{"id":15361,"date":"2012-12-04T11:22:01","date_gmt":"2012-12-04T10:22:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15361"},"modified":"2019-03-02T12:05:37","modified_gmt":"2019-03-02T11:05:37","slug":"eine-sehr-gute-erklarung-der-eurokrise-von-heiner-flassbeck-und-ein-pladoyer-fur-eine-grose-politische-kraftanstrengung-der-schuldnerstaaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15361","title":{"rendered":"Eine sehr gute Erkl\u00e4rung der Eurokrise von Heiner Flassbeck und ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine gro\u00dfe politische Kraftanstrengung der Schuldnerstaaten"},"content":{"rendered":"<p>Heiner Flassbeck erkl&auml;rt unter dem Eindruck von Gespr&auml;chen in Griechenland und im Blick auf das Einknicken Frankreichs im folgenden Text f&uuml;r die NDS, warum die Diskussion um die Fehler der Schuldnerstaaten in die Irre f&uuml;hrt, und dass die Neigung vieler Menschen, den sprichw&ouml;rtlichen Elefanten im Porzellanladen systematisch zu &uuml;bersehen und sich lieber dem Flicken der zerbrochenen Tassen hinzugeben, abwegig und nicht zielf&uuml;hrend ist. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHier sein Text: <\/p><p><strong>Keine Rosen aus Athen<\/strong><\/p><p>Die Diskussion um eigene Fehler, Realpolitik und &bdquo;notwendige Reformen&ldquo; f&uuml;hrt in die Irre &ndash; in Griechenland wie anderswo<\/p><p>von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong><\/p><p>F&uuml;r NDS<\/p><p>Ich war vergangene Woche eingeladen, in Athen mit griechischen Politikern und Experten die europ&auml;ische und die griechische Lage zu diskutieren. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, erf&auml;hrt man weniger Neues &uuml;ber die Lage als solche, denn &uuml;ber die Gem&uuml;tslage im Lande und die auch dort herrschenden Vorurteile. Die Neigung, die Ursachen f&uuml;r die Krise des Euro im eigenen Land zu verorten, ist in Athen genauso ausgepr&auml;gt wie in den anderen &bdquo;betroffenen&ldquo; s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern einschlie&szlig;lich Frankreichs. <\/p><p>Es ist offensichtlich so, dass man allen Menschen schon mit der Muttermilch eintrichtert, dass Schulden per se schlecht sind und folglich der Schuldner immer schuld an der Krise ist. Das war in allen Finanzkrisen der Vergangenheit der Fall und wird jetzt auch in der Eurokrise durchexerziert. Weil daran fast alle &ndash; au&szlig;er ein paar &Ouml;konomen, denen gesamtwirtschaftliche Zusammenh&auml;nge gel&auml;ufig sind, &ndash; fest glauben, ist es praktisch unm&ouml;glich, ein politische Gegenbewegung zustande zu bringen, die diesen Kinderglauben zertr&uuml;mmert.<\/p><p>Der Schuldner ist schuld! Das ist der oberste Lehrsatz der Konfusion. Wie im &bdquo;richtigen (mikro&ouml;konomischen) Leben&ldquo; muss es doch so sein, dass derjenige, der &uuml;ber seinen Verh&auml;ltnissen gelebt hat, genau daf&uuml;r die Schuld tr&auml;gt. Das stimmt auch h&auml;ufig bei Einzelhaushalten und bei einzelnen Unternehmen, das stimmt beim Staat schon meistens nicht mehr und es ist als stehendes Vorurteil im Verh&auml;ltnis von Staaten untereinander gef&auml;hrlicher Unsinn. Ein Staat als Ganzes kann beispielsweise keine Verantwortung daf&uuml;r unternehmen, dass unter dem auf europ&auml;ischer Ebene festgeschriebenen Schutz der Freiheit des G&uuml;ter- und Kapitalverkehrs ein anderer Staat seine politische Macht dazu einsetzt, die Arbeiter im eigenen Land zu zwingen (oder