{"id":153508,"date":"2026-07-09T10:58:11","date_gmt":"2026-07-09T08:58:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153508"},"modified":"2026-07-09T13:29:03","modified_gmt":"2026-07-09T11:29:03","slug":"wir-kommen-frei-nach-wenigen-tage-aber-palaestinenser-wissen-das-ist-ihre-existenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153508","title":{"rendered":"\u201eWir kommen frei nach wenigen Tage, aber Pal\u00e4stinenser wissen \u2026 das ist ihre Existenz\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Global Sumud Flotilla vereint die verschiedensten Menschen mit dem Ziel, Gaza zu erreichen. So auch die Menschenrechtsaktivistin Zohar Regev. Die geb&uuml;rtige Israeli ist langj&auml;hriges Mitglied der Bewegung und versucht seit &uuml;ber einem Jahrzehnt, die Hungerblockade Gazas zu durchbrechen. Die Anf&auml;nge der Global Sumud Flotilla hat sie miterlebt und wirkt inzwischen bei der Planung mit. Sie hatte Kontakt zu &Uuml;berlebenden, die an Bord der ersten Flotilla waren, auf der 10 Aktivisten infolge von Gewalteinwirkung des IDF get&ouml;tet und &uuml;ber 50 weitere Aktivisten verletzt wurden. Dieser tragische Vorfall schaffte es nicht, die Bewegung im Keim zu ersticken, sondern brachte sie erst in Fahrt. Mit dem Journalisten <strong>Hassan Al Khalaf<\/strong> sprach die Aktivistin &uuml;ber die erste Flotilla, &uuml;ber die Gewalt, deren Zeugin sie in israelischer Haft wurde, &uuml;ber die ungleiche Behandlung der Pal&auml;stinenser, die sie als Kind in Israel miterlebte, und wieso sie trotz alldem ihre israelische Staatsb&uuml;rgerschaft beh&auml;lt. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Hassan Al Khalaf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em><strong>&Uuml;ber die Interviewpartnerin:<\/strong> Zohar Chamberlein Regev ist 1970 in Israel geboren, als ihre Vorfahren aus Polen, Belarus und Deutschland einwanderten. Durch ihre Gro&szlig;eltern erhielt sie neben der israelischen Staatsb&uuml;rgerschaft auch die deutsche. Die langj&auml;hrige Aktivistin lebte dort bis 2004. Als Jugendliche hat sie ihr Bein bei einem Autounfall verloren und tr&auml;gt seitdem eine Prothese. Bis 2018 hat sie in Spanien gelebt, wo sie als Mitglied des Komitees an der Organisation f&uuml;r die Global Sumud Flotilla mitgewirkt hat und selbst an Bord vieler Boote segelte, etwa die Al Awda Segelflotte 2018. Von 2019 bis 2022 lebte sie in Bethlehem, wo sie an dem Palestinian Museum of National History mitwirkte, ihren heutigen Mann kennenlernte und zum Islam konvertierte. Seit 2022 lebt die Aktivistin in Frankfurt und segelte k&uuml;rzlich auch wieder auf der Global Sumud Flotilla Richtung Gaza. <\/em><\/p><p><strong>Wie war es f&uuml;r Dich, in Israel aufzuwachsen?<\/strong><\/p><p>Ich bin in einem Kibbuz geboren und gro&szlig; geworden, einer Siedlung im Galilee nahe Nazareth. Auf der einen Seite waren wir umgeben von Pal&auml;stinensern, denen es erlaubt war, in unserer Siedlung zu arbeiten. Auf der anderen Seite waren wir immer noch strikt von ihnen getrennt und lebten in einer rein j&uuml;dischen Siedlung. Meine Eltern brachten mir von klein auf bei, jedem Menschen Solidarit&auml;t zu zeigen, doch das stand im Widerspruch dazu, wie Pal&auml;stinenser behandelt wurden. Als ich aufwuchs, f&uuml;hlte ich mich so, als ob ich den Platz von jemand anderem einnahm. Somit war ich damals schon eine Nonkonformistin in der israelischen Gesellschaft.<\/p><p><strong>Was waren Deine fr&uuml;hesten Interaktionen mit Pal&auml;stinensern?<\/strong><\/p><p>Als ich noch im Kindergarten war, erinnere ich mich daran, stets einen pal&auml;stinensischen Mann besucht zu haben. Er war der F&ouml;rster und H&uuml;ter des Waldes. Er besa&szlig; ein Pferd, auf dem er mir erlaubte zu reiten, und er bot mir immer Tee an. Anstatt zu meinen Eltern bin ich immer zu ihm gegangen.<\/p><p>Als ich etwa f&uuml;nf Jahre alt war, waren wir mit einer pal&auml;stinensischen Familie aus Nazareth befreundet, die Land besa&szlig; und auf diesem Land ihr Haus baute, ohne Genehmigung der Regierung. Jemand aus unserem Kibbutz meldete das bei den Beh&ouml;rden. Daraufhin wurde ihr Haus zerst&ouml;rt. Meine Familie und ich besuchten sie aus Solidarit&auml;t. Sie lebten nun in einer zusammengebastelten Notunterkunft. Ihr Baby haben sie verloren, weil es keinen Schutz vor K&auml;lte gab. Dies war meine erste Begegnung mit Ungerechtigkeit, die ich selbst bezeugt habe. Ich stand auf den Ruinen ihres Hauses. Das ist der wichtigste Unterschied zwischen mir und anderen Israelis, die nicht mal die Namen von Pal&auml;stinensern wissen wollen und sich auch nicht f&uuml;r ihre Geschichten interessieren. Dies ist das Hauptproblem, welches Entmenschlichung zul&auml;sst. Das bedeutet nat&uuml;rlich nicht, dass die Ungerechtigkeit verschwindet, wenn Israelis und Pal&auml;stinenser nur aufeinander zugehen. Es ist ein strukturelles Problem der Entmenschlichung und dieses System muss zuerst abgeschafft werden.<\/p><p><strong>Was wurde Dir an israelischen Schulen &uuml;ber den Konflikt und die Pal&auml;stinenser beigebracht?