{"id":153921,"date":"2026-07-20T11:45:51","date_gmt":"2026-07-20T09:45:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153921"},"modified":"2026-07-20T12:31:31","modified_gmt":"2026-07-20T10:31:31","slug":"fabio-de-masis-geld-macht-verbrechen-wie-ein-politiker-zum-finanzdetektiv-wird-und-wirtschaftskriminelle-zur-strecke-bringt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153921","title":{"rendered":"Fabio de Masis \u201eGeld, Macht, Verbrechen\u201c &#8211; wie ein Politiker zum Finanzdetektiv wird und Wirtschaftskriminelle zur Strecke bringt"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Buchdeckel ist zur H&auml;lfte das Gesicht des Autors zu sehen: modischer Kurzhaarschnitt, gepflegter Vollbart, klarer, scharfer Blick. Das Buch hei&szlig;t &bdquo;Geld, Macht, Verbrechen&ldquo;. Es k&ouml;nnte vom ersten Eindruck her der neueste Thriller eines Krimiautors sein oder das Enth&uuml;llungsbuch eines Steuerfahnders. Aber nein, es ist das Erstlingswerk des fr&uuml;heren Linken-Politikers und heutigen BSW-Vorsitzenden Fabio de Masi, das jetzt <a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/fabio-de-masi-geld-macht-verbrechen-9783498005436?srsltid=AfmBOoqRToNfA3nIW1opcF2ionAv_MNFhMn7DmpYUFa76Ml-lqunpaM7\">im Rowohlt Verlag erschienen ist<\/a>. Der Vergleich mit einem Kriminalroman ist dennoch angebracht. Denn de Masi erz&auml;hlt von den gro&szlig;en Finanzskandalen der vergangenen Jahre, die er aus n&auml;chster N&auml;he miterlebt hat, von Wirtschaftskriminellen, von Organisierter Kriminalit&auml;t und von Geheimagenten und Geopolitik &ndash; und ein bisschen auch von sich selbst. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDe Masi ist als Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter in S&uuml;dhessen geboren und aufgewachsen, sein erstes Lebensjahr verbrachte er auf Schloss Wolfsgarten bei Langen, dann zog er nach Darmstadt &bdquo;in ein Viertel grauer H&auml;userblocks nahe einer US-Milit&auml;rkaserne&ldquo;. (S. 11) Sein &bdquo;Tor zur Welt&ldquo; sollte jedoch die Hansestadt Hamburg werden. Er studierte dort Volkswirtschaft und brach schlie&szlig;lich mit einem Stipendium in der Tasche zu einem Auslandsjahr nach S&uuml;dafrika auf. Die Ungleichheit, die er dort erlebte, hat ihn nachhaltig gepr&auml;gt. &bdquo;Der Preis der extremen Ungleichheit ist die Verrohung und Vernichtung der Menschlichkeit&ldquo;, schreibt er. (S. 21) Als Abgeordneter der Linkspartei hatte de Masi dann vor allem mit der Aufkl&auml;rung von Finanzskandalen zu tun, insbesondere von Cum-Ex und Wirecard. Nicht ohne Grund bezeichnet de Masi sich in seinem Buch auch als &bdquo;Finanzdetektiv&ldquo;.<\/p><p><strong>Die &bdquo;Luxemburg Leaks&ldquo; und Jean-Claude Juncker<\/strong><\/p><p>Im Mai 2014 zog de Masi erstmals ins Europ&auml;ische Parlament ein, kurz danach ersch&uuml;tterten die &bdquo;Luxemburg Leaks&ldquo; Br&uuml;ssel. Es kam heraus, dass die Steuerbeh&ouml;rden des Gro&szlig;herzogtums internationalen Gro&szlig;konzernen dabei halfen, Milliarden am Fiskus anderer EU-L&auml;nder vorbeizuschleusen. Jean-Claude Juncker, der damals gerade sein Amt als EU-Kommissionspr&auml;sident antrat und davor Ministerpr&auml;sident und Finanzminister von Luxemburg war, muss bereits in den 1990er-Jahren von der fragw&uuml;rdigen Steuerpraxis gewusst haben. Vor dem Sonderausschuss des Europ&auml;ischen Parlaments behauptete er jedoch das Gegenteil. Es war vor allem der Hartn&auml;ckigkeit de Masis zu verdanken, dass Juncker doch noch &bdquo;der L&uuml;ge&ldquo; &uuml;berf&uuml;hrt wurde.