zu &bdquo;motivieren&ldquo;), auf Lohnsteigerungen zu verzichten, die von der wirtschaftlichen Lage (der Produktivit&auml;t) her durchaus gerechtfertigt w&auml;ren. <\/p><p>Die sich daraus ergebenden Preissenkungen des auf Lohnsenkung setzenden Staates f&uuml;hren in der Folge aber zu Preissenkungen f&uuml;r dessen Produkte, die auch Menschen in anderen Staaten dazu bewegen, diese Produkte statt ihrer eigenen zu kaufen. &Uuml;ber die Zeit und in vollkommener Anonymit&auml;t f&uuml;hrt das dazu, dass der Staat als Ganzes zum Schuldner wird. Die Kredite, die f&uuml;r die Importe aus dem Gl&auml;ubigerstaat gebraucht werden, gew&auml;hren die Banken (des Gl&auml;ubigerstaates unter anderen) gro&szlig;z&uuml;gig, jedenfalls so lange keine allgemeine Finanz- oder Bankenpanik ausgebrochen ist. Kommt hinzu, dass die beiden Staaten Mitglied in einer W&auml;hrungsunion sind und sich auf eine bestimmte, von allen zu erreichende Inflationsrate geeinigt haben, die der Gl&auml;ubigerstaat &uuml;ber viele Jahre schlicht ignoriert und unterbietet, ist die einseitige Schuldzuweisung an den Schuldner falsch, dumm und gef&auml;hrlich.<\/p><p>Dass in den Gl&auml;ubigerstaaten eine solche Sicht der Dinge vorherrscht, ist nicht weiter verwunderlich, sonnt man sich doch gerne in der eigenen Gr&ouml;&szlig;e und bewundert seine eigene Gro&szlig;herzigkeit, mit der man den Schuldnern eine letzte Chance gibt. Auch spielt man mit Vorliebe den gestrengen Lehrer, wenn man den Schuldnern in die Feder diktiert, was sie in den n&auml;chsten zehn Jahren zu tun und zu lassen haben. <\/p><p>Genau dieser absurden Schuldzuweisung reden aber von vorneherein auch all diejenigen das Wort, die &ndash; oft sogar in gro&szlig;er emotionaler N&auml;he zu den Schuldnerstaaten &ndash; dort auf die Suche nach &bdquo;Schuldenexzessen&ldquo; gehen, die immer irgendwelche Laxheiten in der &ouml;ffentlichen Verwaltung finden, Korruption gar oder eine generelle &bdquo;s&uuml;dl&auml;ndische&ldquo; Mentalit&auml;t, die wir zwar im Urlaub lieben, die aber doch der &bdquo;harten wirtschaftlichen Wirklichkeit&ldquo; nicht gerecht wird. Auch innerhalb der Schuldnerl&auml;nder finden sich beliebig viele wichtige Menschen, die schon immer wussten, dass es kein gutes Ende nehmen wird, weil man am Ende nicht mit den Deutschen mithalten kann. <\/p><p>All die Probleme, die man bei solchen &bdquo;Analysen&ldquo; findet, gibt es vermutlich, sie haben aber nichts, absolut gar nichts mit der Eurokrise zu tun. Diese Aussage klingt hart, ist jedoch keine &Uuml;bertreibung. Wenn das gr&ouml;&szlig;te Land in der Eurozone gegen die zentrale gemeinsam vereinbarte Regel zur Inflationskonvergenz verst&ouml;&szlig;t und auf diese Weise die anderen L&auml;nder wirtschaftlich an die Wand dr&auml;ngt, kann auch die effizienteste Volkswirtschaft nicht ohne gewaltigen Schaden davonkommen. Das beste Beispiel ist Frankreich. Frankreich hat sich als so ziemlich einziges Land der entscheidenden Regel der W&auml;hrungsunion entsprechend verhalten und befindet sich jetzt doch in der gleichen Zwickm&uuml;hle wie alle anderen Schuldner, weil auch dort die Politiker nicht verstehen oder wahrhaben wollen, dass ein Land wie Deutschland, das in einer W&auml;hrungsunion mit Gewalt seine Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessert, der eigentlich Schuldige ist. So sind alle, die, ganz gleich ob gut meinend oder mit b&ouml;ser Absicht, die letzten Ecken in den Schuldnerl&auml;ndern