<\/strong><\/p><p>Was uns st&auml;ndig erz&auml;hlt wurde, ist, dass die Geschichte j&uuml;discher Menschen von Verfolgung gepr&auml;gt ist. Das zionistische Projekt kam als Antwort auf jene Verfolgung. Die L&ouml;sung sei, dass Juden einen Platz haben, wo sie frei leben k&ouml;nnen. Dabei wurde impliziert, dass die Pal&auml;stinenser, selbst wenn wir nicht leugnen k&ouml;nnen, dass sie dort gelebt haben, bevor der zionistische Plan umgesetzt wurde, andere Orte haben, wo sie hink&ouml;nnen. Sie seien Araber und Muslime. Deshalb h&auml;tten sie &uuml;ber 20 L&auml;nder, wo sie hink&ouml;nnen. <\/p><p>Meine Auffassung ist, dass dies alles auf L&uuml;gen basiert. Die L&ouml;sung zur &bdquo;Judenfrage&ldquo; ist dieselbe L&ouml;sung zu jeder Unterdr&uuml;ckung: zu akzeptieren, dass Menschenrechte universal sind. In jedem Fall, indem man die Rechte von jemand anderem nimmt, l&ouml;st man kein Problem, sondern erschafft ein neues. Juden in und au&szlig;erhalb Israels sind nicht sicherer, da Israel f&uuml;r sich beansprucht, alle Juden zu repr&auml;sentieren. So werden Juden global daf&uuml;r verantwortlich, da Israel behauptet, all das in ihrem Namen zu machen. Israel vertrieb Pal&auml;stinenser, als es kreiert wurde, und so schafften sie die Pal&auml;stinafrage. Die Antwort auf die Judenfrage und die Pal&auml;stinafrage ist nicht, ein neues Problem zu erschaffen, sondern auf Menschenrechte zu achten. <\/p><p>Die Prinzipien von universellen Menschenrechten beinhalten die Tatsache, dass es einer Person freisteht, in dem Ort zu leben, wo sie geboren ist, aber auch an diesen Ort zur&uuml;ckzukehren. Es gibt kein Recht, Menschen, die aus Pal&auml;stina verbannt wurden, die R&uuml;ckkehr zu verweigern. Juden brauchen keinen Sonderplatz zum Leben, sie k&ouml;nnen &uuml;berall leben und respektiert werden.<\/p><p><strong>Hatten Deine Eltern zuvor Kontakt mit Pal&auml;stinensern?<\/strong><\/p><p>Das ist eine interessante Geschichte. Meine beiden Eltern wurden 1947 geboren. Auf ihren Geburtsurkunden steht &bdquo;Pal&auml;stina&ldquo;, denn es war das britische Mandat Pal&auml;stina. Sie kamen aus europ&auml;ischen Familien, die entweder als Fl&uuml;chtlinge oder als Siedler aus Europa nach Pal&auml;stina kamen. <\/p><p>Meine Mutter stammte aus einem liberalen Haus und so wurde ihr der Wert eines jeden Menschen beigebracht. Mein Vater sagte, als er klein war, er hasst &bdquo;Araber&ldquo;. Als Kind z&auml;hlte er, wie viele &bdquo;Araber&ldquo; get&ouml;tet wurden. Pal&auml;stinenser, die aus ihren D&ouml;rfern binnenvertrieben wurden, versuchten zur&uuml;ckzukehren, aber sie wurden wie Eindringlinge behandelt und erschossen. Als Kind verinnerlichte er dieses menschenfeindliche Bild. <\/p><p>Sein Vater arbeitete am Hafen von Haifa und so beschaffte er seinem Sohn eine Stelle f&uuml;r den Sommer. Er traf einen jungen pal&auml;stinensischen Mann, der auch dort arbeitete. Pl&ouml;tzlich hatte er einen pal&auml;stinensischen Freund und er f&uuml;hlte sich schlecht zu sagen, sie geh&ouml;ren alle get&ouml;tet. Pl&ouml;tzlich verschwand sein Freund. Es wurde gesagt, er sei ein Terrorist, der verhaftet wurde und im Gef&auml;ngnis starb. Er fragte seinen Vater, der ihm nur antwortete: &bdquo;Menschen, die du magst, k&ouml;nnen auch schlimme Dinge tun.&ldquo; Mein Vater akzeptierte dies nicht und so besuchte er die Familie seines Freundes in Jaffa. Von ihnen fand er heraus, dass er verhaftet wurde, weil er gegen den Verkauf des muslimischen Friedhofs f&uuml;r den Bau des Hilton-Hotels demonstrierte. <\/p><p>Dies brachte meinen Vater zum Nachdenken. Wir nennen jemanden Terrorist, weil er gegen die Zerst&ouml;rung eines Friedhofs protestiert? Sein Freund machte von seinem Recht zum Demonstrieren Gebrauch, wurde aber wie ein Schwerverbrecher behandelt.<\/p><p>Sp&auml;ter trat mein Vater einer Jugendbewegung bei, die ihn zum Leben im Kibbuz verleitete. Ein Kibbuz ist eine kommunale Siedlung, in der Menschen gemeinsam leben und sich einen Speiseraum teilen. Pal&auml;stinensische Arbeiter mussten aber immer au&szlig;erhalb des Speiseraumes essen. Mein Vater hinterfragte dies und ihm wurde gesagt: &bdquo;Die m&ouml;gen es nicht, mit uns zu essen. Sie haben ihre eigenen Br&auml;uche und ihr eigenes Essen.&ldquo; Mein Vater akzeptierte dies nicht und bestand darauf, dass sie mindestens eingeladen werden sollten, um dann selbst zu entscheiden. So durften sie endlich auch im gemeinschaftlichen Speiseraum essen.<\/p><p>Mein Vater wurde 1967 in den Krieg eingezogen. Er war 19 und wurde Zeuge von zahlreichen Kriegsverbrechen. Er sah die K&auml;mpfe bei Nablus und wie ein unbewaffneter alter Mann wie ein Gefangener festgehalten und erschossen wurde. Seine Kameraden und er waren damit nicht einverstanden, aber sie taten nichts, um es zu stoppen. Dieser Vorfall hatte einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen, weil er nicht dazwischengegangen ist. <\/p><p>Als der Krieg beendet war, war er strikt und konsequent gegen die Besatzung. So bin ich in einem Haus zur Welt gekommen, dass die Pal&auml;stinenser als Menschen anerkannte. Als Kind wurde ich auf viele Demos gegen die Besatzung im Westjordanland mitgenommen. Ich erinnere mich, dass wir nach dem Massaker von Sabra und Shatila im Libanon bei einem Protest waren, der eine Untersuchung der Rolle der israelischen Armee beim Massaker forderte. Es war keine Mehrheit, aber es gab Menschen in Israel, die wussten, dass das Fl&uuml;chtlingscamp in Beirut zu diesem Zeitpunkt noch von israelischen Soldaten besetzt war. Es bestand &ouml;ffentlicher Druck auf den damaligen Verteidigungsminister Ariel Sharon. Die Untersuchungskommission kam zum Entschluss, dass er der Beihilfe am Massaker schuldig war und deshalb zur&uuml;cktreten sollte, doch die damalige Regierung wollte seinen R&uuml;cktritt verhindern. <\/p><p>In Jerusalem nahmen wir an einer Demonstration teil, die seinen R&uuml;cktritt forderte. W&auml;hrend dieses Protests warf ein rechtsradikaler Fanatiker eine Granate in die Menschenmenge und t&ouml;tete den Friedensaktivisten Emil Greenzweig. Ich war erst 12, doch dieses Ereignis war wichtig in meinem Leben. Ich denke nicht, dass sich die meisten Israelis in meinem Alter an diesen Teil der Geschichte erinnern, geschweige denn, dass es sie interessiert.