{"id":153735,"date":"2026-07-15T12:00:21","date_gmt":"2026-07-15T10:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153735"},"modified":"2026-07-15T12:44:50","modified_gmt":"2026-07-15T10:44:50","slug":"wie-die-globale-nahrungsmittelwirtschaft-kinder-toetet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153735","title":{"rendered":"Wie die globale Nahrungsmittelwirtschaft Kinder t\u00f6tet"},"content":{"rendered":"<p>Jedes Jahr verursachen unsichere Nahrungsmittel 866 Millionen Erkrankungen und 1,5 Millionen Todesf&auml;lle. Kleinkinder machen fast ein Drittel aller F&auml;lle von lebensmittelbedingten Erkrankungen aus. Dies ist die vorhersehbare Folge einer Nahrungsmittelwirtschaft, die auf Profit statt auf das Recht auf Nahrung ausgerichtet ist. Von <strong>Vijay Prashad<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 4. Juni 2026 gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine ersch&uuml;tternde <a href=\"https:\/\/www.who.int\/news\/item\/04-06-2026-unsafe-food-causes-866-million-illnesses-and-1.5-million-deaths-annually--young-children-at-highest-risk\">Einsch&auml;tzung<\/a> zum Zustand der weltweiten Ern&auml;hrungssysteme heraus. Nach den neuen Sch&auml;tzungen, die auf Daten bis einschlie&szlig;lich 2021 basieren, verursachen unsichere Lebensmittel[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] jedes Jahr etwa 866 Millionen Erkrankungen und 1,5 Millionen Todesf&auml;lle. Fast jeder neunte Mensch weltweit erkrankt an kontaminierten Lebensmitteln, wobei auf Afrika und S&uuml;dostasien zusammen fast drei Viertel aller lebensmittelbedingten Erkrankungen und 60 Prozent der weltweiten Todesf&auml;lle entfallen. Die Last trifft diejenigen am h&auml;rtesten, die am wenigsten zu der Krise beigetragen haben: Kinder.<\/p><p>Kleinkinder sind im Vergleich zu &auml;lteren Kindern und Erwachsenen einem fast dreimal so hohen Risiko ausgesetzt, durch unsichere Lebensmittel zu erkranken. Obwohl sie nur neun Prozent der Weltbev&ouml;lkerung ausmachen, erleiden Kinder unter f&uuml;nf Jahren fast ein Drittel aller F&auml;lle lebensmittelbedingter Erkrankungen; im Jahr 2021 t&ouml;teten unsichere Lebensmittel 143.000 von ihnen.<\/p><p>Das sind nicht blo&szlig; Statistiken. Sie stehen f&uuml;r Leben, die durch vermeidbare Krankheiten vorzeitig beendet wurden, f&uuml;r Familien, die in Trauer gest&uuml;rzt wurden, und f&uuml;r Gesellschaften, denen die Zukunft entzogen wurde, die in ihren j&uuml;ngsten Mitgliedern verk&ouml;rpert war.<\/p><p>Die &uuml;bliche Reaktion auf solche Erkenntnisse ist technisch. Uns wird gesagt, dass Lebensmittelsicherheit eine Frage besserer Kontrolle, st&auml;rkerer Regulierung, verbesserter Hygiene und wirksamer &Uuml;berwachung sei. Diese Ma&szlig;nahmen sind wichtig und notwendig. Doch sie erkl&auml;ren nicht, warum Hunderte Millionen Menschen weiterhin unsichere Lebensmittel konsumieren, trotz jahrzehntelang gesammelter Erkenntnisse, wie Kontamination verhindert werden kann.<\/p><p>Um das Fortbestehen lebensmittelbedingter Erkrankung zu verstehen, m&uuml;ssen wir &uuml;ber technische Erkl&auml;rungen hinausgehen und die Struktur des globalen Lebensmittelsystems selbst untersuchen.