auskehren, um noch ein Staubkorn zu finden, von vorneherein auf dem vollkommen falschen Trip. Sie alle betreiben das Gesch&auml;ft der Schuldzuweisung durch den Gl&auml;ubigerstaat und richten damit dauerhaften politischen Schaden an. <\/p><p>Deutschland hat, die Feiern dieser Tage zu einem &bdquo;endlich schuldenfreien Staatshaushalt&ldquo; beweisen es erneut, kein wirtschaftspolitisches Konzept, das mit einer W&auml;hrungsunion kompatibel w&auml;re. Nun sparen in Deutschland alle drei gro&szlig;en Sektoren: Haushalte Unternehmen und der Staat. Bravo! Das Ausland allein &uuml;bernimmt den Part des Schuldners, und damit den Part dessen, der daf&uuml;r sorgt, dass die deutschen Ersparnisse nicht sofort zu einem Kollaps der deutschen Wirtschaft mangels Nachfrage f&uuml;hren. Auch im n&auml;chsten und in den Folgejahren hoffen wir laut allen Prognosen auf eine solche &bdquo;Arbeitsteilung&ldquo;. Wir, die guten Gl&auml;ubiger, die anderen, die b&ouml;sen Schuldner. Der Krug, sagt man, geht zum Brunnen bis er bricht. Der deutsche Sparwahn wird nicht mehr lange gehen. Die europ&auml;ischen Schuldner sind in tiefen Rezessionen gefangen und im Rest der Welt gibt es auch keinen &bdquo;Defizitappetit&ldquo; mehr.  <\/p><p>Machen wir uns aber nichts vor: Wegen des dominanten einzelwirtschaftlichen Denkens in der Politik und der Macht des Gl&auml;ubigers in der Krise ist ein neuer Ansatz nicht leicht in die Welt zu setzen. Erschwerend ist die Neigung vieler Menschen, den sprichw&ouml;rtlichen Elefanten im Porzellanladen systematisch zu &uuml;bersehen und sich lieber dem Flicken der zerbrochenen Tassen hinzugeben. Folglich braucht es eine gro&szlig;e politische Kraftanstrengung aller Schuldnerstaaten, um das Konzept zur Bek&auml;mpfung der Krise vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e zu stellen. Das kann aber nur gelingen, wenn die Einsichtigen und Weitsichtigen in Deutschland ein solches Konzept aktiv unterst&uuml;tzen. Fast noch wichtiger ist es, dass all diejenigen, die scheinbar mitf&uuml;hlend und aus Solidarit&auml;t versuchen, den Schuldnern bei der nationalen &Uuml;berwindung der Krise zu helfen, diese &bdquo;Hilfe&ldquo; sofort einstellen, weil sie nichts anderes tun, als den Irrweg der &bdquo;Schuldnerreinigung&ldquo; fest zu stampfen, anstatt die Bagger zu holen und diesen Weg ein f&uuml;r allemal auszuradieren.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiner Flassbeck erkl&auml;rt unter dem Eindruck von Gespr&auml;chen in Griechenland und im Blick auf das Einknicken Frankreichs im folgenden Text f&uuml;r die NDS, warum die Diskussion um die Fehler der Schuldnerstaaten in die Irre f&uuml;hrt, und dass die Neigung vieler Menschen, den sprichw&ouml;rtlichen Elefanten im Porzellanladen systematisch zu &uuml;bersehen und sich lieber dem Flicken der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15361\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,139,157],"tags":[499],"class_list":["post-15361","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-handelsbilanz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15361","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15361"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15361\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49734,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15361\/revisions\/49734"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15361"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}