{"id":153667,"date":"2026-07-14T09:00:32","date_gmt":"2026-07-14T07:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153667"},"modified":"2026-07-14T09:23:45","modified_gmt":"2026-07-14T07:23:45","slug":"kai-wegner-aufstieg-und-fall-eines-ueberforderten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153667","title":{"rendered":"Kai Wegner: Aufstieg und Fall eines \u00dcberforderten"},"content":{"rendered":"<p>Zum Schluss ging dann alles ziemlich schnell. Berlins Regierender B&uuml;rgermeister Kai Wegner (CDU) musste am Freitag auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz nach immer neuen Berichten &uuml;ber sein dubioses Agieren w&auml;hrend des <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/rekonstruktion-eines-absturzes-kai-wegners-dramatische-72-stunden-vor-dem-ruckzug-15828930.html\">gr&ouml;&szlig;ten Stromausfalls der Berliner Nachkriegsgeschichte am 3. Januar<\/a> und seinen immer hilfloseren Erkl&auml;rungs- und Rechtfertigungsversuchen &ndash; die sich teilweise hart an der Grenze zur Falschaussage bewegten &ndash; seinen sofortigen R&uuml;cktritt von der erneuten Spitzenkandidatur f&uuml;r die Abgeordnetenhauswahlen am 20. September und vom CDU-Landesvorsitz verk&uuml;nden. Als &bdquo;lame duck&ldquo; wird er noch bis zur Wahl eines Nachfolgers als Regierender B&uuml;rgermeister amtieren. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAus dem schon l&auml;nger vernehmlichen Grummeln innerhalb der Berliner CDU war mittlerweile nackte Panik geworden, denn in den letzten Umfragen zur Berliner Wahl rangierte die CDU mit 17 Prozent nur noch auf Platz 4 hinter den Linken, den Gr&uuml;nen und der AfD. Bei den letzten Wahlen im Februar 2023 hatte Wegner f&uuml;r die CDU mit 28,2 Prozent und einem Zuwachs um 10,2 Prozent noch einen triumphalen Wahlsieg errungen, der schlie&szlig;lich zu einer von ihm gef&uuml;hrten Koalition mit der deutlich gerupften SPD f&uuml;hrte.<\/p><p>Wegner war f&uuml;r die CDU der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt. Die rot-rot-gr&uuml;ne Vorg&auml;ngerregierung unter Franziska Giffey hatte sich mittels &ouml;ffentlicher Grabenk&auml;mpfe erkennbar zerlegt und zudem die Verantwortung f&uuml;r das <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/berlin-wahl-abgeordnetenhaus-100.html\">Berliner Wahlpannendesaster vom September 2021<\/a> im Gep&auml;ck. Wegner lie&szlig; sich gut als Gegenmodell zu den &bdquo;abgehobenen rot-rot-gr&uuml;nen Versagern&ldquo; pr&auml;sentieren. Sozusagen &bdquo;einer von uns&ldquo;, aufgewachsen in Berlin-Spandau, Realschulabschluss, Wehrdienst, Ausbildung zum Versicherungskaufmann, Berufst&auml;tigkeit in dieser Branche und sp&auml;ter in der mittelst&auml;ndischen Bauwirtschaft.<\/p><p><strong>Ein Mann will nach oben<\/strong><\/p><p>Seine politische Ochsentour begann 1989, als er mit 17 Jahren in die CDU und die Junge Union eintrat. Es folgten verschiedene &Auml;mter auf unteren Ebenen, etwa Landesvorsitzender der Berliner Sch&uuml;ler Union und Kreisvorsitzender der Jungen Union. 1995 zog er f&uuml;r die CDU in die Spandauer Bezirksverordnetenversammlung ein, 1999 ins Berliner Abgeordnetenhaus, wo er zum wirtschaftspolitischen Sprecher und stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden avancierte. 