<\/p><p><strong>Hast Du jemals Antisemitismus von Pal&auml;stinensern erfahren?<\/strong><\/p><p>Nein, ich denke nicht, dass ich das jemals habe. Mir sind anti-israelische Haltungen begegnet, die ich verstehen kann. Es ist etwas verwirrend, dass man im Arabischen als Bezeichnung f&uuml;r ein Volk nicht Israeli, sondern &bdquo;al Yahud&ldquo; ( die Juden) verwendet. Wir sagen auch st&auml;ndig Araber und nie Pal&auml;stinenser im Hebr&auml;ischen.<\/p><p>Ich w&uuml;rde nicht sagen, dass Antisemitismus total abwesend ist von Solidarit&auml;tsbewegungen f&uuml;r Pal&auml;stina, besonders wenn Menschen sagen, &bdquo;die j&uuml;dischen Lobbys in den USA haben so viel Geld und Einfluss&ldquo;. Nat&uuml;rlich gibt es einflussreiche j&uuml;dische Lobbys, aber zionistische Lobbys sind nicht zwingend j&uuml;disch. Christliche zionistische Lobbys haben deutlich mehr Macht und Einfluss. <\/p><p>Ich identifiziere mich immer noch als J&uuml;din und die Werte des Judentums stehen im Widerspruch zu dem, was Zionismus ist und Zionisten tun. Da besteht ein Unterschied. Zionismus ist lediglich eine Ideologie, aber eine rassistische und problematische. Sie glorifiziert den Staat und ebenso die Gewalt. Sie ist rassistisch, weil sie einer spezifischen Bev&ouml;lkerungsgruppe Macht nimmt und eine andere Bev&ouml;lkerung unterdr&uuml;ckt. Die Menschen leben diese Ideologie aus. <\/p><p>Gewalt ist nicht immer, zur Waffe zu greifen und jemanden zu t&ouml;ten. Gewalt sind auch Ma&szlig;nahmen, die Menschen den Zugang zu Grundbed&uuml;rfnissen wie Wasser, Nahrung, Bewegungsfreiheit, Gesundheitsversorgung und Obdach verwehren. Wie im Falle der pal&auml;stinensischen Familie, die ich kannte. Eines ihrer Kinder ist gestorben und niemand musste kommen, um das Kind zu t&ouml;ten. Die Lebensbedingungen waren so unmenschlich, dass das Baby gestorben ist. Er ist erfroren, weil er nicht die Unterkunft hatte, die seiner Familie zusteht. Er h&auml;tte nicht sterben m&uuml;ssen, verf&uuml;gte seine Familie noch &uuml;ber ihr Haus. Dasselbe passiert heute immer noch mit Babys in Gaza.<\/p><p><strong>Welche Privilegien hast Du in Israel, die Pal&auml;stinensern verwehrt werden?<\/strong><\/p><p>In Pal&auml;stina, das 1948 besetzt wurde, herrschen keine gleichen B&uuml;rgerrechte. Pal&auml;stinenser haben nicht dieselbe M&ouml;glichkeit, H&auml;user zu bauen oder ihre D&ouml;rfer und St&auml;dte zu planen. Viele von ihnen wurden zu Binnenvertriebenen und es wurde ihnen nicht erlaubt, in die D&ouml;rfer zur&uuml;ckzukehren, wo sie lebten, bevor Israel gegr&uuml;ndet wurde. Einige der B&uuml;rger beduinischer Herkunft leben in D&ouml;rfern, die in Israel nicht anerkannt werden. Als Israeli bekam ich die Freiheit, mich &uuml;berall zu bewegen und &uuml;berall zu leben, wo ich will. Ein Recht, das nicht mal Pal&auml;stinenser mit israelischer Staatsb&uuml;rgerschaft besitzen. <\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus gibt es noch andere Faktoren, die Pal&auml;stinenser diskriminieren. Die Rechte, die Israelis erhalten, kommen durch die Wehrpflicht. Es bestehen gewisse Vorteile wie die M&ouml;glichkeit, kostenfrei zu studieren, selbst wenn man den Milit&auml;rdienst nicht geleistet hat, aber trotzdem zum Dienst gerufen wurde. Ich musste keinen Dienst leisten, weil ich mein Bein bei einem Autounfall verloren habe, aber weil ich zum Dienst gerufen wurde, stehen mir alle Privilegien zu. Es gibt aktuell Debatten in Israel dar&uuml;ber, ob religi&ouml;se Juden die Wehrpflicht leisten m&uuml;ssen, aber weil sie ohnehin schon gerufen werden, k&ouml;nnen sie die Vorteile beanspruchen, ohne in der Armee t&auml;tig zu sein. Deshalb sagen wir, Israel ist ein Apartheidstaat. <\/p><p>Pal&auml;stinenser, die &uuml;ber die israelische Staatsb&uuml;rgerschaft verf&uuml;gen, erhalten nicht dieselben Rechte und f&uuml;r jene, die unter Milit&auml;rherrschaft leben, ist es nochmal schlimmer. Als ich von 2019 bis 2022 in Bethlehem lebte, konnte ich problemlos als israelische Staatsb&uuml;rgerin rein und raus gehen, aber den Menschen, die in Bethlehem lebten, stand dies nicht zu. Sie konnten die Checkpoints nur mit einer speziellen Genehmigung passieren.<\/p><p>Das ist nur eine von vielen Diskriminierungen. Pal&auml;stinenser, die unter israelischer Milit&auml;rbesatzung leben, brauchen eine Genehmigung f&uuml;r den Zugang zu ihrem Land. Sie haben nicht denselben Zugang zu Wasser oder ihrem Land wie israelische Siedler. Durch den Bau neuer Mauern wird ihnen ihre Landfl&auml;che genommen. Wenn eine Siedlung zu nah an ihrem Land gebaut wird, kann die Armee ihnen verbieten, dahin zu gehen. Dann richten sie Pufferzonen zwischen israelischen Siedlungen und pal&auml;stinensischen D&ouml;rfern ein, sodass Pal&auml;stinenser diese nicht mehr betreten d&uuml;rfen.<\/p><p><strong>Was veranlasste Dich dazu, Israel zu verlassen?