{"id":153869,"date":"2026-07-18T13:00:01","date_gmt":"2026-07-18T11:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153869"},"modified":"2026-07-18T09:46:45","modified_gmt":"2026-07-18T07:46:45","slug":"der-zorn-ist-echt-die-alternative-nicht-wie-eine-angebliche-mitte-den-boden-schafft-den-die-afd-bewirtschaftet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153869","title":{"rendered":"Der Zorn ist echt, die Alternative nicht: Wie eine angebliche \u201eMitte\u201c den Boden schafft, den die AfD bewirtschaftet"},"content":{"rendered":"<p>Millionen Menschen haben die AfD gew&auml;hlt. Sie alle pauschal zu Rechtsextremen zu erkl&auml;ren, ist analytisch bequem, aber ist politisch falsch und l&ouml;st Trotzreaktionen aus. Wer auf der anderen Seite W&auml;hlerentscheidungen als blo&szlig;en Hilferuf verharmlost, &uuml;bersieht jedoch, dass Protest und Zustimmung zum Programm zusammenfallen k&ouml;nnen. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5049\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-153869-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260718_Der_Zorn_ist_echt_die_Alternative_nicht_Wie_eine_angebliche_Mitte_den_Boden_schafft_den_die_AfD_bewirtschaftet_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260718_Der_Zorn_ist_echt_die_Alternative_nicht_Wie_eine_angebliche_Mitte_den_Boden_schafft_den_die_AfD_bewirtschaftet_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260718_Der_Zorn_ist_echt_die_Alternative_nicht_Wie_eine_angebliche_Mitte_den_Boden_schafft_den_die_AfD_bewirtschaftet_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260718_Der_Zorn_ist_echt_die_Alternative_nicht_Wie_eine_angebliche_Mitte_den_Boden_schafft_den_die_AfD_bewirtschaftet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=153869-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260718_Der_Zorn_ist_echt_die_Alternative_nicht_Wie_eine_angebliche_Mitte_den_Boden_schafft_den_die_AfD_bewirtschaftet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260718_Der_Zorn_ist_echt_die_Alternative_nicht_Wie_eine_angebliche_Mitte_den_Boden_schafft_den_die_AfD_bewirtschaftet_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Eine Frage dr&auml;ngt sich auf: Wie konnte eine Partei sich zur vermeintlich letzten &bdquo;Notbremse&ldquo; stilisieren, wenn doch ihre Wirtschafts-, Sozial- und R&uuml;stungspolitik den mehrheitlichen Interessen der Bev&ouml;lkerung widerspricht? Die Antwort beginnt nicht bei der AfD, sondern bei den Parteien, die seit Jahrzehnten an den wahren Interessen der B&uuml;rger vorbeiregieren.<\/p><p><strong>Die dissoziale Politik der selbsternannten Mitte<\/strong><\/p><p>Menschen erleben steigende Mieten, verfallende Schulen, die schleichende Erosion des Gesundheitssystems, unsichere Besch&auml;ftigung und eine marode Infrastruktur. Gleichzeitig l&auml;sst man die untere H&auml;lfte der Gesellschaft schmerzhaft sp&uuml;ren, dass man selbst ihre einfachsten Bed&uuml;rfnisse f&uuml;r unwichtig erachtet. Eine Untersuchung von Lea Els&auml;sser und Armin Sch&auml;fer zeigte eindr&uuml;cklich, dass das, was B&uuml;rger und B&uuml;rgerinnen mit geringem Einkommen in besonders gro&szlig;er Zahl wollten, eine besonders niedrige Wahrscheinlichkeit hatte, umgesetzt zu werden.