{"id":153543,"date":"2026-07-10T09:00:18","date_gmt":"2026-07-10T07:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153543"},"modified":"2026-07-10T09:48:25","modified_gmt":"2026-07-10T07:48:25","slug":"kein-weg-zurueck-aber-nach-vorn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153543","title":{"rendered":"Kein Weg zur\u00fcck \u2013 aber nach vorn"},"content":{"rendered":"<p>Vor Kurzem h&ouml;rte ich in einem Instagram-Video den Satz einer Aktivistin: &bdquo;We will never get our pre-Covid society back.&ldquo; (&bdquo;Wir werden die Gesellschaft, die wir vor Corona hatten, nie wieder zur&uuml;ckbekommen.&ldquo;) Der Satz h&auml;ngt mir seitdem nach, denn er machte mir klar, dass ich tats&auml;chlich &ndash; mit einem Teil meines Herzens &ndash; unausgesprochen immer noch hoffe, dass es ein &bdquo;Zur&uuml;ck&ldquo; gibt; dass wir ungeschehen machen k&ouml;nnen, aus der Welt schaffen k&ouml;nnen, was an Verletzungen (von Menschen) und Verwerfungen (der demokratischen Kultur) in diesen Jahren und den Jahren seitdem passiert ist. Aber es gibt keinen Weg zur&uuml;ck. Oder, wie der sch&ouml;ne Titel eines Thomas-Wolfe-Romans aus dem Jahr 1940 besagte: &bdquo;You Can&rsquo;t Go Home Again&ldquo;. Wie k&ouml;nnen wir mit dieser Situation standhaft umgehen? Eine Betrachtung von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVorab zur Klarstellung: Das ist eine andere Frage als die nach einer m&ouml;glichen Aufarbeitung der Corona-Zeit auf politischer und juristischer Ebene oder auch von Entschuldigungen und gesellschaftlicher Vers&ouml;hnung. Auf beides warten wir immer noch, wenn wir auch vielleicht nicht mehr darauf hoffen.<\/p><p>Es geht &uuml;berhaupt erstmal um die Akzeptanz dessen, was verlorengegangen ist. Und da ertappe ich mich dabei, dass ich der Zeit vor Corona nachh&auml;nge und vor allem nicht akzeptieren will, dass diese Welt eine vergangene ist; dass wir nicht zu ihr zur&uuml;ck k&ouml;nnen, sondern uns inzwischen in einer ganz anderen Realit&auml;t befinden. Ich glaube, psychologisch nennt man so etwas eine Anpassungsst&ouml;rung.<\/p><p>Und eine solche habe ich nicht nur in Bezug auf die negativen Entwicklungen in und seit der Corona-Zeit, was gesellschaftliches Klima, Spaltung, Meinungsfreiheit, Grundrechte und andere Aspekte angeht, sondern auch in Bezug auf viele andere Themen. Ich ertappe mich dabei, nicht akzeptieren zu wollen, was aus der Europ&auml;ischen Union geworden ist, was f&uuml;r Entscheidungen das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof teilweise treffen, was unsere f&uuml;hrenden Politiker sagen und entscheiden, was aus fr&uuml;her geliebten Medien wie der <em>S&uuml;ddeutschen<\/em> oder <em>DIE ZEIT<\/em> geworden ist, was aus meinem Bild von Israel geworden ist, von Deutschland, von meiner Idee (vielleicht immer irrig), dass wir als Nation aus unserer j&uuml;ngsten Vergangenheit gelernt haben.<\/p><p>Es f&auml;llt schwer, diese Bilder, diese Erinnerungen loszulassen. Vielleicht liegt es am Alter; vielleicht an einer Tr&auml;gheit der Seele, die nicht f&uuml;r die massiv beschleunigten Ver&auml;nderungen und Entwicklungen unserer modernen Welt gemacht ist. Intellektuell ist das alles gerade noch zu leisten (wenn auch mit Abstrichen). Emotional wirkt es manchmal schwer schaffbar.<\/p><p>Es ist auch etwas Gutes daran, diese Erinnerungen an Zeiten, Prinzipien, Regeln hochzuhalten, damit sie als Folie dienen k&ouml;nnen und im Vergleich offenlegen, wie sehr sich die Dinge zum Schlechteren ver&auml;ndert haben. Viele J&uuml;ngere haben solche Vergleiche ja gar nicht zur Hand, und umso leichter lassen sie sich in die Irre f&uuml;hren. Aber dieser Fokus auf das Vergangene und Verlorene, darauf, wie es &bdquo;eigentlich sein sollte&ldquo; und &bdquo;fr&uuml;her einmal war&ldquo;, hat doch etwas von einem Kampf gegen Windm&uuml;hlen. Es ist Nostalgie, ein Nicht-akzeptieren-Wollen, und diese l&auml;hmt und erm&uuml;det oft.