<\/strong><\/p><p>Ich habe bis 2004 dort gelebt. Mir wurde klar, dass dort zu leben, bedeutet, mit einem System zu kollaborieren, von dem ich kein Teil sein wollte. Aber auch, um mich selbst davor zu bewahren, gegen&uuml;ber dieser schweren Ungerechtigkeit abzustumpfen. In Pal&auml;stina, das seit 1948 besetzt ist, sehe ich, wie die Menschen gegen&uuml;ber dem Leid der Pal&auml;stinenser abgestumpft sind. Selbst die Konsequenz aggressiver Au&szlig;enpolitik, dass sie nun vom Iran bombardiert werden, wird von Israelis einfach hingenommen. Sie sehen es als selbstverst&auml;ndlich an, dass junge Menschen in den Krieg ziehen und Kriegsverbrechen begehen. Das ist der Lauf der Dinge und davon wollte ich kein Teil mehr sein. Ich verf&uuml;ge immer noch &uuml;ber Privilegien, die mich begleiten, egal wo ich hingehe. Wenn ich mit einem deutschen Pass nach Spanien gehe, habe ich mehr Rechte als Menschen, die als Geflohene ankommen. Es ist unm&ouml;glich, meine Privilegien einfach abzulegen, aber ich kann meine privilegierte Position nutzen, um f&uuml;r die zu sprechen, die Ungerechtigkeit ausgesetzt sind.<\/p><p><strong>Wie war Deine Zeit im Westjordanland?<\/strong><\/p><p>Das erste Mal war ich 2019 dort. Es war eine sehr interessante Zeit. Es waren viele andere internationale Freiwillige wegen des Projekts Palestinian Museum of Natural History da. Ich bin einigen Pal&auml;stinensern begegnet und hatte die Gelegenheit, ihre Sichtweisen zu verstehen.<\/p><p>Die erste Frage, die man bekam, war: Woher kommst du? Ich sagte immer, ich bin israelische J&uuml;din. Dann begr&uuml;&szlig;ten sie mich gleich zweimal mit dem arabischen Gru&szlig;. Sie sagten einmal, weil ich mit den anderen hier war, und das zweite Mal, weil es nicht selbstverst&auml;ndlich war, dass ich dort sein w&uuml;rde. W&auml;hrend der Corona-Pandemie kam ich 2020 erneut und konnte mehr Pal&auml;stinenser treffen. In jedem Haus, wo ich war, h&ouml;rte ich, wie es ist, unter Besatzung, unter Vertreibung, unter Todesgefahr mit dem Gef&uuml;hl, dass die Welt euch nicht sieht, zu leben.<\/p><p><strong>Identifizierst Du Dich immer noch als Israeli und siehst Du Israel als Deine Heimat an?<\/strong><\/p><p>Es ist nicht meine Heimat, sondern nur dort, wo ich geboren bin. Ich verf&uuml;ge immer noch &uuml;ber die Staatsb&uuml;rgerschaft, also bin ich Israeli. Solange Israel existiert, habe ich die M&ouml;glichkeit, meine Stimme bei Wahlen abzugeben. Viele Israelis, die so denken wie ich, haben ihre Staatsb&uuml;rgerschaft bereits abgelegt. Ich beschloss aber, meinen israelischen Pass zu behalten, damit ich an Wahlen f&uuml;r das Parlament teilnehmen kann. <\/p><p>Israel behauptet, eine Demokratie zu sein. Nat&uuml;rlich ist es keine, aber inmitten dieses Spiels erlaubt es den pal&auml;stinensischen B&uuml;rgern Israels, ihre eigenen Parteien zu gr&uuml;nden. Jene sind die einzigen Parteien, die ich w&auml;hle. Sie sind wenige und es wird nicht von ihnen erwartet, dass andere Parteien Koalitionen mit ihnen eingehen. Trotzdem m&ouml;chte ich f&uuml;r Pal&auml;stinenser mit der israelischen Staatsb&uuml;rgerschaft nicht die Hoffnung aufgeben. Sie machen 20 Prozent der Bev&ouml;lkerung aus und wenn sie alle f&uuml;r nicht-zionistische Parteien stimmen, bilden sie eine Pr&auml;senz, die nicht ignoriert werden kann. Von anderen Israelis verlange ich, auch diese Parteien zu w&auml;hlen, denn sie stehen f&uuml;r die gleichen Rechte f&uuml;r alle. Sie sind die einzigen, die noch Hoffnung bringen k&ouml;nnen. Das zionistische Projekt schadet auch Juden. Wir brauchen keine Privilegien, sondern Gleichberechtigung wie jeder andere auch.<\/p><p><strong>Hast Du Israel jemals besucht, seitdem Du das Land verlassen hast?<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der Zeit, als ich in Spanien lebte, kam ich zur&uuml;ck zum W&auml;hlen und f&uuml;r kurze Aufenthalte. Ich betrat das Westjordanland &uuml;ber Israel und es stand mir frei, &uuml;berall in ganz Pal&auml;stina zu sein. Von den vielen Flottillen, auf denen ich war, wurde ich mehrmals gegen meinen Willen nach Israel gebracht. Ich gehe trotzdem nicht regelm&auml;&szlig;ig dorthin und erst recht nicht f&uuml;r Familienfeiern wie etwa zur Hochzeit meines Bruders. Wann immer ich komme, sind es nur politische Anliegen.<\/p><p><strong>Wie hast Du die &Uuml;bernahme durch das israelische Milit&auml;r erlebt?<\/strong><\/p><p>Wir haben damit gerechnet und dementsprechend haben wir uns vorbereitet. Als das Speedboot der Soldaten nah genug kam, befahlen sie uns allen, zur Vorderseite des Bootes zu kommen. Wir antworteten, dass einige von uns nicht dazu in der Lage sind. Ich zum Beispiel habe nur ein Bein. Zwei &auml;ltere Teilnehmer sagten, sie k&ouml;nnen nicht zur Vorderseite laufen, weil sie sich nicht sicher f&uuml;hlen. So waren wir vom Rest getrennt. <\/p><p>Die Soldaten kamen mit ihren Waffen zu uns. Das Erste, was sie taten, war, die Internetverbindung zu zerst&ouml;ren. Sie besch&auml;digten die Kamera und warfen sie ins Meer. Was sie am meisten f&uuml;rchten, ist die Wahrheit. Sie wollen nicht, dass die Welt sieht, was hier geschieht. Sie wollen auch nicht individuell erkannt werden, also waren alle von ihnen maskiert. Sie machten sich nicht die M&uuml;he, uns zu durchsuchen. Sie fragten nur, ob wir etwas in unseren Taschen haben und schauten auf unsere P&auml;sse. Als sie realisierten, dass ich Israeli bin, fragten sie, ob ich Hebr&auml;isch spreche. Ich sagte ihnen, ich werde nicht Hebr&auml;isch mit euch sprechen, weil hier Leute sind, die die Sprache nicht verstehen. Sie sprachen auf Hebr&auml;isch zu mir, aber ich weigerte mich zu antworten. <\/p><p>Nach einer Weile kam das Speedboot zur&uuml;ck und sieben von uns wurden von unserem Segelboot auf dieses Boot abtransportiert und dann