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p><strong>Haben wir eine &bdquo;radikale Mitte&ldquo;? <\/strong><\/p><p>Radikalit&auml;t erwarten wir von der AfD und m&ouml;glicherweise einem nicht unerheblichen Teil ihrer W&auml;hler. Die sind hier aber gar nicht gemeint. Es geht vielmehr um etablierte Parteien, die Sozialabbau, Privatisierung, milit&auml;rische Eskalation oder Grundrechtseingriffe als alternativlose Vernunft der &bdquo;Mitte&ldquo; ausgeben. <\/p><p>Besonders sichtbar wird diese Radikalisierung in der Sicherheitspolitik. Im M&auml;rz 2025 &auml;nderten Union, SPD und Gr&uuml;ne das Grundgesetz: Verteidigungs- und bestimmte Sicherheitsausgaben oberhalb von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts fallen nicht mehr unter die Schuldenbremse.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Wenige Monate sp&auml;ter verpflichteten sich die NATO-Staaten, bis 2035 f&uuml;nf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung f&uuml;r milit&auml;rische und sicherheitsbezogene Zwecke aufzuwenden.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Die damit verbundenen Risiken f&uuml;r den sozialen Frieden und den massiven Angriff auf Rentner und arme Menschen wurden ausgeblendet, oder Friedrich Merz bezichtigte die B&uuml;rger indirekt der Faulheit oder des Blaumachens.<\/p><p>Die Energiepreiskrise hatte bereits 2021 begonnen. Russlands Angriff auf die Ukraine und die anschlie&szlig;ende Eskalation des Wirtschaftskonflikts &ndash; insbesondere die von Russland 2022 auch als Reaktion auf westliche Sanktionen massiv gek&uuml;rzten Gaslieferungen &ndash; versch&auml;rften sie dramatisch. Die hohe Abh&auml;ngigkeit Deutschlands von fossilen Energieimporten &ndash; auch infolge eines zu langsamen Ausbaus erneuerbarer Energien &ndash; erh&ouml;hte die Verwundbarkeit gegen&uuml;ber diesem Preisschock.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Im zweiten Halbjahr 2025 kostete Haushaltsgas 79 Prozent, Strom 23 Prozent mehr als vier Jahre zuvor.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Das wirkte auf gering entlohnte Besch&auml;ftigte, arme Rentner und kleine Betriebe wie eine Enteignung.<\/p><p>&Auml;hnliches gilt f&uuml;r die im Artikel 5 des Grundgesetzes gesch&uuml;tzte Meinungsfreiheit. Viele Menschen erleben den Debattenraum verengt &ndash; selbst bei allgemeinen politischen Fragen oder harmloser Regierungskritik. Im Januar 2026 glaubten 36 Prozent der Befragten einer Mannheimer Studie, sich &ouml;ffentlich zur Migrationspolitik nicht frei &auml;u&szlig;ern zu k&ouml;nnen. 30 Prozent berichteten, ihre Meinung dazu bewusst zur&uuml;ckzuhalten.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Im &ouml;ffentlichen Bereich sind die Werte besonders beim V&ouml;lkermord an den Pal&auml;stinensern mit 33 Prozent und bei Fragen &sbquo;kultureller bzw. religi&ouml;ser Vielfalt&lsquo; mit 31 Prozent sehr hoch. Das ist nicht unberechtigt, denn jeder kann durch die &bdquo;falsche Meinung&ldquo; ins Visier der Cancel Culture geraten und einen hohen sozialen Preis f&uuml;r seine Meinung bezahlen.<\/p><p><strong>W&auml;hler sind nicht mit der Partei identisch<\/strong><\/p><p>Die AfD-W&auml;hlerschaft ist kein geschlossener Block. Im WSI-Erwerbspersonenpanel sind 51 Prozent der AfD-W&auml;hler seit 2021 von einer anderen Partei gewechselt, 44 Prozent hatten sie schon damals gew&auml;hlt. Die Studie findet Zusammenh&auml;nge mit Preisschockerfahrungen, Benachteiligungsgef&uuml;hlen und Transformationssorgen. Zugleich sind ablehnende Einstellungen gegen&uuml;ber Gefl&uuml;chteten erheblich st&auml;rker verbreitet als in anderen W&auml;hlergruppen.