenommen, denen der Zugang zu H&auml;fen und Schleusen der Mitgliedstaaten sowie die Inanspruchnahme eines breiten Spektrums von Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Seeverkehr untersagt sind.&ldquo;[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p>Als &bdquo;Schattenflotte&ldquo; definiert die EU-Kommission jene Schiffe, die russische Waren, insbesondere aber nicht ausschlie&szlig;lich Erd&ouml;l, transportieren und nicht unter russischer Flagge fahren. Der Begriff soll wohl insinuieren, dass es sich um dunkle Gesch&auml;ftemacherei handelt, die das Licht scheut. Tats&auml;chlich kreuzen Schiffen unter einem bunten Sammelsurium von Staatsflaggen &uuml;ber die Weltmeere, wobei die Gr&uuml;nde f&uuml;r eine &bdquo;billige&ldquo; Beflaggung in den meisten F&auml;llen steuertechnischer, arbeitsrechtlicher, umweltgesetzlicher oder sonst wie f&uuml;r den Eigent&uuml;mer vorteilhafter Natur sind. Es liegen also allerlei &bdquo;Schatten&ldquo; &uuml;ber der hohen See. Bei russischem &Ouml;l und russischen Eignern kommen dann noch die Sanktionsma&szlig;nahmen der EU und der USA hinzu, die ihre Gesch&auml;fte das Licht m&ouml;glichst meiden lassen.<\/p><p>Die Europ&auml;ische Union hat bis Sommer 2026 circa 550 Tanker auf die schwarze Sanktionsliste gesetzt und sie der russischen Schattenflotte zugeordnet.<\/p><p><strong>Seit September 2025 wird gekapert<\/strong><\/p><p>Als Anfang 2025 der unter der Flagge Panamas fahrende Tanker &bdquo;Eventin&ldquo; nach R&uuml;gen geschleppt wurde, konnte von Kaperung noch keine Rede sein. Auf dem mit 100.000 Tonnen Schwer&ouml;l beladenen, 270 Meter langen Schiff waren die elektronischen Systeme ausgefallen, es war man&ouml;vrierunf&auml;hig. Im Hafen angelangt, beschlagnahmte der deutsche Zoll die &bdquo;Eventin&ldquo; sogleich, weil darauf von Br&uuml;ssel sanktionierte Waren transportiert wurden. Zus&auml;tzlich &uuml;bernahm eine deutsche Besatzung die Kontrolle. Dass damit gleich mehrere internationale Bestimmungen und Gesetze gebrochen wurden, zeigte sich erst in den folgenden Monaten.<\/p><p>Zum einen setzte sich der deutsche Zoll &uuml;ber das Flaggenstaatsprinzip hinweg, laut dem auf dem jeweiligen Schiff das Recht des Flaggenstaates gilt &ndash; unabh&auml;ngig vom sogenannten Territorialprinzip, das dem Hafenstaat die Gebietshoheit zuspricht. Schwerer wog allerdings die Tatsache, dass ein Schaden am Schiff als Notfall gewertet werden muss, der nicht von Sanktionsma&szlig;nahmen ausgen&uuml;tzt werden darf. Sascha Lohmann von der deutschen &bdquo;Stiftung f&uuml;r Wissenschaft und Politik&ldquo; warnte bereits fr&uuml;hzeitig vor der an der &bdquo;Eventin&ldquo; vollzogenen Eskalation. Er bezweifelte, dass das Abschleppen eines havarierten Tankers als &bdquo;Einfuhrvorgang&ldquo; bezeichnet werden kann, der dann in Folge der EU-Sanktionspolitik zur Beschlagnahmung f&uuml;hrt.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Ein Jahr nach der Beschlagnahmung der &bdquo;Eventin&ldquo; entschied der deutsche Bundesfinanzhof, dass das beschlagnahmte &Ouml;l wegen &bdquo;begr&uuml;ndeter Zweifel an der Rechtm&auml;&szlig;igkeit der Einziehungsma&szlig;nahmen nicht verwertet werden darf.&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Zu Redaktionsschluss dieses Beitrags lag die &bdquo;Eventin&ldquo; nach wie vor mit 100.000 Tonnen Schwer&ouml;l &ndash; sehr zum Missfallen der Touristiker an der K&uuml;ste Mecklenburg-Vorpommerns &ndash; auf der Nordperder Reede &ouml;stlich der Insel R&uuml;gen. Auf dem Portal &bdquo;Vesselfinder.com&ldquo; wird f&uuml;r die &bdquo;Eventin&ldquo; als Flaggenstaat Deutschland ausgewiesen.