auf ein Gef&auml;ngnisschiff gebracht. Auf diesem Schiff sollten wir jede Schicht an zus&auml;tzlicher Kleidung und jede Form von Pal&auml;stina-Solidarit&auml;t ablegen. Ich trug eine Keffiyeh auf meinem Kopf und mir wurde befohlen, sie abzulegen. Dann durchsuchten sie uns und brachten uns in einen Hof aus Containern, auf deren Oberseite Stacheldraht angebracht war. Einer der Container diente als T&uuml;r, um hineinzukommen, aber von dort konnten wir nicht wieder hinausgehen. Die anderen f&uuml;nf Container hatten eine &Ouml;ffnung zum Hof hin, sodass wir hinein- und herausgehen konnten. <\/p><p>Wir konnten uns nur innerhalb oder au&szlig;erhalb der Container bewegen. Entlang der Wand des Hofes befanden sich etwa 15 Plastiktoiletten. Der Boden im Inneren dieses Hofes ist nass, und w&auml;hrend der Zeit, die ich dort war, liefen die Toiletten &uuml;ber und schmutziges Wasser lief auf den Hof. Als ich reinkam, wurde ich von Menschen, die ich kannte, begr&uuml;&szlig;t, aber pl&ouml;tzlich h&ouml;rte ich jemanden schreien. Wenige Minuten bevor ich reinkam, hatten sie geschossen. Einer Aktivistin, Mathilda Mallet, schossen sie sogar in ihr Bein. Wir verbrachten 48 Stunden auf diesem Schiff, ehe man uns in den Hafen von Ashdod brachte.<\/p><p><strong>Wurdest Du in israelischer Haft anders behandelt aufgrund Deiner Staatsb&uuml;rgerschaft?<\/strong><\/p><p>Ja, insbesondere das juristische Vorgehen. Internationalen Aktivisten wird vorgeworfen, nach Israel eingedrungen zu sein, obwohl sie verschleppt und gegen ihren Willen nach Israel gebracht wurden. Das Endziel war es, diese Aktivisten zu deportieren. Sie trennten mich von den restlichen Aktivisten und brachten mich in eine Polizeistation. Dann verhafteten sie mich formal mit erfundenen Anschuldigungen. Sie warfen mir &bdquo;illegales Vordringen&ldquo; vor, den unbefugten Aufenthalt in einem Milit&auml;rgebiet sowie das Betreten und Verbleiben in einer verbotenen Zone. F&uuml;r all diese erdachten Anschuldigungen bekam ich keinen Prozess, sondern nur eine Anh&ouml;rung bez&uuml;glich der Bedingungen meiner Freilassung. <\/p><p>Ich habe dieselben Erfahrungen schon 2018 und 2025 gemacht, als ich von Bord der jeweiligen Flotilla gekidnappt wurde. Sie wollten meine &bdquo;Verbrechen&ldquo; nicht untersuchen, weil sie wussten, dass es keinen Tatbestand gibt. Das Erste, was meine Anw&auml;ltin von der pal&auml;stinensischen NGO Adala die Staatsanwaltschaft fragte, war: Bezeugen Sie, dass die &Uuml;bernahme in internationalen Gew&auml;ssern stattfand? Die Staatsanw&auml;ltin best&auml;tigte dies. Daraufhin fragte meine Anw&auml;ltin, wie man mich des illegalen Vordringens, des unbefugten Aufenthalts sowie des Betretens einer verbotenen Zone beschuldigen k&ouml;nne, wenn ich mich in internationalen Gew&auml;ssern befand. Zum Zeitpunkt der Verschleppung war ich noch nahe Zypern, weit entfernt von Israel oder Gaza. Wenn sie von Gaza als Milit&auml;rgebiet reden, war ich nicht mal in der N&auml;he Gazas. Sie k&ouml;nnen mir die Anklagepunkte nicht vorwerfen, weil ich nicht dort war. <\/p><p>Die Staatsanw&auml;ltin sagte daraufhin nur, &bdquo;wir beschuldigen Sie des versuchten Eindringens&ldquo;, aber das ist nicht, was dort geschrieben stand. Dieser Fehler der Staatsanwaltschaft h&auml;tte sofort meine Freilassung erwirken sollen, weil die Anklage nicht korrekt verfasst wurde. Das ist kein Rechtssystem, das ist eine Besatzung, die tut, was sie will, weil unsere Regierungen in Europa, den USA und anderen Staaten sich mitschuldig machen, wenn sie Israel alles gew&auml;hren lassen. Wir haben uns nur deshalb in diese Situation gebracht, um den Fokus auf Pal&auml;stina und die Illegalit&auml;t der Besatzung, des Genozid und der ethnischen S&auml;uberungen zu richten.<\/p><p><strong>Welche Formen von physischer Gewalt hast Du in der Haft erlebt?<\/strong><\/p><p>Manchmal schubsten sie, als sie mich vom Boot in den Hafen f&uuml;hrten, aber nicht allzu sehr. Meine H&auml;nde waren mit Kabelbindern gefesselt. Ein Soldat zerrte mich an den Fesseln, w&auml;hrend ein anderer meinen Hals eng umklammerte und meinen Kopf runterdr&uuml;ckte. Er wollte, dass ich mit gesenktem Kopf laufe. Als wir den Hafen erreichten, fasste er mir pl&ouml;tzlich mit der anderen Hand an den vorderen Hals und w&uuml;rgte mich mit beiden H&auml;nden. Sie wollten, dass ich meine Beinprothese ausziehe und sie in den Scanner lege. Ich sagte der Frau, die das anordnete, &bdquo;ihr m&uuml;sst mich losbinden und er muss aufh&ouml;ren, mich zu w&uuml;rgen. Wenn er mich w&uuml;rgt, kann ich meine Beinprothese nicht ausziehen.&ldquo; Danach h&ouml;rten sie auf und weil ich ohne meine Prothese nicht laufen kann, mussten sie mich tragen. Ich konnte sp&uuml;ren, dass sie dar&uuml;ber nicht gl&uuml;cklich waren. <\/p><p>Die m&auml;nnlichen Soldaten waren noch anwesend, als die Frauen mich durchsuchen wollten, aber ich machte ihnen klar, ich werde mich im Beisein der M&auml;nner nicht ausziehen. Sie haben mich nicht getreten, meine Rippen gebrochen oder mir ins Bein geschossen wie vielen anderen Aktivisten. Es ist sehr willk&uuml;rlich, wieso sie manche Aktivisten misshandeln und andere nicht. Es k&ouml;nnte mit ihrer Hautfarbe oder ihrer Nationalit&auml;t zu tun haben. Manche Soldaten und Polizisten sind gewaltt&auml;tiger als andere. Es ist schwer, vorauszusagen, was sie tun werden, weil sie unberechenbar handeln.<\/p><p>Ich finde, es ist wichtig zu betonen, dass wir uns in diese Situation begeben haben. Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, wir kommen nach wenigen Tagen frei. Aber Pal&auml;stinenser, ob sie eingesperrt werden oder nicht, wissen, es geht um ihre Existenz. Sie k&ouml;nnten jederzeit verhaftet, get&ouml;tet, gefoltert oder sogar vergewaltigt werden. Sie erleiden systematischen Missbrauch, aber niemand eilt ihnen zu Hilfe. Sie werden nicht daraus befreit und niemand zieht Israel zur Rechenschaft daf&uuml;r, was sie Pal&auml;stinensern antun.<\/p><p><strong>Welchen Methoden von mentaler Folter warst Du ausgesetzt?<\/strong><\/p><p>Sie haben mir allerlei Anschuldigen an den Kopf geworfen, etwa ob ich mich nicht sch&auml;me, an Bord der Flotilla zu sein. Im Gef&auml;ngnis gab es ein Problem mit dem Kopftuch, das ich trage, obwohl im Gef&auml;ngnis ein Schild hing, das die Rechte der Gefangenen in drei Sprachen erkl&auml;rte. Eines dieser Rechte beinhaltet das Recht auf Religionsfreiheit, aber die Leiterin des Shikma-Gef&auml;ngnisses sagte mir, ich darf mein Kopftuch nicht tragen. Sie drohte mir, mein Kopftuch mit Scheren zu zerschneiden. <\/p><p>Ich verstand wirklich nicht, worauf sie hinauswollte. Letztendlich konnte ich es zwar tragen, aber nicht wie &uuml;blich um meinen Hals binden. Vor Gericht habe ich dies auch angesprochen. Sowas ist intolerant und nicht nur, weil es mir passiert ist. Wenn diese Frau pal&auml;stinensische, muslimische Frauen genauso behandelt und sie keinerlei M&ouml;glichkeit haben, sich zu beklagen, werde ich meine Chance vor Gericht nutzen, um f&uuml;r sie zu sprechen. Ich w&uuml;rde nicht so weit gehen und es Folter nennen, aber meine Rechte wurden missachtet und es ist meine Pflicht, mich dar&uuml;ber zu beschweren.<\/p><p><strong>Wei&szlig;t Du, wieso die Rechte der Gefangenen dort noch auf Arabisch stehen, wenn man bedenkt, dass es zahlreiche Missbrauchsf&auml;lle an Pal&auml;stinensern in israelischen Gef&auml;ngnissen gibt?<\/strong><\/p><p>Arabisch ist eine offizielle Sprache in Israel, auch wenn sie seit dem Nationalstaatsgesetz 2018 nicht auf einer Stufe mit Hebr&auml;isch gestellt wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie dadurch zeigen wollen, &bdquo;das sind zwar eure Rechte, aber ihr habt nicht die Macht, sie zu erwirken&ldquo;. Israel hat das Internationale Rote Kreuz kein Gef&auml;ngnis seit dem 7. Oktober besuchen lassen, aber wenn internationale Organisationen wieder Zugriff kriegen, k&ouml;nnen sie ihnen zeigen, &bdquo;die Rechte stehen sogar an den W&auml;nden&ldquo;. Ob sie umgesetzt werden oder nicht, spielt keine Rolle.<\/p><p><strong>Wurdest Du vor dem israelischen Gericht gerecht behandelt?<\/strong><\/p><p>Es war eine Anh&ouml;rung &uuml;ber die Bedingungen meiner Freilassung und es war alles andere als fair. Es war illegaler Arrest und Verschleppung aus internationalen Gew&auml;ssern. Das ganze Verfahren ist rechtswidrig. Auf den Papieren, die ich f&uuml;r meine Freilassung unterzeichnen musste, stand, dass ich Gaza f&uuml;r 60 Tage nicht betreten darf, dass ich der Polizei Folge zu leisten habe, wenn sie mich zu einem Verh&ouml;r rufen, und sollte ich nicht kooperieren, muss ich f&uuml;nftausend Schekel zahlen.<\/p><p><strong>Wie hat Deine Konvertierung zum Islam Deinen Aktivismus beeinflusst?<\/strong><\/p><p>Ich war Aktivistin, bevor ich Muslima geworden bin. Den Islam anzunehmen, hat sich angef&uuml;hlt, als ob man nach Hause kommt. Besonders die Tatsache, dass Gerechtigkeit ein integraler Teil der Religion ist. Gerechtigkeit war mir pers&ouml;nlich immer wichtig und im Islam ist sie fest verankert. Es hat sehr gut zu meinem Drang gepasst, mich Ungerechtigkeit entgegenzustellen. Von einer bekannten &Uuml;berlieferung des Propheten Mohammed habe ich pers&ouml;nlich viel gelernt.<\/p><p>Konfrontiert mit Unrecht, musst du es mit deiner Hand stoppen. Wenn du es nicht mit deiner Hand stoppen kannst, so stoppe es mit deiner Zunge. Sprich gegen das Unrecht und wehre es mit der Wahrheit ab. Wenn du nicht mal reden kannst, musst du dir das Unrecht wenigstens mit deinen Augen anschauen. Du kannst nicht wegschauen. Wenn selbst das zu gef&auml;hrlich ist, musst du es im Herzen tragen, um nicht zu vergessen, dass dieses Unrecht existiert. Man kann zwar gegen das Unrecht beten, aber, so hei&szlig;t es, das ist der schw&auml;chste Weg, um Unrecht zu bek&auml;mpfen. Als Muslime ist es unsere Pflicht, zuallererst zu handeln. <\/p><p>Wenn mir Muslime begegnen, die sagen, &bdquo;aber wir k&ouml;nnen doch f&uuml;r Gaza beten&ldquo;, muss ich ehrlich sagen, es tut mir leid, das ist nicht der Islam, an den ich glaube. Ich glaube an einen Islam mit direkten Taten gegen Unrecht. Auf meiner vorherigen spirituellen Reise, bevor ich es &uuml;berhaupt in Erw&auml;gung zog, Muslima zu werden, bin ich Muslimen und Christen begegnet, die ihren Glauben ausgelebt haben und das hat einen Eindruck bei mir hinterlassen. Wenn man die Dinge, an die man glaubt, im eigenen Leben praktiziert, sch&ouml;pft man die Kraft zum Weitermachen. Wenn die Frage ist, wie der Islam meinen Aktivismus beeinflusst, er st&auml;rkt nur, was vorher schon vorhanden war.<\/p><p><strong>Was vereint all die verschiedenen Menschen an Bord der Global Sumud Flotilla?<\/strong><\/p><p>Der Drang unsere eigene Menschlichkeit zu bewahren. Ich denke, genau das ist unsere Botschaft. Wir sind normale Menschen, keine Helden. Wir sind keine au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Menschen. Jeder Mensch kann etwas unternehmen und das bedeutet nicht zwingend, dass jeder nach Gaza segeln muss. Trotzdem kann jeder mehr tun, um aus seiner Komfortzone zu kommen, sich der eigenen Furcht zu stellen, sich mit anderen Menschen zu vernetzen, um sich zu organisieren und gemeinsam die Todesmaschinerie zu stoppen.