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Die Wahl kann also zugleich Protest <em>und<\/em> ideologische Entscheidung sein. Laut Infratest dimap sagten 85 Prozent der AfD-W&auml;hler 2025, nur mit dieser Partei ihren Protest ausdr&uuml;cken zu k&ouml;nnen. 95 Prozent w&uuml;nschten sich zugleich ihre Beteiligung an einer Bundesregierung.<sup><a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wahl\/archiv\/2025-02-23-BT-DE\/analyse-wanderung.shtml\">6<\/a><\/sup> Manche W&auml;hler lehnen Waffenlieferungen, Sanktionen oder weitreichende US-Waffensysteme ab. Andere protestieren gegen hohe Energiepreise, die Corona-Politik oder das Gef&uuml;hl, &ouml;ffentlich nicht geh&ouml;rt zu werden. Wieder andere teilen nationalistische, rassistische oder antifeministische Positionen.<\/p><p>Eine problematische Wahlentscheidung macht nicht jedes Motiv verwerflich. Wer Friedenssehnsucht, soziale Wut und demokratische Entfremdung unterschiedslos als rechten Reflex behandelt, treibt Menschen gerade jener Partei zu, die ihre Kritik f&uuml;r andere Ziele nutzbar macht.<\/p><p><strong>Der Kampf gegen arme Menschen<\/strong><\/p><p>Viele AfD-W&auml;hler w&uuml;nschen sich eine sichere, gerecht entlohnte Arbeit, Entlastungen f&uuml;r kleine und mittlere Einkommen, eine ausk&ouml;mmliche Rente und hochwertige Gesundheitsversorgung. Das AfD-Programm tarnt sich mit sozial klingenden Elementen wie etwa die Abschaffung der Krankenhaus-Fallpauschalen und h&ouml;here Freibetr&auml;ge f&uuml;r arbeitende Rentner. Die verteilungspolitische Architektur des Programms bleibt reine Rhetorik und ist bei genauer Betrachtung eine Kampfansage gegen arme und alte Menschen.<\/p><p>Die AfD will die Verm&ouml;gens- und Erbschaftssteuer abschaffen, Unternehmenssteuern senken und das B&uuml;rgergeld &bdquo;unattraktiver&ldquo; machen. Nach sechs Monaten Leistungsbezug sollen Erwerbsf&auml;hige zu gemeinn&uuml;tziger Arbeit herangezogen werden. F&uuml;r Ausl&auml;nder soll der Zugang zur Grundsicherung massiv eingeschr&auml;nkt werden.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Eine ZEW-Simulation der bezifferbaren Wahlversprechen ergab: Ein Alleinverdiener-Ehepaar mit zwei Kindern und 180.000 Euro Bruttojahreseinkommen w&uuml;rde um rund 19.190 Euro entlastet; bei 40.000 Euro errechnete das Modell ein Minus von 440 Euro.[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><p>Auch die parlamentarische Praxis widerspricht dem Bild einer Arbeitnehmerpartei. Im Ausschuss zur Erh&ouml;hung des Mindestlohns auf zw&ouml;lf Euro enthielt sich die AfD 2022, und 2024 verlangte sie sogar eine Ausnahme vom Mindestlohn f&uuml;r ausl&auml;ndische Saisonarbeiter. Im Februar 2026 stimmte sie gegen das Bundestariftreuegesetz, das bei &ouml;ffentlichen Auftr&auml;gen tarifvertragliche Arbeitsbedingungen verlangt.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Gleichzeitig beantragte ihre Fraktion die vollst&auml;ndige Abschaffung der Erbschafts- und Schenkungssteuer.[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] Aus berechtigter Wut &uuml;ber Ungleichheit wird so keine Umverteilung von oben nach unten, sondern eine Verteilung nach nationaler Zugeh&ouml;rigkeit &ndash; bei fortbestehenden Privilegien gro&szlig;er Verm&ouml;gen.<\/p><p><strong>Gegen Krieg &ndash; aber f&uuml;r V&ouml;lkermord?