<\/p><p>F&uuml;r de Masi waren die &bdquo;Luxemburg Leaks&ldquo; zugleich auch der Startschuss in seine Karriere als &bdquo;Finanzdetektiv&ldquo;. Er schreibt: &bdquo;Ohne Jean-Claude Juncker w&auml;re ich wahrscheinlich nie der &acute;Finanzdetektiv&acute; geworden, zu dem mich sp&auml;ter auch die Medien machten. Und vielleicht w&auml;re ich auch nie auf den Wirecard-Skandal gesto&szlig;en. Denn meine Rolle bei der Aufkl&auml;rung von Finanzskandalen hatte auch etwas mit dem Vertrauen zu tun, das Hinweisgeber in mich setzten, die sich von der Politik im Stich gelassen f&uuml;hlten.&ldquo; (S. 60) Und noch eins hatte ihm die Angelegenheit gezeigt. Juncker berief sich zu seiner Verteidigung gern auf Erinnerungsl&uuml;cken. Sie sollten sp&auml;ter auch in anderen Skandalen eine beliebte Ausrede von Politikern werden, denn in Vernehmungen sind sie damit auf der sicheren Seite. Man hat formal nicht gelogen, nichts besch&ouml;nigt oder weggelassen.<\/p><p><strong>Die &bdquo;Panama Papers&ldquo; und ein Telefonstreich<\/strong><\/p><p>De Masi fiel die Rolle als &bdquo;Finanzdetektiv&ldquo; aber nicht nur zu, weil er zuf&auml;llig gerade an Ort und Stelle war. Er griff auch aktiv danach. Dies zeigt unter anderem sein Vorgehen bei den &bdquo;Panama Papers&ldquo;, der n&auml;chste gro&szlig;e Skandal, der sich in de Masis Br&uuml;sseler Zeit ereignete. Die &bdquo;Panama Papers&ldquo; waren bei ihrer Ver&ouml;ffentlichung 2016 das gr&ouml;&szlig;te Datenleck in der Geschichte von Steueroasen. Sie umfassten &uuml;ber 11,5 Millionen Dokumente der Kanzlei Mossack Fonseca. Die Ver&ouml;ffentlichungen zeigten, wie die Kanzlei mit Banken und Verm&ouml;gensverwaltern weltweit kooperierte, um prominenten Kunden Briefkastenfirmen und anonyme Bankkonten zu verkaufen.<\/p><p>Inspiriert von einem Treffen mit dem Schweizer Whistleblower Rudi Elmer schl&uuml;pfte de Masi dann selbst in die Rolle eines Superreichen und rief in einer Art Telefonstreich h&ouml;chstpers&ouml;nlich bei Mossack Fonseca in Panama an. Er gab vor, sein Geld vor dem deutschen Fiskus in Sicherheit bringen zu wollen. De Masi schreibt: &bdquo;Der Telefonstreich sollte mir Auftritte in der heuteshow und in Talkshows bescheren. Dort sollte ich als Linker erkl&auml;ren, wie man eine Briefkastenfirma gr&uuml;ndet. Und so albern die Geschichte auch zun&auml;chst wirken mag, tats&auml;chlich wurde ich durch sie nun auch ein beliebter Ansprechpartner f&uuml;r Geldw&auml;sche-Experten. Davon profitierte meine fachliche Arbeit im Parlament erheblich.