<\/p><p><strong>Wie hast du von der Bewegung erfahren?<\/strong><\/p><p>2009 bin ich mit etwa 14.000 anderen Aktivisten, die aus aller Welt kamen, nach Kairo gegangen, um an dem Freiheitsmarsch f&uuml;r Gaza teilzunehmen. In Kairo wurden wir zwar gestoppt und daran gehindert, Gaza zu erreichen, aber ich bin spanischen Aktivisten begegnet, die sp&auml;ter auf der ersten Flotilla 2010 sein werden. Anders als einige andere Aktivisten kehrten die spanischen Aktivisten an Nord der Marvi Marmara kehrten zur&uuml;ck. Ich fragte danach, auf dem n&auml;chsten Boot aus Spanien dabei zu sein. Seit 2012 wurde ich Teil der Organisation f&uuml;r die Flotillas. Damals waren es noch ein oder zwei Boote. Es war niemals so gro&szlig;, wie die Global Sumud Flotilla heute ist. Es war der Samen, der zu einem Baum herangewachsen ist. So wurde ich ein Teil der Flotilla Bewegung und inzwischen bin ich schon seit &uuml;ber 14 Jahren Mitglied.<\/p><p><strong>Wie hast du die T&ouml;tung der Aktivisten an Bord der Mavi Marmara erlebt?<\/strong><\/p><p>Es war ein Schock. Ich denke nicht, dass irgendjemand sowas kommen sehen hat. Fast genauso schlimm wie die Ermordungen ist die mediale Berichterstattung. So als ob Israel in Selbstverteidigung reagierte. F&uuml;r jene von uns, die die Opfer kannten und mit der Bewegung vertraut waren, war klar, dass die Gewalt nur von israelischer Seite ausging. Soldaten kamen an Bord kamen und erfuhren von den Aktivisten Widerstand. Sie wurden von den Aktivisten entwaffnet und warfen ihre Waffen ins Meer. Sie haben die Waffen, mit denen die Soldaten kamen, nicht gegen sie eingesetzt. Stattdessen haben sie diesen Soldaten medizinische Versorgung zukommen lassen. Als sie diese Soldaten zur&uuml;ckgeben wollten, wurde auf sie geschossen. Selbst als die israelische Armee gerade ihre Geiseln empfing, schossen sie auf die Aktivisten. Sie nahmen sogar die leben ihrer eigenen Leute in Kauf. Dasselbe konnten wir auch in Gaza beobachten, wo Gefangene durch ihre eigenen Streitkr&auml;fte get&ouml;tet wurden.<\/p><p><strong>Dir ist bewusst, dass es eine gef&auml;hrliche Reise ist. Was motiviert dich trotzdem weiterzumachen<\/strong>?<\/p><p>Weil es gef&auml;hrlicher ist, zuhause zu bleiben und nichts zu tun. Aus der Vergangenheit wissen wir, wenn wir schweigen w&auml;hrend andere Menschen Repressionen ausgesetzt sind und ihnen keine Solidarit&auml;t entgegenbringen, dass die selben Repressionen eines Tages auch uns treffen k&ouml;nnen. Es ist genau wie es in dem ber&uuml;hmten Gedicht Martin Niem&ouml;ller hei&szlig;t. Es ist nicht nur so, dass niemand f&uuml;r mich da sein wird, wenn sie mich holen kommen. Die Lehre dir wir von Niem&ouml;ller ziehen, ist nicht nur, dass wir allein und verfolgt sein werden, wenn wir nicht f&uuml;r andere einstehen. Sondern auch dass die Probleme f&uuml;r jeden von uns gr&ouml;&szlig;er werden, wenn wir jetzt nicht zusammenhalten.<\/p><p>Nat&uuml;rlich rechnen wir die Gefahren mit ein. Jede Seereise bringt potenzielle Gefahren mit sich. Wir haben erfahrene Kapit&auml;ne an Bord, die die Sicherheit der Boote gew&auml;hrleisten. Wir wissen von den m&ouml;glichen Gefahren, dass Israel Druck auf unsere Regierungen aufbaut, uns zu stoppen oder unsere Boote zu sabotieren. Nat&uuml;rlich gibt es auch die Gefahr, dass sie uns direkt attackieren werden, wie sie es bisher immer getan haben. Wir rechnen mit alldem und nachdem wir uns auf alle m&ouml;glichen Szenarien vorbereitet haben, trotzdem bleiben wie entschlossen uns diesen Gefahren gegen&uuml;berzustellen. Unsere Mission ist notwendig. Unsere Mission besteht darin, die genozidale Entit&auml;t zu konfrontieren und niemals ihre Praktiken zu akzeptieren.<\/p><p><strong>Wie werden die Mitglieder der Flotilla auf die Reise vorbereitet?<\/strong><\/p><p>Sie erhalten ein vielf&auml;ltiges Training. Deeskalationstraining. Medientraining.<\/p><p>Sicherheitstraining und vieles mehr. Es ist eine umfassende Vorbereitung f&uuml;r alles was passieren kann. Wir erkl&auml;ren den Teilnehmern, dass wir viel Zeit auf sehr engem Raum verbringen werden. Wir m&uuml;ssen zusammenleben, ein Badezimmer teilen, verschiedene Br&auml;uche und Sprachen respektieren. Es gibt viele Aufgaben, die erf&uuml;llt werden m&uuml;ssen. Jemand muss nachts Wache schieben und Ausschau vor Drohnen halten. F&uuml;r den Fall einer pl&ouml;tzlichen &Uuml;bernahme sind wir auch vorbereitet. Wir reden immer aus Erfahrung, aber betonen dabei auch, es kann sein, dass wir diesmal endlich Gaza erreichen.<\/p><p>Sie begegnen uns stets mit Gewalt, doch wir erwidern diese Gewalt nicht. Es gibt Menschen, die beim Training disqualifiziert werden, weil wir der &Uuml;berzeugung sind, dass sie nicht bereit sind oder Panikattacken erleiden k&ouml;nnen. Psychologisch kann das ganze sehr belastend f&uuml;r viele sein. Deshalb vollziehen wir das Training, um zu wissen, wie die Teilnehmer reagieren. Unsere Grenze besteht darin, keinen Widerstand zu leisten gegen den gewaltsamen Versuch uns zu stoppen. Wir glauben nicht, dass Widerstand in diesem Fall das Ziel der Mission voranbringt. Das ist eine strategische Entscheidung. Wir m&uuml;ssen sehen, dass die Teilnehmer diszipliniert mit der Situation umgehen. Deshalb trainieren wir sie mehrmals und f&uuml;hren Simulationen durch.