<\/strong><\/p><p>In der Russland- und Ukrainepolitik fordert die AfD, die Sanktionen aufzuheben und Nord Stream instand zu setzen. Sie will eine neutrale Ukraine au&szlig;erhalb von NATO und EU und lehnt weitreichende US-Waffensysteme in Deutschland ab. Wer eine Eskalation f&uuml;rchtet, findet hier Positionen, die die heutige Politik von Union, SPD und Gr&uuml;nen nicht vertritt. <\/p><p>Diese &Uuml;bereinstimmung darf man aber nicht als antimilitaristische Politik umdeuten. Das AfD-Programm verlangt Wehrpflicht, eine besser ausgestattete Bundeswehr, eine starke deutsche R&uuml;stungsindustrie und offensive Cyberf&auml;higkeiten. Es beschw&ouml;rt soldatische Tugenden und die &bdquo;besten Traditionen der deutschen Milit&auml;rgeschichte&ldquo;. Markus Frohnmaier (AfD) kritisierte die Aussetzung deutscher Waffenexporte nach Israel und sprach sich im Einklang mit den &bdquo;besten Traditionen der deutschen Milit&auml;rgeschichte&ldquo; f&uuml;r eine R&uuml;stungskooperation mit dem Staat aus, der unter V&ouml;lkermordverdacht steht.<\/p><p><strong>Freiheit &ndash; aber nicht f&uuml;r alle<\/strong><\/p><p>Auch beim Thema Meinungsfreiheit greift die AfD reale Streitfragen auf. Sie will den besonderen Ehrenschutz f&uuml;r Politiker in Paragraf 188 des Strafgesetzbuches abschaffen, die staatliche Finanzierung von &bdquo;Faktenpr&uuml;fern&ldquo; beenden und den Einfluss von Parteien auf Medienunternehmen begrenzen. Dar&uuml;ber muss man streiten k&ouml;nnen, ohne jedes Argument durch seine parteipolitische Herkunft zu entwerten.<\/p><p>Doch ihr Freiheitsbegriff bleibt selektiv. Das Programm will den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk &bdquo;entideologisieren&ldquo;, gendergerechte Sprache in staatlichen Stellen untersagen und Filmprojekte nicht wegen Themen wie Vielfalt, Klimaschutz oder Gender f&ouml;rdern. Zugleich sollen Einb&uuml;rgerungsanspr&uuml;che versch&auml;rft, das Geburtsortsprinzip zur&uuml;ckgenommen und soziale wie aufenthaltsrechtliche Anspr&uuml;che von Ausl&auml;ndern beschnitten werden. Meinungsfreiheit sch&uuml;tzt das Recht, Gleichstellung zu kritisieren. Sie verleiht aber kein Recht darauf, anderen Gleichheit und Zugeh&ouml;rigkeit zu entziehen.<\/p><p>Wie zynisch die strategische Nutzung gesellschaftlicher Krisen werden kann, zeigte 2020 der damalige Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion Christian L&uuml;th. In einer ProSieben-Dokumentation wurde seine nach Senderangaben aus einem Ged&auml;chtnisprotokoll rekonstruierte und von Zeugen best&auml;tigte &Auml;u&szlig;erung wiedergegeben: &bdquo;Je schlechter es Deutschland geht, desto besser f&uuml;r die AfD. (&hellip;) Aber wahrscheinlich erh&auml;lt uns das.&ldquo; Die Fraktion entlie&szlig; ihn; inzwischen arbeitet er wieder f&uuml;r mehrere AfD-Abgeordnete.[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] Auch wenn ein einzelner AfDler nicht f&uuml;r alle Mitglieder oder W&auml;hler spricht, sollte uns sein Satz zum Nachdenken bringen, denn wer vom Kontrollverlust lebt, hat wenig Anreiz, dessen soziale Ursachen zu beseitigen.<\/p><p><strong>Demokratie ist kein Konsumprodukt<\/strong><\/p><p>Die Antwort auf die AfD kann weder in der Verachtung ihrer W&auml;hler noch in der &Uuml;bernahme ihrer menschenverachtenden Ausgrenzungspolitik liegen. Auch die Umsetzung ihrer neoliberalen Wirtschaftspolitik zerst&ouml;rt das Vertrauen in den Staat. Wenn etablierte Parteien das Asylrecht menschenrechtswidrig gestalten, Aufr&uuml;stung der demokratischen Abw&auml;gung entziehen und soziale Unsicherheit als Herrschaftsinstrument nutzen, sch&uuml;ren CDU, CSU, SPD, FDP und Gr&uuml;ne Zorn, Gef&uuml;hle der Ohnmacht und ein tief empfundenes Gef&uuml;hl der Bedeutungslosigkeit. Kein Wunder, dass immer mehr W&auml;hler den metaphorischen Molotov-Cocktail ihrer Emp&ouml;rung auf das Establishment werfen und sich in der Verwirrung des Herzens dabei auf rechte Parteien st&uuml;tzen.