<\/p><p>Das vorherrschende Ern&auml;hrungssystem ist auf Gewinnstreben ausgerichtet, nicht auf das <a href=\"https:\/\/www.fao.org\/right-to-food\/en\">Recht auf Nahrung<\/a>. In weiten Teilen der Welt ist die Lebensmittelproduktion zu einer stark konzentrierten Industrie verwandelt worden, die von gro&szlig;en Agrarkonzernen, Supermarktketten, Lebensmittelverarbeitern, Logistikunternehmen und Finanzinstituten dominiert wird.<\/p><p>Dieses System, dessen vorrangiges Ziel die Maximierung der Kapitalrendite ist, erzeugt Widerspr&uuml;che, die die Lebensmittelsicherheit in mindestens dreierlei Hinsicht unmittelbar beeintr&auml;chtigen.<\/p><p>Erstens: Der Druck zur Kostenreduzierung f&ouml;rdert Schnellverfahren entlang der gesamten Lieferkette. Arbeitskr&auml;fte werden h&auml;ufig unter prek&auml;ren Bedingungen besch&auml;ftigt (mehr als 80 Prozent der Arbeitspl&auml;tze in der Landwirtschaft Lateinamerikas <a href=\"https:\/\/us.list-manage.com\/qNt0h_ZZ5pp?e=d849807f52&amp;c2id=17eeb727d19e64c32df6e2f3959a3517\">verf&uuml;gen nicht<\/a> &uuml;ber formellen Schutz und soziale Absicherung), Kontrollsysteme sind unterfinanziert, und Produzenten stehen unter hohem Druck, den Output zu steigern und gleichzeitig die Ausgaben zu senken. Lebensmittel legen immer gr&ouml;&szlig;ere Entfernungen &uuml;ber zunehmend komplexe globale Lieferketten zur&uuml;ck, was mehr M&ouml;glichkeiten f&uuml;r Verunreinigungen schafft und die Bedingungen, unter denen sie produziert wurden, verschleiert.<\/p><p>Zweitens: Kapitalistische Lebensmittelsysteme tendieren dazu, Kosten <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s44187-024-00201-9\">auszulagern<\/a>. Umweltsch&auml;den, Wasserverschmutzung, unsichere Arbeitsbedingungen und Folgen f&uuml;r die &ouml;ffentliche Gesundheit werden oft als Problem anderer behandelt und nicht als Verantwortung privater Unternehmen. Die sozialen Kosten werden von Arbeitnehmern, Konsumenten und den &ouml;ffentlichen Gesundheitssystemen getragen, w&auml;hrend die Gewinne privat bleiben.<\/p><p>Drittens: Globale Ungleichheiten pr&auml;gen die Muster der Lebensmittelsicherheit. Es ist keine &Uuml;berraschung, dass die h&ouml;chsten Belastungen durch lebensmittelbedingte Erkrankungen in Afrika und S&uuml;dostasien konzentriert sind, da diese Regionen weiterhin unter den langfristigen Folgen kolonialer Unterentwicklung, Schuldenabh&auml;ngigkeit, unzureichender &ouml;ffentlicher Infrastruktur und ungleicher Integration in die Weltwirtschaft leiden. Unsichere Lebensmittel sind daher nicht nur ein Gesundheitsproblem: Sie sind ein Ausdruck ungleicher Entwicklung.<\/p><p>Der Tod von Zehntausenden Kindern jedes Jahr offenbart den moralischen Bankrott dieser Verh&auml;ltnisse. Eine Gesellschaft, die zul&auml;sst, dass Kinder an vermeidbaren, durch Lebensmittel verursachten Krankheiten sterben, hat eine ihrer grundlegendsten Verpflichtungen nicht erf&uuml;llt. Diese Todesf&auml;lle sind besonders tragisch, da die L&ouml;sungen weitestgehend bekannt sind.<\/p><p>Die WHO identifiziert den Zugang zu sauberem Wasser, sanit&auml;ren Einrichtungen, Ma&szlig;nahmen zur Lebensmittelhygiene, Gesundheitsversorgung und wirksame staatliche Regulierung als entscheidende Instrumente zur Senkung der Sterblichkeit.