2005 wechselte Wegner in den Deutschen Bundestag, wo er unter anderem als Vorsitzender der Landesgruppe Berlin der Unions-Fraktion agierte.<\/p><p>Sein Berliner Netzwerk pflegte er emsig weiter: als Kreisvorsitzender der Spandauer CDU und von 2011 bis 2016 als Generalsekret&auml;r der CDU Berlin. 2019 wurde Wegner zum Landesvorsitzenden der seinerzeit ziemlich zerr&uuml;tteten Berliner CDU gew&auml;hlt. 2021 trat Kai Wegner erfolgreich bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus an und legte daraufhin sein Bundestagsmandat nieder. Er wurde Vorsitzender der CDU-Fraktion. Somit war auch klar, dass er bei der Wiederholungswahl 2023 zum Spitzenkandidaten gek&uuml;rt w&uuml;rde.<\/p><p>Mit seinem Wahlprogramm bediente er die Befindlichkeiten vieler Berliner au&szlig;erhalb der Hipster-Quartiere: Verkehrsplanung wieder st&auml;rker an Autofahrern orientieren, funktionierende B&uuml;rger&auml;mter, Sicherheit und Ordnung, hartes Durchgreifen gegen Clan- und andere Kriminalit&auml;t , bessere Schulen, mehr Kita-Pl&auml;tze, mehr Wirtschaftsf&ouml;rderung, weniger B&uuml;rokratie, forcierter Wohnungsbau. Aber f&uuml;r die &bdquo;Anderen&ldquo; sollte es auch etwas geben: Ausbau des &Ouml;PNV, auch ein paar Fahrradschnellwege, F&ouml;rderung einer vielf&auml;ltigen Kulturlandschaft, Diversit&auml;t, mehr Integrationsangebote f&uuml;r Zuwanderer, weitere Schritte zur Klimaneutralit&auml;t usw. Zusammengefasst in dem Motto: &bdquo;Berlin, w&auml;hl dich neu. Berlin, w&auml;hl CDU&ldquo;.<\/p><p>Dann sollte man mal schauen, was der von der CDU zum &bdquo;Macher-Messias&rdquo; &uuml;berh&ouml;hte Kai Wegner eigentlich auf die Reihe bekommen hat &ndash; und was nicht. Vorweg: Man kann dem Wegner-Senat bescheinigen, dass er im Vergleich zur &bdquo;rot-rot-gr&uuml;nen&rdquo; Vorg&auml;ngerregierung recht ger&auml;uschlos agierte. Also kaum Durchstechereien und Attacken aus dem Hinterhalt. Bei seiner Personalauswahl hatte Wegner allerdings nicht immer ein gl&uuml;ckliches H&auml;ndchen. Mit Manja Schreiner hatte er einer nahezu militanten Autolobbyistin und Fahrradhasserin das Verkehrsressort &uuml;bergeben. Dass Schreiner nach der Aberkennung ihres Doktortitels von ihrem Amt zur&uuml;cktrat, d&uuml;rfte auch bei Wegner f&uuml;r Erleichterung gesorgt haben. Als v&ouml;llige Fehlbesetzung erwies sich auch Kultursenator Joe Chialo, der eigentlich nur mit substanzlosen Dampfplaudereien auffiel. Nach seinem R&uuml;cktritt &uuml;bernahm Sarah Wedl-Wilson, vormals Rektorin an der Berliner Hochschule f&uuml;r Musik &bdquo;Hanns Eisler&ldquo;, im Mai 2025 das Amt. Doch auch sie musste ein knappes Jahr sp&auml;ter zur&uuml;cktreten &ndash; aufgrund ihrer Verstrickung in eine F&ouml;rdergeldaff&auml;re, die <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2026\/07\/staatsanwaltschaft-ermittlungen-sarah-wedl-wilson.html\">an beste CDU-Filz-Zeiten erinnert<\/a>.<\/p><p><strong>B&uuml;rger&auml;mter Top, der Rest Flop<\/strong><\/p><p>Aber zur&uuml;ck zu den gro&szlig;en Pl&auml;nen. Eindeutig auf Wegners Habenseite ist die erfolgreiche Reorganisation der B&uuml;rger&auml;mter, die Wegner auch zur &bdquo;Chefsache&ldquo; erkl&auml;rt hatte. Die jahrelangen Nervereien mit der Terminvergabe, die etwa f&uuml;r die Ausstellung eines neuen Personalausweises mehrere Wochen oder gar Monate in Anspruch nahmen, sind vorbei. Auch bei der gro&szlig;en Verwaltungsreform, mit der vor allem das dysfunktionale System unklarer bzw. doppelter Zust&auml;ndigkeiten des Landes Berlins und der Bezirke (&bdquo;Beh&ouml;rden-Ping-Pong&ldquo;) entwirrt und neu geordnet wird, sind Fortschritte erzielt worden.