<\/p><p><strong>Du bist mit einem Pal&auml;stinenser verheiratet. Hat dich seine Familie als Israeli akzeptiert?<\/strong><\/p><p>Ja, nat&uuml;rlich. Ich habe meinen Mann kennen gelernt, als wir beide beim Palestinian Museum of National History gearbeitet haben. Er hat mich eingeladen, seine Familie kennen zu lernen, lange bevor ich zum Islam konvertiert bin oder wir geheiratet haben. Ich kam als israelische J&uuml;din zu Besuch und sie haben mich herzlich empfangen. Wir haben &uuml;ber viele Dinge diskutiert. Sie haben mich als Mensch akzeptiert und heute behandeln sie mich wie ein Mitglied der Familie.<\/p><p><strong>Welche Diskriminierungen muss seine Familie verkraften?<\/strong><\/p><p>Die Pal&auml;stinenser im Westjordanland und besonders in Bethlehem oder den Fl&uuml;chtlingsheimen leben wie in einem wortw&ouml;rtlichen K&auml;fig. Sie d&uuml;rfen nicht &uuml;berall arbeiten, wo sie wollen. Selbst innerhalb des Westjordanlandes d&uuml;rfen sie sich nicht frei bewegen. Es gibt Checkpoints und willk&uuml;rliche Einschr&auml;nkungen, die bestimmen, wo sie hind&uuml;rfen. In ihren heiligen St&auml;tten wie der Al Aqsa-Moschee d&uuml;rfen sie nicht beten, weil sie keine Genehmigung erhalten. Sie sind wirtschaftlich eingeschr&auml;nkt und von Gesundheitsversorgung als auch Bildung abgeschnitten. Es ist sehr schwer f&uuml;r sie, trotzdem sagen sie, sie wollen sich nicht beschweren, weil in Gaza alles viel schlimmer ist. Auch im Westjordanland wird es jeden Tag schlimmer, weil sich die illegalen Siedlungen und die Armee immer weiter ausbreiten. Seit &uuml;ber 50 Jahren k&ouml;nnen Soldaten mitten in der Nacht in die H&auml;user von Pal&auml;stinenser st&uuml;rmen. Siedler k&ouml;nnen ungestraft Pal&auml;stinenser angreifen, ausrauben und lebendig verbrennen. Niemand h&auml;lt sie auf.<\/p><p><strong>Italien und Spanien haben Schiffe zum Schutz der Mannschaft entsandt. War das hilfreich?<\/strong><\/p><p>Dass andere L&auml;nder endlich Ma&szlig;nahmen gegen die Taten Israels ergreifen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Sie wollten Israel zeigen &ldquo;Ihr k&ouml;nnt diese Menschen nicht einfach ohne Konsequenzen t&ouml;ten.&rdquo; Dass sie umgekehrt sind und nicht pr&auml;sent zum Zeitpunkt der Entf&uuml;hrungen waren, bleibt trotzdem ein Akt der Mitschuld. Sie spendeten damit ein Signal: es ist nicht okay sie zu t&ouml;ten, aber sie aus internationalen Gew&auml;ssern zu entf&uuml;hren, in einem Gef&auml;ngnisschiff festzuhalten und schwer zu foltern, schon.<\/p><p><strong>Was w&auml;re der Plan, wenn ihr Gaza endlich erreicht?<\/strong><\/p><p>Ich bin keine offizielle Sprecherin der Bewegung aber als eine Person, die seit vielen Jahren versucht die Hungerblockade zu durchbrechen, sage ich, wir m&ouml;chten den Menschen aus Gaza, die isoliert vom Rest der Welt werden, zeigen, dass wir sie nicht vergessen. Uns ist bewusst, dass wir mit unseren beschr&auml;nkten Mitteln ihren Bedarf nicht decken k&ouml;nnen und es ist auch nicht unsere Aufgabe, sie zu retten. Indem wir Gaza mit ein paar Booten erreichen, beenden wir nicht die Hungerblockade, den V&ouml;lkermord und die Apartheid. Aber wir werden weiter segeln, bis Pal&auml;stina befreit ist.<\/p><p><strong>Was motiviert dich weiterzumachen, trotz dem ganzen schlimmen Nachrichten aus Gaza und dem Westjordanland?<\/strong><\/p><p>Es sind genau diese schlimmen Nachrichten, die mich motivieren. Pal&auml;stinenser leisten Widerstand, indem sie diese schrecklichen Realit&auml;ten seit Jahren durchleben. Wir k&ouml;nnen uns nicht erlauben, danebenzustehen und zuzusehen. Wir m&uuml;ssen handeln, um unsere Menschlichkeit zu bewahren. Auch glaube ich, dass wir alle die freie Entscheidung haben. Selbst die Besatzung und die Personen, die anderen Menschen sowas antun. Wir versuchen auch, ihre Menschlichkeit zu wecken. Wir versuchen sie zu erinnern, dass sie auch Menschen sind und dass sie nicht nur dabei sind, Pal&auml;stinenser zu zerst&ouml;ren, sondern auch sich selbst.<\/p><p><small>Titelbild: Freedom Flotilla Coalition\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Global Sumud Flotilla vereint die verschiedensten Menschen mit dem Ziel, Gaza zu erreichen. So auch die Menschenrechtsaktivistin Zohar Regev. Die geb&uuml;rtige Israeli ist langj&auml;hriges Mitglied der Bewegung und versucht seit &uuml;ber einem Jahrzehnt, die Hungerblockade Gazas zu durchbrechen. Die Anf&auml;nge der Global Sumud Flotilla hat sie miterlebt und wirkt inzwischen bei der Planung mit.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153508\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":153509,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-153508","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-das-kritische-tagebuch"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Zohar-Chamberlain-Regev_Freedom-Flotilla-Coalition.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153508","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=153508"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153508\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":153513,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153508\/revisions\/153513"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/153509"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=153508"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=153508"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=153508"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}