<\/p><p>Diese Ma&szlig;nahmen erfordern &ouml;ffentliche Investitionen und politisches Engagement und k&ouml;nnen nicht allein den Marktkr&auml;ften &uuml;berlassen werden. Dennoch f&ouml;rdern Institutionen wie die Ern&auml;hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) weiterhin Modelle &ouml;ffentlich-privater Partnerschaften, die nicht in der Lage waren, die strukturellen Ursachen von Hunger und unsicheren Lebensmitteln zu bek&auml;mpfen.<\/p><p>Das Problem ist nicht nur die Kontamination durch Bakterien und Viren. Die heutigen Lebensmittelsysteme setzen die Bev&ouml;lkerung einer breiteren Palette von Risiken aus, darunter giftige Chemikalien, Schwermetalle und industrielle Schadstoffe.<\/p><p>Neue <a href=\"https:\/\/us.list-manage.com\/cXMPJyj5aRO?e=d849807f52&amp;c2id=17eeb727d19e64c32df6e2f3959a3517\">Sch&auml;tzungen<\/a> der WHO erkennen zunehmend die langfristige Belastung durch chronische Krankheiten an, die mit sch&auml;dlichen Substanzen in der Lebensmittelversorgung zusammenh&auml;ngen. Die Folgen reichen &uuml;ber unmittelbare Erkrankungen hinaus bis hin zu lebenslangen Behinderungen, Entwicklungsst&ouml;rungen und einer verminderten Lebensqualit&auml;t.<\/p><p>Zudem l&auml;sst sich die Lebensmittelsicherheit nicht von der umfassenderen Krise der Ern&auml;hrungssysteme trennen. Weltweit leiden Millionen Menschen an Hunger, w&auml;hrend andere mit Fettleibigkeit und ern&auml;hrungsbedingten Krankheiten zu k&auml;mpfen haben. Landwirte werden in die Verschuldung getrieben, w&auml;hrend Lebensmittelkonzerne beispiellose Marktmacht anh&auml;ufen. Die landwirtschaftliche Produktion tr&auml;gt zur Zerst&ouml;rung der Umwelt bei, w&auml;hrend der Klimawandel Ernten bedroht.<\/p><p>Dasselbe System, das Ern&auml;hrungsunsicherheit erzeugt, erzeugt auch unsichere Lebensmittel.<\/p><p>Der Widerspruch ist eklatant. Die Menschheit verf&uuml;gt &uuml;ber das wissenschaftliche Wissen, die Produktionskapazit&auml;ten und die technologischen Mittel, um sichere Lebensmittel f&uuml;r alle zu gew&auml;hrleisten. Doch unter den vorherrschenden wirtschaftlichen Bedingungen werden diese Kapazit&auml;ten der Profitabilit&auml;t untergeordnet und nicht den menschlichen Bed&uuml;rfnissen.<\/p><p>Die Erkenntnisse der WHO sollten nicht nur als Warnung vor Kontaminationen verstanden werden, sondern auch als Anklage gegen eine globale Lebensmittelordnung, die weiterhin Millionen Menschen vermeidbaren Krankheiten und dem Tod aussetzt.<\/p><p>Wenn ein Kind stirbt, weil Lebensmittel unsicher sind, ist die Ursache niemals einfach nur eine kontaminierte Mahlzeit. Hinter dieser Mahlzeit steht eine Kette politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen &uuml;ber Investitionen, Regulierung, Infrastruktur, Eigentum und gesellschaftliche Priorit&auml;ten.<\/p><p>Durch Lebensmittel verursachte Krankheiten sind in ihrem unmittelbaren Ausdruck biologisch, in ihren Urspr&uuml;ngen jedoch gesellschaftlich. Die Herausforderung f&uuml;r die Menschheit besteht nicht nur darin, Lebensmittel sicherer zu machen. Sie besteht darin, Ern&auml;hrungssysteme aufzubauen, die sich an F&uuml;rsorge statt an Profit, an &ouml;ffentlicher Gesundheit statt an privater Bereicherung und an Menschenw&uuml;rde statt an Markteffizienz orientieren.<\/p><p>Nur dann kann das Versprechen einer sicheren Ern&auml;hrung f&uuml;r alle Realit&auml;t statt nur ein Slogan werden.