<\/p><p>Immerhin, aber was ist mit dem ganzen &bdquo;Rest&ldquo;? Da sieht die Bilanz &auml;u&szlig;erst mager aus, wobei man fairerweise sagen muss, dass es dabei teilweise um Altlasten aus mehreren Jahrzehnten falscher Politik geht, die nicht mal eben beseitigt werden k&ouml;nnen. Aber eine entsprechende Planung h&auml;tte dieser Senat in der Tat liefern m&uuml;ssen.<\/p><p>Das betrifft die gesamte Infrastruktur. Viele Br&uuml;cken sind so marode, dass sie teilweise oder ganz abgerissen und neu gebaut werden m&uuml;ssen. Darunter mehrere zentrale Verkehrsachsen wie die Westendbr&uuml;cke, die Ringbahnbr&uuml;cke am Funkturm, die Rudolf-Wissel-Br&uuml;cke (geh&ouml;ren alle zur A100), die M&uuml;hlendammbr&uuml;cke und die Elsenbr&uuml;cke. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Insgesamt m&uuml;ssen bis 2040 rund 180 Br&uuml;cken grundsaniert oder abgerissen werden. Eine schl&uuml;ssige Planung daf&uuml;r hat der Senat nicht vorgelegt, weder die Bauarbeiten noch die Verkehrslenkung betreffend. Auf der anderen Seite wurde der Ausbauabschnitt der A100 nach Treptow fertiggestellt und er&ouml;ffnet &ndash; und sorgt seitdem f&uuml;r ein andauerndes Verkehrschaos in den anliegenden Stra&szlig;en. Entsprechende Warnungen hat der Senat ignoriert.<\/p><p>Der marode Zustand des &Ouml;ffentlichen Personennahverkehrs (&Ouml;PNV) ist l&auml;ngst zum Dauer&auml;rgernis geworden. Busse bleiben gerade im Umfeld von Bauarbeiten im Stau stecken, die Sanierungen bei der S- und U-Bahn verlaufen im Schneckentempo, Zugausf&auml;lle und drastische Versp&auml;tungen sind an der Tagesordnung, und auch hier fehlt ein belastbarer Planungshorizont. Eingedampft bzw. auf Eis gelegt wurden aufgrund der Haushaltslage auch Ausbauprojekte f&uuml;r U-Bahn- und Tramlinien sowie die meisten Fahrradschnellwege.<\/p><p>Und wie war das noch mal mit dem im Wahlprogramm beschworenen &bdquo;Wissenschaftsstandort Berlin&ldquo;? Den seit Jahren bekannten enormen Sanierungsbedarf bei den Hochschulen hat der Senat sehenden Auges weitgehend ausgesessen. Und auch hier ist die spektakul&auml;re Schlie&szlig;ung des bauf&auml;lligen TU-Hauptgeb&auml;udes <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/nach-hauptgebaude-und-bibliothek-noch-ein-weiteres-gebaude-der-tu-berlin-gesperrt-15711191.html\">nur die Spitze des Eisbergs<\/a>. Der Sanierungsbedarf bei Hochschulgeb&auml;uden wird auf bis zu zehn Milliarden Euro beziffert. Der eigentlich f&uuml;r 2027 geplante Umzug der aus allen N&auml;hten platzenden Hochschule f&uuml;r Technik (BHT) in das Terminal A des ehemaligen Flughafens Tegel ist aufgrund von Finanzierungsproblemen auf Ende 2035 verschoben worden. Und auch das d&uuml;rfte kaum realisierbar sein. An den Schulen sieht es nicht viel besser aus. Der Senat hat weder den Lehrermangel noch den Sanierungsstau in den Griff bekommen. Die Schulabbrecherquote ist in der &bdquo;&Auml;ra Wegner&ldquo; berlinweit gestiegen, auf 8,7 Prozent des Jahrgangs 2025. In Wegners Heimatbezirk Spandau sogar auf 12,9 Prozent.