<\/p><p>Am 27. September 2025 entert die franz&ouml;sische Kriegsmarine den in neutralen Gew&auml;ssern vor der Hafenstadt Saint-Nazaire liegenden &Ouml;ltanker &bdquo;Boracay&ldquo;. Das unter der Flagge Benins fahrende Schiff befand sich auf dem Weg vom russischen Ostseehafen Primorsk nach Gujarat in Indien. Als vorgeschobene Gr&uuml;nde f&uuml;r die Kaperung konnte man in franz&ouml;sischen Zeitungen lesen, dass die staatliche Zugeh&ouml;rigkeit des Tankers gekl&auml;rt werden musste. Andere Medien wie <em>Le Figaro<\/em> berichteten davon, die &bdquo;Boracay&ldquo; h&auml;tte in d&auml;nischen Gew&auml;ssern unbemannte Drohnen aufsteigen lassen, weshalb eine Untersuchung erforderlich sei. Der Kapit&auml;n und der erste Offizier wurden kurzzeitig festgenommen. Russische Journalisten wiederum mutma&szlig;ten, dass die Festsetzung des 244 Meter langen &Ouml;ltransporters dazu gedient h&auml;tte, den Kreml zu einer unbedachten Handlung zu provozieren. Die &bdquo;Boracay&ldquo; stand zum Zeitpunkt ihrer Kaperung auf der EU-Liste der russischen Schattenflotte. Nach zwei Wochen konnte sie ihre Fahrt nach Indien fortsetzen. Der chinesische Kapit&auml;n der &bdquo;Boracay&ldquo; wurde wegen &bdquo;Nichtbefolgung franz&ouml;sischer Anweisungen der Seestreitkr&auml;fte&ldquo; zu einem Jahr Haft und 150.000 Euro Strafzahlung verurteilt.<\/p><p>Am 31. Dezember 2025 setzten finnische Marinemilit&auml;rs den Frachter &bdquo;Fitburg&ldquo; fest. Unmittelbar nach Verlassen des Hafens von Sankt Petersburg wurde er ins finnische Kantvik geschleppt. Der unter der Flagge von St. Vincent und Grenadinen fahrende Tanker war mit Stahlprodukten beladen und sollte diese ins israelische Haifa bringen. Der Vorwurf der finnischen K&uuml;stenwache lautete diesmal: Besch&auml;digung von Telekommunikationskabeln am Meeresgrund. Finnland verhaftete den russischen Schiffsf&uuml;hrer und verh&auml;ngte Ausreiseverbote f&uuml;r Besatzungsmitglieder. Der Frachter wird von Br&uuml;ssel der russischen Schattenflotte zugerechnet und wurde deshalb beschlagnahmt.<\/p><p>Gleich mehrere Hubschrauber und Kriegsschiffe der franz&ouml;sischen Marine &ndash; unterst&uuml;tzt von britischen Soldaten &ndash; waren im Einsatz, als am 1. Juni 2026 der madagassisch beflaggte &Ouml;ltanker &bdquo;Tagor&ldquo; gekapert wurde. Dies geschah auf hoher See 700 Kilometer westlich der bretonischen Stadt Brest. Dem Kapit&auml;n wurde vorgeworfen, das Schiff mehrmals umbeflaggt zu haben, weswegen nach Artikel 92 der UN-Seerechtskonvention das Entern eines &bdquo;staatenlosen Schiffes&ldquo; erlaubt sei. Das war zu diesem Zeitpunkt bereits der vierte &Ouml;ltanker der russischen Schattenflotte, den franz&ouml;sische Marinesoldaten aufgebracht hatten.<\/p><p>Am fr&uuml;hen Morgen des 12. Juni 2026 stoppte das britische Milit&auml;r den Tanker &bdquo;Smyrtos&ldquo; im &Auml;rmelkanal. Er war &ndash; unter der Flagge Kameruns fahrend &ndash; vom russischen Ostseehafen Ust-Luga ausgelaufen und sollte &Ouml;l nach Port Said\/&Auml;gypten liefern. Seine Kaperung dauerte sechs Stunden, bevor das Schiff und die Ladung beschlagnahmt wurden.