<\/p><p>Unsere Demokratie als ein System, in dem normale Leute ausreichende Mittel besitzen, an den Entscheidungen teilzunehmen, die ihr Leben und das Wohl ihrer Gemeinschaft betreffen, kann nur verteidigt werden, wenn das gesamte, radikal antidemokratische System des Konzernkapitalismus vollst&auml;ndig abgeschafft ist und nicht, wenn man seine Paladine in die Parlamente w&auml;hlt. Dazu braucht man Medien, die Macht kontrollieren, statt Regierungssprache zu vervielf&auml;ltigen, einen Debattenraum, in dem Kritik an Krieg, Sanktionen, Migration oder Regierungspolitik nicht bek&auml;mpft wird, sobald diese Kritik die gleiche W&uuml;rde aller Menschen achtet und fordert.<\/p><p>Eine ethisch fundierte Demokratie verteidigt Minderheitenrechte auch gegen eine feindselige Mehrheit. Eine sozial gerechte Demokratie l&auml;sst nicht Einkommen und Verm&ouml;gen dar&uuml;ber entscheiden, wessen Interessen z&auml;hlen. Beides geh&ouml;rt zusammen. Menschenrechte ohne soziale Teilhabe bleiben f&uuml;r viele abstrakt; soziale Politik ohne universelle Rechte wird zum Privileg der jeweils Zugeh&ouml;rigen.<\/p><p><strong>Die AfD ist keine Notbremse<\/strong><\/p><p>Die AfD ist keine Notbremse, weil sie berechtigte Wut nicht in mehr Demokratie &uuml;bersetzt, sondern in eine ausgrenzende Hierarchie &uuml;berf&uuml;hren m&ouml;chte. <\/p><p>Wer ihr den Boden entziehen will, muss die Ursachen des Protests beseitigen, ohne S&uuml;ndenb&ouml;cke anzubieten. Umverteilung von oben nach unten, zivile Friedenspolitik, demokratische Kontrolle wirtschaftlicher und medialer Macht und die Wiederherstellung politischer Wirksamkeit. <\/p><p>Demokratie ist kein Konsumprodukt, das man bei Nichtgefallen entt&auml;uscht zur&uuml;ckgibt. Sie ist eine gemeinsame, sch&uuml;tzenswerte Ordnung und bleibt nur demokratisch, wenn alle an ihr teilhaben k&ouml;nnen.<\/p><p><small>Titelbild: nitpicker\/shutterstock.com<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Lea Els&auml;sser\/Armin Sch&auml;fer, 2017: Ungleiche Responsivit&auml;t des Bundestags<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2025\/kw11-de-sondersitzung-1056228\">Deutscher Bundestag (2025)<\/a>: <em>Mehrheit f&uuml;r Reform der Schuldenbremse: 512 Abgeordnete stimmen mit Ja<\/em>. 18. M&auml;rz 2025.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/en\/what-we-do\/introduction-to-nato\/defence-expenditures-and-natos-5-commitment\">NATO (2026)<\/a>: <em>Defence investment and NATO&rsquo;s 5% commitment<\/em>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/1030742\/MAT-A-SV-1-02.pdf\">Kemfert, C. (2024)<\/a>: Stellungnahme f&uuml;r den 2. Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages. Deutscher Bundestag.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2026\/03\/PD26_111_61243.html\">Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026)<\/a>: <em>Strompreise f<\/em><em>&uuml;<\/em><em>r Haushalte im 2. Halbjahr 2025 um 1,6 % gestiegen<\/em>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] H&ouml;vermann, A. (2025): <em>Die Verdopplung des AfD-Elektorats. Erkenntnisse aus dem WSI-Erwerbspersonenpanel.