{"id":15372,"date":"2012-12-05T15:43:39","date_gmt":"2012-12-05T14:43:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15372"},"modified":"2015-05-10T11:48:07","modified_gmt":"2015-05-10T09:48:07","slug":"schadensersatz-fur-lohndrucker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15372","title":{"rendered":"Schadensersatz f\u00fcr Lohndr\u00fccker?"},"content":{"rendered":"<p>Vor nunmehr f&uuml;nf Jahren f&uuml;hrte die Bundesregierung den Mindestlohn f&uuml;r Briefzusteller ein. Anfang 2010 wurde das Gesetz jedoch aus formalen Gr&uuml;nden vom Bundesverwaltungsgericht wieder <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4484\">gekippt<\/a>. Gestern <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/schadenersatz-fuer-mindestlohn-pin-gegen-die-bundesrepublik-1.1541629\">reichte<\/a> der ehemals gr&ouml;&szlig;te Konkurrent der Deutschen Post AG, die Pin Mail, Schadensersatzklage gegen die Bundesrepublik Deutschland ein. Es geht um f&uuml;nf Millionen Euro, die Differenz zwischen dem Mindestlohn und dem Niedriglohn der Pin Mail. In einer gerechteren Welt w&uuml;rden nicht Lohndr&uuml;cker die Bundesregierung verklagen, sondern von Berlin verklagt werden. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDas Auftauchen sogenannter privater Briefdienstleiter ist wohl eines der groteskesten Beispiele der Sinnlosigkeit der Privatisierungspolitik. Private Unternehmen, so die neoliberale Ideologie, seien effizienter und bereicherten die Gesellschaft durch zahlreiche Innovationen. Die einzige Innovation, die von den Konkurrenten der Deutschen Post AG umgesetzt wurde, war es, dass man nun seine Briefe bei einem Kleingewerbetreibenden abgeben kann, anstatt sie in einen Briefkasten zu schmei&szlig;en. Die Welt hat, vorsichtig ausgedr&uuml;ckt, schon gr&ouml;&szlig;ere Innovationen gesehen. Warum es volkswirtschaftlich effizienter sein soll, wenn drei Brieftr&auml;ger mit einer Karre, die jeweils zu einem Drittel gef&uuml;llt ist, die Stra&szlig;en entlang gehen, als wenn ein Brieftr&auml;ger den gleichen Weg mit einer vollen Karre geht, erschlie&szlig;t sich wohl auch nur neoliberalen Ideologen. Ohne die M&ouml;glichkeit, die Lohnkosten der Mitarbeiter zu dr&uuml;cken, h&auml;tte die private Briefzustellung auch betriebswirtschaftlich keine Daseinsberechtigung.  <\/p><p>Vor der vor&uuml;bergehenden Einf&uuml;hrung des Mindestlohns f&uuml;r Briefzusteller war die Branche ein Dorado f&uuml;r Lohndr&uuml;cker. Stundenl&ouml;hne von 5,50 Euro waren keine <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!52807\/\">Seltenheit<\/a>, der durchschnittliche Stundenlohn lag bei <a href=\"http:\/\/www.post-und-telekommunikation.de\/PuT\/1Fundus\/Dokumente\/BNetzA_WIK-Studie_Arbeitsbedingungen_BDL_10235.pdf\">7,94 Euro [PDF &ndash; 2.4 MB]<\/a> um damit um stolze 42% unter den Durchschnittsl&ouml;hnen der Briefzusteller der Deutschen Post AG. Nach Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns von 9,80 Euro meldeten zahlreiche Briefdienstleister Insolvenz an, von den Gro&szlig;en &uuml;berlebten nur die Pin Mail und der niederl&auml;ndische Anbieter TNT, die beide bereits wenige Tage nachdem das Bundesverwaltungsgericht den Mindestlohn gekippt hat, wieder zu ihren alten Hungerl&ouml;hnen zur&uuml;ckkehrten. Fr&uuml;her geh&ouml;rte Pin Mail den Verlagen Axel Springer, WAZ-Gruppe und Holtzbrinck, die ihr betriebswirtschaftliches Engagement im Niedriglohnsektor durch ein publizistisches Feuerwerk gegen den Mindestlohn begleiteten. Heute hat die Verlagsgruppe Holtzbrinck die Mehrheit bei Pin Mail &uuml;bernommen und wettert via Handelsblatt und Co. nach wie vor gegen den Mindestlohn.  <\/p><p>Die Klage von Pin Mail ist freilich ein Affront. Lohndr&uuml;cker wie Pin profitieren ganz direkt von den Gesetzen, die im Rahmen der Agenda 2010 eingef&uuml;hrt wurden. Nat&uuml;rlich kann kein Mensch von Stundenl&ouml;hnen unter sechs Euro leben; auch dann nicht, wenn er in Vollzeit arbeitet. Das Existenzminimum ist jedoch eine Art inoffizieller Mindestlohn und wenn ein Unternehmen L&ouml;hne zahlt, die nicht einmal zum Erreichen des Existenzminimums ausreichen, stockt der Staat mittels Hartz IV auf. G&auml;be es die &bdquo;Aufstockerregelung&ldquo; nicht, g&auml;be es auch keine Hungerl&ouml;hne &aacute; la Pin Mail. In einer gerechteren Welt w&uuml;rde daher die Bundesrepublik Lohndr&uuml;cker wie Pin Mail auf die Summe der Hartz-IV-Aufstockungen der Pin-Mitarbeiter verklagen. In einer wirklich gerechten Welt g&auml;be es Unternehmen, wie Pin Mail, deren Gesch&auml;ftsmodell einzig und allein auf die Ausbeutung von Niedrigl&ouml;hnern aufgebaut ist, jedoch gar nicht. Unternehmen wie der Pin Mail und Politikern, die sich nach wie vor gegen einen Mindestlohn sperren, sei folgender Satz von Franklin D. Roosevelt ins Poesiealbum geschrieben, der nichts an Aktualit&auml;t verloren hat:<\/p><blockquote><p>Unternehmen, deren Existenz lediglich davon abh&auml;ngt, ihren Besch&auml;ftigten weniger als einen zum Leben ausreichenden Lohn zu zahlen, sollen in diesem Land kein Recht mehr haben, weiter ihre Gesch&auml;fte zu betreiben. Mit einem zum Leben ausreichenden Lohn meine ich mehr als das blo&szlig;e Existenzminimum &ndash; ich meine L&ouml;hne, die ein anst&auml;ndiges Leben erm&ouml;glichen.<\/p>\n<p><em>US-Pr&auml;sident Franklin D. Roosevelt vor dem US-Kongress am 16. Juni 1933<\/em><\/p><\/blockquote><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/1f53db9e64504ff4821a4f5bf700ea09\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor nunmehr f&uuml;nf Jahren f&uuml;hrte die Bundesregierung den Mindestlohn f&uuml;r Briefzusteller ein. Anfang 2010 wurde das Gesetz jedoch aus formalen Gr&uuml;nden vom Bundesverwaltungsgericht wieder <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4484\">gekippt<\/a>. Gestern <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/schadenersatz-fuer-mindestlohn-pin-gegen-die-bundesrepublik-1.1541629\">reichte<\/a> der ehemals gr&ouml;&szlig;te Konkurrent der Deutschen Post AG, die Pin Mail, Schadensersatzklage gegen die Bundesrepublik Deutschland ein. 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