<\/p><p>Dutzende Frachtschiffe, auf denen russisches &Ouml;l transportiert wird, sind in den vergangenen Monaten zwischen Ostsee und Atlantik gekapert worden. Damit kehrt die Piraterie in einer geopolitisch h&ouml;chst gef&auml;hrlichen Form auf die Weltmeere zur&uuml;ck. F&uuml;r das Aufbringen der Riesentanker lassen sich die einzelnen EU-Staaten die unterschiedlichsten Gr&uuml;nde einfallen: So wird einzelnen Kapit&auml;nen bzw. Schiffen der Start von russischen Aufkl&auml;rungsdrohnen vorgeworfen, anderen die Zerst&ouml;rung von Unterwasserkabeln, manche werden wegen technischer M&auml;ngel, andere wegen vermuteter und tats&auml;chlicher unzureichender Versicherung geentert; und immer h&auml;ufiger wird eine rasche, nicht nachvollziehbare Umflaggung als Rechtfertigung genannt, die eine Kontrolle auf hoher See notwendig macht.<\/p><p>Tats&auml;chlich geht es den EU-Staaten darum, die eigenen anti-russischen Sanktionen allen L&auml;ndern dieser Welt aufzuzwingen. Die zahlreichen Beschlagnahmungen von mittlerweile Millionen Tonnen Roh&ouml;l sollen den Schiffs- und &Ouml;leignern zeigen, dass es sich wirtschaftlich nicht lohnt, russische Waren zu transportieren. Verhaftungen und Bestrafungen von Schiffskapit&auml;nen unter teils abenteuerlichen Vorw&uuml;rfen haben den Zweck, diese Berufsgruppe einzusch&uuml;chtern. Zudem brauchen sich M&auml;chte wie Frankreich nicht vor Gegenma&szlig;nahmen zu f&uuml;rchten, wenn ihre Kriegsmarine Tanker angreift, die unter den Flaggen kleiner und wirtschaftlich wie milit&auml;risch schwacher Staaten die Meere kreuzen. Solange Russland nicht massiv gegen die Beschlagnahme russischen &Ouml;ls eingreift, kann sich die Kriegsmarine in verschiedenen EU-Staaten stark f&uuml;hlen.<\/p><p><strong>Von der Beschlagnahme russischen &Ouml;ls zum Seekrieg<\/strong><\/p><p>Parallel zum Kampf der EU um die Beschlagnahme von Schiffen der russischen Schattenflotte finden mehr und mehr direkte milit&auml;rische Operationen gegen Schiffe statt, auch wenn diese unter russischer Flagge fahren. So sank die &bdquo;Ursa Major&ldquo; am 23. Dezember 2024 nach Sprengungen vor der algerischen K&uuml;ste. Das russisch immatrikulierte Schiff stand auf der US-Sanktionsliste, weil es jahrelang G&uuml;ter und Waffen zwischen russischen und syrischen H&auml;fen transportierte. Sein Untergang k&ouml;nnte einer geheimdienstlichen Operation westlicher Staaten geschuldet sein, wie deutsche Medien vermuten[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]; zwei Besatzungsmitglieder kamen bei der Sprengung ums Leben.<\/p><p>Weitere Anschl&auml;ge auf Tanker, die russisches &Ouml;l oder Gas an Bord hatten, werden ukrainischen Milit&auml;raktionen zugeschrieben. So gingen im November und Dezember 2025 die beiden Schiffe &bdquo;Kairos&ldquo; und &bdquo;Virat&ldquo; nach Angriffen durch unbemannte Unterwasserdrohnen vor der t&uuml;rkischen K&uuml;ste in Flammen auf. Mitte M&auml;rz 2026 wiederum explodierte der Gastanker &bdquo;Arctic Metagaz&ldquo; in der N&auml;he der libyschen K&uuml;ste, nachdem ihn Wasserdrohnen attackiert hatten. &Auml;hnlichen Anschl&auml;gen fielen die beiden unter der Flagge der Marshallinseln fahrenden Tanker &bdquo;Eco Wizard&ldquo; (Gas) und &bdquo;Viamoura&ldquo; (&Ouml;l) zum Opfer.