<\/p><p>Wir schreiben hier auf den <em>NachDenkSeiten<\/em> viel &uuml;ber Themen, Fakten, Argumente. Aber heute m&ouml;chte ich einmal dar&uuml;ber schreiben, wie wir mit den vielen Ver&auml;nderungen und den massiven Verschlechterungen in den letzten Jahren in unserer politischen Kultur emotional umgehen.<\/p><p>Uns erreichen zahlreiche Briefe von Lesern und Leserinnen, die sinngem&auml;&szlig; schreiben: &bdquo;Ich sch&auml;tze Ihren Journalismus, Ihre Arbeit sehr, aber ich kann das manchmal alles nicht mehr lesen.&ldquo; Auch uns als Redakteuren und Autoren geht es teilweise so. Es ist bedr&uuml;ckend, die Entwicklungen zu dokumentieren, die immer nur in eine Richtung zu gehen scheinen: Es wird alles immer schlechter. Man ist ersch&ouml;pft von der Daueraufregung, dem Dauer&auml;rger, der Daueremp&ouml;rung. Und darum ist die Nostalgie dann so m&auml;chtig und der Wunsch, dass alles einfach wieder so wird wie fr&uuml;her.<\/p><p>Aber Akzeptanz kommt vor Besserung. Wir werden nicht zur&uuml;ckgehen k&ouml;nnen, es geht nur vorw&auml;rts. Aber woher holt man die Kraft f&uuml;r dieses Loslassen und das trotzdem Weitergehen?<\/p><p>Wir m&uuml;ssen uns weigern, so bitter zu werden wie die Zeiten, in denen wir leben. Denn der politische Kampf findet nicht nur im Au&szlig;en statt, durch Demonstrationen, Petitionen, Leserbriefe, Artikel, sondern auch im Inneren. Wenn wir innerlich ersch&ouml;pfen und aufgeben, haben wir schon verloren.<\/p><p>Ein erstes und wichtiges Hilfsmittel ist zun&auml;chst einmal, den Nachrichtenstrom radikal zu filtern, wenn wir merken, dass die Berichte uns in Ohnmacht und Mutlosigkeit treiben. Dann ist es Zeit f&uuml;r geistigen Selbstschutz, f&uuml;r Pausen, f&uuml;r Natur, Freude und sch&ouml;ne Dinge &ndash; f&uuml;r alles, was uns wieder st&auml;rkt.<\/p><p>Eine andere Methode des Selbstschutzes kann es sein, den &bdquo;Feind&ldquo; zu entpersonalisieren. Also, nicht die Menschen, die aus unserer Sicht das aktuell &bdquo;B&ouml;se&ldquo; tun, zu hassen, sondern das, was sie tun, die Energie, die in diesem Moment von ihnen Besitz ergreift, die Propaganda, der sie zu erliegen scheinen, die Schw&auml;che, der sie nachgeben. Wenn wir anfangen, die Menschen auf der &bdquo;Gegenseite&ldquo; zu hassen, haben wir den Kampf ja bereits verloren, weil wir uns auf dieselbe Stufe stellen wie die, die wir bek&auml;mpfen wollen. Der Ausweg hieraus ist immer Empathie.<\/p><p>Und wir m&uuml;ssen unseren Blick auf das Positive lenken. Es geschieht ja trotz allem auch so viel Gutes. Die aktuellen Zeiten legen viel menschliche Schw&auml;che und Boshaftigkeit offen, aber sie zeigen uns auch Menschen, die unglaubliche St&auml;rke, Resilienz und Integrit&auml;t zeigen, die gro&szlig;e berufliche und pers&ouml;nliche Opfer in Kauf nehmen, um sich Unrecht und Kriegsverbrechen entgegenstellen, um sich gegen ihre Regierungen aufzulehnen. Die Bewunderung f&uuml;r diese Menschen und die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r sie, seien es auch nur ein paar aufmunternde und anerkennende Worte, k&ouml;nnen f&uuml;r sie und uns wertvoll sein.<\/p><p>Man kann sich auch immer wieder auf das Private konzentrieren, f&uuml;r eine gewisse Zeit &ndash; auf Freundeskreis, Familie, die eigene (hoffentlich sch&ouml;ne) unmittelbare Umgebung. Das f&auml;llt einem politischen Menschen nat&uuml;rlich schwer, ist aber in diesen Zeiten dennoch eine energetische &Uuml;berlebenstaktik. Wir leben in Deutschland ja in der merkw&uuml;rdigen Situation, dass f&uuml;r politisch kritische und aufmerksame Menschen das Leid der Welt und die sehr negativen politischen Entwicklungen im eigenen Land parallel zu einer immer noch sehr gesicherten und vielfach sch&ouml;nen Welt im kleinen Rahmen laufen, wie auf der Ebene der eigenen Nachbarschaft, der Kommunen, D&ouml;rfer und St&auml;dte.