<\/p><p>Hier sind f&uuml;nf einfache Reformen, um ein sicheres und gerechtes Ern&auml;hrungssystem zu schaffen. Zusammengenommen basieren sie auf einem einfachen Grundsatz: Lebensmittel sind ein gesellschaftliches Gut, nicht blo&szlig; eine Handelsware. Sie erkennen an, dass das Recht auf sichere Lebensmittel untrennbar mit dem Recht auf Leben verbunden ist.<\/p><ol>\n<li><strong>Universelle &ouml;ffentliche Investitionen in Wasser, Sanit&auml;rversorgung und Gesundheitsversorgung:<\/strong> Gew&auml;hrleistung des Zugangs zu sauberem Wasser, sanit&auml;ren Einrichtungen und medizinischer Grundversorgung, insbesondere in l&auml;ndlichen und einkommensschwachen Gemeinden, in denen die Belastung durch lebensmittelbedingte Krankheiten am h&ouml;chsten ist.<\/li>\n<li><strong>St&auml;rkung &ouml;ffentlicher Institutionen f&uuml;r Lebensmittelsicherheit:<\/strong> Ausbau von Lebensmittelkontrollsystemen, Laborkapazit&auml;ten, Netzwerken zur Krankheits&uuml;berwachung und Aufsichtsbeh&ouml;rden, die vor Haushaltsk&uuml;rzungen und Einflussnahme durch Unternehmen gesch&uuml;tzt werden.<\/li>\n<li><strong>Unterst&uuml;tzung territorialer und kleinr&auml;umiger Lebensmittelsysteme:<\/strong> Investitionen in lokale Landwirte, Genossenschaften, &ouml;ffentliche Beschaffungsprogramme und k&uuml;rzere Lieferketten, die Transparenz, Widerstandsf&auml;higkeit und Rechenschaftspflicht erh&ouml;hen.<\/li>\n<li><strong>Demokratisierung der Steuerung des Lebensmittelsystems:<\/strong> Verringerung der Unternehmenskonzentration in der Agrarindustrie und im Lebensmitteleinzelhandel, St&auml;rkung der Mitbestimmung von Arbeiten und Landwirten sowie Gew&auml;hrleistung einer &ouml;ffentlichen Aufsicht &uuml;ber die Lebensmittelproduktion und -verteilung.<\/li>\n<li><strong>Sichere Lebensmittel als Menschenrecht anerkennen:<\/strong> Bindende nationale und internationale Verpflichtungen festlegen, die den Zugang zu sicheren, nahrhaften Lebensmitteln als grundlegendes soziales Recht und nicht als Handelsware behandeln.<\/li>\n<\/ol><p>Es ist leicht, diesen Ansatz als naiv abzutun. Aber ist es reiner Idealismus, darauf zu bestehen, dass kein Kind an einer vermeidbaren lebensmittelbedingten Krankheit sterben sollte?<\/p><p><em>Der Beitrag ist im Original <a href=\"https:\/\/thetricontinental.org\/newsletterissue\/child-death-and-food\/\">bei Tricontinental: Institute for Social Research erschienen<\/a>, aus dem Englischen &uuml;bersetzt von Marta Andujo.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Richard Juilliart \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/c8e3d17216c9480382fc96a1c58249cb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Als unsichere Lebensmittel gelten solche, die sch&auml;dliche biologische, chemische oder physikalische Substanzen enthalten und dadurch die menschliche Gesundheit gef&auml;hrden. Ihr Verzehr kann laut <a href=\"https:\/\/www.who.int\/news-room\/fact-sheets\/detail\/food-safety\">WHO<\/a> zu &uuml;ber 200 verschiedenen Krankheiten f&uuml;hren<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Jahr verursachen unsichere Nahrungsmittel 866 Millionen Erkrankungen und 1,5 Millionen Todesf&auml;lle. Kleinkinder machen fast ein Drittel aller F&auml;lle von lebensmittelbedingten Erkrankungen aus. Dies ist die vorhersehbare Folge einer Nahrungsmittelwirtschaft, die auf Profit statt auf das Recht auf Nahrung ausgerichtet ist. 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