<\/p><p>Wie lange wird sich der Kreml die Beschlagnahmungen und Anschl&auml;ge auf seinen Handel mit energetischen Rohstoffen &ndash; wie er &uuml;ber die angeblich freien Weltmeere stattfinden soll &ndash; noch gefallen lassen? Diese Frage taucht immer h&auml;ufiger in russischen Medien auf. Erste Reaktionen sind bereits erkennbar. Sie deuten eine neue Eskalationsstufe in der Auseinandersetzung zwischen EU-Europa und Russland an, und zwar folgenderma&szlig;en: Am 14. Mai 2025 scheiterte die Kaperung des unter der Flagge Gabuns fahrenden &Ouml;ltankers &bdquo;Jaguar&ldquo;. Die estnische Marine hatte mithilfe polnischer Kampfflugzeuge versucht, Truppen via Helikopter auf dem Schiff abzusetzen und es dann in estnische Gew&auml;sser zu schleppen; offensichtlich in der Absicht, es zu durchsuchen und zu beschlagnahmen. Als pl&ouml;tzlich ein russischer Su-35S-Kampfjet zur Unterst&uuml;tzung des Tankers auftauchte, brach die estnische Seite den Versuch zum Entern ab. Seither sind mehrere &auml;hnliche F&auml;lle in der Ostsee bekannt geworden, in denen die russische Luftwaffe, aber auch russische Milit&auml;rs auf gef&auml;hrdeten Schiffen die Handelsfahrten begleiten. Was im Fall der &bdquo;Jaguar&ldquo; glimpflich verlaufen ist, kann allerdings demn&auml;chst &ndash; wenn auch nicht unbedingt vors&auml;tzlich, sondern aus einer spontanen Fehlentscheidung heraus &ndash; in direkte Kriegshandlungen zwischen der NATO und Russland m&uuml;nden. Die Lunte ist gelegt, und die Ostsee d&uuml;rfte das aktuell gef&auml;hrlichste Pulverfass abgeben.<\/p><p><em>Von Hannes Hofbauer ist zuletzt erschienen: &bdquo;Aller Rechte beraubt. Mit au&szlig;ergerichtlichen EU-Sanktionen zum autorit&auml;ren Staat&ldquo; (Promedia Verlag, 2026)<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Todor Stoyanov-Raveo \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <em>Handelsblatt<\/em> vom 3. August 2017<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/PDF\/?uri=CELEX:32023R1214&amp;qid=1783252001065\">eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/PDF\/?uri=CELEX:32023R1214&amp;qid=1783252001065<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/PDF\/?uri=OJ:L_202401745&amp;qid=1783059856567\">eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/PDF\/?uri=OJ:L_202401745&amp;qid=1783059856567<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/PDF\/?uri=OJ:L_202500932&amp;qid=1783060361357\">eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/PDF\/?uri=OJ:L_202500932&amp;qid=1783060361357<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/mecklenburg-vorpommern\/Schattenflotte-Tanker-vor-Ruegen-Beschlagnahmung-ist-folgerichtig,eventin124.html\">ndr.de\/nachrichten\/mecklenburg-vorpommern\/Schattenflotte-Tanker-vor-Ruegen-Beschlagnahmung-ist-folgerichtig,eventin124.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/tanker-eventin-zoll-darf-vor-ruegen-havariertes-schiff-vorerst-nicht-einziehen-a-40430e08-0d41-4861-958c-e1e87bd498f5\">spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/tanker-eventin-zoll-darf-vor-ruegen-havariertes-schiff-vorerst-nicht-einziehen-a-40430e08-0d41-4861-958c-e1e87bd498f5<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/von-zahlreichen-schiffen-umringt-hier-sinkt-die-ursa-major_6a562a0a-bacc-495d-9ef2-26f706befea4.html\">focus.de\/politik\/ausland\/von-zahlreichen-schiffen-umringt-hier-sinkt-die-ursa-major_6a562a0a-bacc-495d-9ef2-26f706befea4.html<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weltpolitische Vorg&auml;nge mit pers&ouml;nlichen Geschichten vergleichen oder erkl&auml;ren zu wollen, geht gar nicht. 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