&ldquo; (S. 88)<\/p><p><strong>Cum-Ex und Olaf Scholz<\/strong><\/p><p>Im Jahr 2017 wechselte de Masi dann von Br&uuml;ssel nach Berlin. Dort sollten ihm die &bdquo;Erinnerungsl&uuml;cken&ldquo; erneut begegnen. Es waren dieses Mal aber nicht jene von Jean-Claude Juncker, sondern die von Olaf Scholz. Die Cum-Ex-Aff&auml;re begann gerade an Fahrt aufzunehmen. De Masi schreibt: &bdquo;Im Deutschen Bundestag sollte ich der l&auml;stige Schatten des damaligen Finanzministers und sp&auml;teren Bundeskanzlers Olaf Scholz werden. Ich brockte ihm im Finanzausschuss des Deutschen Bundestages die mittlerweile legend&auml;re &acute;Erinnerungsl&uuml;cke&acute; in der sogenannten &acute;Warburg-Aff&auml;re&acute; ein, &uuml;ber die sich sp&auml;ter ganz Deutschland lustig machte. Weniger lustig: Es ging dabei um sogenannte Cum-Ex-Aktiengesch&auml;fte und somit um schwerste Organisierte Kriminalit&auml;t.&ldquo; (S. 110)<\/p><p>Das Buch gew&auml;hrt auch immer wieder seltene und detaillierte Einblicke in die Mechanismen der Macht, die dem Leser im Normalfall verborgen bleiben. &Uuml;ber die Befragung von Olaf Scholz im Finanzausschuss des Deutschen Bundestags schreibt de Masi etwa: &bdquo;Scholz h&ouml;rte immer sehr aufmerksam zu. Wenn er eine heikle Frage von mir nicht beantworten wollte, beantwortete er gerne die Fragen meiner Kollegin Lisa Paus, der sp&auml;teren Familienministerin, mit meiner zusammen und ging auf eine nebens&auml;chlichere Frage ein, um hei&szlig;e Eisen zu vermeiden. Nach den Antworten von Scholz oder seinen Beamten beendete dann zumeist die FDP-Ausschussvorsitzende die Aussprache, und man konnte zuweilen nur noch durch lautes Hereinrufen die Beantwortung einer offenen Frage anmahnen.&ldquo; (S. 145f) <\/p><p><strong>Wirecard ein Geheimdienstskandal?<\/strong><\/p><p>Einer breiteren &Ouml;ffentlichkeit wurde de Masi vor allem im Rahmen des Wirecard-Skandals bekannt. Als Obmann f&uuml;r die Partei die Linke im Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags war er seinerzeit bei den Medien ein gefragter Gespr&auml;chspartner. Wirecard, ein Zahlungsabwickler aus Aschheim bei M&uuml;nchen, stand im Zentrum des gr&ouml;&szlig;ten Bilanz- und B&ouml;rsenskandals der deutschen Nachkriegsgeschichte: Zusammenbruch eines Dax-Konzerns, der Vorstandsvorsitzende im Gef&auml;ngnis, ein Vorstand auf der Flucht und in der Bilanz ein Loch von 1,9 Milliarden Euro. &bdquo;Zum Wirecard-Skandal habe ich eine sehr enge pers&ouml;nliche Beziehung: Denn ich war der erste deutsche Politiker, der vor Wirecard warnte&ldquo;, schreibt de Masi. (S. 185)<\/p><p>Das Besondere am Fall Wirecard ist jedoch &ndash; es handelt sich hier nicht nur um das Versagen der &uuml;blichen Verd&auml;chtigen, sprich der Aufsichtsbeh&ouml;rden, der Wirtschaftspr&uuml;fer, der Medien und der Politik. De Masi ist vielmehr &uuml;berzeugt, dass es sich bei Wirecard auch um einen handfesten Geheimdienstskandal handelt. Seine These: &bdquo;Wirecard war f&uuml;r Sicherheitsbeh&ouml;rden ein trojanisches Pferd Made in Germany, um in die Zahlungsinfrastruktur rivalisierender M&auml;chte zu gelangen&ldquo; (S. 259) Diese These l&auml;sst sich insbesondere an dem fl&uuml;chtigen Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek festmachen, der intensive Beziehungen zu Geheimagenten und Milit&auml;rs unterhielt. &bdquo;Ich bin &uuml;berzeugt: Jan Marsalek war ein janusk&ouml;pfiger Informationsh&auml;ndler, der mit Geheimdiensten in Ost wie West dealte und sich zwischen kriminellen Gesch&auml;ften, Cyberhacking und Weltpolitik bewegte&ldquo;, schreibt de Masi. (S. 287)<\/p><p><strong>Gemischtes Fazit<\/strong><\/p><p>Die Bilanz des Wirecard-Untersuchungsausschusses