<\/em> WSI Study Nr. 42. D&uuml;sseldorf: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Hans-B&ouml;ckler-Stiftung.<br>\n<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wahl\/archiv\/2025-02-23-BT-DE\/analyse-wanderung.shtml\">Infratest dimap (2025)<\/a>: <em>Bundestagswahl 2025: Wie die W&auml;hler wanderten.<\/em> Analyse im Auftrag der ARD\/Tagesschau, 24. Februar 2025.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.afd.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/AfD_Bundestagswahlprogramm2025_web.pdf\">AfD: Bundestagswahlprogramm 2025<\/a>, S. 20&ndash;26, 60, 88&ndash;92, 100&ndash;111, 131&ndash;133, 145&ndash;175<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.zew.de\/fileadmin\/FTP\/gutachten\/Bundestagswahlprogramme_ZEW_2025.pdf\">Stichnoth, H., Bl&ouml;mer, M., Buslei, H., Peichl, A., Rausch, B. et al. (2025)<\/a>: <em>Reformvorschl&auml;ge der Parteien zur Bundestagswahl 2025: Finanzielle Auswirkungen.<\/em> Mannheim: ZEW &ndash; Leibniz-Zentrum f&uuml;r Europ&auml;ische Wirtschaftsforschung.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] <a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/21\/043\/2104325.pdf\">Deutscher Bundestag (2026)<\/a>: Bundestag verabschiedet das Tariftreuegesetz. Berlin: Deutscher Bundestag.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] <a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/21\/028\/2102804.pdf\">Deutscher Bundestag (2025)<\/a>: <em>Antrag der Fraktion der AfD: Steuerfairness f&ouml;rdern &ndash; Erbschaft- und Schenkungsteuer abschaffen.<\/em> Drucksache 21\/2804 vom 13.11.2025. Berlin: Deutscher Bundestag.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Zeit Online zum L&uuml;th-Zitat, 28.9.2020; Tagesschau zu L&uuml;ths R&uuml;ckkehr, 17.1.2026.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Millionen Menschen haben die AfD gew&auml;hlt. Sie alle pauschal zu Rechtsextremen zu erkl&auml;ren, ist analytisch bequem, aber ist politisch falsch und l&ouml;st Trotzreaktionen aus. Wer auf der anderen Seite W&auml;hlerentscheidungen als blo&szlig;en Hilferuf verharmlost, &uuml;bersieht jedoch, dass Protest und Zustimmung zum Programm zusammenfallen k&ouml;nnen. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":101633,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[197,107,124,125],"tags":[3041,3205,2961,1865,1022,3121],"class_list":["post-153869","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-afd","category-audio-podcast","category-demokratie","category-rechte-gefahr","tag-cancel-culture","tag-energiepreise","tag-extreme-mitte","tag-meinungsfreiheit","tag-parteiprogramm","tag-waehlerwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Shutterstock_2325090973.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153869","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=153869"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153869\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":153900,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153869\/revisions\/153900"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/101633"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=153869"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=153869"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=153869"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}