<\/p><p>Wir leben in einer Zeit, in der die globale Vorherrschaft des Westens mehr und mehr schwindet, dabei aber im Abstiegskampf noch einmal alle seine negativsten Seiten hochgesp&uuml;lt und verst&auml;rkt werden (Kolonialismus, Ausbeutung, Totalitarismus, Kriege, Ungerechtigkeit, Zerst&ouml;rung, Verlogenheit). Und wir erleben das Ganze aus dem Inneren dieses Imperiums heraus. Und obwohl viele von uns nicht mit unseren Regierungen und Eliten &uuml;bereinstimmen, f&uuml;hlen wir uns machtlos, mitschuldig und sind nat&uuml;rlich auch in unserer Kritik und unseren &Auml;u&szlig;erungen dagegen immer mehr eingeschr&auml;nkt und Repressionen ausgesetzt. Das ist eine Situation, in der es schwerf&auml;llt, die Orientierung zu behalten. Der Blick raus aus den Echokammern des Westens hin zu Perspektiven und Analysen aus dem Globalen S&uuml;den, den Widerstandsbewegungen im Westen, den BRICS-Staaten kann sehr helfen, die immer wieder auftretende kognitive Dissonanz aufzul&ouml;sen.<\/p><p>Eine weitere wichtige Entscheidung ist es auch, wem wir unsere Energie geben wollen. Denn Aufmerksamkeit ist Energie. Und das, worauf wir Aufmerksamkeit richten, gewinnt dadurch an Energie und Bedeutung. Wir leben in einer Zeit, in der viele bekannte Institutionen zerbr&ouml;ckeln und sich selbst delegitimieren und Eliten ihre Schw&auml;che und Korruption offenlegen. Inmitten dieser Zerst&ouml;rung und Selbstzerst&ouml;rung der bekannten Machtstrukturen k&ouml;nnen wir unsere Energie st&auml;rker auf das richten, was kommen soll, was wir st&auml;rken und neu aufbauen wollen.<\/p><p>Das muntert auf, denn wir besch&auml;ftigen uns mit f&uuml;r uns positiven Dingen, und das st&auml;rkt auch die Ideen, Menschen und Strukturen, die f&uuml;r uns Teil einer positiveren Zukunft sein sollen.<\/p><p>So bauen wir Standhaftigkeit auf: Indem wir die Gegenwart akzeptieren und dennoch nicht mutlos werden und auch nicht aufgeben; indem wir uns nicht erlauben, zynisch zu werden &ndash; und auch nicht, uns im Hass zu verlieren. Sondern indem wir Mitgef&uuml;hl haben, mit uns und unseren Gegnern. Und uns in diesen harten Zeiten unsere Weichheit bewahren, uns erlauben, zu trauern &uuml;ber das, was verloren gegangen ist, und dann all unsere Energie zu b&uuml;ndeln, um inmitten der ganzen wackelnden und zusammenst&uuml;rzenden Bauten unseren Weg weiterzugehen.<\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/@esdesignisms?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Emma Simpson<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/fotos\/frau-geht-tagsuber-auf-dem-weg-mNGaaLeWEp0?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/5d3204cd4528424dafb994d5697557e1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem h&ouml;rte ich in einem Instagram-Video den Satz einer Aktivistin: &bdquo;We will never get our pre-Covid society back.&ldquo; (&bdquo;Wir werden die Gesellschaft, die wir vor Corona hatten, nie wieder zur&uuml;ckbekommen.&ldquo;) Der Satz h&auml;ngt mir seitdem nach, denn er machte mir klar, dass ich tats&auml;chlich &ndash; mit einem Teil meines Herzens &ndash; unausgesprochen immer noch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153543\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":153544,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,165,161],"tags":[2269,1221,2798],"class_list":["post-153543","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-konformitaetsdruck","tag-perspektivlosigkeit","tag-psychoanalyse"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/emma-simpson-mNGaaLeWEp0.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153543","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=153543"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153543\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":153556,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153543\/revisions\/153556"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/153544"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=153543"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=153543"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=153543"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}