f&auml;llt seiner Ansicht nach gemischt aus. Einerseits habe der Ausschuss Verbesserungen der Finanzaufsicht angesto&szlig;en, Beh&ouml;rdenchefs mussten ihren Hut nehmen. Nur im Privatsektor, etwa bei den Wirtschaftspr&uuml;fern von EY, habe es kaum Konsequenzen gegeben. Auch die nachrichtendienstliche Dimension des Wirecard-Skandals blieb de Masi zufolge v&ouml;llig unterbeleuchtet: &bdquo;Eigentlich h&auml;tte der Bundestag daher nach der Bundestagswahl 2021 einen neuen Ausschuss einsetzen m&uuml;ssen, der die Rolle der deutschen Nachrichtendienste in den Blick nimmt. Doch mit der Wahl von Olaf Scholz zum Bundeskanzler und meinem Abschied aus dem Bundestag erlahmte jedes Aufkl&auml;rungsinteresse.&ldquo; (S. 293) <\/p><p>Sich selbst sieht de Masi heute &uuml;brigens nicht mehr als &bdquo;Finanzdetektiv&ldquo;. Als Vorsitzender des BSW sei er nun viel st&auml;rker als Generalist gefragt. Und weiter schreibt er: &bdquo;Dass ich Parteivorsitzender des BSW werden w&uuml;rde, habe ich nicht angestrebt. Aber ich m&ouml;chte meinen Beitrag leisten, dass eine &acute;vern&uuml;nftige Linke&acute;, die sich f&uuml;r Frieden, Diplomatie und Abr&uuml;stung, wirtschaftliche Vernunft und sozialen Zusammenhalt, eine gesteuerte Migrationspolitik, die Integration erm&ouml;glicht, sowie Meinungsfreiheit und Demokratie engagiert, in Deutschland verankert wird.&ldquo; (S. 312)<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/16c5d9ed818e401abfbb9594e0ce5249\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Buchdeckel ist zur H&auml;lfte das Gesicht des Autors zu sehen: modischer Kurzhaarschnitt, gepflegter Vollbart, klarer, scharfer Blick. Das Buch hei&szlig;t &bdquo;Geld, Macht, Verbrechen&ldquo;. Es k&ouml;nnte vom ersten Eindruck her der neueste Thriller eines Krimiautors sein oder das Enth&uuml;llungsbuch eines Steuerfahnders. Aber nein, es ist das Erstlingswerk des fr&uuml;heren Linken-Politikers und heutigen BSW-Vorsitzenden Fabio<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=153921\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":153922,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,138],"tags":[2512,1459,901,1978,685,1927,1907,831,2752,2914,2717],"class_list":["post-153921","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-steuerhinterziehungsteueroasensteuerflucht","tag-cum-cumcum-ex","tag-de-masi-fabio","tag-geheimdienste","tag-geldwaesche","tag-juncker-jean-claude","tag-luxleaks","tag-panama-papers","tag-scholz-olaf","tag-untersuchungsausschuss","tag-wirecard","tag-wirtschaftskriminalitaet"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/260720_Buch-gmv.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153921","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=153921"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153921\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":153933,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153921\/revisions\/153933"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/153922"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=153921"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=153921"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=153921"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}