<\/p><p><strong>Ein B&uuml;rgermeister zum Vergessen<\/strong><\/p><p>Versagt hat dieser Senat auch bei der Bek&auml;mpfung der Wohnraumversorgungskrise. Im Bestand hat er nicht mal seine ohnehin beschr&auml;nkten M&ouml;glichkeiten zur wenigstens partiellen Eind&auml;mmung der Mietpreisexplosion genutzt. Und die eigentlich per Volksentscheid beschlossene Vergesellschaftung der Best&auml;nde gro&szlig;er privater Wohnungskonzerne &ndash; immerhin 220.000 Wohnungen &ndash; hat Wegner stets rigoros abgelehnt. Aber auch die Neubauziele wurden deutlich verfehlt. Die Wohnraumkrise nimmt in der Hauptstadt immer dramatischere Formen an. Die Zahl der offiziell als wohnungslos registrierten Menschen ist auf 56.000 gestiegen und wird laut Senat bis 2030 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137140\">auf rund 100.000 steigen<\/a>. Dazu passt, dass die Armutsquote in Berlin in der &bdquo;&Auml;ra Wegner&rdquo; auf 18,7 Prozent der Bev&ouml;lkerung gestiegen ist.<\/p><p>Zu den Hinterlassenschaften, die dieser Senat der folgenden Regierung beschert, geh&ouml;rt ein &bdquo;Sparhaushalt&ldquo; f&uuml;r 2027, der massive K&uuml;rzungen u.a. in der sozialen Infrastruktur, in der Kultur, beim Klimaschutz und &ndash; man glaubt es kaum &ndash; bei den ohnehin einsturzgef&auml;hrdeten Hochschulen vorsieht. Auf der anderen Seite profilierte sich Wegner in den vergangenen Monaten als gl&uuml;hender Streiter f&uuml;r eine Bewerbung um die Ausrichtung Olympischer Spiele in Berlin. Und weil die Stadt so gro&szlig;artig ist, soll auch noch die Weltausstellung EXPO geholt werden.<\/p><p>Gr&uuml;nde, an Wegners Eignung f&uuml;r seinen Job als Regierender B&uuml;rgermeister erhebliche Zweifel zu hegen, gab und gibt es also genug. Doch das alles h&auml;tte seine erneute Kandidatur wohl nicht infrage gestellt. Aber dass sich der Regierende B&uuml;rgermeister am Morgen nach dem Stromausfall im S&uuml;dosten Berlins, der 45.000 Haushalte tagelang von der Strom-, Wasser- und W&auml;rmeversorgung abschnitt, einen eher entspannten Tag &ndash; inklusive Tennismatch mit seiner Lebensgef&auml;hrtin &ndash; g&ouml;nnte und sp&auml;ter diverse Telefonate zur &bdquo;Krisenkoordination&ldquo; erfand &ndash; das war f&uuml;r seine Partei dann doch zu viel. Das ist kein Grund zum Jubeln, denn sein designierter Nachfolger Stefan Evers w&uuml;rde in so einer Situation wahrscheinlich nicht Tennis spielen oder irgendwelche Telefonate erfinden. Doch politisch stehen die beiden auf einer Linie. Mal abwarten, wie das die W&auml;hler im September sehen.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; Senatskanzlei\/Yves Sucksdorff<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/3cc7c30ec6be482ca2d637fa3d74229f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schluss ging dann alles ziemlich schnell. Berlins Regierender B&uuml;rgermeister Kai Wegner (CDU) musste am Freitag auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz nach immer neuen Berichten &uuml;ber sein dubioses Agieren w&auml;hrend des <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/rekonstruktion-eines-absturzes-kai-wegners-dramatische-72-stunden-vor-dem-ruckzug-15828930.html\">gr&ouml;&szlig;ten Stromausfalls der Berliner Nachkriegsgeschichte am 3. 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